IWF warnt vor niedrigem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit

Von Barry Grey
15. April 2015

Der Internationale Währungsfonds warnte am Mittwoch in seinem aktualisierten Weltwirtschaftsausblick (WEO), die Weltwirtschaft werde noch lange Zeit von niedrigem Wachstum, hoher Arbeitslosigkeit und hoher Verschuldung geprägt sein. Diese Prognose stellt eine Abkehr von den früheren Vorhersagen dar. Der IWF anerkennt, dass kaum Aussicht darauf besteht, wieder so hohe Wachstumsraten zu erreichen, wie sie vor dem Wall Street-Crash 2008 üblich waren.

Teile der halbjährlich veröffentlichten WEO-Einschätzung wurden bereits vor ihrer offiziellen Vorstellung am Dienstag bekannt. Der Veröffentlichungstermin sollte mit dem Frühjahrstreffen des IWF und der Weltbank in Washington zusammenfallen.

Die düstere Analyse kommt einem Eingeständnis gleich, dass die Krise, die vor fast sieben Jahren mit einem Finanzkrach begann, von historischem und systemischem Charakter ist, und dass die grundlegenden Probleme im System des Weltkapitalismus nicht gelöst wurden.

Der Bericht konzentriert sich auf den starken und andauernden Rückgang von Investitionen in den produktiven Sektor der Wirtschaft, vor allem in den Industrienationen in Nordamerika, Europa und Asien. Er kommt zu dem Schluss, dass "das potenzielle Wachstum in den Industrienationen vermutlich unter dem Vorkrisenniveau bleiben wird; in den Schwellenländern wird es sich mittelfristig noch weiter verringern."

Weiter heißt es in dem Bericht: "Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Lebensstandard in Zukunft langsamer steigen wird. Zudem wird es schwieriger werden, finanzielle Nachhaltigkeit zu erreichen, da die Steuereinnahmen langsamer wachsen werden."

Der IWF weist zwar auf eine Reihe von Faktoren hin, die zu dem globalen Abschwung beitragen, u.a. alternde Bevölkerungen in den Industrienationen und sinkende Produktivität – übergeht dabei jedoch die kolossale Bedeutung des Finanzparasitismus, der den Produktivkräften Finanzmittel entzieht – und vor allem auch auf Kosten der internationalen Arbeiterklasse geht.

Diese Auslassung fällt angesichts der Entwicklungen der letzten Woche besonders deutlich auf. Die europäischen Aktienmärkte erreichten neue Rekordwerte, die asiatischen Märkte stiegen, und es wurden drei Megafusionen bekannt gegeben, darunter zwei mit einem Gesamtwert von 100 Milliarden Dollar an einem einzigen Tag.

Diese Beispiele für die Schaffung von Reichtum für die Wirtschafts- und Finanzelite, die völlig von produktiven Investitionen abgekoppelt sind und sie verringern, zeigen, dass die kapitalistischen Regierungen und Zentralbanken weltweit eine Bereicherungsorgie für die Reichen und die Superreichen organisieren, während sich die Realwirtschaft weiterhin im Abschwung befindet und der Lebensstandard der großen Mehrheit der Bevölkerung abnimmt.

Die Direktorin des IWF, Christine Lagarde, erklärte am Donnerstag in einer Rede vor dem Atlantic Council, einer Denkfabrik für Fragen der internationalen Politik in Washington, DC: "Vor sechs Monaten habe ich vor der Gefahr eines anhaltenden Abschwungs gewarnt - vor niedrigem Wachstum über einen langen Zeitraum. Heute müssen wir verhindern, dass aus dem Abschwung nicht die 'neue Realität' wird."

Sie machte auf das "Niedrig-Niedrig, Hoch-Hoch-Szenarium" aufmerksam, wie sie es nannte, d.h. die Gefahr, dass in mehreren Industrienationen gleichzeitig niedriges Wachstum und niedrige Inflation bei gleichzeitiger hoher Verschuldung und hoher Arbeitslosigkeit herrschen."

Lagarde warnte, ein unterdurchschnittliches Wachstum erhöhe die Gefahr eines neuen Finanzkrachs. "Das bedeutet, Liquidität kann schnell verdampfen, wenn alle gleichzeitig den Ausgang suchen. Das könnte, zum Beispiel, zu Komplikationen führen, wenn die Federal Reserve beginnt, die kurzfristigen Zinsen zu erhöhen."

Sie erklärte außerdem, 2015 werde der Welthandel vermutlich im vierten Jahr in Folge ein unterdurchschnittlich geringes Wachstum verzeichnen.

Ihre Vorschläge zur Erhöhung des Wachstums - Erhöhung der Nachfrage und produktiver Investitionen - richteten sich nach den Interessen des Großkapitals und gegen die Arbeiterklasse. Sie betonte die Notwendigkeit von "Strukturreformen" der Arbeitsmärkte - ein Euphemismus für den Abbau des noch vorhandenen Kündigungsschutzes - und der Abschaffung von Energiesubventionen in ölimportierenden Schwellenländern.

Der Bericht des IWF und Lagardes Äußerungen ergänzen die Warnung, die der Harvard-Wirtschaftsprofessor und ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers letzte Woche in einer Kolumne der Financial Times ausgesprochen hatte. Summers schrieb über das Zusammenspiel ultraniedriger Zinsen und steigender Aktienkurse bei gleichzeitiger Deflation der Realwirtschaft:

"Es könnte eine Welt entstehen, in der das Kapital im Übermaß vorhandenen ist und der deflationäre Druck deutlich wird. Die Nachfrage könnte eine ganze Zeit lang niedrig sein. Die Märkte rechnen nicht damit, dass im Jahr 2020 in den großen Industrienationen die Realzinsen deutlich über null Prozent liegen werden, oder dass sich Inflationsziele erreichen lassen."

Der IWF sagt im seinem Weltwirtschaftsausblick voraus, dass das Wachstum der "potenziellen Leistung," d.h., einer Leistung, die mit stabiler Inflation einhergeht, in den Industrienationen zwischen 2015 und 2020 bei durchschnittlich 1,6 Prozent liegen wird - viel niedriger als das Durchschnittswachstum von 2,25 Prozent vor Beginn der Krise 2008.

Der IWF prognostiziert einen noch stärkeren Rückgang des Wachstums in den Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien und Russland. Hier soll die potenzielle Gesamtleistung von 6,5 Prozent pro Jahr zwischen 2008 und 2014 auf 5,2 Prozent in den nächsten fünf Jahren sinken.

Über die Tiefe und das Ausmaß der derzeitigen Krise heißt es in dem Dokument: "Im Gegensatz zu früheren Finanzkrisen bringt die globale Finanzkrise nicht nur eine Senkung der potenziellen Leistung mit sich, sondern auch eine Senkung der Wachstumsrate... Kurz nach Beginn der Krise im September 2008 brach die wirtschaftliche Aktivität zusammen, und mehr als sechs Jahre danach ist das Wachstum noch immer niedriger als vor der Krise erwartet wurde."

In einem Kapitel mit dem Titel "Privatinvestitionen: Was hindert sie?" erklärt das Dokument, dass Investitionen in Unternehmen in den Industrienationen in den sechs Jahren seit Ausbruch der Finanzkrise im Durchschnitt um zwanzig Prozent zurückgegangen sind. Dieser Wert ist doppelt so hoch wie der Durchschnittswert von zehn Prozent in den sechs Jahren nach früheren Rezessionen.

In Wirklichkeit ist es absolut klar, warum produktive Investitionen in der derzeitigen Krise so stark zurückgegangen sind. Die Konzerne haben angesichts des immensen Verfalls des Kapitalismus - vor allem des amerikanischen - einerseits Billionen Dollar gehortet, die sie durch den Abbau von Arbeitsplätzen und die Senkung von Löhnen und Zusatzleistungen angehäuft haben, andererseits haben sie mit dem nahezu kostenlosen Geld, das sie von den Zentralbanken erhalten haben, spekuliert und profitieren von den steigenden Aktienkursen.

Statt dieses Geld in die Produktion zu investieren, haben sie es für parasitäre Zwecke eingesetzt, beispielsweise für Aktienrückkäufe, Fusionen und Unternehmensaufkäufe. Diese Aktivitäten schaffen keinen Realwert, sondern vergrößern nur das Vermögen der Finanzelite. Unternehmenszusammenschlüsse verringern sogar die Produktivkräfte, da Anlagen zusammengelegt und Arbeitsplätze zerstört werden.

Dieser Parasitismus blühte letzte Woche voll auf. Die europäischen Aktienmärkte stiegen auf neue Rekordstände und der japanische Nikkei lag am Freitag zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren bei 20.000 Punkten, sank jedoch wieder auf 19.907.

Der Aktienindex Stoxx Europe 600 stieg am Donnerstag bis Börsenschluss um 4,49 auf 409,15 Punkte und überstieg damit den bisherigen Höchststand von 405,50 Punkten auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase im März 2000. Der Leitindex ist dieses Jahr bisher um mehr als neunzehn Prozent angestiegen.

Der Deutsche Aktienindex, der Anfang des Jahres einen Rekordstand erreicht hatte, ist im Jahr 2015 schon jetzt um vierundzwanzig Prozent gestiegen. Die wichtigsten Indizes in Frankreich und Italien verzeichneten Zuwächse von mehr als zwanzig Prozent.

In Asien sind der japanische Nikkei und der Hongkonger Hang Seng um je vierzehn Prozent gestiegen.

Am Mittwoch gab derweil der Ölkonzern Royal Dutch Shell seine Entscheidung bekannt, den britischen Konzern BG Group für etwa 70 Milliarden Dollar zu kaufen - es wäre die größte Übernahme in der Energiebranche seit mehr als zehn Jahren. Diese Übernahme wird vermutlich weitere Fusionen und Zusammenschlüsse in der Öl- und Gasbranche nach sich ziehen und tausende von Arbeitsplätzen kosten.

Am gleichen Tag gab Mylan, einer der größten Hersteller von Generika, seine Absicht bekannt, das Unternehmen Perrigo, einen Hersteller von Hustenmedizin und Allergiemitteln, für 28,9 Milliarden Dollar aufzukaufen. Der Gesamtwert der Übernahmen in der Gesundheitsindustrie überstieg bereits in den ersten drei Monaten des Jahres 2015 die Marke von 95 Milliarden - 70 Prozent mehr als im gleichen Zeitraum vor einem Jahr. Einen Tag davor stimmte das niederländische Logistikunternehmen TNT Express einem Übernahmeangebot von FedEx in Höhe von 4,8 Milliarden Dollar zu.

Der Gesamtwert aller bisher für 2015 angekündigten Firmenübernahmen liegt bei über einer Billion Dollar. Bei der derzeitigen Geschwindigkeit wird der Gesamtwert aller Fusionen und Firmenaufkäufe im ganzen Jahr über 3,7 Billionen Dollar betragen - der größte Wert seit 2007, dem Jahr vor dem Finanzcrash.

Die Wall Street-Banker verdienen Millionen an diesen Geschäften. Allein am Mittwoch beispielsweise unterstützte Goldman Sachs Shell und Mylan bei der Organisation ihrer Übernahmen im Gesamtwert von 100 Milliarden Dollar. Die Bank konnte alleine an der Shell-Übernahme 50 Millionen Dollar verdienen.