Siemens kündigt erneut massiven Arbeitsplatzabbau an

Insgesamt 13.500 Beschäftigte müssen gehen

Von Dietmar Henning
8. Mai 2015

Der Siemens-Konzern hat schon wieder die Zahl der Arbeitsplätze erhöht, die er weltweit abbauen will. Bei der Vorstellung der Quartalszahlen in London am gestrigen Donnerstag kündigte Siemens‘ Vorstandsvorsitzender Joe Kaeser an, zusätzlich 4.500 Stellen zu streichen, davon 2.200 in Deutschland.

Erst Anfang Februar hatte Siemens die Streichung von weltweit 7.800 Arbeitsplätzen vor allem in der Verwaltung bekanntgegeben. Und zuvor, im Oktober vergangenen Jahres, waren es 1.200 Stellen, die im Stromerzeugungsgeschäft bei „Power & Gas“ wegfallen sollten.

Damit will Konzernchef Kaeser in diesem Jahr insgesamt 13.500 Arbeitsplätze streichen. Kaeser steht in dieser Hinsicht seinem Vorgänger auf dem –Chefposten von Siemens, Peter Löscher, in nichts nach. In den sechs Jahren, in denen Löscher an der Spitze des Konzerns stand, sank die Zahl der Beschäftigten von 475.000 auf 370.000. Das war Ende 2012, gut ein halbes Jahr bevor Kaeser vom Stuhl des Finanzvorstands auf den Vorstandsvorsitz wechselte. Ende März 2015 arbeiteten nur noch 342.000 Menschen für Siemens, davon 115.000 in Deutschland.

Der Siemens-Vorstand will mit seinem Umbauplan Milliarden auf Kosten der Belegschaften einsparen und den Konzern im Auftrag der Aktionäre profitabler machen.

Im abgelaufenen Quartal erzielte Siemens einen Gewinn nach Steuern von 3,9 Milliarden Euro. Das ist zwar mehr als dreimal so viel wie im Vergleichszeitraum des Vorjahrs. Doch darin enthalten waren 3,2 Milliarden Euro aus dem Verkauf der Hörgerätesparte und des Anteils an der Tochter „Bosch-Siemens-Hausgeräte“. Das Ergebnis aus dem industriellen Geschäft schrumpfte dagegen um fünf Prozent, vor allem wegen rückläufiger Zahlen bei „Power & Gas“.

Kaeser und sein Finanzchef Ralf Thomas betonten in London, der Weltkonzern halte sich für seine ertragsschwachen Geschäfte „alle Optionen offen“. Zwar wolle man erst einmal versuchen, diese Unternehmensbereiche in Eigenregie zu sanieren. Es gebe aber auch „andere Optionen“. Bereits im kommenden Geschäftsjahr 2016 will Kaeser eine Milliarde Euro einsparen. Mit anderen Worten: Die nächsten Angriffe werden bereits ausgearbeitet.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nannte es eine „erschreckende Zahl“, dass „rund 30 Prozent des Siemens-Umsatzes auf ertragsschwache Geschäfte entfalle“. Das Finanzblatt bedauert, dass diese nicht sofort abgestoßen werden. Im Artikel wird von „Tabula rasa“ gesprochen, worauf die Belegschaft „nervlich und mental“ noch nicht vorbereitet sei.

Wie immer spielen daher die IG Metall und der Betriebsrat eine wichtige Rolle. Offensichtlich ist die Salamitaktik – die scheibchenweise Ankündigung von immer mehr Arbeitsplätzen, die abgebaut werden – zwischen Gewerkschaft, Betriebsrat und Vorstand abgesprochen.

IG Metall und Betriebsräte waren es auch, die ankündigten, wo genau die Arbeitsplätze wegfallen werden. Elisabeth Mongs von der IG Metall im bayerischen Erlangen sagte dem Bayerischen Rundfunk, sie gehe davon aus, dass allein an diesem Standort wohl „mehrere hundert Arbeitsplätze“ gestrichen werden. Rund 400 zusätzliche Stellen seien im Berliner Gasturbinenwerk in Moabit bedroht. „Es sind nun insgesamt 800 Arbeitsplätze, die hier wegfallen sollen“, sagte der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Berlin Klaus Abel.

Im Dampfturbinen- und Generatorenwerk in Mülheim an der Ruhr, mit derzeit noch 4.800 Beschäftigten der größte Standort in Nordrhein-Westfalen, sollten schon vor der aktuellen Verschärfung des Abbaus 450 Arbeitsplätze abgebaut werden, so viel war sicher. Nun könnten weitere 400 bis 500 Arbeitsplätze dem Sparkurs zum Opfer fallen.

Auch andere Unternehmensbereiche mit geringen Profitmargen sollen saniert werden. Zeitungen sprechen davon, dass etwa auch ein Stellenabbau im Transformatorengeschäft zu erwarten ist. Transformatoren werden von Siemens an weltweit 19 Standorten gefertigt, in Deutschland in Nürnberg, Dresden und Kirchheim.

Am gleichen Tag, an dem Kaeser den erhöhten Stellenabbau bekanntgab, trat auch der Wirtschaftsausschuss zusammen, in dem Betriebsräte und Vorstand alle Kürzungspläne absprechen. Die nicht aufhörende Zerstörung von Arbeitsplätzen ist Teil des „Transformationsprogramms PG2020“, über dessen Ergebnisse die Betriebsräte mit Personalchefin Janina Kugel, die zum engen Beraterkreis von Vorstandschef Kaeser gehört und den Wirtschaftsausschuss leitet, ständig diskutieren.

Die Betriebsräte setzen den Arbeitsplatzabbau durch, indem sie vor allem ältere Arbeiter aus dem Betrieb rausdrängen. Bereits im Jahr 2010 hatten sie ein Abkommen unter dem Titel „Radolfzell 2“ abgeschlossen, dass diese Art des Abbaus festschrieb.

Eine andere Methode mit der die Betriebsräte den Arbeitsplatzabbau vorantreiben, besteht darin, die Personalkürzungen auf die Belegschaften in anderen Ländern abzuschieben. Die Betriebsräte der deutschen Siemens-Standorte von „Power & Gas“, an denen 13.000 Beschäftigte arbeiten, haben sofort an den Vorstand appelliert, dass „die geplanten Maßnahmen zur Neuausrichtung nicht zu einseitigen Auslandsverlagerungen führen“ dürften.

So werden die Belegschaften der einzelnen Standorte gegeneinander ausgespielt, erst recht gegen die anderer Energie-Konzerne wie des französischen Alstom-, des schweizerischen ABB- oder des US-amerikanischen General-Electric-Konzerns, die alle vor den gleichen Angriffen stehen.

Für die Mitarbeit bei der Arbeitsplatzvernichtung – die nicht zuletzt auch die Arbeitsbedingungen der verbliebenen Belegschaft dramatisch verschlechtern – werden die Betriebsräte und die IG Metall fürstlich belohnt. Insgesamt erhielten die so genannten Arbeitnehmervertreter im Siemensaufsichtsrat im vergangenen Jahr laut Geschäftsbericht über 1,8 Millionen Euro. Allein Steinborn bekommt als Gesamtbetriebsratsvorsitzende und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende weit mehr als eine halbe Million Euro jährlich.

Steinborn hatte erst Ende Januar den Posten der stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden vom ehemaligen IG Metall-Chef Berthold Huber übernommen. Huber ist inzwischen nicht nur Präsident der Siemens-Stiftung sondern auch Vorsitzender des VW-Aufsichtsrats.