Historiker verurteilen japanische Beschönigung von Kriegsverbrechen

Von Ben McGrath
15. Mai 2015

Vergangenen Dienstag veröffentlichten 187 bedeutende Historiker von Universitäten in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und anderen Ländern einen offenen Brief, in welchem sie die fortgesetzte Beschönigung vergangener Kriegsverbrechen durch die japanische Regierung von Shinzo Abe kritisieren.

Die Stellungnahme trägt den Titel “Offener Brief zur Unterstützung von Historikern in Japan“, und zielt auf die Haltung der Abe-Regierung zu den „Trostfrauen“. Dies ist eine euphemistische Bezeichnung für Frauen, die in den 1930er und 1940er Jahren dazu gezwungen wurden, der japanischen Armee als Sexsklavinnen zu dienen. Der Brief ruft zur Verteidigung der „Freiheit der historischen Forschung“ gegen nationalistische Verzerrungen in Japan und allen anderen Ländern auf.

Zu den Unterzeichnern zählen angesehene Historiker wie Herbert Bix, Professor emeritus an der Binghamton-Universität/State University of New York (SUNY), Ezra Vogel, Professor emeritus an der Harvard-Universität, und Bruce Cumings von der Universität von Chicago. Ein früherer Brief, den 19 amerikanische Historiker im Februar veröffentlichten, kritisierte die Versuche von Abe, die Behandlung des Themas der Trostfrauen in Lehrbüchern an amerikanischen Universitäten abzuändern.

Das Trostfrauensystem wurde Anfang der 1930er Jahre aufgebaut. Die ersten involvierten Frauen waren Japanerinnen, doch als der Krieg sich über den Pazifik ausbreitete, griff das Militär auf seine Kolonien zurück und lockte mit falschen Versprechen von guten Fabrikarbeitsstellen arme Frauen an. Geschätzte 200.000 Frauen aus Korea, China, den Philippinen und anderen asiatischen Nationen wurden in Bordelle gezwungen und nicht mehr herausgelassen. Um ihrer barbarischen Behandlung zu entkommen, flüchteten viele von ihnen in den Selbstmord.

Der offene Brief führt aus: “Die unterzeichnenden Wissenschaftler der Japanologie drücken ihre Verbundenheit mit den vielen mutigen Historikern in Japan aus, die sich um eine genaue und redliche Geschichte des Zweiten Weltkriegs in Asien bemühen.“ An Historikern sowie Journalisten, die Informationen über Kriegsverbrechen veröffentlichten, wurde Kritik geübt und in manchen Fällen drohten rechte Nationalisten mit Gewalt. In den Augen der Letztgenannten seien die Trostfrauen willige Prostituierte gewesen und wer etwas anderes behaupte, sagen sie, beleidige die japanische Ehre.

Yoshiaki Yoshimi, ein führender japanischer Historiker auf dem Gebiet der Trostfrauen, erhielt telefonisch und brieflich Morddrohungen, als er in den 1990er Jahren begonnen hatte, seine Forschungsergebnisse zu den Trostfrauen zu publizieren. In einem dieser Briefe stand: „Sie müssen sterben.“ Im Jahr 1992 entdeckte Yoshimi in der Bibliothek des japanischen Verteidigungsministeriums umfangreiche Dokumente aus den 1930er Jahren, welche die Rolle aufzeigen, die das Militär beim Aufbau der „Troststationen“ (Militärbordelle) in ganz Asien spielte.

Im Januar dieses Jahres reichte Takashi Uemura, ein ehemaliger Journalist der Zeitung Asahi Shimbun, eine Verleumdungsklage gegen Bungei Shunju, einen Verleger, und Tsutomu Nishioka, einen rechten Professor an der Christlichen Tokioter Universität und Leugner der Verbrechen an den Trostfrauen, ein. Nishioka seinerseits beschuldigte Uemura der Fälschung von Informationen in seinen Artikeln.

Als Uemura seine Klage einreichte, behauptete er: „Es gibt eine Bewegung in Japan, die jene Menschen aufhalten will, die die dunkle Seite der Geschichte erhellen möchten, diejenigen Abschnitte des Krieges, die die Leute nicht erwähnen wollen.“

Erstmals wurde Uemura im Jahr 1991 zum Ziel japanischer Nationalisten, nachdem er zwei Artikel über Kim Hak-sun veröffentlich hatte, die als erste Trostfrau gilt, welche an die Öffentlichkeit trat. Uemura wurde beschuldigt, seine Geschichten zu fälschen und als Journalist das Trostfrauenthema künstlich zu inszenieren.“

Als die Zeitung Asahi Shimbun vergangenen August eine Artikelserie widerrief, die sie in den 1980er und 1990er Jahren zu den Trostfrauen publiziert hatte und die sich auf Seiji Yoshida berief, einen ehemaligen Soldaten, der behauptete, während des Zweiten Weltkriegs Frauen aus Korea herbeigeschafft zu haben, erhielt die Verdammung Uemuras weiteren Auftrieb. Schon Anfang der 1990er Jahre wiesen Historiker Yoshidas Geschichte zurück und betonten aber zugleich die eindeutigen Beweise für die Rolle, die das Militär bei der Errichtung von Troststationen spielte.

Keiner von Uemuras Artikeln hatte einen Bezug zu Yoshidas Geschichte, doch der Widerruf öffnete die Türen für Angriffe von rechten Nationalisten wie Nishioka auf Journalisten und Akademiker. Nicht nur Uemuras Leben wurde bedroht, es gingen auch Bombendrohungen gegen seine jetzige Arbeitsstätte, die Hokusei-Universität, ein. Fotos von Uemuras Tochter, die im Teenageralter ist, wurden im Internet verbreitet nebst Aufrufen, das Mädchen in den Selbstmord zu treiben.

Die Abe-Regierung stärkte die nationalistischen Behauptungen, indem sie die Kono-Stellungnahme aus dem Jahr 1993 in Frage stellte. Diese Stellungnahme, vom damaligen leitenden Kabinettssekretär Yohei Kono veröffentlicht, ist eine formelle, aber beschränkte Entschuldigung für die Misshandlungen, die den Trostfrauen während des Krieges im Pazifik angetan wurden. Im Juni 2014 gab die Abe-Regierung einen Bericht heraus, in welchem fünf „Experten“ anzweifeln, dass Frauen und junge Mädchen in die Militärbordelle gezwungen wurden.

Der offene Brief fährt fort: “Historiker haben zahlreiche Dokumente zutage gefördert, die die Beteiligung des Militärs an der Überführung der Frauen und der Beaufsichtigung der Bordelle belegen. Wichtiges Beweismaterial liefern außerdem die Opferaussagen. Obwohl ihre Geschichten sich unterscheiden und von Erinnerungsinkonsistenzen beeinträchtigt sind, ist die von ihnen gelieferte Datensumme überzeugend und wird sowohl von offiziellen Dokumenten als auch von Aussagen von Soldaten und weiteren Beteiligten gestützt.“

Der Brief macht ebenso den fundamentalen Unterschied zwischen dem Trostfrauensystem und den Rechtfertigungen japanischer Nationalisten deutlich, die behaupten, dass Prostitution auch an anderen Kriegsschauplätzen üblich gewesen sei: „Unter den vielen Beispielen sexueller Gewalt im Krieg und militärischer Prostitution im zwanzigsten Jahrhundert sticht das Trostfrauensystem aber durch seinen großen Umfang und das systematische Management durch das Militär sowie die Ausbeutung junger, armer und schutzloser Frauen in Gebieten hervor, die von Japan kolonisiert oder besetzt wurden.“ [Hervorhebung hinzugefügt]

Weniger als eine Woche vor dem offenen Brief wurde Abe, der rechteste japanische Premierminister der Nachkriegszeit, bei einem Kurzbesuch in den Vereinigten Staaten von Obama aufs herzlichste willkommen geheißen und hielt als erster japanischer Premierminister überhaupt eine Rede vor einer gemeinsamen Sitzung des Kongresses. Die beiden Seiten verständigten sich auf neue Verteidigungsrichtlinien, die es Japan erlauben werden, an den imperialistischen Kriegen der Vereinigten Staaten teilzunehmen.

All dies steht in Zusammenhang mit der amerikanischen “Schwerpunktverlagerung auf Asien“ (Pivot to Asia), deren Zweck darin besteht, China wirtschaftlich unterzuordnen und militärisch einzukreisen. Washington ermutigte Japan, seine Remilitarisierung voranzutreiben, seine pazifistische Nachkriegsverfassung zu verwerfen und territoriale Konflikte in der Region zu schüren. Bei Abes jüngstem USA-Besuch versprach Obama erneut, Japan in einem Krieg mit China um die strittigen Senkaku/Diaoyu-Inseln im Ostchinesischen Meer beizustehen.

Wenngleich der Brief der Historiker nicht den direkten Bezug des historischen Revisionismus zu den Kriegsvorbereitungen benennt, so besteht der Zweck von Abes Kampagne doch eben darin: Die Aufstachelung des japanischen Nationalismus soll die öffentliche Meinung, insbesondere unter jungen Menschen, auf zukünftige Konflikte konditionieren.