Amerikanische Spezialeinheiten beginnen Kommandooperation in Syrien

Von Patrick Martin
19. Mai 2015

Wie die US-Regierung am Samstag erklärte, haben Soldaten der Elitetruppe Delta Force, der wichtigsten Spezialeinheit des US-Militärs, in Ostsyrien einen Überfall durchgeführt, bei dem ein Führer des Islamischen Staates (IS) und andere Mitglieder der islamischen Extremistengruppe getötet wurden.

Das Pentagon identifizierte das ranghohe IS-Mitglied als einen Tunesier, der den Namen Abu Sayyaf (Arabisch für „Vater des Schwertes“) angenommen hatte. Die US-Regierung erklärte, die Kommandos hätten Sayyaf und ein Dutzend weitere Männer in Notwehr erschossen und seien danach mit zwei weiblichen Gefangenen in den Irak zurückgekehrt.

Wie das Weiße Haus erklärte, ordnete Präsident Obama den Angriff an, nachdem ihm dies von nationalen Sicherheitsberatern „einhellig empfohlen“ worden war. Die irakische Regierung von Premierminister Haider al-Abada hatte dem US-Militär erlaubt, Stützpunkte im Irak für den Angriff im Inneren Syriens zu benutzen.

Die Berichterstattung in der amerikanischen Presse ergänzte die kurze Ankündigung von Verteidigungsminister Ashton Carter um Details über den Angriff, die von Vertretern der Obama-Regierung im Weißen Haus und dem Pentagon in nicht namentlich zugeordneten Interviews bekanntgegeben worden waren.

Laut diesen Schilderungen wurden die Delta Force-Kommandos mit amerikanischen Huey-Hubschraubern und Osprey-Senkrechtstartern von einem Stützpunkt im Irak aus an den Zielort bei al-Amr gebracht, dem größten Ölfeld in Syrien, etwa 32 Kilometer südlich von Deir ez-Zor in der ostsyrischen Wüste.

Die Kommandos stießen angeblich auf Widerstand, als sie versuchten, Abu Sayyaf und seine Frau zu verhaften. Daraufhin töteten sie ihn und ein Dutzend weiterer IS-Kämpfer, zogen sich unter Beschuss zu ihren Flugzeugen zurück und kehrten mit zwei Frauen in den Irak zurück. Es handelt sich um Umm Sayyaf, die Frau des IS-Führers, und eine Jesidin, die in deren Haushalt gearbeitet hatte. Die US-Truppen erlitten keine Verluste, obwohl es angeblich zu einem erbitterten Feuergefecht und Nahkämpfen kam.

Am Wochenende war die Berichterstattung in den amerikanischen Medien beherrscht von endlosen, den Überfall verherrlichenden Schilderungen über die Tapferkeit der Spezialkräfte und Obamas „Mut“, den Angriff zu befehlen. Über die potenziellen Folgen solcher Militäraktionen wurde jedoch nicht diskutiert.

Da amerikanische Regierungsvertreter keine Details bekanntgeben, die unabhängig verifiziert werden können, darf man nichts von dem, was die Presse schildert, als Tatsache hinnehmen. In der Vergangenheit wurden solche anonym lancierten Schilderungen benutzt, um falsche Berichte in die Welt zu setzen; das bekannteste Beispiel dafür ist die Kommandoaktion vom 1. Mai 2011, bei der al-Qaida-Führer Osama bin Laden getötet wurde.

Am 10. Mai erschien in der London Review of Books ein ausführlicher Enthüllungsbericht des investigativen Journalisten Seymour Hersh, laut dem fast jedes Detail über den Überfall von offiziellen amerikanischen Regierungssprechern, von Präsident Obama an abwärts, gefälscht wurde.

Auch die Behauptungen über das Kommando am Freitag sollten momentan als völlig unbewiesen betrachtet werden. Die US-Regierung hat zugegeben, dass ihre Truppen in Syrien eingedrungen sind, ohne die Regierung des Landes darüber zu informieren, d.h. die Operation ist völkerrechtlich gesehen illegal. Abgesehen davon müsste alles Weitere noch nachgewiesen werden.

Das syrische Staatsfernsehen behauptete anfangs, der Überfall sei nicht von amerikanischen Truppen durchgeführt worden, sondern von Truppen auf der Seite von Präsident Baschar al-Assad. Es wurde außerdem behauptet, unter den Toten seien fünf IS-Führer, darunter ein Tunesier, ein Tschetschene, ein Türke, ein Saudi-Araber und ein Iraker.

Das Weiße Haus leugnete diese Behauptung Syriens hartnäckig. Die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates, Bernadette Meehan, erklärte vor der Presse: „Die US-Regierung hat weder mit dem syrischen Regime zusammengearbeitet, noch hat sie ihm diese Operation im Vorfeld mitgeteilt.“

Weiter erklärte Meehan: „Wir haben das Assad-Regime davor gewarnt, sich in unsere derzeitigen Aktionen gegen ISIL [ein anderes Akronym für den Islamischen Staat] in Syrien einzumischen. Das Assad-Regime ist kein Partner im Kampf gegen ISIL und kann es auch nicht sein.“

Diese Stellungnahme hat bedrohliche Implikationen. Was wird passieren, wenn US-Truppen während künftiger ähnlicher Operationen auf syrische Regierungstruppen treffen? Vieles spricht dafür, dass mit einem derartigen Eindringen in den Luftraum und das Staatsgebiet Syriens, ein Vorwand für einen direkten Angriff der USA auf das syrische Militär und die Assad-Regierung geschaffen werden soll.

Zumindest ein Teil der Schilderungen des syrischen Fernsehens über den Überfall auf das Ölfeld al-Amr wurde bestätigt. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte, eine Gruppe von Assad-Gegnern, die sich für ausländische Interventionen in Syrien zum Sturz des Regimes einsetzt, meldete, dass die amerikanischen Spezialkräfte bei ihrem Überfall 32 IS-Kämpfer getötet hätten, darunter vier Führungspersönlichkeiten. Sie identifizierten sie als den „IS-Ölchef“ Abu Sayyaf, den stellvertretenden Verteidigungsminister des IS und einen Kommunikationsfunktionär.

Damit wäre die Zahl der Todesopfer deutlich höher als das Pentagon berichtet. Auch die syrische Behauptung, es sei nicht nur ein IS-Führer getötet worden, sondern eine ganze Gruppe von ihnen, bestätigt sich damit.

Die genauen Umstände des Überfalls werden möglicherweise eine ganze Zeitlang nicht bekannt werden, doch der politische Kontext, in dem er stattfand, weist auf eine deutliche Eskalation seitens der Obama-Regierung hin.

Dieser Überfall war der vierte Einsatz amerikanischer Spezialkräfte im Nahen Osten in weniger als einem Jahr. Im Sommer 2014 gab es einen erfolglosen Überfall auf eine IS-Einrichtung in Raqqa, angeblich, um amerikanische Geiseln zu retten, die später hingerichtet wurden. Im November und Dezember folgten zwei ebenfalls erfolglose Überfälle im Jemen, angeblich mit dem Ziel, einen Amerikaner zu retten, der von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) gefangen gehalten wurde. Der amerikanische AQAP-Gefangene und ein weiterer Gefangener aus Südafrika wurden bei dem zweiten Überfall getötet.

In der Zwischenzeit gehen die Luftangriffe unter amerikanischer Führung auf Ziele des IS im Osten Syriens weiter. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden meldete das Pentagon von Samstag auf Sonntag acht Bombenangriffe, darunter sechs nahe der Stadt Hasakah im Nordosten, und zwei nahe der von Kurden bewohnten Stadt Kobane, wo eine langwierige Belagerung durch den IS von amerikanischen Flächenbombardements durchbrochen worden war.

Am 13. Mai veröffentlichte die Washington Post einen Leitartikel, in dem sie die Obama-Regierung dazu drängte, den Sturz der Assad-Regierung offen zum Ziel ihrer Intervention in Syrien zu erklären. Die Post wies auf die zunehmenden Streitigkeiten zwischen Obama und den Scheichtümern am Golf hin, die sich in dem Beinahe-Boykott des Treffens in Camp David letzte Woche von vier der sechs Golfmonarchen gezeigt hätten. Dann schrieb sie: „Aber es gibt eine Möglichkeit, wie Obama sowohl den Interessen der USA als auch denen der Verbündeten am Golf dienen kann: indem er die gefährlichste und destabilisierendste Kraft im Nahen Osten angreift, das Regime von Baschar al-Assad in Syrien.“