Aktienrückkäufe an der Wall Street: Eine Manifestation des Finanzparasitismus

2. Juni 2015

Biologisch betrachtet, lebt ein Parasit auf Kosten seines Wirts. Er entzieht ihm Nährstoffe und Körperflüssigkeiten, was gelegentlich zum Tod des Wirts führt. Auch wenn Analogien ihre Grenzen haben, können sie dennoch eine zutreffende Vorstellung vermitteln. Ein gutes Beispiel dafür ist der zügellose Finanzparasitismus, der zum auffälligsten Merkmal der amerikanischen und inzwischen auch der Weltwirtschaft geworden ist.

Ein Artikel im Wall Street Journal (WSJ) von letzter Woche befasst sich mit dem Einfluss von Hedgefonds auf die Geschäftstätigkeit großer US-Unternehmen. Er zeigt auf, wie deren rastlose Jagd nach Profit mittels Finanzmanipulationen die Lebenssäfte aus der Wirtschaft saugt und sie tiefer in den Zusammenbruch treibt.

Der Autor stützt sich auf eine Studie, die das Analysehaus S&P Capital IQ im Auftrag der Zeitung durchführte. Ein Ergebnis lautete, dass Unternehmen, die im S&P 500-Index notiert sind, „ihre Ausgaben für Dividendenausschüttungen und Aktienrückkäufe 2013 im Schnitt auf 36 Prozent des Operating Cash Flow – d. h., auf 36 Prozent der liquiden Mittel, die durch die gewöhnliche Geschäftstätigkeit des Unternehmens erwirtschaftet werden – hochgeschraubt haben. 2003 waren es noch 18 Prozent“. Parallel zu dieser Verdoppelung verringerten diese Unternehmen im selben Zeitraum die Ausgaben für das Anlagevermögen – z. B. Maschinen und Fabrikanlagen – von 33 auf 29 Prozent.

Für Unternehmen, auf die es sogenannte „aktive Investoren“ (activist investors) – also Hedgefonds, die für reiche Investoren Hunderte Millionen oder gar Milliarden Dollar verwalten –, besonders abgesehen haben, weist die Studie noch höhere Werte aus. Diese Unternehmen reduzierten die Investitionsausgaben von 42 auf 29 Prozent des Operating Cash Flow (OCF), und steigerten die Ausgaben für Dividenden und Aktienrückkäufe von 22 auf 37 Prozent des OCF.

Insbesondere die Bereitstellung ultrabilligen Geldes durch die US-Notenbank Fed hat dieses Geschäftsgebaren wesentlich leichter gemacht. Die Fed hat die offiziellen Zinssätze bei nahe Null gehalten und damit den Finanzmärkten historisch niedrige Zinssätze beschert. Hedgefonds können Kredite aufnehmen, um große Aktienbestände von Unternehmen aufzukaufen und dann Aktienrückkäufe mit höheren Dividenden forcieren. Die Unternehmen wiederum können die Aktienrückkäufe durch geliehenes Geld zu niedrigen Zinssätzen finanzieren.

Das Ziel dabei ist es, den Preis der Unternehmensaktie nach oben zu treiben oder eine höhere Dividendenausschüttung zu erzielen, damit die „Aktivisten“ große Profite erzielen. Das ist oft verbunden mit der Zerstörung von Arbeitsplätzen oder der Schließung von Teilbereichen der betreffenden Unternehmen, die angeblich nicht ausreichend zum „Eigenkapital“ des Unternehmens beitragen. Im Ergebnis sacken einige Personen riesige Profite ein, ohne auch nur ansatzweise neue Werte zu schaffen, während Produktionskapazitäten vernichtet wurden.

Die Folgen dieses Ausplünderns zeigen sich am deutlichsten in den wichtigen Wirtschaftszweigen. Die amerikanischen Energieriesen, die Unsummen für Aktienrückkäufe, Dividendenausschüttungen und Fusionen locker gemacht haben, investieren seit Jahrzehnten kaum noch in ihre Infrastruktur. Beschäftigte werden deshalb zu 16-Stunden-Arbeitstagen gezwungen und leiden unter zunehmend unsichereren Arbeitsbedingungen. Auch die Auto- und Telekommunikationskonzerne sind berüchtigt dafür, Lohnerhöhungen abzulehnen, während sie gigantische Summen für dieselben Finanzmanipulationen einsetzen.

Mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise nimmt die Spekulation immer fieberhaftere Formen an. Dem Artikel im Wall Street Journal zufolge stieg die Zahl der Programme zum Aktienrückkauf seit 2010 um 60 Prozent. 2014 waren es mit 348 die meisten seit 2008. Im ersten Quartal 2015 waren es bereits 108. Hedgefonds verwalten mittlerweile Vermögenswerte in Höhe von130 Milliarden US-Dollar, mehr als das Doppelte als im Jahr 2011. Wenn sie diese Mittel, durch Aufnahme von Krediten zu niedrigsten Zinsen, einsetzen, können sie praktisch jedes Unternehmen ins Visier nehmen.

Wer unbelehrbar ist und an die Reformfähigkeit des Kapitalismus glaubt, wird natürlich einwenden, dass man diesen Gefahren begegnen könne durch die Entwicklung geeigneter Mechanismen oder durch verstärkte Regulierung, um so die „gute Seite“ der Wirtschaft zu fördern – Forschung, Entwicklung und Investitionstätigkeit –, während man die „negative Seite“, den Parasitismus, damit im Zaum halten könne. Doch die Frage bleibt: Weshalb ist es so weit gekommen?

Hier wirken Kräfte im Innern der kapitalistischen Ökonomie selbst. Die treibende Kraft hinter dem Wuchern von Spekulation und Finanzparasitismus ist die seit vielen Jahren sinkende Profitrate, mit dem Ergebnis, dass die amerikanische und globale kapitalistische Wirtschaft in den letzten vier Jahrzehnten einer permanenten Umstrukturierung unterzogen wurde.

Hedgefonds-Investor Carl Icahn, bekannt für seine Raffgier, wird im Artikel des Journal erwähnt. Mit Blick auf diese Entwicklungstendenzen sagte er, die Wirtschaft werde „von zu vielen mittelmäßigen Konzernchefs ruiniert, und es ist gefährlich, wenn die Profite trotz Nullzinssätzen zurückgehen.“

Doch Icahns Theorie „unfähiger Manager“ hält nicht einmal einer oberflächlichen Untersuchung stand. Diese Tendenzen zeigen sich in Europa und allen großen kapitalistischen Volkswirtschaften der Welt. Auch dort dümpelt die Investitionstätigkeit trotz niedrigster Zinsen auf historischem Tiefstand, weil sie keine erhöhte Profitabilität verspricht.

Jeder Versuch, die „guten“ und „schlechten“ Seiten von Unternehmen zu unterscheiden, stößt sich an der Tatsache, die Marx zur Zeit der Entstehung von Aktiengesellschaften Mitte des 19. Jahrhunderts darlegte, dass nämlich der Parasitismus in der Struktur der Aktiengesellschaften selbst wurzelt. Die Bildung solcher Unternehmen, schrieb Marx, „reproduziert eine neue Finanzaristokratie, eine neue Sorte Parasiten in Gestalt von Projektenmachern, Gründern und bloß nominellen Direktoren; ein ganzes System des Schwindels und Betrugs mit Bezug auf Gründungen, Aktienausgabe und Aktienhandel“ (MEW Bd. 25, S. 454).

Für eine lange Periode kapitalistischer Entwicklung haben Unternehmen und Aktiengesellschaften, trotz Schwindel und Betrug, die Entwicklung der Produktivkräfte begünstigt durch die Anhäufung von Kapital zur Finanzierung großer Projekte, die der Masse der Bevölkerung einen Lebensstandard sicherte. Diese Zeit ist lange vorbei.

Dass der Parasitismus zum wichtigsten Mechanismus der Akkumulation von Profit geworden ist, hängt mit der objektiven Krise der Kapitalismus zusammen, und eine Folge davon ist der eiserne Würgegriff der Finanzaristokratie über jeden Aspekt des wirtschaftlichen und politischen Lebens. Schwindel, Betrug und die Zerstörung von Produktivkräften – vor allem durch die Verarmung der Arbeiterklasse, die die wichtigste Produktivkraft darstellt – sind Kennzeichen des Niedergangs und der Fäulnis der sozioökonomischen Ordnung insgesamt.

Das ist ein unwiderlegbares Argument dafür, die großen Konzerne, die Banken und die gesamte Finanzindustrie in öffentliches Eigentum zu überführen, als Teil der sozialistischen Neuorganisation des Wirtschaftslebens. Nur auf dieser Grundlage kann eine Gesellschaft errichtet werden, in der die durch die Arbeiterklasse geschaffenen Produktivkräfte dem gesellschaftlichen Fortschritt zugutekommen.

Nick Beams