Die Bedeutung der chinesischen Börsenkrise

9. Juli 2015

Der Absturz der chinesischen Börse, der trotz angestrengter Bemühungen von Regierung und Finanzbehörden anhält, hat enorme Auswirkungen auf China und die ganze Welt.

Am Dienstag setzten sich die Kursverlust an den chinesische Börse weiter fort. Der Schanghai Composite Index verlor 1,3 Prozent und der Shenzen Composite 5,3 Prozent. Am Mittwoch eröffnete Schanghai mit einem Minus von acht Prozent, das aber bis zum Mittag auf 4,7 Prozent zurückging. Shenzen verlor ebenfalls 3,3 Prozent.

Noch bedeutsamer war die Mitteilung, dass der Handel von 1.476 Titeln, d.h. von mehr als 50 Prozent aller Titel, die an den beiden größten chinesischen Börsen gelistet sind, ausgesetzt worden sei. Damit wurden Werte in Höhe von 2,6 Billionen Dollar eingefroren.

Kurz vor dem anhaltenden Niedergang in dieser Woche hatten am Wochenende mehrere Dringlichkeitstreffen stattgefunden, an denen der chinesische Premierminister Li Keqiang sowie Bankenvertreter und Regulierer teilnahmen. Diese Beratungen hatten zum Ergebnis, dass die Zentralbank die Vollmacht erhielt, der China Securities Finance praktisch unbegrenzte Liquidität zur Verfügung zu stellen. Das ist eine staatliche Institution, die Brokerhäuser finanziert und für „Marktstabilität“ sorgt. Bis jetzt haben die Notmaßnahmen keinerlei Wirkung gezeigt.

Da China inzwischen die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist (nach einigen Kennziffern sogar die größte) und für mindestens 30 Prozent des globalen Wirtschaftswachstums verantwortlich zeichnet, ist die Sorge groß, dass die Folgen des Aktienrückgangs sich auch auf die übrige Wirtschaft und letztlich auf die ganze Welt auswirken könnten. Bezeichnenderweise fielen Futures (Termingeschäfte) auf den Kupferpreis gestern auf das niedrigste Niveau seit 2009, nachdem sie an den letzten beiden Tagen schon um 8,4 Prozent gefallen waren.

„Doktor Kupfer“, wie er manchmal in Finanzkreisen genannt wird, gilt als wirtschaftlicher Schlüsselindikator. Als Weltzentrum der verarbeitenden Industrie ist China der größte Verbraucher dieses Metalls. Eisenerz- und Ölpreise sind infolge des Börsenabsturzes ebenfalls gefallen.

Die Ursachen der Börsenkrise liegen nicht in der chinesischen Wirtschaft an sich, sondern im Zusammenbruch des kapitalistischen Weltsystems, der mit dem Finanzkrach von 2008 begann.

Dieser Börsenkrach hatte für China unmittelbare Folgen. Mit dem Zusammenbruch des Welthandels in der zweiten Hälfte 2008 und Anfang 2009 brachen auch die chinesischen Exporte ein. 23 Millionen Arbeitsplätze gingen verloren. Der Einbruch erreichte das Ausmaß des Niedergangs Anfang der 1930er Jahre.

Konfrontiert mit einer potentiell explosiven sozialen Krise legte das chinesische Regime ein Konjunkturpaket über 500 Milliarden Dollar auf und erhöhte die Kreditlinien der chinesischen Kommunen für enorme Infrastruktur- und Immobilienprojekte. Neue städtische Komplexe und in manchen Fällen ganze Städte sprangen praktisch über Nacht aus dem Boden. Das Regime nährte die Hoffnung, dass die Weltwirtschaft nur eine zyklische Krise durchmache und anschließend wieder zum Wachstum zurückkehren werde.

In Wirklichkeit bedeutete die Krise von 2008 das Ende der Bedingungen der 20 vorherigen Jahre, in denen die Exporte auf europäische und amerikanische Märkte ständig gestiegen waren und das Wachstum der chinesischen Wirtschaft befeuert hatten. Heute tragen steigende Exporte nur noch sehr wenig zum Wirtschaftswachstum Chinas bei.

Eine gewisse Zeit lang regten kreditfinanzierte Infrastrukturprojekte und Immobilienentwicklungen die chinesische Wirtschaft an und garantierten Wachstumsraten fast wie in der Zeit vor 2008. Das veranlasste kurzsichtige „Wirtschaftsexperten“ zur Annahme, der Kapitalismus habe trotz des Finanzkrachs seine innere Stärke bewiesen, weil China und andere aufstrebende Märkte für neues globales Wachstum sorgen würden. Diese Prognose wurde schnell widerlegt, und mittlerweile geben der Internationale Währungsfond und andere globale Finanzbehörden offen zu, dass sie einer Schimäre nachgejagt waren.

Die chinesische Regierung erkannte, dass die Struktur ihrer Wirtschaft, die zu circa fünfzig Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf kreditgetriebenen Investitionen und nur zu 35 Prozent auf Konsumausgaben beruht, letztlich nicht tragfähig war.

Infolgedessen nahm das Regime 2013 eine neue wirtschaftspolitische Orientierung an und erklärte, von nun an würden Marktkräfte eine noch wichtigere Rolle spielen. Im November 2013 umriss Präsident Xi Jinping auf einem wichtigen Führungstreffen der Kommunistischen Partei seine neue Agenda. Xi, der im März desselben Jahres an die Macht gekommen war, erklärte: „Wir müssen die Reform unseres Wirtschaftssystems vertiefen, indem wir uns auf die entscheidende Rolle des Marktes bei der Zuteilung der Investitionsmittel konzentrieren […]“

Die neue Orientierung bestand aus zwei zentralen Komponenten: einerseits weniger Staatsintervention und Kontrolle des Finanzsystems, das nun immer stärker für ausländisches Kapital geöffnet wurde, und andererseits die Anhebung der Konsumausgaben in der innerchinesischen Wirtschaft.

Um den privaten Konsum zu steigern, wäre eine naheliegende Maßnahme eine Lohnerhöhung für die viele Millionen umfassende chinesische Arbeiterklasse gewesen. Aber dieser Weg war durch die Wettbewerbssituation auf den globalen kapitalistischen Märkten versperrt.

Jede nennenswerte Lohnerhöhung für Arbeiter hätte bedeutet, dass chinesische Industriebetriebe von billigeren Standorten in Südostasien wie Vietnam aus dem Markt gedrängt worden wären. Sie arbeiten für große transnationale Konzerne in Europa und den USA und haben knapp bemessene Profitraten. Inzwischen werden unter der Obama-Regierung auch die amerikanischen Löhne schon massiv gedrückt, sodass die USA selbst ein Billiglohnstandort geworden sind. So stehen chinesische Firmen heute sogar unter amerikanischem Konkurrenzdruck.

Deswegen suchte das Regime, das die Interessen hochrangiger Oligarchen der Kommunistischen Partei Chinas vertritt, den Konsum auf andere Weise zu erhöhen. Es versuchte einen „Reichtumseffekt“ zu schaffen, indem es privilegierte Teile der Mittelschichten ermutigte, an der Börse zu investieren. Es lockte kleine Investoren mit der impliziten Garantie auf den Markt, die Regierung werde ihre Investments schützen, weil sie die Hebel des Finanzsystems fest in den Händen halte.

Daraufhin strömten riesige Mengen Geld an die Börsen. Sie schoben den Schanghai-Index dieses Jahr um über 150 Punkte an, bis er am 12. Juni seinen höchsten Punkt erreichte. Ein großer Teil der Investitionen wurde mit sogenannten Margin-Krediten getätigt, was bedeutet, dass die Aktien, die die Investoren kauften, die Kredite absicherten, die sie aufnahmen. Dabei ist festgelegt, dass ein Teil des Kredits zurückgezahlt werden muss, fall die Aktien einen bestimmten Teil ihres Werts verlieren.

Diese Kredite schieben den Markt in guten Zeiten an, verschärfen aber jeden Rückgang, weil Investoren, die einen Margin-Call erleben, einen Teil ihrer Aktien verkaufen müssen, um ihre Kredite zurückzahlen zu können. Dadurch wird die Abwärtsspirale verstärkt.

Im April nahmen die Margin-Kredite noch stark zu. Diese Form der Verschuldung nahm in dem Jahr bis Juni um das Fünffache zu und machte an einem bestimmten Punkt 17 Prozent der Marktkapitalisierung aus. Die Regierung goss weiter Öl ins Feuer als sie Investoren erlaubte, bis zu 20 Wertpapierdepots zu eröffnen.

Ein weiteres Anziehen der Aktienpreise war die Folge. Konfrontiert mit einer riesigen Finanzblase begann die Regierung am 13. Juni gegen Margin Kredite vorzugehen und setzte damit die akute Verkaufswelle in Gang. Die Entscheidung der Regierung die Margin Kredite einzudämmen, ging von der Annahme aus, dass sie mit ihren weitgehenden Vollmachten in der Lage sein werde, die Situation zu kontrollieren und allmählich die Luft aus der Blase abzulassen.

Aber die Gesetze des kapitalistischen Markts erweisen sich als stärker als das stärkste Regime. Die chinesische Regierung ist heute mit einer Verkaufspanik konfrontiert, die das ganze von Schulden geprägte Finanzsystem zu destabilisieren droht. Allein die kommunalen Körperschaften sollen etwa vier Billionen Dollar offene Kredite haben.

Der Absturz hat potentiell explosive politische Konsequenzen. Die „roten Kapitalisten“ der Kommunistischen Partei Chinas haben jeden Bezug zu sozialer Gleichheit – ganz zu schweigen von Sozialismus – verloren und leben heute in Todesangst vor sozialen und politischen Kämpfen der chinesischen Arbeiterklasse.

Das chinesische Wirtschaftswachstum könnte noch unter das offiziell angestrebte Ziel von sieben Prozent und möglicherweise gar auf vier Prozent sinken. Je langsamer es wird, desto wahrscheinlich wird die Aussicht auf soziale Erhebungen. Die Fassade der „Unfehlbarkeit“ des Regimes ist zerstört.

Die Finanzkrise in China wird nicht nur das globale Wirtschaftswachstum weiter verlangsamen und damit die Kämpfe der internationalen Arbeiterklasse intensivieren. Sie wird auch die Bedingungen dafür schaffen, dass sich eines ihrer stärksten Bataillone diesen Kämpfe anschließen wird.

Nick Beams