IWF-Bericht: Niedrigstes globales Wachstum seit 2009

11. Juli 2015

Diesen Monat vor acht Jahren gab die Investmentbank Bear Stearns die Liquidierung von zwei ihrer größten Hedge Fonds bekannt, die hauptsächlich mit Hypotheken besicherten Wertpapieren handelten. Es war das erste deutliche Zeichen, dass das Platzen der Subprime-Blase zu einer Krise des ganzen amerikanischen und Weltfinanzsystems führen werde.

Fast sieben Jahre sind seit dem Kollaps von Lehman Brothers und dem von den Steuerzahlern finanzierten Bailout des globalen Finanzsystems vergangen. Und wieder sieht es so aus, als stünden die amerikanische und die globale Wirtschaft am Rande eines Wirtschaftszusammenbruchs.

Die chinesische Börse implodiert, in Griechenland sind die Banken geschlossen und das Wirtschaftswachstum in den USA ist zum Stillstand gekommen. Der Kapitalfluss in die aufstrebenden Märkte trocknet aus, und militärische Konflikte drohen allenthalben zu schweren wirtschaftlichen Störungen zu führen.

Diese Sachlage zeigt die Richtigkeit der Einschätzung der der World Socialist Web Site, dass die Finanzkrise von 2008 nicht einfach ein konjunktureller Abschwung war, sondern vielmehr Ausdruck der tiefen Krise der globalen Nachkriegsordnung selbst.

Vor diesem Hintergrund gab jetzt der Internationale Währungsfond (IWF) seinen neuen Bericht zu den Aussichten der Weltwirtschaft heraus. Er sagt voraus, dass 2015 das schlechteste Jahr für das globale Wirtschaftswachstum seit 2009 sein werde.

Jahr für Jahr haben der IWF und andere Analysten erklärt, eine deutliche Zunahme des Wirtschaftswachstums stehe unmittelbar bevor. Auch dieses Jahr musste die Organisation in ihrer üblichen zurückhaltenden Sprache zugeben, dass „das erwartete globale Wachstum […] sich noch nicht in vollem Umfang verfestigt hat“.

Vom IWF heißt es, er rechne dieses Jahr mit einem Wachstum der globalen Wirtschaft von 3,3 Prozent, das sind 0,2 Prozent weniger, als noch im April vom IWF erwartet worden waren, und weniger als die 3,4 Prozent im letzten Jahr.

Für die aufstrebenden Länder setzte der IWF seine Wachstumserwartung deutlich von 2,4 Prozent im April auf 2,1 Prozent herunter. Wie es im Bericht heißt, sind die Erwartungen auch für vier entwickelte Länder deutlich herabgesetzt, nämlich die USA, Großbritannien, Kanada und Japan.

Der größte Faktor für die reduzierte Wachstumserwartung ist laut IWF die schlechte Lage in Nordamerika mit einem regelrechten Einbruch des Wachstums in den USA. Der IWF erwartet für die US-Wirtschaft in diesem Jahr ein Wachstum von 2,5 Prozent – deutlich weniger als die 3,1 Prozent seiner Prognose vom April.

Das Wachstum in den USA ist im ersten Quartal zum Stillstand gekommen und die Wirtschaftsleistung ist auf das Jahr gerechnet um 0,2 Prozent zurückgegangen. Frühindikatoren versprechen nur geringe Verbesserungen im zweiten Quartal.

Der IWF macht für den Rückgang des amerikanischen Wirtschaftswachstums zwar mehrere „Sonderfaktoren” verantwortlich, aber die Tatsache bleibt bestehen, dass 2015 das zweite Jahr in Folge ist, in dem die US-Wirtschaft deutlich langsamer wächst als erwartet.

Hinter dem wirtschaftlichen Debakel der USA im ersten Quartal dieses Jahres steht der Zusammenbruch der Infrastrukturinvestitionen, die um 2,8 Prozent zurückgegangen sind obwohl die amerikanischen Konzerne auf einem Bargeld-Vorrat von 1,4 Billionen Dollar sitzen. Das Wall Street Journal berichtete kürzlich, dass die US-Konzerne dieses Jahr mehr Geld für Aktienrückkäufe ausgaben als für Gebäude und Anlagen.

Der IWF-Bericht zeigt sich besonders besorgt über die Aussichten für die „aufstrebenden“ Märkte. Es heißt dort: „Die anhaltende Wachstumsschwäche hat mehrere Ursachen, darunter niedrigere Rohstoffpreise und stärker angespannte externe Finanzbedingungen, strukturelle Engpässe […] und wirtschaftliche Schwierigkeiten infolge geopolitischer Faktoren.“

Der letzte Punkt ist besonders bezeichnend. Krieg und Gewalt kosteten die Weltwirtschaft nach den Berechnungen einer Studie im vergangenen Jahr 14,3 Billionen Dollar, das sind 13,4 Prozent ihrer Wirtschaftsleistung. Das ist das Ergebnis zunehmender Konflikte in Osteuropa, dem Nahen Osten und Nordafrika. Die russische Wirtschaft wird dieses Jahr wahrscheinlich unter dem Druck von Sanktionen wegen des Ukraine-Konflikts und wegen stark gesunkener Ölpreise um 4,8 Prozent schrumpfen.

Andere aufstrebende Märkte stehen vor ähnlichen Schwierigkeiten. Die brasilianische Wirtschaft wird dieses Jahr wahrscheinlich um 1,5 Prozent schrumpfen – ein halbes Prozent stärker, als der IWF noch im April erwartet hatte. Bezeichnenderweise weist die IWF-Analyse darauf hin, dass die Kapitalströme in die aufstrebenden Märkte 2015 im Vergleich zum Vorjahr stark zurückgegangen sind.

Das dringendste Problem, das aktuell auf den Märkten lastet, ist die verheerende Verkaufswelle an den chinesischen Börsen, an denen die Aktienwerte im letzten Monat um dreißig Prozent eingebrochen sind. Die chinesischen Behörden kämpfen verzweifelt gegen diese Entwicklung.

Der IWF-Bericht gesteht ein, dass dieses Jahr schon ein starker Rückgang der Wirtschaftsleistung stattgefunden hat. Aber dennoch warnt er, dass die Risiken für die globalen wirtschaftlichen Aktivitäten weiter überwiegen, besonders angesichts bemerkenswerter Finanzmarktinstabilitäten. Das ist ein Codewort für die Gefahr einer globalen Flucht aus Finanzwerten.

Was schlägt der IWF als Antwort auf den katastrophalen Zustand der Weltwirtschaft vor? Ein kräftiges: Weiter so! Ein weiteres Fluten des globalen Finanzsystems mit Geld durch die Zentralbanken und mehr Austerität.

In der Analyse heißt es: „In entwickelten Ländern sollte die lockere Geldpolitik fortgesetzt werden, um die wirtschaftliche Aktivität zu unterstützen und die Inflation wieder auf den gewünschten Wert anzuheben.“ Anfang der Woche hatte der IWF der US Federal Reserve entsprechend geraten, die Basiszinsen bis mindestens 2016 nicht zu erhöhen. Seit sechs Jahren stehen diese praktisch bei Null.

Mit der Forderung nach leichtem Geld für das Finanzsystem geht die Forderungen nach weiteren wirtschaftsfreundlichen Reformen einher. Es heißt in dem Bericht: „In vielen Ländern werden dringend Strukturreformen benötigt, um die Produktivität zu erhöhen und Engpässe für die Produktion zu beseitigen.“ Das läuft praktisch auf den Rat hinaus, die Austeritätspolitik, die derzeit in Griechenland praktiziert wird, auf die globale Wirtschaft auszudehnen – mit den zu erwartenden katastrophalen Konsequenzen.

Fast sieben Jahre nach der Finanzkrise von 2008 hat nicht eine Institution des kapitalistischen Systems eine Lösung für die Weltwirtschaftskrise anzubieten. Sie raten dazu, die globale Finanzblase weiter aufzublasen, indem mehr Geld an die Wall Street fließt, und die Austerität für die Arbeiterklasse zu verschärfen. Diese Politik, die vom grundlegenden Ziel des Kapitalismus vorgegeben wird, die Finanzaristokratie auf Kosten der großen Mehrheit der Gesellschaft zu bereichern, führt direkt in einen neuen Finanz- und Wirtschaftzusammenbruch.

Andre Damon