Rassismus und Arroganz: Anti-griechische Hetze in deutschen Medien

Von Johannes Stern
17. Juli 2015

Seit der Niederlage des Dritten Reichs vor 70 Jahren sind die deutschen Eliten nicht mehr so brutal und arrogant aufgetreten und haben so aggressiv gegen ein Land und seine Bevölkerung gehetzt, wie in den letzten Wochen gegen Griechenland und „die Griechen“. Allein die Wortwahl ruft Erinnerungen an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte wach, in denen die Medien gleichgeschaltet waren und hetzten, um die Bevölkerung für die verbrecherischen Ziele des deutschen Imperialismus einzuspannen.

Das Folgende sind nur einige verbale Entgleisungen, die mittlerweile zum „normalen“ Wortschatz bürgerlicher Politiker und Journalisten gehören. Vertreter der griechischen Regierung werden als „Zocker und Schurken“ bezeichnet (Alois Theisen, Chefredakteur des Hessischen Rundfunks), die griechische Regierung als „pervers“ (Hans-Ulrich Jörges, Chefredaktion des Stern) und der griechische Ministerpräsident als „Teppichhändler“ beschimpft (Handelsblatt).

Seitdem Tsipras und die Syriza-Regierung vollständig vor dem Spardiktat Schäubles kapituliert haben, wird immer deutlicher, dass sich die Vorurteile und die wüsten Beschimpfungen in Wirklichkeit gegen die griechische Bevölkerung richten, die die brutale Austeritätspolitik mit großer Mehrheit ablehnt.

Anfang der Woche erklärte Thomas Strobl, der stellvertretende Vorsitzende der CDU und Schwiegersohn des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble, vor laufenden Kameras: „Der Grieche (!) hat jetzt lange genug genervt.“ Das Strobl mit derart dumpfem Chauvinismus auffällt, überrascht nicht. 2005 war er in seiner damaligen Funktion als Generalsekretär der CDU in Baden-Württemberg verantwortlich für die Produktion des CDU-Liederbuchs „Lied.Gut“, das auch das berüchtigte NS-„Panzerlied“ enthielt. Nach Protesten wurde die Broschüre eingestampft. Zehn Jahre später gehören Strobls Auffassungen zum guten Ton.

Einige Medienkommentare argumentieren offen rassistisch. So entwickelte der leitende Redakteur für den Bereich Kulturgeschichte in der Welt, Berthold Seewald, bereits im Juni unter der Überschrift: „Geschichte vor Tsipras: Griechenland zerstörte schon einmal Europas Ordnung“, das absurde Argument, Griechenland habe schon im vorletzten Jahrhundert die nach dem Wiener Kongress geschaffene europäische „Friedensordnung“ zerstört und den Kontinent in einen Scherbenhaufen verwandelt. Dies wiederhole sich nun. Ein Grund dafür sei, dass die Griechen in Wirklichkeit gar keine Europäer seien.

Am Ende des Artikels schreibt Seewald: „Die Vorstellung, dass es sich bei den Griechen der Neuzeit um Nachfahren eines Perikles oder Sokrates handeln würde und nicht um eine Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern, wurde für das gebildete Europa zu einem Glaubenssatz.“ Dann beklagt er, dass sich dem „auch die Architekten der EU nicht entziehen“ konnten und dass diese „das schon 1980 klamme Griechenland ins europäische Boot“ geholt hätten. Die Folgen seien „täglich zu bestaunen“.

Um es klar auszusprechen: Seewald argumentiert hier, dass Griechenland deshalb nicht Mitglied der EU sein kann, weil „die Griechen“ von heute keine Nachfahren der antiken Griechen sind (das Wort „Arier“ kann er gerade noch unterdrücken), sondern „eine Mischung aus Slawen, Byzantinern und Albanern“.

Diese rassistische These geht auf Jakob Philipp Fallmerayer, einen Orientalisten und Publizisten des 19. Jahrhunderts, zurück. Dieser war in seinem 1830 veröffentlichten und bereits damals umstrittenen Werk „Geschichte der Halbinsel Morea während des Mittelalters“ von einer einheitlichen hellenischen Ethnie im antiken Griechenland ausgegangen und hatte u.a. gestützt auf slawische und albanische Ortsnamen die These aufgestellt, dass das „Geschlecht der Hellenen [...] in Europa ausgerottet“ sei und „auch nicht ein Tropfen edlen und ungemischten Hellenenblutes [...] in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands“ fließe.

Spiros Moskovou, der Leiter der Griechenland-Redaktion der Deutschen Welle, wies im Herbst letzten Jahres in einer Rede nach, in welcher Tradition derartiges Gedankengut steht. Fallmerayers Thesen seien zuletzt „von den Nazis bemüht“ worden, „um ihre grauenvolle Okkupation Griechenlands zu rechtfertigen“. Hitler sei „außerordentlich enttäuscht“ gewesen, „weil er ursprünglich damit rechnete, dass die Nachfahren der alten Griechen den Einmarsch der deutschen Wehrmacht nur begrüßen würden“. Weil das nicht der Fall war, habe „die Nazipropaganda wieder die Theorie der degenerierten griechischen Nation“ belebt.

Die rassistischen Untertöne in der Welt sind kein Einzelfall. Auf dem Cover der aktuellen Ausgabe des auflagenstärksten deutschsprachigen Wochenmagazins der Spiegel ist ein ängstlicher deutscher Tourist mit einem dicken Geldbeutel abgebildet, der Arm in Arm mit einem Ouzo trinkenden Griechen tanzt. Darüber prangt in großen Lettern: „Unsere Griechen – Annäherung an ein seltsames Volk.“

Die Botschaft und die historischen Bezüge sind so frappierend, dass sich selbst in anderen deutschen Medien Kritik regte. Das Handelsblatt schrieb in einem Kommentar, das Cover suggeriere „auf demagogische Weise die Antwort: Der dumme Deutsche zahlt für tanzenden, alkoholisierten Griechen.“ Dann stellte es die Frage: „Warum spricht der ‚Spiegel‘ von ‚unseren Griechen‘? Haben wir Besitzansprüche an das südosteuropäische Land? Zuletzt gehörte ‚uns‘ Griechenland im Zweiten Weltkrieg, als die Hakenkreuz-Fahne auf der Akropolis wehte.“

Wie ist es zu erklären, dass all der längst vergessen geglaubte Schmutz mit so einer Vehemenz wieder hochkommt?

In letzter Konsequenz stehen dahinter die gleichen Fragen, die auch in den 1930er Jahren in die Katastrophe führten. Die deutschen Eliten reagieren auf die tiefe Krise des europäischen und internationalen Kapitalismus, indem sie zu einer aggressiven Großmachtpolitik zurückkehren. Dafür müssen sie wie 1914 und 1939 Europa ihren Willen aufzwingen.

Wohl kaum ein anderer verkörpert die Rückkehr der deutschen Arroganz besser als der Humboldt-Professor Herfried Münkler. In einem aktuellen Interview mit der Frankfurter Rundschau unter der Überschrift „Europa hat ganz andere Probleme“ bringt der Professor, der regelmäßig fordert, Deutschland müsse in Europa die Rolle eines „Zuchtmeisters“ spielen, die Frage der deutschen Führung mit chauvinistischen Argumenten zusammen.

In seiner überheblichen Art erklärt Münkler zunächst: „Wir müssen uns klar machen, dass auf dem Balkan weitgehend vertikale Strukturen der Verpflichtung bestehen.“ Deshalb sei es sicherlich ein „Fehler“ gewesen, „diese Staaten in die Europäische Union aufzunehmen“. Später erklärte er zu den politischen Parteien in Griechenland, „dass es für sie keinen Platz gibt im europäischen Raum“, weil sie ein „nationales Vokabular“ benutzen.

Hinter den verbalen Ausfällen des Professors steht der Ruf nach deutscher Führung. Deutschland sei „zur Zeit die stärkste Macht in der EU“ und dies bringe „Verpflichtungen mit sich. Es muss sich mehr engagieren.“ Bis „Frankreich wieder auf die Beine kommt, hat Deutschland eine zentrale Funktion als, sagen wir mal Hüter der Verträge“.

Für das Schicksal der griechischen Bevölkerung hat er nur Verachtung übrig. Falls der letzte Versuch, das Land zu „transformieren“, nicht gelinge, müsse „man sagen: Griechenland ist ein Dritte-Welt-Land und hat in Europa und erst recht im Euro nichts zu suchen“.

Ganz am Ende des Interviews gibt Münkler, der über beste Verbindungen in Regierungskreise und zur Bundeswehr verfügt, einen Einblick in mögliche Szenarien, auf die sich die herrschenden Eliten in Berlin vorbereiten. Falls Griechenland scheitert, müssen „wir [...] dort mit massiven Unruhen rechnen“, erklärt er. Auch eine Einmischung „der Russen“ sei „nicht auszuschließen“. Welche Maßnahmen Deutschland dann ergreifen könnte, wurde auf einer Podiumsdiskussion in der Katholische Akademie Berlin deutlich. Dort diskutierte Münkler u.a. mit einem führenden General der Bundeswehr über Aufrüstung und Krieg.