Chinas Börse: größter Tagesverlust seit 2007

Von Andre Damon
29. Juli 2015

Die chinesische Börse erlitt an Montag ihren stärksten Tagesabsturz seit 2007. Die Aktienpreise gingen um mehr als 8,5 Prozent zurück.

Panikverkäufe lösten einen automatischen Handelsstopp von mehr als tausend Titeln aus. Die chinesischen Finanzbehörden gaben daraufhin ein neues Paket staatlicher Aktienkäufe bekannt, um den Einbruch zu stoppen. Aber auch am frühen Dienstag setzte sich der Niedergang der chinesischen Börsenindices fort.

Der Absturz auf dem chinesischen Markt löste einen globalen Run aus Aktien und Rohstoffen aus. Die Aktienpreise in Europa fielen um mehr als zwei Prozent. In den USA sank der Dow Jones um 117 Punkte oder 0,73 Prozent, während die Technik-Börse Nasdaq um fast ein Prozent nachgab.

Der Standard & Poors 500 Index verlor seit Anfang des Jahres zum ersten Mal fünf Tage hintereinander, während der Dow Jones seinen niedrigsten Stand seit Februar erreichte. Fast fünfhundert große amerikanische Werte fielen am Montag auf ein 52-Wochen Tief. Neun von zehn Sektoren des S&P 500 schlossen mit einem Tagesminus, allen voran der Energiesektor mit 1,35 Prozent.

Parallel zur Entwicklung an der Börse führte die wachsende Sorge vor einem Abschwächen der chinesische und der globalen Wirtschaft auch zu hektischen Verkäufen bei den Rohstoffen. Die Ölpreise fielen auf ein Vier-Monats-Tief, und andere Rohstoffe, wie zum Beispiel Kupfer, das auf Wirtschaftsschwankungen empfindlich reagiert, waren so billig wie seit sechs Jahren nicht mehr.

Viele Investoren reagierten auf den globalen Abschwung, in dem sie in sichere Investitionen flüchteten, zum Beispiel in Gold, dessen Preis um ein Prozent anstieg, in amerikanische Staatsanleihen, deren Zinsen von 2,26 Prozent auf 2,22 Prozent fielen, und auch in konservativere Aktien, zum Beispiel von Versorgungsunternehmen.

Nur wenige Woche vor den Panikverkäufen vom Montag hatte die chinesische Regierung etwa achthundert Milliarden Dollar in ihre Börsen gepumpt. Sie hatte es Großaktionären verboten, Aktien zu verkaufen, hatte Börsengänge gestoppt und spekulative Verkäufe untersagt. Diese Maßnahmen waren vorübergehend erfolgreich und stoppten den Absturz. Die chinesischen Börsen erholten sich innerhalb von drei Wochen wieder um vierzehn Prozentpunkte, nachdem sie in den vorhergehenden Wochen dreißig Prozent verloren hatten.

Aber auch diese Maßnahmen haben sich offenbar erschöpft. Das Magazin Fortune schrieb zu der jüngsten Verkaufswelle: „Die naheliegendste Erklärung von Analysten lautet, die Händler hätten das Vertrauen in die Regierung, dass sie die Verkäufe eindämmen könne, offenbar verloren.“

Mehrere Analysten wiesen darauf hin, dass sechzig Prozent der Werte, die an den chinesischen Börsen gehandelt werden, am Montag vom Handel ausgesetzt waren. Das heißt, dass der Absturz der Börsenkurse noch viel schlimmer gewesen wäre, wären all diese Papiere weiter im Handel verblieben.

Vor Beginn des Absturzes im Juni waren die chinesischen Börsen in einem Jahr um mehr als 150 Prozent angestiegen. Was sie angetrieben hatte, war der Versuch der chinesischen Regierung, die Aktienpreise inmitten einer wirtschaftlichen Schwächeperiode zu stärken.

Vieles deutet darauf hin, dass das Platzen der chinesischen Aktienblase Auswirkungen auf die Realwirtschaft des Landes hat. Ein wichtiger Einkaufsmanagerindex ist am Wochenende auf ein Fünfzehn-Monats-Tief gefallen. Das chinesische Wirtschaftswachstum fiel im vergangenen Jahr auf 7,4 Prozent, den niedrigsten Wert seit fast fünfundzwanzig Jahren. Für dieses Jahr wird ein Wachstum von 7,0 Prozent erwartet.

In China gehen die Unternehmensprofite weiter zurück. Die offiziellen Zahlen von dieser Woche zeigen, dass die Profite von Industrieunternehmen im ersten halben Jahr um 0,7 Prozent zurückgegangen sind.

Zhu Baoling, Direktor eines führenden Marktforschungsinstituts der chinesischen Regierung, sagte zu Reuters, dass die Verkaufspanik deutliche Auswirkungen auf die Realwirtschaft habe. Er forderte die Finanzbehörden auf, eine weitere Senkung der Zinsen anzuordnen.

Die jüngste Verkaufswelle in China könnte ein Anzeichen dafür sein, dass sich der prekäre Zustand der weltweiten Realwirtschaft seinen Ausdruck an den globalen Börsen findet. Nach fast sieben Jahren praktischer Nullzinspolitik der Federal Reserve und anderer Zentralbanken sind die Börsen enorm überbewertet. Anfang des Monats sagte der Internationale Währungsfond voraus, dass 2015 hinsichtlich des globalen Wachstums das schlechteste Jahr seit 2009 werde.

“Die Käufer werden sehr knapp, und die Sorge wächst, dass wir es mit einer Verlangsamung des globalen Wirtschaftswachstums zu tun bekommen”, sagte Sean Lynch vom Wells Fargo Investment Institute der Associated Press.

Dem Absturz der Aktienpreise vom Montag ging die Ankündigung von mehreren Fällen von Massenentlassungen voraus. Am Freitag gab AngloAmerican, die fünftgrößte Bergbau-Gesellschaft der Welt, bekannt, sie werde wegen der fallenden Rohstoffpreise im kommenden Jahr ein Drittel ihrer Belegschaft, das sind 53 000 Arbeitsplätze, abbauen. Letzte Woche teilte das Telekommunternehmen Qualcomm in San Diego 4700 Entlassungen mit, gefolgt von News Shipbuilding in Virginia mit 1500 Entlassungen und einem Mitsubishi-Autowerk in Illinois mit 1200 Entlassungen.

US-Konzerne rechnen mit einem deutlichen Rückgang der Profite für das zweite Quartal des Jahres. Dadurch erscheinen die Aktienpreise umso mehr als überbewertet.