Megafusionen, Finanzoligarchie und Imperialismus

31. Oktober 2015

Presseberichten vom Donnerstag zufolge stehen die Pharmakonzerne Allergan und Phizer kurz vor Abschluss eines Zusammenschlusses. Dadurch würde der größte Pharmagigant der Welt mit einem Marktwert von 330 Milliarden Dollar entstehen. Der Konzern würde sich in Irland registrieren lassen und praktisch keine Einkommensteuer entrichten.

Der Zusammenschluss wäre der bisher größte in diesem Jahr, aber nur der vorläufig letzte in einer ganzen Reihe von Konzernfusionen und Übernahmen. 2015 wird als Rekordjahr großer Übernahmen und Zusammenschlüsse in die Geschichte eingehen und das Jahr 2007 noch in den Schatten stellen, als kurz vor dem Wall Street Krach solche Deals über insgesamt 3,4 Billionen Dollar abgeschlossen wurden.

Am Tag vor der Bekanntgabe des Allergan-Pfizer Deals gab die Apothekenkette Walgreens Pläne bekannt, den Konkurrenten Rite Aid aufzukaufen. Der neue Konzern hätte einen Wert von 17,2 Milliarden Dollar und würde 41 Prozent des US-Handels mit Medikamenten kontrollieren. Der einzig verbleibende Konkurrent CVS kontrolliert 58 Prozent des Markts. Alle anderen Firmen decken zusammen lediglich noch 0,6 Prozent des Markts ab.

Dies ist nur der letzte der großen Zusammenschlüsse in der Gesundheitsbranche in diesem Jahr. Der Versicherungskonzern Anthem hatte vorher seinen Konkurrenten Cigna für 54,2 Milliarden Dollar gekauft, und Aetna hatte Humana für 37 Milliarden Dollar übernommen. Als Ergebnis dieser Zusammenschlüsse wurden die fünf größten Krankenversicherer in den USA innerhalb weniger Wochen zu nur noch dreien konsolidiert.

Ein wichtiges Motiv für die Walgreens/Rite Aid und Allergan/Pfizer Zusammenschlüsse ist die Förderung der Preis-Monopole auf dem Markt. Die Verwandlung des amerikanischen Arzneimittelmarktes in ein Duopol (einen Markt mit nur zwei Anbietern) wird die Medikamentenpreise für die Konsumenten auf dramatische Weise in die Höhe treiben.

Die wachsende Monopolisierung im Gesundheitsbereich hat in den Vereinigten Staaten zu den steigenden Preisen beigetragen. In 2013, dem letzten Jahr, für das entsprechende Daten vorliegen, sind die Preise für verschreibungspflichtige Markenmedikamente um fast dreizehn Prozent gestiegen, achtmal so stark wie die Inflationsrate.

Diese Zusammenschlüsse belegen nicht etwa wirtschaftliche Stärke und „Dynamik“, sondern sie sind Ausdruck des Wirtschaftsverfalls im Herzen des globalen Kapitalismus. Rekordaktivitäten bei Zusammenschlüssen gehen in diesem Jahr mit dem niedrigsten globalen Wirtschaftswachstum seit 2008-2009 einher.

Diese Fusionen sind eine unmittelbare Reaktion der Konzerne auf die verringerte Nachfrage inmitten einer globalen Rezession und stagnierender Arbeiterlöhne. Gleichzeitig verlangt die Wall Street von den Konzernen immer höhere Renditen.

Die Welle von Zusammenschlüssen, Aktienrückkäufen auf Rekordniveau und anderen parasitären Aktivitäten wird durch die Politik der großen Zentralbanken unter Führung der Federal Reserve begünstigt. Die Zinsen werden auf niedrigem Niveau gehalten und Billionen Dollar durch den Aufkauf von Wertpapieren in die Finanzmärkte gepumpt, was als „quantitative Lockerung“ bezeichnet wird.

Diese riesigen Geldmengen werden aber keineswegs für produktive Investitionen genutzt, sondern große Konzerne hocken auf riesigen Geldsäcken. Darin schlummern 1,4 Billionen Dollar Bargeld, die sie für Aktienrückkäufe nutzen, um damit die Aktienpreise weiter in die Höhe zu treiben oder Fusionen zu tätigen, sowie die Portfolios der Reichen und Superreichen und die Gehälter der Konzernbosse weiter aufzublähen.

Zusammenschlüsse bringen zwar Superprofite für Investoren und Riesengehälter für Wirtschaftsbosse, führen aber in der Regel auch zu Entlassungen, Lohnsenkungen und der Schließung von Betriebsteilen und Filialen. Dieser Finanzparasitismus ist die Art und Weise, wie das Finanzkapital seine Profite steigert und gleichzeitig die Produktivkräfte der Gesellschaft unterhöhlt.

Dieser Prozess hat sich nach dem Finanzkrach von 2008 beschleunigt, aber er wirkt nun schon seit Jahrzehnten. Immer größere Schichten von Arbeitern werden in die soziale Katastrophe geworfen. Millionen amerikanische Arbeiter sind halb verarmt und vierzig Prozent von ihnen verdienen weniger als 20.000 Dollar im Jahr.

Soziales Elend auf der einen Seite steht phantastischem Reichtum auf der anderen gegenüber. Um nur ein Beispiel zu nennen: der Hedgefond Mogul Kenneth Griffin von der Chicagoer Citadel LLC verdiente letztes Jahr 1,3 Milliarden Dollar. Als Griffin sich auf eine Einkaufstour durch drei Städte begab, ließ er etwa dreihundert Millionen Dollar für Immobilien springen. Seine Top-Erwerbung waren volle drei Stockwerke des im Bau befindlichen Luxuswohnturms 220 Central Park South, die er für 200 Millionen Dollar erwarb. Das ist selbst für ein Immobilien-Geschäft in New York City eine Rekordsumme.

Das wirtschaftliche und politische Leben in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt ist beherrscht von der parasitären, geldgeilen Finanzoligarchie, die Griffin verkörpert. Die Politik globaler Zentralbanken und wichtiger kapitalistischer Regierungen richtet sich im Wesentlichen darauf aus, den Reichtum dieser Finanzelite zu schützen und zu mehren und es ihnen zu ermöglichen, die Reichtümer der Menschheit in aller Welt für ihren privaten Vorteil zu plündern.

Diese Wesensmerkmale stellte schon der russische Revolutionär und Theoretiker Wladimir Lenin fest, der sie in einem viel früheren Entwicklungsstadium studierte. In seinem Meisterwerk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ erklärte Lenin, dass die Tendenz zu Finanzparasitismus, Monopol, Diktatur und Krieg nicht einfach das Ergebnis der subjektiven Tätigkeit politischer Führer sei, sondern Ausdruck der grundlegenden Tendenzen des Kapitalismus in seiner Periode des Zerfalls und Niedergangs.

Lenin schrieb: „Politische Reaktion auf der ganzen Linie ist eine Eigenschaft des Imperialismus.“ Sie ist charakterisiert von „Korruption, Bestechung im Riesenausmaß, Panamaskandale jeder Art.“ Die Vorherrschaft der Banken über alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens drücke sich in der Aushöhlung demokratischer Rechte im eigenen Lande aus: „Das Finanzkapital will nicht Freiheit, sondern Herrschaft.“

Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem kriminellen Charakter dieser Finanzaristokratie und dem kriminellen Charakter der Außenpolitik. Der Krieg gegen die amerikanischen Arbeiter widerspiegelt die räuberischen Kriege der USA gegen die Völker des Nahen Ostens und Afrikas. Weil die Finanzelite in spekulativen Transaktionen geübt ist, um ihre Milliarden zu machen, greift sie auch geopolitisch zum Vabanque-Spiel und zu mörderischer Rücksichtslosigkeit in der Außenpolitik.

Aber Lenins Theorie hat noch eine andere Seite. Die Theorie, die sich in der Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts so klar bestätigt hat, besagt auch, dass der Imperialismus nicht nur das Zeitalter von Reaktion und Krieg sei, sondern auch von Revolution. Jetzt, da das grundlegende Wesen des Kapitalismus mit aller Klarheit hervortritt, werden die Klassenkonflikte, die es erzeugt, unvermeidlich zu revolutionären Unruhen führen.

Andre Damon