Mehr als 1000 Tote in den USA durch Polizeigewalt in diesem Jahr

Von Andre Damon
7. November 2015

Die Anzahl der Menschen, die in den Vereinigten Staaten in diesem Jahr von Polizisten getötet wurde, hat am Montag die Marke von 1000 überschritten. Polizeigewalt und Terror halten in den USA unvermindert an.

Bis Mittwochabend wurden der Datenbank killedbypolice.net zufolge seit Jahresbeginn 1006 Menschen von Polizisten getötet. Diese Website sammelt örtliche Meldungen über Polizeimorde. Da sie nur die Todesfälle zählt, über die in den Nachrichten berichtet wurde, liegt die tatsächliche Zahl von Opfern wahrscheinlich noch höher.

Im letzten Jahr wurden laut der Datenbank insgesamt 1108 Menschen von der Polizei getötet. Wenn die bisherige Rate von 98 Opfern im Monat anhält, dann ist in diesem Jahr die Rekordzahl von 1200 Toten zu erwarten.

Das tausendste Opfer der Polizei war 2015 der 28-jährige Matthew Stephen Colligan, dessen Auto bei einer Verfolgungsjagd in Klamath County, Oregon von einem schweren Polizeitruck gerammt wurde. Colligan, ein Weißer, starb an den Folgen der Verletzungen, die er bei dem Zusammenstoß erlitten hatte.

Am Dienstag starb der sechsjährige Jeremy Mardis Marksville aus Louisiana als 1002. Person. Er wurde mehrfach von Kugeln getroffen, unter anderem einmal in den Kopf. Die Polizei beendete eine Hochgeschwindigkeitsjagd auf ein Fahrzeug, in dem er mitfuhr, mit einem Kugelhagel.

In einem Artikel der örtlichen Zeitung hieß es, der Polizeichef von Avoyelles, Dr. L.J. Mayeux habe gesagt, „Ortspolizisten hätten [Mardis’ Vater, Chris] Few verfolgt, um einen Haftbefehl zu vollstrecken. Der Polizeichef sagte, Few sei in eine Sackgasse geraten und rückwärts auf die Polizisten zugerast, woraufhin diese geschossen hätten. Der Polizeichef sagte, der Junge sei in die Schussbahn geraten und dabei getötet worden.“ Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Few bewaffnet war oder eine Gefahr für die Polizisten dargestellt habe.

Von den 95 Personen, die im Oktober getötet wurden, starben 71 an Schusswunden.

Am 3. Oktober beantworteten zwei Polizisten eine Bierflasche, die gegen die Rückscheibe ihres Streifenwagens geworfen wurde, mit Schüssen auf einen in der Nähe entlanggehenden Mann und töteten ihn. Sie behaupteten der Mann habe ein „unbekanntes schwarzes Objekt“ in der Hand gehalten. Das sei aber vom Regen fortgespült und nie gefunden worden.

Am 20. Oktober schoss ein Polizist in Boynton Beach in Florida Corey Jones, einen 31-jährigen Musiker aus dem Ort, nieder, als dieser auf einen Abschleppwagen wartete. Der Zivilpolizist, der in einem zivilen Auto unterwegs war, jagte Jones zehn Meter von seinem Auto weg, bevor er ihn erschoss. Jones’ Familie zufolge hatte der junge Mann vermutlich keine Ahnung, dass der Mann ein Polizist war und dachte wohl, er werde überfallen.

Eine Statistik des Guardian kommt auf der Grundlage einer anderen Zählweise für dieses Jahr auf 964 Polizeimorde. 443 Opfer waren Weiße, 232 Schwarze und 144 Hispanics. Die Zeitung schreibt, dass 190 der Getöteten unbewaffnet gewesen seien und dass weniger als die Hälfte eine Schusswaffe besessen hätten. Siebzehn von ihnen waren jünger als achtzehn Jahre.

Kaltblütig mordende Polizisten werden weiterhin vom Justizsystem gedeckt. Am 27.Oktober erklärte eine örtliche Staatsanwältin in South Carolina, sie werde keine Anklage gegen den Polizisten erheben, der den unbewaffneten Teenager Zachary Hammond am 26. Juli ermordet hatte. Gleichzeitig mit der Ankündigung gab sie ein Video des Mordes frei, das deutlich zeigt, dass entgegen den Behauptungen des Polizisten Hammond keinerlei Gefahr für den Polizeibeamten darstellte und von ihm wegfuhr, als er erschossen wurde.

So genannte „Killercops“ werden von allen Ebenen des Staates geschützt, von örtlichen Staatsanwälten über Staatsbeamte bis hin zum Weißen Haus. Auch wenn sie Sympathie mit den Opfern von Polizeigewalt heuchelt, hat sich die Obama-Regierung in jedem Fall von Gewaltanwendung, der vor den Obersten Gerichtshof kam, auf die Seite der Polizei gestellt.

Trotz der breiten Opposition in der Bevölkerung gegen den Einsatz der militarisierten Polizei und der Nationalgarde gegen friedliche Demonstranten in Ferguson, Missouri, bestand das Weiße Haus darauf, das Programm der Regierung weiterzuführen, die örtlichen Sheriff-Departements mit militärischer Hardware im Wert von Milliarden Dollar auszurüsten.

In einer Rede vor Polizeichefs in Chicago prahlte Obama letzte Woche damit, wieviel Geld für die Militarisierung der Polizei ausgegeben werde. Er erklärte: „Wir unterstützen die Polizeibehörden im ganzen Land und sorgen dafür, dass sie die Ausrüstung bekommen, die sie benötigen.“

Zuvor hatte sich FBI-Direktor James Comey geäußert. Er sagte, die wachsende Opposition gegen Polizeigewalt und die umfangreichere Berichterstattung in den Medien über Fehlverhalten der Polizei führe zu mehr Gewalttaten. Damit setzte er die Kritik an der Polizei mit der Anstiftung zu Straftaten gleich.

Obwohl Comeys Bemerkungen den Bemühungen des Weißen Hauses zuwiderlaufen, Sympathie für Demonstrationen gegen Polizeigewalt zu heucheln, bekräftigte der Pressesprecher des Weißen Hauses, Josh Earnest, dass Comey das volle Vertrauen und die Unterstützung des Präsidenten genieße. Obama selbst kritisierte die Medien, weil sie „die Berichte über Polizeigewalt aufbauschen“, anstatt die Polizei in günstigem Licht erscheinen zu lassen.

Seit der Tötung des unbewaffneten Teenagers Michael Brown im August 2014 haben Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende an Demonstrationen gegen Polizeigewalt teilgenommen. Nichtsdestoweniger sind die Polizeimorde unvermindert weitergegangen und das politische Establishment verteidigt die Killercops nach wie vor.

Dies macht klar, dass die tagtägliche mörderische Gewalt der Polizei gegen Arbeiter und Jugendliche Ausdruck eines tieferliegenden gesellschaftlichen Problems ist. Die Polizei führt sich in Arbeitervierteln im ganzen Land wie eine Besatzungsmacht auf. Sie betrachtet die Arbeiterbevölkerung im Wesentlichen nicht anders, als das amerikanische Militär die Einwohner Bagdads während der Besetzung des Irak.

Die Zunahme von Polizeigewalt und der Angriff auf demokratische Rechte im Allgemeinen sind ein Ausdruck davon, dass die Finanzelite, die die amerikanische Gesellschaft beherrscht, unter den Bedingungen wachsender sozialer Ungleichheit systematisch ihre Polizeikräfte bis an die Zähne bewaffnet, um Opposition und Unruhen niederzuhalten.