Globaler Börsensturz hält an

Von Nick Beams
12. Januar 2016

Die Börsen haben weltweit den schlechtesten Jahresauftakt seit zwei Jahrzehnten erlebt. Sie leiden unter dem Zustand der chinesischen Wirtschaft, dem Kurs des Renminbi und der Politik der chinesischen Finanzbehörden. In nur einer Woche wurden Börsenwerte von mehr als 2,3 Billionen Dollar vernichtet.

Die Märkte in den USA erlebten ihre schlimmste erste Jahreswoche überhaupt. Aktien verloren am Freitag etwa ein Prozent, nachdem sie in Japan und Europa ebenfalls gefallen waren. Der deutsche Dax meldete die stärksten Verluste seit 2011.

Der Dow Jones verlor in der Woche 6,19 Prozent und der S&P 500 fast sechs Prozent. Betroffen waren alle sechs Abteilungen des Index. Der Technikindex Nasdaq verlor über sieben Prozent.

Der anhaltende Verfall wurde auch nicht dadurch gestoppt, dass die Arbeitslosenzahlen in den USA besser als erwartet waren. Im vergangenen Monat wurden zusätzlich 292.000 Arbeitsplätze geschaffen. Auch der chinesische Markt erholte sich leicht, nachdem der Handel letzte Woche zweimal ausgesetzt worden war, weil die Aktienkurse um mehr als sieben Prozent gefallen waren. Dadurch wurden automatische Sicherungsmechanismen ausgelöst.

Als Experten kritisierten, dass diese Mechanismen eher zur Marktinstabilität beitrügen, als dass sie diese beseitigten, hoben die Finanzbehörden sie am Freitag wieder auf, was zu einer leichten Erholung der Aktienpreise führte. Ein weiterer Schritt zur Stabilisierung der chinesischen Währung, des Renminbi, war der Erlass von Richtlinien durch die Devisenregulierer, die den Kauf von Dollars durch Konzerne und Privatpersonen einschränkten.

Der Wert des Renminbi ging in der Woche um 0,8 Prozent zurück. Das war der größte Wertverlust, seit die chinesische Volksbank im vergangenen August überraschend für einen Kursverlust gesorgt hatte. Der Kapitalabfluss aus China erreichte im Dezember 108 Milliarden Dollar.

Die Financial Times fasste die Ereignisse der Woche so zusammen: „Wenn irgendeine Lehre aus den vergangenen sechs Monaten gezogen werden kann, dann die, dass ein Schluckauf der chinesischen Wirtschaft von der übrigen Welt nicht ignoriert werden kann. Die Frage ist nur, ob die Folge in einem leichten Kräuseln oder in einer Springflut besteht.“

In dem Artikel hieß es, China habe eine enorme Bedeutung für das globale Bruttoinlandsprodukt. Deshalb werde der Rückgang der chinesischen Wachstumsrate von mehr als zehn Prozent in 2010 auf gerade 6,3 Prozent im vergangenen Jahr das Wachstum der Weltwirtschaft um etwa 0,75 Prozent absenken.

Wie der Chefökonom des Internationalen Währungsfond, Maurice Obstfeld, voraussagt, ist die Wirkung viel größer, als es die unmittelbare Einrechnung der achtzehn Prozent, die China zur Weltwirtschaft beiträgt, vermuten lässt. „Die globalen Auswirkungen der verringerten Wachstumsrate der chinesischen Wirtschaft sind viel größer, als wir erwartet hätten“, sagte Obstfeld.

Das liegt daran, dass China am Ende mehrerer integrierter Lieferketten steht, zu denen die Länder Südostasiens, Japan und Korea gehören.

Ein Maßstab für die Auswirkungen des zurückgehenden Wachstums ist der Rückgang chinesischer Importe. Sie gingen in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres um fünfzehn Prozent zurück. Alle wichtigen Handelspartner Chinas hatten mit einem Auftragsrückgang zu kämpfen, außer Vietnam und Kanada.

Viele befürchten außerdem, dass Chinas reales Wachstum wesentlich niedriger ist, als die offiziellen Zahlen angeben. Einige Schätzungen sehen es näher bei vier Prozent.

Ein Artikel im Wall Street Journal vom Freitag wies auf die gedrückte Stimmung in einer der wichtigsten Industrieregionen Chinas hin.

„Unternehmensmanager im industriellen Herzstück Südost- und Ostchinas berichten über nachlassende Bestellungen und eine schlechte Zahlungsmoral. Diese Region liefert alles, von elektronischem Schnickschnack über Textilien bis hin zu Möbeln“, berichtet das Wall Street Journal. „Chinas traditionelle Wirtschaftslokomotiven, wie die Stahlindustrie, Zement und Glas, leiden unter Überkapazitäten, die in den Boom-Jahren aufgebaut wurden.“ Einem Manager zufolge, der in dem Artikel zitiert wird, gibt es keine Statistiken, die Mut machen.

Zweifellos spielen all diese Faktoren eine Rolle: Die Wachstumsraten gehen zurück, ein Wertverlust des Renminbi droht, die Regierungs-Statistiken sind unglaubwürdig und die immer neuen Entscheidungen der chinesischen Behörden haben einen destabilisierenden Effekt. Aber es geht um mehr als nur den aktuellen Zustand der chinesischen Wirtschaft.

Der Kolumnist der Financial Times, John Authers, merkte an, dass „die chinesischen Märkte die Welt erschüttern“, aber wie schon in der Vergangenheit „sagt das mehr über die schwachen Nerven der übrigen Welt aus, als über China“.

Authers wies auf die „größte Furcht im Westen hin: die Deflation“. Sie verhindere, dass die Unternehmen ihre Profite halten, geschweige denn erhöhen könnten. Die Zentralbanken kämpften verzweifelt gegen diese schlechten Aussichten, „und alles was das Problem zu verschärfen droht, ist sehr gefährlich“.

Authers zufolge beweise „die heftige Reaktion auf die chinesischen Ereignisse der letzten Woche das mangelnde Vertrauen in die Gesundheit der westlichen Wirtschaft“.

Er zog Parallelen zu den Ereignissen im Februar 2007, als ein Absturz des Schanghai-Index um neun Prozent einen heftigen Kurssturz an der Wall Street auslöste. Dieser Kurssturz zeigte damals angesichts wachsender Sorgen um den Subprime-Hypothekenmarkt das Ende der „Großen Ruhe“ an, als die Marktvolatilität relativ gering gewesen war.

Auch der Multimilliardär George Soros zog einen Vergleich zwischen der heutigen Situation und den Ereignissen, die zu der globalen Finanzkrise führten. In einer Rede in Sri Lanka letzte Woche sagte er: „Es gibt ernste Probleme, die mich an die Krise von 2008 erinnern.“

Es ist nicht klar, wo die Ereignisse hinführen. Allerdings wurde die Verschuldung der Wirtschaft in den USA, wo die Federal Reserve Billionen Dollar in das Finanzsystem geschleust hat, dazu genutzt, eine spekulative Aktienblase zu finanzieren. Auch in den aufstrebenden Märkten hat die Verschuldung der Wirtschaft in den letzten vier Jahren rapide zugenommen. Das hat die Bedingungen für eine weitere große Finanzkrise geschaffen.