Wall Street Kurse fallen wegen globaler Wachstumsschwäche

Von Nick Beams
2. Februar 2016

Die Wall Street rutschte am Mittwoch stark ab, obwohl die amerikanische Notenbank Federal Reserve das Zinsniveau nach der Anhebung um 25 Basispunkte im Dezember auf niedrigem Niveau beließ.

Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Fed von ihrer Absicht abgerückt sei, in diesem Jahr vier Zinserhöhungen vorzunehmen. Weil große amerikanische Konzerne Gewinneinbrüche verzeichnen, ist die Entscheidung der Fed vom Dezember stark in die Kritik geraten. Allgemein scheint die Meinung vorzuherrschen, die Fed habe nicht stark genug darauf hingewiesen, dass die Geldpolitik zu Beginn des Jahres wieder gelockert werde, sollten die Finanzmärkte sich verschlechtern.

Morgan Stanley zufolge hat die Liquiditätsverknappung dieses Jahr infolge der Marktturbulenzen schon die gleiche Wirkung erzeugt wie vier Zinserhöhungen.

Vor der Bekanntgabe der Entscheidung der Fed bewegte sich der Markt leicht im positiven Bereich, stürzte dann jedoch ab und schloss mit einem Verlust von 222 Punkten. In den letzten beiden Handelsstunden war er zwischenzeitlich sogar um 290 Punkte gefallen. Der breiter aufgestellte S&P 500 Index fiel um 1,09 Prozent, und der Nasdaq um 2,18 Prozent.

Ein Auslöser der Verkaufswelle könnte die Erläuterung zur Entscheidung der Fed gewesen sein. Darin heißt es, dass „das Wirtschaftswachstum gegen Ende des letzten Jahres abgenommen“ habe. Die Fed beobachte „die globale Wirtschafts- und Finanzentwicklung“ genau und prüfe „die Folgen für den Arbeitsmarkt und für die Balance zwischen Chancen und Risiken“.

Nach Angaben von Jia Liu, einem Mitarbeiter am amerikanischen Institut für Wirtschaftsforschung, belegt die Erklärung der Fed, dass sich politische Entscheidungsträger „Sorgen über die Auswirkungen einer schwachen globalen Wirtschaft machen. Im Moment reagieren die Märkte auf jede Art Nachrichten sehr empfindlich.“

Die scharfen Rezessionstendenzen in der globalen Wirtschaft, die für den jüngsten Rückgang der Märkte verantwortlich sind, bestimmten auch den Kurs einiger bedeutender Aktien.

Der Flugzeughersteller Boeing und der Hightech-Konzern Apple trugen alleine 120 Punkte zum Absturz des Dow Jones bei. Boeing ging mit einem Minus von 8,93 Prozent aus dem Markt. Das war der schlimmste Tag für die Firma seit dem 29. Oktober 2001.

Dem Absturz der Boeing-Aktie ging die Ankündigung voraus, dass der Konzern dieses Jahr wahrscheinlich weniger Passagierflugzeuge ausliefern werde als 2015. Nur Tage zuvor hatte die Firma bekanntgegeben, die Produktion des Jumbo Jet 747 dieses Jahr auf nur sechs Flugzeuge zurückzufahren, weil das Frachtaufkommen in der Luftfahrt zurückgehe. Dieser Jumbo Jet war lange Zeit das Rückgrat der Boeing-Flotte. Diese Anzeichen weisen auf einen Handelsrückgang hin und bezeichnen einen wichtigen Trend in der globalen Wirtschaft.

Die Apple-Aktie, nach Marktkapitalisierung die wertvollste Firma der Welt, brach um 6,55 Prozent ein. Es war ihr schlechtester Tag seit zwei Jahren. Die Firma prognostizierte, dass der Verkauf ihres wichtigen Produkts, des iPhone, im März-Quartal zurückgehen werde. Es ist der erste Rückgang seit Einführung des Produkts im Jahr 2007.

In einem Brief an Investoren schrieb Apple Boss Tim Cook, aufgrund schlechter internationaler Bedingungen würden die Verkäufe von iPhones im März-Quartal auf 50 bis 53 Milliarden Dollar zurückgehen. Grund ist vor allem die Unsicherheit in China sowie an den Währungs- und Finanzmärkten im Allgemeinen.

Cook erklärte, die Firma bewege sich in einem „dramatisch veränderten Umfeld“ im Vergleich mit dem zweiten Fiskalquartal. „Die Lage ist extrem, egal wo wir hinschauen. Wir haben so etwas noch nicht erlebt.“

Die Verkäufe im vierten Quartal 2015 stiegen nur um zwei Prozent an. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 30 Prozent gewesen.

Apple Finanzvorstand Lua Maestri wies auf den Rückgang der Rohstoffpreise hin. Der Rückgang der Ölpreise ist dabei nur das auffälligste Phänomen. „Wenn man an alle von Rohstoffen abhängigen Volkswirtschaften denkt, zum Beispiel an Brasilien, Russland und andere aufstrebende Märkte, aber auch an Kanada und Australien unter den entwickelten Märkten, dann ist die Wirtschaft deutlich schwächer als vor einem Jahr“, sagte er.

Dieses Jahr ist die Entwicklung der Ölpreise und die Bewegung der Aktienmärkte fast parallel verlaufen. Der Fall des Ölpreises auf heute circa dreißig Dollar pro Fass hat Auswirkungen auf die Märkte in zwei Schlüsselsektoren: der Finanzwirtschaft und der Industrie.

Auf den Finanzmärkten wächst die Sorge um die Hochzins- oder Schrottanleihen. Bei diesen steht die Nachhaltigkeit der Kredite in Frage, die zu Zeiten von hohen Ölpreisen von etwa hundert Dollar aufgenommen wurden. US-amerikanische Energiekonzerne, die offenbar stark unter Druck stehen, sollen etwa zwanzig Prozent des Hochzinsanleihemarkts ausmachen. Dabei geht es um Unternehmen, deren Anleihen Zinssätze aufweisen, die sieben bis zehn Prozent höher liegen als vergleichbare Staatsanleihen.

Auch Banken könnten betroffen sein, wenn sie Abschreibungen auf Kredite machen müssen, die sie an Ölfirmen vergeben haben. Selbst große Finanzhäuser wie Wells Fargo, Bank of America und JPMorgan Chase haben sich schon sorgenvoll über diese Möglichkeit geäußert. Kleinere regionale Banken könnten demzufolge noch größere Probleme haben.

Fallende Ölpreise drücken nicht nur die allgemeine Tendenz zu niedrigerem Wachstum und sogar Rezession aus. Sie treffen auch große Industriekonzerne unmittelbar, die Ölförderkonzerne ausrüsten.

Mit einem Aufschwung rechnet zurzeit niemand. Die Weltbank sagte diese Woche voraus, dass der durchschnittliche Ölpreis sich dieses Jahr auf 37 Dollar pro Fass einpendeln werde. Noch vor drei Monaten hatte sie mit 52 Dollar gerechnet.

Auch wenn die Lehrmeinung immer noch dahin geht, dass fallende Ölpreise „langfristig“ der globalen Wirtschaft angeblich nützen, verursacht ihr Fall ganz akut Chaos in den aufstrebenden Märkten, die stark vom Export von Öl und anderen Rohstoffen abhängig sind.

Vertreter des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank wollen nach Baku reisen, der Hauptstadt des ölexportierenden Aserbeidschans, um dort über einen vier Milliarden Dollar Kredit zu verhandeln.

In der nächsten Zeit wird die Weltbank wahrscheinlich mehrere solche Schritte unternehmen müssen. Aserbeidschan zieht 95 Prozent seiner Exporteinnahmen aus der Ausfuhr von Öl und Gas. In der letzten Zeit gab es Proteste gegen die Regierung von Präsident Alijew. Seit Ende Dezember ist der Wert der Landeswährung um 35 Prozent gefallen, als die Regierung ihre Bindung an den US-Dollar aufhob. Die Währungsreserven, die diese Bindung erforderte, waren rapide zurückgegangen.

Der Abschwung hat schon mehrere aufstrebende Länder erfasst, die von Rohstofferlösen abhängig sind. Das könnte schwerwiegende Folgen für das globale Finanzsystem haben.

Oxford Economics warnte Investoren: „Dies sind schwere Zeiten für Ölproduzenten und ihre Gläubiger. Die Geschichte liefert Grund für extremen Pessimismus in die wirtschaftlichen Aussichten für Rohstofflieferanten.“ Aufstrebende Märkte könnten zahlungsunfähig werden. Der Zusammenbruch von Rohstoffpreisen ist vielleicht die größte Ursache von Zahlungsausfällen.“

Solche Ereignisse hätten schwerwiegende internationale Konsequenzen.

Man denke nur an die Zahlungsunfähigkeit von Russland 1998, die zum Bankrott von Long Term Capital Management in den USA führte und das Eingreifen der New York Federal Reserve notwendig machte. Das war vor mehr als siebzehn Jahren. Heute sind die globalen Finanzmärkte noch wesentlich stärker integriert als damals.