Italienischer Student Giulio Regeni in Ägypten zu Tode gefoltert

Von Johannes Stern
17. Februar 2016

Am Freitag wurde der in Ägypten tot aufgefundene italienische Student und Journalist Giulio Regeni in seiner Heimatstadt Fiumicello unter großer Anteilnahme beerdigt. Seitdem verdichten sich die Hinweise, dass Regeni von der vom Westen unterstützten ägyptischen Militärjunta auf bestialische Art und Weise zu Tote gefoltert wurde.

Reuters berichtete am Samstag, dass Regenis Leiche „sieben gebrochene Rippen, Zeichen von Stromschlägen am Penis, schwere Verletzungen am ganzen Körper und eine Hirnblutung“ aufgewiesen habe. Dies gehe aus Informationen eines Mitarbeiters der forensischen Behörde hervor, die Regenis Leichnam untersucht hatte.

Einer „vertrauenswürdigen Quelle“ zufolge sei Regenis Körper mit „Schnitten von einem scharfen Gegenstand“, vermutlich einer Rasierklinge, übersät gewesen. Weiterhin sei Regeni mit einem Stock angegriffen sowie geschlagen und getreten worden.

Zuvor hatte bereits Spiegel Online von Obduktionsergebnissen berichtet, die „grausige Ergebnisse zutage geführt“ hätten. „Offenbar wurde Regeni vor seinem Tod systematisch gefoltert. Seine Peiniger schnitten Regeni die Ohren ab, rissen Finger- und Fußnägel heraus. Sein Körper war übersät mit Brandmalen und Schnittwunden, unter anderem hatte man ihm Oberarmknochen und Schulterblätter gebrochen“, schrieb das Nachrichtenmagazin am Wochenende.

Der italienische Innenminister Angelino Alfano sprach mit Verweis auf eine zweite Autopsie in Italien von „unmenschlicher, animalischer, inakzeptabler Gewalt“, die dem Opfer zugefügt worden sei.

Was ist über die Hintergründe von Regenis qualvollem Foltertod bekannt?

Berichten zufolge verließ Regeni am 25. Januar gegen 20 Uhr seine Wohnung im Kairoer Stadtteil Dokki. Sein Ziel: eine Geburtstagsfeier in der Nähe des Tahrir-Platzes in Downtown Kairo. Dort kam der 28-jährige Italiener jedoch nie an. Stattdessen fand ein Taxifahrer am 3. Februar Regenis Leiche am Rande der Schnellstraße zwischen Kairo und Alexandria. Angeblich war er zufällig den halbnackten Leichnam aufmerksam geworden, weil das Taxi genau an dieser Stelle eine Panne hatte. Der Fund erfolgte allerdings nur kurz, nachdem sich die italienische Regierung unter wachsendem öffentlichen Druck persönlich an den ägyptischen Militärdiktator General Abdel Fattah al-Sisi gewandt hatte, die Suche nach Regeni zu unterstützen.

Schließlich willigte das ägyptische Militärregime nach der Einbestellung des ägyptischen Botschafters in Rom zwar ein, den Leichnam obduzieren zu lassen, leugnet aber seitdem jede Verstrickung in den Tod Regenis. Am Montag wies ein Sprecher des ägyptischen Innenministeriums „Berichte in westlichen Medien“ zurück, dass Regeni „vor seinem Tode von ägyptischen Sicherheitskräften festgenommen worden ist“. Zuvor hatte Innenminister Magdi Abdel Ghaffar bestritten, dass Regeni jemals in den Händen der Behörden war und behauptet: „Solche Verbrechen sind niemals mit dem Sicherheitsapparat in Verbindung gebracht worden.“

Tatsächlich sprechen viele Indizien dafür, dass Sicherheitskräfte der Junta Regeni aus politischen Gründen überfielen und zu Tode folterten.

Regeni verschwand am fünften Jahrestag der ägyptischen Revolution gegen den langjährigen Diktator Husni Mubarak. An diesem Tag waren in der Innenstadt von Kairo tausende schwer bewaffneten Sicherheitsbeamte und Polizisten in Uniform und Zivil postiert, um sicherzustellen, dass die ägyptischen Massen nicht erneut auf die Straße gehen, um gegen die konterrevolutionäre Militärjunta zu demonstrieren. Allein dieses massive Sicherheitsaufgebot lässt es als nahezu unmöglich erscheinen, dass Regeni Kriminellen zum Opfer fiel.

Die New York Times berichtete am Freitag gestützt auf die Aussage von Augenzeugen, dass Regeni „von zwei Männern abgeführt wurde, die wie Sicherheitsagenten aussahen“. Außerdem hätten „drei Sicherheitsbeamte gesagt, dass Regeni in Polizeigewahrsam genommen worden sei“.

Laut dem italienischen Il Corriere Della Sera berichtete ein Straßenverkäufer italienischen Untersuchungsbeamten, ägyptische Sicherheitskräfte in Zivil hätten Regeni am Abend seines Verschwindens am Ausgang einer U-Bahn-Station „mitgenommen“. Regeni sei um seine Sicherheit besorgt gewesen, nachdem er am 11. Dezember von einem unbekannten Beobachter auf einem gemeinsame Treffen mit Wissenschaftlern fotografiert worden sei.

Als Doktorand an der Universität von Cambridge forschte Regeni zur Rolle der unabhängigen Gewerkschaften in Ägypten. Unter Pseudonym schrieb er auch Artikel für die italienische Tageszeitung Il Manifesto, die Rifonazione Comunista nahesteht. Spiegel Online vermutet, dass der „der Nachwuchswissenschaftler wegen seiner Arbeit Kontakte zu Personen [pflegte], die der Sicherheitsrat im Visier hat“.

Die unabhängigen Gewerkschaften und die pseudolinken Organisationen in Ägypten hatten im Juli 2013 den blutigen Putsch gegen den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi und die Muslimbruderschaft unterstützt. Der damalige Präsident der Ägyptischen Föderation Unabhängiger Gewerkschaften (EFITU), Kamal Abu Eita, trat sogar als Arbeitsminister in die Putschregierung ein und unterstützte die Unterdrückung von Protesten und Streiks. Unter Bedingungen, unter denen die wachsende soziale Ungleichheit und die Unterdrückungsmaßnahmen der Junta einen neuen revolutionären Aufstand der Arbeiter auszulösen drohen, gab es in der letzten Zeit von Teilen der „unabhängigen“ Gewerkschaftsbewegung jedoch Kritik an den Terrormethoden al-Sisis.

Die Botschaft, die der Mord an Regeni aussenden soll, ist klar: Jeder, der es in Ägypten wagt, das Regime auch nur zu kritisieren, muss damit rechnen, verschleppt und zu Tote gefoltert zu werden, selbst wenn er Ausländer ist.

Das Schicksal Regenis ist dabei nur die Spitze des Eisbergs. Bereits Mitte 2014 waren laut Amnesty International 41.000 politische Gefangene in den Folterkellern des Landes verschwunden. Seither gibt es keine verlässlichen Zahlen mehr. Nach wie vor verschwinden täglich Ägypter ohne Anklage oder werden in Schauprozessen Prozess vor Militärtribunalen verurteilt. In den letzten Wochen sind die Zahlen weiter gestiegen. Menschenrechtsaktivisten zufolge sind zwischen April und Juni 163 Menschen gewaltsam verschleppt worden. Zwischen August und November waren es 340 und allein im Januar diesen Jahres 66, wobei es in 42 Fällen zu Folter kam.

Obwohl das konterrevolutionäre Terrorregime al-Sisis Mubaraks Diktatur weit in den Schatten stellt, schweigen sich die westlichen Regierungen, die in Syrien „Menschenrechtsverletzungen“ durch Assad und Putin anprangern, über den Mord an Regeni weitgehend aus. Das hat vor allem zwei Gründe. Sie sehen die ägyptische Junta als Bollwerk gegen einen möglichen erneuten Aufstand der ägyptischen Arbeiter und kooperieren gleichzeitig eng mit al-Sisi, um ihre wirtschaftlichen und geostrategischen Interessen in der Region durchzusetzen. Im letzten Jahr rollten unter anderem Berlin, London und Paris dem ägyptischen Diktator den roten Teppich aus.

Außerdem greifen die westlichen „Demokratien“ selbst zunehmend auf al-Sisis Methoden zurück, um den wachsenden Widerstand der eigenen Bevölkerung gegen die unpopuläre Spar- und Kriegspolitik zu unterdrücken. Deutlich sichtbar wurde das bereits im vergangenen Juni, als deutsche Polizeibehörden in enger Zusammenarbeit mit den ägyptischen Sicherheitsbehörden den ägyptischen Journalisten Ahmed Mansour auf dem Flughafen Berlin-Tegel verhafteten.

Gegenwärtig nutzt die Hollande-Regierung den Ausnahmezustand in Frankreich, um einen Polizeistaat nach ägyptischem Vorbild aufzubauen. Laut einem Bericht von Human Rights Watch führten Sondereinheiten der Polizei in den vergangenen Wochen mindestens 3289 Razzien durch, verschafften sich dabei gewaltsam Zugang zu Wohnungen und Gebäuden, attackierten Bewohner, legten ihnen Handschellen an und schlugen sie. Nur wenige Stunden nach den Anschlägen vom 13. November hatten al-Sisi und Hollande in einem gemeinsamen Telefongespräch über „den Kampf gegen den Terrorismus“ diskutiert