Deutsche Bank in der Krise

Von Gustav Kemper
20. Februar 2016

Nach einem Rekordverlust von 6,8 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2015 stürzte der Kurs der Aktie der Deutschen Bank in den ersten Wochen des Jahres 2016 um 35 Prozent ab und erreichte damit den tiefsten Stand seit 2008. Zum Vergleich: Selbst im Jahr der Finanzkrise 2008 hatte der Verlust der Bank „nur“ 3,9 Milliarden Euro betragen. Der Wert der Aktie, der einmal bei über 100 Euro lag, bewegt sich derzeit zwischen 13 und 16 Euro.

Angesichts stark sinkender Kurse auch anderer europäischer Banken melden führende Wirtschaftszeitungen „Panik an den Märkten“, „die Rückkehr der Angst“ und fragen, ob die Weltwirtschaft „vor dem nächsten Crash“ stehe.

Um die Gemüter zu beruhigen, beteuerte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, John Cryan, in einem öffentlichen Brief an die Beschäftigten, dass „die Deutsche Bank angesichts ihrer Kapitalstärke und ihrer Risikoposition absolut grundsolide“ sei, und Finanzminister Wolfgang Schäuble versicherte dem amerikanischen Wirtschaftssender Bloomberg TV, dass ihm die Deutsche Bank „keine Sorge“ bereite.

Die Beteuerungen hatten die entgegengesetzte Wirkung. Allein dass Cryan eine solche Äußerung machte, wurde als Zeichen der Schwäche gedeutet. Es wurden Vergleiche zur Finanzkrise 2007 laut, als die US-Bank Bear Stearns versichert hatte, Gerüchte über Liquiditätsprobleme seien „absolut unwahr“, und vier Tage von JP Morgan Chase übernommen werden musste, um einen Totalverlust zu vermeiden.

Deutsche Bank und deutscher Staat

Die Deutsche Bank war zwar trotz ihres Namens stets eine reine Privatbank. Doch ihre Geschichte ist eng mit dem Aufstieg Deutschlands zur wirtschaftlichen und politischen Großmacht und allen damit zusammenhängenden Problemen, Krisen und Verbrechen verbunden. Seit Gründung der Bank im März 1870 waren nationale und Bankinteressen deckungsgleich. Im Gründungsaufruf setzte sich die Bank das Ziel, „endlich Deutschland auf dem Felde der finanziellen Vermittelung eine Stellung zu erobern...“. Damit war der Grundstein gelegt für die Finanzierung imperialistischer Expansion in Asien, Afrika und Südamerika.

Neben der internationalen Expansion finanzierte die Deutsche Bank führende deutsche Industriebetriebe wie Krupp, Siemens, Mannesmann, Bayer, BASF, AEG, Thyssen sowie verschiedene Bergbaukonzerne. Unter ihrer Kontrolle wurde in den 20er Jahren der Zusammenschluss der Firmen Daimler und Benz betrieben, ebenso der Zusammenschluss von Aero Lloyd und Junkers zur Lufthansa. Ihre Direktoren und Vorstände waren in zahlreichen Aufsichtsräten vertreten.

Hermann Josef Abs, dessen Karriere in der Deutschen Bank unter den Nazis mit der „Arisierung“ Hunderter jüdischer Firmen und Privatvermögen sowie der Finanzierung der Rüstungsindustrie begonnen hatte, betrieb nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Bank in zehn kleinere Regionalbanken zerschlagen wurde, zielstrebig ihre Rezentralisierung. Die wachsende Exportwirtschaft drängte auf eine starke Bank, was in der Gründung der Deutsche Bank AG mit Sitz in Frankfurt am Main im Januar 1957 resultierte.

Die Deutsche Bank bemühte sich, in allen wichtigen Konzernen einen Aktienanteil von mindestens 25 Prozent zu erwerben, da die Einnahmen aus Dividendenzahlungen dann steuerfrei blieben. Wie auch andere Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank, war Abs zeitweilig in 30 Aufsichtsräten der Industrie vertreten.

Die enge Verflechtung von Banken- und Konzernvorständen, die sich gegenseitig kontrollierten und schützten, wurde zum Markenzeichen des „Rheinischen Kapitalismus“. Er zeichnete sich dadurch aus, dass eher die Banken als die Börsen das Finanzgeschehen bestimmten und eine Machtbalance zwischen Aktionären und Vorständen bestand. Auch die Gewerkschaften wurden über die betriebliche Mitbestimmung in dieses Netzwerk einbezogen.

Von der Wirtschafts- zur Spekulationsbank

Die Globalisierung und Finanzialisierung des Weltmarktes seit Mitte der 70er Jahre entzog diesem Geschäftsmodell die Grundlage. Um auf den rasch expandierenden Finanzmärkten mithalten zu können, wo die großen Profite gemacht wurden, mussten auch die deutschen Banken ihre Symbiose mit den Industrieunternehmen lockern und ins internationale Spekulationsgeschäft einsteigen. Die Deutsche Bank spielte auch hier die Vorreiterrolle.

Mit der Übernahme der Londoner Investmentbank Morgan Grenfell 1992 und sowie der New Yorker Vermögensverwaltungsgesellschaft Bankers Trust im Jahre 1999 versuchte die Bank, zu den weit stärkeren Investmentbanken der Wall Street und Londons aufzuschließen. Der Versuch, die Dresdner Bank und ihre Investmenttochter Dresdner Kleinwort Benson (DKB) zu übernehmen scheiterte allerdings im April 2000 am Widerstand der Investmenttochter der Deutschen Bank in London, der Deutschen Asset Management.

Die internationale Expansion der Deutschen Bank war eng mit der Person des Schweizer Bankmanagers Josef Ackermanns verbunden, der von 2002 bis 2012 an ihrer Spitze stand und erstmals die kollektive Führung durch einen alleinberechtigten Vorstandsvorsitzenden ablöste. Unter ihm kannte die Hybris der Bank keine Grenzen. So verkündete er 2005 das Ziel, die Eigenkapitalrendite auf 25 Prozent zu steigern.

Trotz der Verlagerung der Bankentätigkeit auf die internationalen Finanzmärkte blieb der enge Draht zum Kanzleramt und zur deutschen Wirtschaft erhalten. Während der Bankenkrise 2008, als die Bundesregierung hunderte Milliarden für die Rettung der Banken flüssig machte, zählte Ackermann zu Merkels engsten Beratern. Im April 2008 lud sie ihn sogar ein, seinen 60. Geburtstag mit einem Festessen im Kanzleramt zu feiern.

Sowohl die Bundesregierung wie die deutsche Wirtschaft brauchen eine international tätige Großbank, um ihre imperialistischen Interessen voranzubringen. Als die Aktie der Deutschen Bank immer tiefer absackte, überwogen deshalb in der Wirtschaftspresse die Sorgen über die internationalen Auswirkungen die Angst vor den unmittelbaren Verlusten.

So schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung Anfang Februar: „Die deutschen Unternehmen wollen sich nicht nur auf amerikanische Investmentbanken verlassen. Bei Übernahmen im Ausland wollen sie einen verlässlichen Partner aus dem Heimatmarkt an ihrer Seite wissen. Diese Rolle können andere deutsche Banken wie die Commerzbank nicht übernehmen. Die deutsche Wirtschaft wünscht sich eine gesunde Deutsche Bank.“

In Industriekreisen ist die Sorge groß, dass ihr Auslandsaktivitäten durch die Krise der Deutschen Bank schaden nehmen könnten. „Die im Ausland stark engagierten deutschen Unternehmen brauchen eine große deutsche Bank, die ihnen den Zugang zu Märkten in Amerika oder Asien öffnen kann“, mahnt die F.A.Z. und zitiert den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Martin Wansleben: „Uns macht natürlich Sorgen, was da geschieht.“

Diese Sorgen werden noch gesteigert durch die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Europäischen Union. „Im Extremfall wird Europa zwischen den Global Playern USA, China und Russland zerrieben wie ein Stück Parmesan in der Käsereibe“, zitiert das Handelsblatt den Kapitalmarktexperten Robert Halver von der Baader Bank.

Kein Einzelfall

Während die Deutsche Bank zu den weltweit größten zählt, ist sie kein Einzelfall. „Es ist ein Illusion zu glauben, die Banken hätten die Krise von 2008 abgehakt“, schreibt der Spiegel in seiner letzten Ausgabe in einem Artikel zur Bankenkrise unter der Überschrift „Ein Funke genügt“.

Die gigantischen Summen, die die Zentralbanken im Rahmen ihrer Nullzinspolitik ins Finanzsystem pumpten, haben zwar einen sofortigen Kollaps der Finanzmärkte verhindert und die Aktienkurse vorübergehend stark in die Höhe getrieben. Doch die Ungleichgewichte der Weltwirtschaft, die gigantischen Finanzblasen und die zunehmende Verlagerung der Wirtschaftstätigkeit auf reine Finanz- und Spekulationsaktivitäten, die die Krise 2008 ausgelöst hatten, haben sich verschärft.

In Verbindung mit der einbrechenden Konjunktur in China und anderen Schwellenländern, fallenden Rohstoffpreisen, den politischen Auswirkungen der Kriege im Nahen Osten, der sich zuspitzenden Konfrontation zwischen den USA und China sowie der Krise der Europäischen Union droht nun das ganze Finanzsystem wieder wie ein Kartenhaus einzustürzen.

Vor allem das europäische Bankensystem steckt sich in einer tiefen Krise. So sind mehrere italienische Banken vom Bankrott bedroht. In Griechenland kann die Finanzkrise jederzeit wieder aufbrechen. In der Eurozone hat sich, so der Spiegel, das Volumen der faulen Kredite in den Banken seit 2008 mehr als verdoppelt, auf eine Billion Euro.

Auch die Konzentration und Vernetzung im Bankgewerbe hat weiter zugenommen und die Anfälligkeit des gesamten Finanzsystems erhöht. Eine Studie der ETH Zürich über den Machteinfluss zehntausender Transnationaler Unternehmen gelangte 2011 zum Schluss, dass 147 Unternehmen fast 40 Prozent aller monetären Werte transnationaler Konzerne (TNC) beherrschen.

Zu den mächtigsten dieser Unternehmen gehören die großen Banken der Wall Street, Londons und eine Handvoll europäische Banken, darunter auch die Deutsche Bank. Die Vernetzung des Bankensystems ist derart verzweigt, dass der Bankrott einer Bank reicht, um das ganze System zu Fall zu bringen.

Kriminelle Methoden

Ein weiterer Grund für die Krise der Deutschen Bank sind die kriminellen Methoden, mit denen sie und viele andere Banken in der Vergangenheit Geld gescheffelt und die Finanzkrise 2008 ausgelöst haben. Allein seit 2012 musste die Deutsche Bank deshalb etwa 12 Milliarden Euro Strafgelder zahlen.

Für weitere Gerichtsverfahren hat sie 4,8 Milliarden zur Seite gelegt. Dabei geht es im Russland-Geschäft um den Vorwurf der Geldwäsche und im Irangeschäft um den Verstoß gegen politische Sanktionen. In den USA laufen weitere Ermittlungen wegen Hypothekengeschäften vor der Finanzkrise und der Manipulation des Libor- und Euribor-Zinssatzes. Entschädigungszahlungen im Zusammenhang mit dem Bankrott des Kirch-Medienkonzerns werden die Bank etwa eine Milliarde Euro kosten.

Zur Zeit läuft außerdem ein Prozess gegen Mitarbeiter der Bank wegen „schwerer bandenmäßiger Steuerhinterziehung“ beim Handel mit CO2-Verschmutzungsrechten an.

Die Deutsche Bank ist auch stark an der riskanten Finanzierung von Energieunternehmen beteiligt, die durch den sinkenden Ölpreis in Schwierigkeiten bei der Bedienung von Zins- oder Kreditrückzahlungen geraten sind. Da das Volumen „notleidenden Kredite“ in den Bilanzen versteckt ist, kann niemand die Risiken abschätzen, denen die Bank ausgesetzt ist. Das betrifft nicht nur die Deutsche Bank, sondern viele europäische Finanzinstitute. Ein Indikator für die Größe der Risiken sind die Kreditausfallversicherungen, Credit Default Swaps (CDS), die bei wachsendem Risiko ansteigen. Seit Januar 2016 hat sich die Versicherungsprämie bei der Deutschen Bank mehr als verdoppelt.

Das sind, zusammengefasst, die Hauptgründe für die um sich greifende Angst vor Zusammenbrüchen und sporadische Panikverkäufe an den Börsen, die den Marktwert der Deutschen Bank innerhalb eines halben Jahres auf 20 Milliarden Euro halbiert haben.

„Die Anleger haben das Vertrauen nicht nur in die Deutsche Bank, sondern in alle europäischen Banken, möglicherweise sogar in das ganze Finanz- und Wirtschaftssystem verloren“, lautet das Fazit des Spiegels, „in ein System, das seit Jahren anfälliger wird, das sich von Krise zu Krise hangelt und jetzt so fragil wie selten zuvor ist.“