Arme sterben früher

Von Dietmar Henning
2. April 2016

Armut macht krank und führt zu einem frühzeitigen Tod. Das ist das Ergebnis von aktuellen Zahlen zur Lebenserwartung sowie des umfangreichen Gesundheitsreports des Robert-Koch-Instituts (RKI). Dieser belegt einmal mehr „den zentralen Einfluss des sozioökonomischen Status auf die Gesundheit der Bevölkerung“.

Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigen, dass die Lebenserwartung in Deutschland regional stark differiert. Sie liegt bundesweit bei Neugeborenen derzeit bei 78 Jahren für Männer bzw. 83 Jahren für Frauen.

Die statistisch geringste Lebenserwartung haben neu geborene Jungen in den Stadt- und Landkreisen Pirmasens (73,0 Jahre), Hof (73,5) und Emden (73,6), die höchste in Starnberg bei München (81,3), in München selbst (80,9), im Hochtaunuskreis bei Frankfurt (80,9) und in Böblingen bei Stuttgart (80,8).

Bei genauerer Betrachtung lässt sich ein eindeutiges Bild erkennen. Die Lebenserwartung liegt in einkommens- und strukturschwachen Regionen weit unter dem Durchschnitt. Die Landkarte der Lebenserwartung deckt sich mit der Landkarte der sozialen Ungleichheit. Vor allem im Ruhrgebiet, dem Saarland, in einigen Gegenden Bayerns und in weiten Teilen Ostdeutschlands finden sich Kreise und Städte mit widrigen Lebensverhältnissen, die zum frühzeitigen Tod führen.

So war Pirmasens einst für seine Schuhindustrie berühmt. Heute ist davon kaum etwas übrig. Hohe Arbeitslosigkeit und Armut prägen die Stadt. Das gleiche gilt für Hof in Bayern, wo nur noch ein winziger Rest der einstigen Textilindustrie übrig geblieben ist, für die ehemaligen Kohle- und Stahlstädte des Ruhrgebiets, für Emden in Ostfriesland sowie für weite Teile Ostdeutschlands.

Das Robert-Koch-Institut (RKI) beleuchtet auch die Ursachen der unterschiedlichen Sterblichkeit. Auf 516 Seiten fasst es im Auftrag der Bundesregierung alle aktuellen Studien zu dem Thema zusammen und erklärt, warum arme Männer knapp elf Jahre (10,8) früher sterben als wohlhabendere Männer. Bei Frauen ist der Unterschied geringer, beträgt aber immer noch 8,4 Jahre.

Neben der demografischen – die Bevölkerung Deutschlands wird älter und kleiner – bestimmt eine weitere Entwicklung das „Gesundheits- und Versorgungsgeschehen in Deutschland derzeit ganz wesentlich“ mit: „der starke Einfluss der sozialen Lage“.

„Bei vielen Erkrankungen kann ein deutlicher Einfluss der sozialen Lage beobachtet werden, besonders ausgeprägt bei Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und Diabetes“, schreiben die Forscher. So hätten Frauen mit niedrigem Einkommen nach einem Herzinfarkt eine um sieben Jahre niedrigere Lebenserwartung als Frauen in der hohen Einkommensgruppe.

Die ungleiche gesundheitliche Entwicklung im Zusammenhang mit dem Sozialstatus falle bereits im Kindes- und Jugendalter auf. Sie zeige sich insbesondere beim Gesundheitsverhalten und bei gesundheitlichen Risikofaktoren wie Übergewicht und Passivrauchbelastung sowie bei psychischen Auffälligkeiten. „So ist beispielsweise der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Risiko für eine psychische Auffälligkeit bei Familien mit niedrigem sozioökonomischem Status im Vergleich zu Familien mit hohem Sozialstatus deutlich erhöht.“

Über 29 % der 3- bis 17-jährigen Mädchen und 37 % der gleichaltrigen Jungen aus armen Familien zeigten psychische Auffälligkeiten. Im Vergleich dazu sind „nur“ 8 % der Mädchen und über 11 % der Jungen aus reicheren Familien betroffen. Auch der Anteil der Kinder und Jugendlichen, bei denen eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert wurde, sei in der niedrigen Statusgruppe am größten.

Diese Ungleichheit bei der Gesundheit zieht sich durchs gesamte Leben. „Wohnquartiere mit einem hohen Anteil sozial Benachteiligter sind häufig von schlechteren Lebensbedingungen und geringeren Gesundheitschancen geprägt.“ Sie befinden sich häufig an stark befahrenen Haupt- und Durchgangsstraßen.

„Die Arbeitswelt ist der Ort in der Gesellschaft, an dem sich soziale Unterschiede besonders stark manifestieren.“ Facharbeiterinnen und Facharbeiter geben bedeutend häufiger als Akademiker an, „durch ihre Arbeit gesundheitlich stark belastet zu sein“. Dementsprechend sind Arbeiter mit niedrigerem beruflichem Status häufiger krank als diejenigen mit hohem.

„Arbeitslose und Personen mit prekärer Arbeitsmarktanbindung, wie zum Bespiel geringfügig Beschäftigte, sind besonders häufig von Krankheiten und Gesundheitsproblemen betroffen.“ Arbeitslose seien beinahe doppelt so häufig krank gemeldet wie Erwerbstätige.

Noch deutlicher als der Zusammenhang zwischen Einkommen und Lebenserwartung ist der Zusammenhang zwischen Einkommen und „in Gesundheit verbrachten Lebensjahren“. Hier beträgt der Unterschied zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommensgruppe laut RKI bei Frauen 13,3 und bei Männern 14,3 Jahre.

Obwohl die Gesundheitsausgaben stetig steigen – mit Ausgaben von über 11 % des Bruttoinlandsproduktes (rund 315 Milliarden Euro) war das Gesundheitswesen 2013 einer der umsatzstärksten Wirtschaftsbereiche – kommt bei den Familien von Arbeitern und Armen nichts davon an.

Den Riesenanteil der Gesundheitsausgaben verschlingen Pharmaindustrie, Krankenhaus- und Versicherungskonzerne sowie Teile der Ärzteschaft. Die durch die Sozialversicherung finanzierten Gesundheitsleistungen für den Großteil der Bevölkerung werden von der Bundesregierung dagegen immer weiter zusammengestrichen. Die privat finanzierten Gesundheitsausgaben haben sich in den letzten 20 Jahren fast verdoppelt – auf fast 43 Milliarden Euro im Jahr 2013.

Trotz der Warnungen über die gesundheitlichen Folgen der sozialen Ungleichheit nimmt diese weiter zu. Gerade erst sind die Millionengehälter der Manager der meisten Dax-Unternehmen veröffentlicht worden. Im Schnitt verdienten sie im letzten Jahr knapp sechs Millionen Euro. Die Vorstandsvorsitzenden der größten Konzerne erhalten so mehr als das 180-Fache des bundesweiten Durchschnittsgehalts.

Daimler-Chef Dieter Zetsche erhielt 2015 mit 14,37 Millionen Euro am meisten; das sind rund 1,2 Millionen Euro im Monat. Selbst ein gut verdienender Daimler-Facharbeiter mit 50.000 Euro Jahreseinkommen müsste für 14,37 Millionen Euro etwa 287 Jahre arbeiten, ein Durchschnittsverdiener 429 Jahre.

Ulf Schneider vom Gesundheitskonzern Fresenius erhielt 2015 nur geringfügig weniger, nämlich 13,9 Millionen Euro. Fünf weitere Chefs bezogen im vergangenen Jahr mehr als neun Millionen Euro. Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn, der in den letzten Jahren die Gehaltsliste der Vorstandschefs anführte, dürfte trotz seines Abgangs im September letzten Jahres ähnlich verdient haben wie Zetsche und Schneider. Doch er taucht in der Liste nicht auf, weil Volkswagen die Bilanzvorlage und die Veröffentlichung des Geschäftsberichts auf Ende April verschoben hat.

Die Top-Manager stehen stellvertretend für eine immer kleiner werdende Gruppe, die sich bereichert, während der Großteil der Bevölkerung mit stagnierenden Löhnen und Sozialkürzungen zu kämpfen hat. Die Löhne des unteren Fünftels der Einkommensbezieher sind seit Mitte der Neunziger Jahre sogar real gesunken. Das Einkommen aus Firmenbesitz und Vermögen stieg von 2000 bis 2014 dagegen um real 33 Prozent.

Die Vermögen sind in Deutschland noch ungleicher verteilt. Das oberste Prozent besitzt ein Drittel, die obersten zehn Prozent 60 Prozent des Gesamtvermögens. Die untersten 30 Prozent der Bevölkerung besitzen nichts oder haben Schulden.

Diese soziale Ungleichheit bedeutet für Millionen Arbeiter und Arbeitslose den frühen Tod.