Hundert Jahre seit dem Osteraufstand in Irland

Von Jordan Shilton
12. April 2016

Letzte Woche fanden in ganz Irland Gedenkveranstaltungen anlässlich des 100. Jahrestags des Osteraufstandes in Dublin statt. Der Aufstand gegen die jahrhundertelange Unterdrückung durch den britischen Imperialismus begann am Ostermontag, dem 24. April 1916, und dauerte sechs Tage.

Die Irish Citizen Army (ICA) unter dem Sozialisten James Connolly stellte zwar nur eine Minderheit der Aufständischen dar, hatte aber die politische Führung inne. Die ICA bestand vorwiegend aus Mitgliedern der nationalistischen Irish Volunteers, die 1913 gegründet worden waren, um die Interessen Irlands mit Waffengewalt gegen Großbritannien zu verteidigen. Insgesamt 1.600 Rebellen besetzten wichtige Gebäude im Stadtzentrum von Dublin, darunter vor allem das Hauptpostamt.

James Connolly

Der Aufstand wurde später zu einem nationalistischen Mythos und zur spirituellen Geburtsstunde des kapitalistischen Staates in Irland verklärt. In diesem Jahr finden in der ganzen Republik staatlich finanzierte Feierlichkeiten statt, an denen alle etablierten Parteien, die Gewerkschaften und andere große Institutionen teilnehmen. Sogar die britische Königsfamilie wurde eingeladen, einen Vertreter zu schicken. Diese offizielle Unterstützung hat beträchtliche Verwirrung über den Osteraufstand ausgelöst und macht es schwer, die notwendigen Lehren aus diesem wichtigen revolutionären Kampf zu ziehen. Um den hundertsten Jahrestag angemessen begehen zu können, müssen die Ereignisse und ihre Hintergründe genauer betrachtet werden.

Der Erste Weltkrieg und der Verrat von 1914

Trotz der hartnäckigen Behauptungen, der Aufstand sei ein nationales Ereignis gewesen, liegen seine Wurzeln in der globalen Krise des Kapitalismus, die weniger als zwei Jahre zuvor zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges geführt hatte.

Die Ursache des Kriegs lag in den Konflikten zwischen den imperialistischen Mächten, die sich seit Ende des 19. Jahrhunderts zugespitzt hatten. In seinem Essay „Der Krieg und die Internationale“ beschrieb Leo Trotzki diese Entwicklung mit den Worten: „Der Kern des gegenwärtigen Krieges ist der Aufruhr der Produktivkräfte, die der Kapitalismus erzeugte, gegen ihre national-staatliche Ausbeutungsform… Der Krieg von 1914 bedeutet vor allem die Zertrümmerung des nationalen Staates als eines selbständigen Wirtschaftsgebietes…

Aus dem nationalen Staat heraus revolutionierte der Kapitalismus die gesamte Weltwirtschaft, indem er den ganzen Erdball zwischen den Oligarchien der Großmächte verteilte, um welche sich ihre Trabanten, die Kleinstaaten, gruppieren, die von der Rivalität der Großen leben. Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft auf kapitalistischer Grundlage bedeutet einen unaufhörlichen Kampf der Weltmächte um neue und immer neue Gebiete der einen Erdoberfläche als eines Objekts kapitalistischer Ausbeutung. Im Zeichen des Militarismus lösen ökonomische Rivalität auf der einen Seite und Raub und Zerstörung auf der andern Seite einander in ständigem Wechsel ab, Mächte, die die elementaren Grundlagen menschlicher Wirtschaft auflösen. Die Weltproduktion empört sich nicht nur gegen das national-staatliche Chaos, sondern auch gegen die kapitalistische Wirtschaftsorganisation selbst, die zu dieser barbarischen Desorganisation geführt hat.“ (Hervorhebung hinzugefügt).

Trotzki 1915

Obwohl sich die Zweite (Sozialistische) Internationale ausdrücklich gegen Imperialismus und Krieg ausgesprochen hatte, kapitulierte die Mehrheit ihrer Führer vor ihrer jeweils eigenen Bourgeoisie und unterstützte die Kriegsanstrengungen. Die übelste Rolle spielte dabei die deutsche SPD, die erst Hunderttausende zu Antikriegsdemonstrationen mobilisierte und nur wenige Tage später, am 4. August 1914, den Kriegskrediten zustimmte.

Die Entscheidung Großbritanniens, im Bündnis mit Frankreich und Russland in den Krieg gegen Deutschland und Österreich-Ungarn einzutreten, hatte unmittelbare Folgen für Irland – einen der Kleinstaaten, die „von der Rivalität der Großen lebten“, 1912 war der Entwurf eines Selbstregierungsgesetzes (Home Rule Bill) eingebracht worden, nachdem Irland schon nach dem Fenian-Aufstand von 1867 entsprechende Zusagen gemacht worden waren. Die paramilitärischen Ulster Volunteers, die die britische Herrschaft und die privilegierte Stellung der protestantischen Bourgeoisie bewahren wollten, drohten daraufhin mit bewaffnetem Widerstand. Als Gegenpol zu den protestantischen Paramilitärs wurden die nationalistischen Irish Volunteers gegründet und beide Seiten begannen, sich zu bewaffnen. Nach einer Rebellion britischer Offiziere zur Unterstützung der Ulster Volunteers, dem Vorfall von Curragh im März 1914, wurde die Home Rule Bill zwar verabschiedet, aber für die Dauer des Krieges, der Ende Juli begann, gleich wieder „ausgesetzt“.

Der konstitutionelle Flügel der nationalistischen Bewegung, der für eine Selbstregierung als Teil des Vereinigten Königreichs eintrat, betrachtete den Krieg als Gelegenheit, Großbritannien seine Entschlossenheit zu beweisen. Dabei hoffte er, die Mobilisierung irischer Rekruten für den Krieg werde nach dem Friedensschluss die Selbstregierung garantieren. Die zentrale Figur dieses Flügels war John Redmond, der Vorsitzende der Irish Parliamentary Party, die mit der liberalen Regierung in London die Home Rule Bill ausgehandelt hatte. Der separatistische Flügel unter Führung der Irish Republican Brotherhood (IRB) hingegen stand Großbritannien weiterhin ablehnend gegenüber. Allerdings waren die Klassengegensätze innerhalb Irlands so tief geworden, dass sich die Idee der IRB von einer geschlossenen nationalen Bewegung gegen die britische Herrschaft als Trugbild erwies.

James Larkin

In Irland entwickelte sich trotz der historischen Rückständigkeit des Landes in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts eine äußerst militante Bewegung der Arbeiterklasse, die zunehmend unter den Einfluss sozialistischer Ideen geriet. Dies äußerte sich in der Entstehung von Industriegewerkschaften, vor allem in Dublin und Belfast, in denen Connolly und der eindrucksvolle Redner und Organisator James (Jim) Larkin führende Rollen spielten.

Connolly hatte 1896 die Irish Socialist Republican Party, die erste sozialistische Partei Irlands, gegründet. In den Kämpfen der Gewerkschaften in der Vorkriegszeit war er ein enger Verbündeter Larkins. Er wurde Befehlshaber der ICA, einer paramilitärischen Arbeiterorganisation, die 1913 gegründet wurde, um Streikende während der Aussperrung von Dublin zu verteidigen. Die ICA erklärte in ihrem Programm ihre Bereitschaft, mit Waffengewalt für eine irische Republik zu kämpfen.

Die Aussperrung von Dublin von 1913-1914 wurde durch eine Provokation des Managements der Dubliner United Tramway Company ausgelöst. Deren Versuch, die Anerkennung der Irish Transport and General Workers Union (ITGWU) zu verhindern, beantworteten die Straßenbahnarbeiter im August 1913 mit Streik. Innerhalb kurzer Zeit gewann er die Unterstützung der Hafenarbeiter und anderer Teile der Arbeiterklasse. Die ITGWU erhielt aufgrund ihrer militanten Aufrufe zum Klassenkampf Unterstützung in der Arbeiterklasse. Sie nutzte die Methode des „Sympathiestreiks“ zur Durchsetzung von Zugeständnissen der herrschenden Elite und kämpfte für die schrittweise Ausweitung der Arbeitermacht in der Industrie. Die Polizei reagierte auf die Proteste mit brutaler Unterdrückung. Arbeiter und ihre Familien wurden geprügelt und verletzt, es gab mehrere Todesopfer. Der ITGWU-Führer Larkin wurde verhaftet und vor Gericht gestellt, aber später auf Kaution freigelassen.

Die Metropolitan Police löst während der Aussperrung von Dublin im August 1913 eine Kundgebung in der Sackville Street auf.

Arbeiter in ganz Großbritannien unterstützten den heldenhaften Kampf in Dublin mit Lebensmittel- und Kleidungslieferungen, um die Versuche der Unternehmer zu durchkreuzen, die Streikenden durch Aushungern zum Aufgeben zu zwingen. Doch die britischen Gewerkschaftsführer schafften es schließlich, den Streik zu isolieren und die Arbeiter zur Rückkehr an die Arbeitsplätze zu zwingen, ohne dass ihre Forderungen erfüllt worden wären.

Die Niederlage des Streiks zeigte die grundlegende Unzulänglichkeit der Perspektive von Industriegewerkschaften wie der ITGWU. Sie konnte der Arbeiterklasse eine politische Waffe im Kampf gegen den Opportunismus der Gewerkschaftsbürokratie nicht ersetzen. Sie war keine revolutionäre sozialistische Partei, die sich die Übernahme der Staatsmacht und den Sturz des Kapitalismus zur Aufgabe gemacht hätte.

Doch so schwer die Niederlage auch war, die schlimmsten Folgen für die Entwicklung des Klassenkampfs und die sozialistische Bewegung in Irland hatte der Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Opportunismus und die Zweite Internationale

Eine Bewertung des Osteraufstands und Connollys Rolle darin muss von der Erkenntnis ausgehen, dass alles anders verlaufen wäre, wenn es jenseits der Grenzen Irlands eine revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse gegen Imperialismus und Krieg gegeben hätte. Doch die politische Kapitulation der Parteiführungen der Zweiten Internationale und ihre Unterstützung für die Kriegsziele ihrer eigenen herrschenden Klassen hatten das verhindert. Es war Connollys Unglück, dass die potentiell engsten Verbündeten der irischen Arbeiterklasse, ihre Brüder und Schwestern in ganz Großbritannien, von den verräterischen Führern des britischen Labour- und Gewerkschaftsapparat in die Sackgasse geführt wurden. Diese Herrschaften waren die eifrigsten Anhänger des Sozialchauvinismus.

Connolly gehörte zu der Minderheit von Sozialisten, die das Bekenntnis der Vertreter des europäischen Sozialismus zum Nationalchauvinismus scharf kritisierten. Tatsächlich lässt sich die politisch motivierte Darstellung Connollys als Ikone des irischen Nationalismus kaum besser widerlegen als durch seine eindrucksvollen Schriften aus dieser gesamten Periode.

In der Zeitung Forward, einem Glasgower Organ der Independent Labour Party, schrieb Connolly am 15. August 1914, kaum zwei Wochen nach Beginn des Krieges, in einem Aufsatz mit dem Titel „Kontinentale Revolution“:

„Was ist mit allen unseren Resolutionen, allen unseren Protesten und Verbrüderungen, was mit allen unseren Drohungen mit Generalstreiks, mit unserer ganzen sorgfältig gebauten Maschinerie des Internationalismus, was mit unseren Hoffnungen für die Zukunft? Waren sie nur bedeutungsloses Lärmen und Toben?“

1915 schrieb er in einem Artikel mit dem Titel „Revolutionäres Gewerkschaftertum und Krieg“ über das Versagen der Zweiten Internationale, den Ausbruch des Krieges zu verhindern:

„Ich meine, das sozialistische Proletariat Europas hätte sich in allen Krieg führenden Staaten weigern sollen, gegen seine Brüder an den Grenzen aufzumarschieren. Eine solche Weigerung hätte den Krieg und all seine Schrecken verhindert, auch wenn sie zu einem Bürgerkrieg geführt hätte. Ein solcher Bürgerkrieg hätte nicht zu solchen Verlusten unter Sozialisten geführt wie dieser internationale Krieg, und jeder Sozialist, der in einem solchen Bürgerkrieg gefallen wäre, hätte gewusst, er ist im Kampf für die Sache gefallen, für die er in Friedenszeiten gearbeitet hat. Und es wäre unmöglich gewesen, dass die Kugel oder die Granate, die ihn niedergestreckt hätte, von einem abgefeuert worden wäre, dem er die lebenslange Freundschaft als Genosse in der internationalen Arbeiterarmee versprochen hatte.“

Die Gewerkschaftsführung und die Parteien der Zweiten Internationale in Deutschland, Großbritannien und anderen Ländern unterwarfen sich den Streikverboten und der drastischen Verschärfung der Ausbeutung der Arbeiterklasse. Connolly blieb ein leidenschaftlicher Gegner solchen Versöhnlertums:

„Im britischen Empire, zu dem wir leider gehören, hat die herrschende Klasse den Krieg als Gelegenheit für einen tödlichen Angriff auf alle Rechte und Freiheiten benutzt, die die Arbeiterbewegung in einem Jahrhundert erkämpft hat. Und die Führer der Arbeiterbewegung haben sich als nur allzu bereitwillig erwiesen, sich den Angriffen zu fügen und Stellungen aufzugeben, die sie mit ihrem Leben hätten verteidigen sollen“, schrieb er am 1. Januar 1916 in seiner Zeitung Worker’s Republic. „Wenn der Krieg morgen enden würde, so würde die Arbeiterklasse dieser Inseln sofort in einen erbitterten Verteidigungskampf gegen den Versuch der Kapitalistenklasse gestürzt, alle Zugeständnisse zu verewigen, zu denen sich allzu gefügige Gewerkschaftsführer unter dem betrügerischen Vorwand der Kriegsnotlage verleiten ließen.“

Doch Connollys prinzipienfeste und mutige Antwort auf die Ereignisse von 1914 wurden teilweise von einer syndikalistischen Perspektive geformt, die er sich während seiner siebenjährigen Arbeit in den USA als Organisator der Industrial Workers of the World (IWW) von 1903 bis 1910 angeeignet hatte. Bei seiner Rückkehr nach Irland im Jahr 1912 tat sich Connolly mit Larkin zusammen, um die ITGWU und die Labour Party zu gründen. Doch beide betrachteten die Partei als politischen Flügel der Gewerkschaftsbewegung, ebenso wie die britische Labour Party. Daher konzentrierten sie ihre Aktivitäten darauf, den Einfluss der ITGWU auszubauen.

Nach Ausbruch des Krieges beharrte Connolly darauf, dass ein militanter Arbeitskampf der Arbeiterklasse als Gegengewicht gegen den Zusammenbruch der Zweiten Internationale ausgereicht hätte. „Die Unfähigkeit des europäischen Sozialismus, den Krieg zu verhindern, liegt hauptsächlich an der Trennung zwischen der gewerkschaftlichen und der politischen Bewegung der Arbeiter“, schrieb er in „Revolutionäres Gewerkschaftertum und Krieg.“

„Der sozialistische Wähler als solcher ist zwischen den Wahlen hilflos. Er muss Macht zeigen, um das Mandat der Wahlen durchzusetzen, und die einzige Macht, die er organisieren kann, ist gewerkschaftliche Kraft – die Macht, die Räder des Handels anzuhalten, das Herz zu kontrollieren, das Lebensblut durch den gesellschaftlichen Organismus pumpt.“

In Wirklichkeit ging die Unfähigkeit der Führung der deutschen SPD und anderer Parteien der Zweiten Internationale, dem Druck zur Anpassung an die eigene Bourgeoisie zu widerstehen, in nicht geringem Ausmaße auf ihre Kapitulation vor nationalistischen opportunistischen Tendenzen zurück, die am deutlichsten von den rechten Gewerkschaftsführern geäußert wurden. Die objektiven Wurzeln dieser Entwicklungen lagen in der langen Periode des kapitalistischen Wirtschaftswachstums in den Jahren vor dem Krieg.

Lenin 1914

Wladimir Lenin zog die weitsichtigsten Schlüsse aus dem Verrat der Zweiten Internationale. Als Grund für diesen Verrat führte er die langjährige Entwicklung des Opportunismus innerhalb ihrer Führung an. 1914 verurteilte er in einer Erklärung die Sozialdemokraten auf der Grundlage der Erkenntnis, dass die Zweite Internationale für den sozialistischen Kampf der europäischen und internationalen Arbeiterklasse nicht mehr zu gebrauchen sei:

„Der Verrat der meisten Führer der Zweiten Internationale (1889-1914) am Sozialismus bedeutet den ideologischen und politischen Bankrott der Internationale. Die Hauptursachen für diesen Zusammenbruch sind die Vorherrschaft kleinbürgerlichen Opportunismus, die bürgerliche Natur und die Gefahr, vor der die besten Vertreter des revolutionären Proletariats aller Länder seit langem gewarnt haben. Die Opportunisten haben sich seit langem darauf vorbereitet, die Zweite Internationale zu zerstören, indem sie die sozialistische Revolution zugunsten von bürgerlichem Reformismus verleugnen, den Klassenkampf und seine an gewissen Punkten unausweichliche Entwicklung zum Bürgerkrieg ablehnen und Klassenzusammenarbeit predigen. Unter dem Deckmantel von Patriotismus und Vaterlandsverteidigung predigen sie bürgerlichen Chauvinismus und leugnen oder ignorieren dabei die grundlegende Wahrheit des Sozialismus, die vor langer Zeit im Kommunistischen Manifest festgestellt wurde: dass die Arbeiter kein Vaterland haben. Sie beschränken sich im Kampf gegen Militarismus auf eine sentimentale spießbürgerliche Betrachtungsweise, anstatt die Notwendigkeit eines revolutionären Kriegs des Proletariats aller Länder gegen die Bourgeoisie anzuerkennen. Sie erheben den notwendigen Einsatz des Parlamentarismus und der bürgerlichen Legalität zu einem Fetisch und vergessen, dass in Zeiten der Krise illegale Organisations- und Agitationsformen von entscheidender Bedeutung sind.“ („Die Aufgaben der revolutionären Sozialdemokratie im europäischen Krieg,“ W.I. Lenin, Gesammelte Werke, Band 21, Moskau: Progress Publishers, 1974, Seite 16).

Beginnend mit der Gründung der Zimmerwalder Linken 1915 bemühte sich Lenin fortan darum, aus den revolutionären sozialistischen Kräften eine neue internationale sozialistische Bewegung zu bilden. Connolly konnte daran nicht teilnehmen, sodass seine eigenen Ansichten von diesen wichtigen Diskussionen und Konflikten nicht geformt wurden.

Connolly verstand durchaus, dass der irische Nationalismus aufgrund der historischen Unterdrückung Irlands durch den britischen Imperialismus eine gewisse Anziehungskraft besaß. Er hatte jedoch seit der Gründung der Irish Socialist Republican Party im Jahr 1896 vor der fatalen Illusion gewarnt, dass der bürgerliche Nationalismus eine Möglichkeit biete, die Armut und Ausbeutung der Arbeiterklasse und der Landbevölkerung zu beenden.

1897 beschrieb er in seinem Werk „Socialism and Nationalism“, für welche Art von Republik seine Anhänger kämpfen sollten. Er warnte sie davor, sich im Namen der „nationalen Einheit“ an das Kleinbürgertum und die Bourgeoisie anzupassen. Die von ihm angestrebte Republik unterscheide sich von der französischen, „in der eine kapitalistische Monarchie mit einem gewählten Oberhaupt die gescheiterte englische Verfassung parodiert“. Ebenso wenig sollte seine Republik wie die USA sein, „wo die Macht des Geldes unter dem Deckmantel der Freiheit eine neue Tyrannei errichtet hat“. Weiter erklärte Connolly: „Selbst wenn ihr die englischen Truppen morgen vertreiben und die grüne Flagge über Dublin Castle hissen würdet, eure Mühen wären umsonst, wenn ihr nicht mit dem Aufbau der sozialistischen Republik beginnt. England würde euch weiterhin regieren: durch seine Kapitalisten, seine Grundbesitzer, seine Finanziers, durch alle die wirtschaftlichen und individuellen Institutionen, die es in diesem Land gepflanzt und mit den Tränen unserer Mütter und dem Blut unserer Märtyrer getränkt hat."

Unter dem Eindruck des schrecklichen Rückschlags, den die Arbeiterklasse 1914 durch den Verrat der Zweiten Internationale erlitten hatte, begann Connolly in seiner Haltung zu schwanken. Er konzentrierte seine Arbeit jetzt mehr darauf, ein Bündnis mit den Irish Volunteers zu schließen.

Prinzipiell war es nicht falsch, sich um die Unterstützung der besten Elemente der Irish Volunteers zu bemühen. Sie rekrutierten sich aus städtischen Arbeitern und der ärmeren Landbevölkerung. Viele waren von einem gesunden Hass auf den britischen Imperialismus und die Gesellschaftsordnung durchdrungen, die er vereidigte. Doch Connollys Orientierung beinhaltete auch politische Zugeständnisse, vor allem eine Abschwächung seiner früheren Kritik an der Perspektive, in Irland einen unabhängigen kapitalistischen Staat aufzubauen.

Kämpfer der Irish Citizen Army vor der Liberty Hall

Im September 1914 trat die Irish Republican Brotherhood (IRB), eine Fraktion innerhalb der Irish Volunteers, die den Fenian-Aufstand von 1867 angeführt hatte, für einen bewaffneten Aufstand während des Krieges ein. Sie erklärte, der Krieg sei eine ideale Gelegenheit: Zum einen sei Großbritannien durch die Kämpfe auf dem europäischen Kontinent beschäftigt, zum anderen würde die Aussicht auf einen Sieg Deutschlands das Kräftegleichgewicht in Europa verändern. Die Irish Volunteers spalteten sich in zwei Fraktionen, wobei die Fraktion unter Führung der IRB den Namen Irish Volunteers beibehielt. Sie umfasste etwa 15.000 Kämpfer.

Im Mai 1915 gründeten mehrere IRB-Anführer, darunter Thomas Clark und Patrick Pearse, einen Militärausschuss, um den Aufstand zu planen. Von Pearse stammte die berühmte Aussage: „Wir müssen uns an den Gedanken an Waffen, an ihren Anblick und ihren Einsatz gewöhnen. Vielleicht machen wir anfangs Fehler und erschießen die Falschen; doch Blutvergießen ist ein Akt der Reinigung und der Weihe. Eine Nation, die es als den größten Schrecken betrachtet, hat ihre Kraft verloren.“

Patrick Pearse

Connolly teilte die Auffassung der IRB, ein Aufstand gegen die britische Herrschaft in Dublin werde sich auf das ganze Land ausweiten. Er teilte auch ihre Illusionen, ein siegreiches Deutschland werde Irland dabei unterstützen, seine Unabhängigkeit zu erreichen. Zum Teil sollte dies die internationale revolutionäre Bewegung unter Führung der Arbeiterklasse ersetzen, die nicht entstanden war. Obwohl vor Connollys Hauptquartier in der Libery Hall ein Banner mit der oft zitierten Parole „Wir dienen weder dem König, noch dem Kaiser, sondern Irland“ hing, sang die Irish Citizen Army (ICA) im Dezember 1915 bei ihren Übungen ein Lied mit dem Titel „The Germans Are Winning the War, Me Boys“ (Die Deutschen gewinnen den Krieg, Jungs).

Über den Konflikt zwischen Russland und Deutschland schrieb Connolly in Worten, die sich an die Propaganda anpasste, mit der die deutsche Sozialdemokratie die Unterstützung der eigenen Bourgeoisie bei Kriegbeginn rechtfertigte: „Wenn wir uns entscheiden müssten, ob wir den deutschen Tyrannen oder den russischen Autokraten unterstützen, wären die Deutschen die bessere Wahl. Die Deutschen sind ein höchst zivilisiertes Volk. Sie sind für alle fortschrittlichen Einflüsse empfänglich, und sie sind dabei, Waffen für ihre Befreiung von der eigenen Tyrannei zu schmieden. Das Russische Reich hingegen erstreckt sich bis in die Tiefen Asiens und stützt sich auf eine Armee, die sich größtenteils aus Millionen von Barbaren rekrutiert, welche noch nicht einmal die ersten Einflüsse der Zivilisation zu spüren bekommen haben. Das deutsche Denken kann mit dem besten der Welt mithalten; Deutschlands Einflüsse haben die Hoffnungen der Welt beflügelt. Doch das Denken und die Hoffnungen der besten Teile Russlands wurden erst vor Kurzem von den schlimmsten Kräften Russlands im Blut ertränkt." (James Connolly, „On German militarism“, Irish Worker, 22. August 1914).

Angesichts der weiteren Entwicklung der Ereignisse erwies sich diese Analyse zudem als grundfalsch. Gerade im „rückständigen Russland“ fanden die revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse gegen den Krieg ihren stärksten politischen Ausdruck in der Machtübernahme der Bolschewiki im Oktober 1917.

Connolly und die Anführer der Nationalisten

Irland wurde zwar weiterhin vom britischen Imperialismus unterdrückt, doch aufgrund der Entwicklung des Kapitalismus mussten die gegensätzlichen Klasseninteressen dazu führen, dass die Arbeiterklasse ihre politische Unabhängigkeit von der irischen Bourgeoisie im Kampf gegen Imperialismus und für Sozialismus anstrebte.

Connollys große Stärke war seine Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse die treibende Kraft bei der Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft über Irland und der Erfüllung der nationalen und demokratischen Aufgaben sein musste. Seine Anhänger, die nicht in einer Partei organisiert waren, sondern in der paramilitärischen ICA, waren entschlossen, mit Waffengewalt für eine irische Arbeiterrepublik zu kämpfen. Doch da das Wesen dieser Republik nicht näher definiert wurde und eine klare eigenständige Perspektive und Führung fehlte, wurden die Arbeiterkader der ICA den kleinbürgerlichen und bürgerlichen Kräften untergeordnet, die den nationalistischen Kampf dominierten.

Connolly äußerte immer wieder Frustration über die Wankelmütigkeit der Nationalisten. Teile der Bewegung standen einem Aufstand gegen die britische Herrschaft zögerlich gegenüber oder lehnten ihn sogar offen ab. Er schwor mehrfach, er werde die allein mit der ICA den Aufstand anführen. Letzten Endes trat er im Januar 1916 dennoch als sechstes Mitglied dem Militärkomitee bei, das von den Nationalisten dominiert wurde. Während des Aufstands bekleidete er den Posten des Militärkommandanten.

Die Kritik an seinen Verbündeten konzentrierte sich weniger auf ihre Klassenzugehörigkeit, als auf ihre fehlende Kampfbereitschaft. Er schrieb, frühere Versuche, die englische Herrschaft abzuschütteln, seien vor allem an der Unentschlossenheit ihrer Anführer gescheitert. In seiner Zeitung Workers Republic veröffentlichte er nur wenige Wochen vor dem Aufstand einen Artikel mit dem Titel „The days of March“, in dem er erklärte: „Der Fenian-Aufstand 1867 war praktisch von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil die Anführer die große Chance verstreichen ließen und erst zu spät aktiv wurden. Genauso war es bei den United Irishmen [1798] und den Young Irelanders 1848...“

„In diesen Märztagen sollten wir daran denken, dass sich das endgültige Urteil über Generationen, genau wie über Individuen, nicht danach richten wird, was sie erreicht haben, sondern danach, was sie erreichen wollten und was sie dazu gewagt haben. Die Generation oder die Person, die beim Versuch getötet wird, ein ehrgeiziges und heiliges Ziel zu erreichen, ist selbst hochherzig und heilig. Wer versucht, ein hohes Ziel zu erreichen, erhebt seine Seele unangreifbar auf diese Höhe, selbst wenn sein Körper in den Schlamm zu seinen Füßen getreten wird.“

Connollys Forderung nach einer Generation von Helden in der Tradition früherer nationalistischer Bewegungen, die bereit waren, ihr Leben zu opfern, machte keinen Unterschied zwischen den gegensätzlichen Zielen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie. Die weiteren Ereignisse zeigten auf tragische Weise, dass er mit seinen Überzeugungen, die nationalistischen Anführer der Irish Volunteers könnten dazu gezwungen werden, zuverlässige Verbündete im Kampf gegen den britischen Imperialismus zu werden, während der deutsche Imperialismus die notwendige internationale Unterstützung liefern würde, falsch lag. Die Militärhilfe Deutschlands beschränkte sich auf eine einzige Waffenlieferung per Schiff, die von der Royal Navy versenkt wurde. Die tiefen Spaltungen innerhalb der nationalistischen Führung brachten den Osteraufstand zum Scheitern.

Der Aufstand

Der Osteraufstand war Ausdruck einer allgemeinen Radikalisierung der Arbeiterklasse vor dem Hintergrund des Krieges. Er begann kaum eineinhalb Jahre, nachdem Großbritannien Deutschland am 4. August 1914 den Krieg erklärt hatte und beträchtliche Teile der irischen Bevölkerung der britischen Herrschaft zunehmend ablehnend gegenüber standen.

Die Irish Parliamentary Party unter Führung von John Redmond hatte jahrzehntelang die Hoffnung verbreitet, im Rahmen eines rechtsstaatlichen Prozesses ein irisches Parlament ins Leben rufen zu können. Ihr Rückhalt brach jedoch drastisch ein, nachdem die britische Regierung versucht hatte, als Gegenleistung für die Gewährung der Selbstregierung die Wehrpflicht in Irland zu verlangen. Die sozialen Spannungen waren so stark, dass Irland von der Wehrpflicht ausgenommen werden musste, als sie 1916 in Großbritannien eingeführt wurde.

Am Ostermontag, dem 24. April 1916, besetzten Rebellen wichtige Gebäude in Dublin und errichteten Barrikaden. Patrick Pearse rief in einer feierlichen Ansprache am Hauptpostamt um 12:04 Uhr die Republik aus.

Die Oster-Proklamation

Pearse verlas auf den Stufen des Hauptpostamtes die Oster-Proklamation: „Wir verkünden hiermit den Besitzanspruch des irischen Volkes auf Irland und auf die uneingeschränkte Kontrolle über die Geschicke Irlands, auf Souveränität und deren Unantastbarkeit. Die lange Vorenthaltung dieses Rechts durch ein fremdes Volk und eine fremde Regierung hat alle diese Rechte nicht ausgelöscht, noch können sie jemals ausgelöscht werden, außer durch die Vernichtung des irischen Volkes. Das irische Volk hat in jeder Generation sein Recht auf nationale Freiheit und Souveränität bekräftigt: Allein in den letzten 300 Jahren hat es dies sechs Mal mit Waffen geltend gemacht. Auf dieses fundamentale Recht bestehend und dies vor den Augen der Welt nochmals mit Waffengewalt bekräftigend, erklären wir hiermit die Republik Irland zu einem souveränen, unabhängigen Staat und opfern unser Leben und das unserer Waffenbrüder für dessen Freiheit, Wohlstand und Entfaltung unter den Nationen.“

Diese Proklamation wurde von sieben Mitgliedern der provisorischen Regierung unterzeichnet: Pearse, Connolly, Tom Clarke, Thomas MacDonagh, Joseph Plunkett, Sean Mac Diarmada und Eamonn Ceannt. Dass sie weiterhin glaubten, Deutschland würde ihnen zur Hilfe kommen, zeigt die Berufung auf „mutige Verbündete in Europa“.

In der Proklamation wurde das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen versprochen. Sie garantierte außerdem " religiöse und bürgerliche Freiheit, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten für alle seine Bürger und erklärt ihre Absicht, nach Glück und Wachstum der ganzen Nation und aller ihrer Teile zu streben, alle Kinder der Nation auf gleiche Weise zu umsorgen, unbeeindruckt von all den Unterschieden, welche durch eine fremde Regierung sorgfältig gepflegt wurden, Unterschiede, welche in der Vergangenheit eine Minderheit von der Mehrheit getrennt haben."

Die irische Bourgeoisie erwies sich als organisch unfähig, solche bürgerlich-demokratischen Prinzipien umzusetzen. Der Aufstand wurde beträchtlich geschwächt, weil der Gründer der Irish Volunteers Eoin MacNeil einen Befehl zur landesweiten Mobilisierung seiner Truppen am Sonntag, dem 23. April in letzter Minute rückgängig gemacht hatte. MacNeil hielt es für besser, zu warten, bis eine Aggression vonseiten Londons, etwa der Versuch, die Wehrpflicht durchzusetzen, bessere Bedingungen für einen Aufstand schaffen würde. Die Einheiten der Volunteers blieben entweder zu Hause oder zerstritten sich über die Frage, was sie tun sollten. Als der Aufstand dann am 24. April begann, nahmen deutlich weniger Kämpfer daran teil.

Nach sechs Tagen wurde der Aufstand vom britischen Militär brutal niedergeschlagen. Am zweiten Tag wurde das Kriegsrecht verhängt. Insgesamt wurden bei den Kämpfen 418 Zivilisten und Rebellen sowie 116 britische Soldaten getötet, 2.600 weitere Bewohner Dublins wurden verwundet und ein Großteil der Stadt wurde zerstört. Das britische Militär setzte willkürlich und im großen Stil Artillerie und schwere Maschinengewehre ein.

Die Ruinen des Metropole Hotel in der Sackville Street nach dem Angriff der britischen Truppen

Beispielhaft für das rücksichtslose Vorgehen gegenüber der Bevölkerung von Dublin war ein Befehl von Brigadegeneral William Lowe, der die Truppen für einen Großteil der Woche befehligte. Der Befehl sah vor, jeden als potenziellen Gegner zu betrachten: „Die Kolonnen werden in keinem Fall an einem Haus vorbeimarschieren, aus dem geschossen wurde, bis alle Bewohner des Hauses getötet oder gefangen sind. Jeder Bewohner eines solchen Hauses, egal, ob bewaffnet oder nicht, kann als Rebell betrachtet werden.“

Die Anführer des Aufstandes wurden unmittelbar nach ihrer Kapitulation verhaftet und in mehreren Standgerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Connolly war während der Kämpfe schwer verwundet worden und musste am 12. Mai auf einer Bahre vor das Erschießungskommando getragen werden. Vom 3. bis zum 12. Mai wurden weitere Todesurteile gegen 90 Menschen verhängt, fünfzehn davon wurden vollstreckt.

Die Sackville Street (heute O'Connell Street) in Dublin nach dem Angriff der britischen Truppen

Das Militär unter der Führung von General John Maxwell, der zum Generalgouverneur von Irland ernannt worden war, griff hart und umfassend gegen alle Anhänger der irischen Unabhängigkeitsbewegung durch, egal, ob sie an dem Aufstand beteiligt gewesen waren oder nicht. Insgesamt wurden nach dem Aufstand 3.430 Männer und 79 Frauen verhaftet, 55 Prozent von ihnen stammten aus der Arbeiterklasse, darunter Hilfsarbeiter, Verkäufer oder Büroangestellte. Zudem wurden in ganz Großbritannien weitere 1.480 Personen verhaftet.

Bolschewismus und der Osteraufstand

Nur durch ein sorgfältiges Studium der Schriften von Lenin und Trotzki ist es möglich, die notwendigen politischen Lehren von 1916 zu ziehen.

Während Connolly seine Energien nach 1914 in erster Linie darauf konzentrierte, im Bündnis mit nationalistischen bürgerlichen Kräften einen bewaffneten Aufstand vorzubereiten, betonten die beiden wichtigsten Führer der Russischen Revolution von 1917 die Notwendigkeit des politischen Kampfs gegen alle Formen von Opportunismus. Sie beharrten auf einer internationalistischen Orientierung bei der Entwicklung der revolutionären Strategie und Taktik. Darin bestand die Bedeutung von Lenins entschlossenem Kampf gegen die Menschewiki seit dem Jahr 1903 und von Trotzkis Ausarbeitung der Theorie der permanenten Revolution.

Leo Trotzki (links) und Wladimir I. Lenin (Mitte) mit Lew Kamenew

Im Juli 1916, einige Monate nach dem Osteraufstand, übte Lenin scharfe Kritik an Karl Radek, der dem Aufstand ablehnend gegenüberstand. Lenin verurteilte Radeks Bezeichnung des Osteraufstands als „Putsch“. Dies sei ein „in seinem Doktrinarismus und seiner Pedanterie ungeheuerliche[s] Urteil“ der Situation. Er schrieb weiter:

„Von einem ‚Putsch‘ im wissenschaftlichen Sinne des Wortes kann man nur dann sprechen, wenn ein Aufstandsversuch weiter nichts als einen Klüngel von Verschwörern oder wahnwitzigen Narren zutage gefördert und in den Massen keinerlei Sympathien erweckt hat. Die irische nationale Bewegung, die auf Jahrhunderte zurückblickt und durch verschiedene Etappen und Kombinationen der Klasseninteressen hindurchgegangen ist, fand unter anderem ihren Ausdruck in dem massenhaft beschickten irischen Nationalkonvent in Amerika (Vorwärts vom 20. III. 1916), der sich für die Unabhängigkeit Irlands aussprach; sie kam zum Ausdruck in den Straßenkämpfen eines Teils des städtischen Kleinbürgertums und eines Teils der Arbeiter, nach langdauernder Agitation unter den Massen, nach Demonstrationen, Zeitungsverboten usw. Wer einen solchen Aufstand einen Putsch nennt, ist entweder der schlimmste Reaktionär oder ein hoffnungsloser Doktrinär, der unfähig ist, sich die soziale Revolution als eine lebendige Erscheinung vorzustellen.“ [Wladimir I. Lenin: „Die Ergebnisse der Diskussion über Selbstbestimmung“ (1916), in: Lenin Werke, Bd. 22, Berlin: Dietz 1960, S. 363, Hervorhebung im Original]

Lenin verstand, dass Rebellionen kleinerer Nationen gegen die imperialistische Unterdrückung unvermeidlich und notwendig sind. Doch er erkannte zugleich, dass diese Aufstände scheitern müssen, wenn sie isoliert bleiben, und dass es die Aufgabe der Arbeiterklasse ist, den Kampf gegen den Imperialismus bis zum Sieg zu führen:

„Denn zu glauben, daß die soziale Revolution denkbar ist ohne Aufstände kleiner Nationen in den Kolonien und in Europa, ohne revolutionäre Ausbrüche eines Teils des Kleinbürgertums mit allen seinen Vorurteilen, ohne die Bewegung unaufgeklärter proletarischer und halbproletarischer Massen gegen das Joch der Gutsbesitzer und der Kirche, gegen die monarchistische, nationale usw. Unterdrückung – das zu glauben heißt der sozialen Revolution entsagen.“, schrieb er. [a.a.O., Hervorhebung im Original]

Lenin fuhr fort: „Die Dialektik der Geschichte ist derart, daß die kleinen Nationen, die als selbständiger Faktor im Kampf gegen den Imperialismus machtlos sind, die Rolle eines der Fermente, eines der Bazillen spielen, die dem wahren Gegenspieler des Imperialismus, dem sozialistischen Proletariat, auf den Plan zu treten helfen. [...] Das Unglück der Iren besteht darin, daß ihr Aufstand nicht zeitgemäß war, da der Aufstand des europäischen Proletariats noch nicht herangereift ist.“ [a.a.O., S. 365f., Hervorhebung im Original]

Die erfolgreiche Machteroberung der Bolschewiki in Russland nur achtzehn Monate nach dem Osteraufstand war nur möglich, weil Lenin über mehrere Jahre hinweg einen politischen, theoretischen und organisatorischen Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse geführt hat. Er baute die Bolschewistische Partei in direkter Opposition zu allen Tendenzen auf, die eine versöhnliche Haltung gegenüber der Bourgeoisie und den kleinbürgerlichen Demokraten einnahmen. Lenin wies energisch alle Illusionen in die revolutionären Fähigkeiten der Bourgeoisie zurück und beharrte darauf, dass die bürgerliche Klasse unabhängig von ihren rhetorischen Bekenntnissen zur Demokratie künftige revolutionäre Kämpfe verraten und unterdrücken werde.

Lenin spricht in Petrograd im April 1917

Am Vorabend der Russischen Revolution übernahm Lenin die Theorie der permanenten Revolution, die Trotzki vertrat. Trotzki hatte aufgezeigt, dass die noch ungelösten bürgerlich-demokratischen Aufgaben in unterentwickelten Ländern nur errungen werden können, wenn sich die Arbeiterklasse an die Spitze der sozialistischen Revolution stellt und im Kampf für die Eroberung der politischen Macht die verarmte Landbevölkerung hinter sich vereint. Ob dieses Programm erfolgreich ist, hängt davon ab, ob es sich auf eine internationalistische Perspektive stützt, die von der Prämisse ausgeht, dass kein revolutionärer Kampf im Rahmen des existierenden Nationalstaats zu Ende geführt werden kann.

Trotzki äußerte sich ungefähr zur selben Zeit wie Lenin zur Frage des Osteraufstands. In der Zeitung Nasche Slowo [Unser Wort] stellte er Plechanow zur Rede, den Begründer der marxistischen Bewegung in Russland, der zu dieser Zeit bereits Menschewik geworden war. Plechanow stellte sich gegen den Osteraufstand, den er als „schädlich“ für „die Sache der Freiheit“ bezeichnete.

Trotzki nannte jene, die in den Straßen Dublins Barrikaden errichtet hatten und gegen die britische Armee kämpften, „heldenhaft“ und fügte hinzu, dass die Arbeiterklasse der Bewegung „ihren Klassenhass gegen den Militarismus eingeimpft“ hatte.

Sein kurzer Essay liefert eine exzellente Anwendung der Theorie der permanenten Revolution auf die irische Situation. Er zeigt auf, wie die irische Rebellion die Unfähigkeit der Bourgeoisie demonstrierte, die nationalen demokratischen Aufgaben zu erfüllen, die in Irland noch ausstanden. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren diese Aufgaben untrennbar verbunden mit dem Kampf für Sozialismus unter Führung der Arbeiterklasse.

Trotzki schrieb: „Die allgemeine nationale Bewegung, welche Form auch immer sie in den Köpfen der nationalistischen Träumer annahm, verwirklichte sich nicht. Das irische Dorf hat sich nicht erhoben. Die irische Bourgeoisie, ebenso wie die obere, einflussreichere Schicht der irischen Intelligenz, blieb unbeteiligt. Die städtischen Arbeiter kämpften und starben gemeinsam mit revolutionären Enthusiasten der kleinbürgerlichen Intelligenz. Die historische Basis für die nationale Revolution ist auch im rückständigen Irland verschwunden.“

Er beschrieb, wie stark die irische Bourgeoisie, die sich in den Jahrzehenten zuvor herausgebildet hatte, von ihren Beziehungen zum Imperialismus abhängig war und der Arbeiterklasse gegenüber unverhohlen feindselig auftrat.

Ohne Connolly namentlich zu erwähnen, zeigte Trotzki auf, unter welchem objektiven Druck sich dieser an die Nationalisten angepasst hatte. Dabei hielt er sich nicht mit Connollys taktischen Fehler oder persönlichen Mängeln auf, sondern stützte sich auf eine sorgfältige Analyse der historischen und politischen Faktoren, die für die Entwicklung des irischen Proletariats ausschlaggebend waren:

„Die junge irische Arbeiterklasse, entstanden in einer von heroischen Erinnerungen an nationale Aufstände geprägten Zeit und konfrontiert mit der egoistischen, engstirnigen imperialen Arroganz der britischen Gewerkschaften, schwankte naturgemäß zwischen Nationalismus und Syndikalismus, jederzeit bereit, diese beiden Tendenzen in ihrem revolutionären Bewusstsein zu vereinen. Sie wirkt anziehend auf die junge Intelligenz und auf einzelne nationale Schwärmer, die ihrerseits dafür sorgen, dass in der Bewegung die grüne Fahne vor der roten dominiert.“

Trotzki schloss seinen Artikel mit der Bemerkung, dass der Osteraufstand ein Vorgeschmack auf das sei, was noch kommt. Er schrieb: „Der unbestrittene persönliche Mut, der in den Hoffnungen und Methoden der Vergangenheit zum Ausdruck kommt, ist an sein Ende gekommen. Doch die historische Rolle des irischen Proletariats hat gerade erst begonnen.“ [Leon Trotsky: „On the Events in Dublin“, in: Leon Trotsky’s Writings on Britain, Bd. 3, London: New Park, S. 168-169, aus dem Englischen]

Die Folgen

Trotzkis Prognose wurde durch die nachfolgenden Entwicklungen bestätigt.

Die sozialistische Bewegung in Irland verlor mit der brutalen Unterdrückung des Osteraufstands nicht nur ihren prominentesten Führer, Connolly. Die Irish Citizen Army (ICA) hatte in den Kämpfen die meisten Opfer zu verzeichnen, die einen wichtigen Teil der politischen Avantgarde der Arbeiterklasse ausmachten.

Die ICA wurde niemals wieder zu einer ernstzunehmenden politischen Kraft. Doch der Kampf der irischen Arbeiterklasse gegen Krieg und britischen Imperialismus radikalisierte sich weiter. Im Jahr 1918 wurde zum Generalstreik aufgerufen, um der Londoner Regierung entgegenzutreten, die infolge der deutschen Frühjahrsoffensive an der Westfront Einberufungen durchzusetzen versuchte. Die Russische Revolution inspirierte die Arbeiter in Irland. Über das ganze Jahr 1918 hinweg wurden Land und Besitztümer beschlagnahmt und Streiks ausgerufen, um die Versorgung der britischen Armee und ihrer Truppen zu behindern und die Freilassung von republikanischen Gefangenen zu erzwingen. In Belfast fand ein Generalstreik statt, der über die konfessionelle Spaltung zwischen Ulster und dem Rest Irlands hinweg für eine kürzere Arbeitswoche kämpfte. Diese Entwicklung erschütterte die britische Herrschaft in Irland. Am 15. Februar 1919 wurden Truppen nach Belfast entsandt, um auf eine Beilegung der Auseinandersetzung zu drängen, die bald darauf von den reformistischen Labour-Führern erzwungen wurde.

In der bürgerlichen Presse waren Warnungen vor dem Einfluss des Bolschewismus weit verbreitet. Auf einem Kongress 1918 verabschiedeten die Irische Labour Party und der Irische Gewerkschaftsbund (ILPTUC) Resolutionen, in denen sie Arbeiterkontrolle über die Produktionsmittel und Unterstützung für die bolschewistische Revolution forderten.

Immer wieder bewiesen die Arbeiter ihre Entschlossenheit zum Kampf. Im gesamten Land brachen Streiks aus. In einem Generalstreik, der vom Trades and Labour Council in der Stadt Limerick ausgerufen wurde, um der Deklaration einer besonderen Militärzone der britischen Armee in diesem Gebiet entgegenzutreten, bildete sich im April 1919 für kurze Zeit der Limericker Sowjet. Während seines zwölftägigen Bestehens übernahm er die Verantwortung für die Verteilung von Lebensmittel und anderen Bedarfsgütern an die Arbeiter. Er leitete die Stadtverwaltung und druckte sogar sein eigenes Geld. Die Ankunft der Führer des ILPTUC setzte dem Sowjet ein Ende. Am 27. April wurde er liquidiert.

Das Fehlen einer politischen Führung bei den Streiks und Massenkämpfen der Arbeiterklasse führte dazu, dass die reformistischen Gewerkschaftsführer die politische Initiative den Nationalisten überließen.

Die Partei Sinn Féin war nicht am Osteraufstand beteiligt und griff die Forderung nach einer Republik erst anschließend auf. Trotzdem konnte sie zur einzigen politischen Kraft werden, die dem wachsenden Zorn auf den britischen Imperialismus eine Führung anbot.

Die 1905 gegründete Partei Sinn Féin [Wir selbst] strebte ursprünglich an, die irische Unabhängigkeit zu erreichen, indem sie zum einen Abgeordnete ins britische Parlament wählen lassen wollte, die dann ihr Mandat boykottieren sollten. Zum anderen wollte sie einen Generalrat und andere Institutionen in Irland aufbauen, die die Zahlung von Steuern an London verweigern und dadurch Irland unregierbar machen würden. Irland sollte unabhängig werden, aber Teil einer Art Doppelmonarchie bleiben, die sich an dem System von Österreich-Ungarn orientieren würde.

Im Dezember 1918 errang Sinn Féin bei den Parlamentswahlen einen vollständigen Sieg. Die Partei boykottierte darauf das Unterhaus und rief anschließend im Januar 1919 ein irisches Parlament (Dáil) aus. Die sowjetische Regierung war die erste und einzige Regierung, die das unabhängige irische Parlament sofort anerkannte.

Eamon de Valera

Streiks und Proteste der Arbeiterklasse fanden während der gesamten Dauer des Unabhängigkeitskriegs (1919–1921) gegen Großbritannien statt. Doch die Labour Party und die Gewerkschaftsführung ordneten sich politisch weiter Sinn Féin unter. Der erste Präsident des irischen Parlaments, Éamon de Valera von Sinn Féin, wurde auf dem ersten Gewerkschaftskongress im August 1921 mit stehenden Ovationen empfangen. Die nationalistischen Führer bewiesen einmal mehr ihre organische Unfähigkeit, die Revolution bis zu ihrem Abschluss zu führen, als sie die revolutionären Kämpfe vorzeitig beendeten und zum Ende desselben Jahres den Anglo-Irischen Vertrag mit dem britischen Imperialismus aushandelten. Dieser Vertrag besiegelte die Teilung Irlands. In den 26 irischen Grafschaften außerhalb von Ulster wurde der Irische Freistaat errichtet.

Der Irische Freistaat, weit davon entfernt, religiöse und bürgerliche Rechte zu garantieren, stand stark unter dem autoritären Einfluss der katholischen Kirche.

Eine kleine Minderheit, angeführt von Connollys Sohn Roddy, hatte sich offen für die Dritte (Kommunistische) Internationale ausgesprochen, als diese im Mai 1919 auf Initiative von Lenin und Trotzki gegründet wurde. Im Oktober 1917 organisierte die Sozialistische Partei Irlands eine Demonstration zur Unterstützung der bolschewistischen Revolution, an der 10.000 Personen teilnahmen. Roddy Connolly leitete im Jahr 1921 die Gründung der Kommunistischen Partei Irlands (CPI), nachdem er 1920 am zweiten Kongress der Kommunistischen Internationale teilgenommen hatte. Die CPI, die den Anglo-Irischen Vertrag ablehnte und ein sozialistisches Programm vertrat, um den Kampf gegen den britischen Imperialismus fortzusetzen, geriet unter fortwährende Angriffe sowohl von den Black and Tans, einer von London geschaffenen paramilitärischen Miliz, als auch von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA).

Der bedeutsame Fortschritt, den die CPI während ihrer kurzen Existenz erzielte, wurde indessen durch die bürokratische Degeneration des sowjetischen Regimes und der Kommunistischen Internationale unter der Führung Josef Stalins zunichte gemacht. Im Jahr 1924 löste die Komintern die CPI auf, um Beziehungen zu Jim Larkins Partei, der Irish Workers League, aufzunehmen – eine Verbindung, die kaum vier Jahre hielt.

Der Osteraufstand heute

Stalin, Foto von Nappelbaum, 1924

Seit seiner Entstehung hat sich der irische Staat auf die Ostereignisse von 1916 gestützt, um seinen nationalen Widerstand gegen Großbritannien zu beweisen. Connolly wurde zu einem patriotischen Symbol stilisiert, und heute steht sein Standbild in Dublin. Die Regierung, die auf ihrer Website für staatlich geförderte Gedenkveranstaltungen an den Ostertagen wirbt, schreibt an gleicher Stelle: „Offizielle staatliche Feiern werden, wie dies immer der Fall war, das Jahr 1916 als den Moment markieren, an dem irischer Nationalismus sich mit revolutionären, kulturellen und sprachlichen Bewegungen vereinte und eine unaufhaltsame Bewegung für Selbstbestimmung vorantrieb. Die Ausrufung der Republik, die sich auf die Ideale dieser Generation stützte, bleibt für nachfolgende Generationen eine Inspiration.“

Doch diese Behauptungen einer angeblichen Kontinuität zu den revolutionären und demokratischen Bestrebungen von 1916 entbehren jeder Glaubwürdigkeit, wenn sie von einem zunehmend diskreditierten kapitalistischen Staat kommen, der heute eine offen rechte Politik betreibt. Alle großen irischen Parteien vertreten Standpunkte, die dem Großkapital freundlich und der Arbeiterklasse feindlich gesonnen sind.

Nach der globalen Wirtschaftskrise von 2008 beteiligten sich alle Parteien des irischen Establishments an der Umsetzung eines massiven Sparprogramms, um die Kosten der Krise auf die Arbeiterklasse abzuwälzen und die Banken zu retten. Das Ergebnis zeigt sich in der heutigen irischen Gesellschaft, die mehr als je zuvor von wachsender sozialer Ungleichheit betroffen ist. Während sich die Zahl der Milliardäre zwischen 2008 und 2013 verdoppelte, haben Armut und Arbeitslosigkeit stark zugenommen. Der öffentliche Sektor wurde immer weiter zerstört. Die Gewerkschaftsbürokratie und die pseudolinken Parteien haben diese Entwicklung abgedeckt und dafür gesorgt, dass die gegenwärtige soziale Ordnung nicht durch eine Bewegung von unten erschüttert werden konnte.

Einhundert Jahre nach dem Osteraufstand erweisen sich die Warnungen Conollys aus dem Jahr 1897 sowie der politische Kampf, den Lenin und Trotzki führten, als korrekt. Die Bildung eines irischen kapitalistischen Staates beseitigte nicht die drückende Armut und die Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung. Die nationalistische Führung erwies sich als völlig unfähig zur Vereinigung Irlands. Stattdessen trug sie dazu bei, die Bedingungen für einen jahrzehntelangen Bruderkrieg und Konfessionskonflikt in Nordirland zu schaffen.

Die Lehren, die aus 1916 gezogen werden müssen, haben nichts mit der verlogenen Propaganda der herrschenden Elite zu tun, die von einer steten Entwicklung hin zu Unabhängigkeit und nationalem Ruhm spricht. Vielmehr haben die Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts, die auf den Osteraufstand folgten, bestätigt, dass die irische Arbeiterklasse sich ihre eigene Partei schaffen muss, die ein sozialistisches Programm und eine internationalistische Strategie vertritt.

Die fortgeschrittenen Arbeiter und Jugendlichen sollten sich die wichtigen Lehren aus der Kapitulation der Zweiten und Dritten Internationale vor dem Nationalismus aneignen und den politischen Kampf studieren, den Trotzki für die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution gegen den Stalinismus führte. Die irische Arbeiterklasse muss ihr Schicksal heute mehr als je zuvor mit demjenigen der Arbeiter in Großbritannien, auf dem europäischen Kontinent und darüber hinaus verbinden. Dies erfordert den Aufbau einer irischen Sektion des Internationalen Komitees der Vierten Internationale.