IWF-Treffen vor dem Hintergrund wachsender Stagnation und geoökonomischer Spannungen

Von Nick Beams
13. April 2016

Am Wochenende wird in Washington das Frühjahrstreffen des Internationalen Währungsfonds (IWF) stattfinden. Zeitgleich mehren sich die Berichte über eine weitere Stagnation der Weltwirtschaft und die Warnungen, dass die negative Zinspolitik der großen Zentralbanken die Lage verschlimmert.

Laut der jüngsten Ausgabe des Entwicklungsindex der Brookings Institution und der Financial Times ist die Weltwirtschaft charakterisiert von „niedrigem Wachstum“; der weltweite Aufschwung sei „schwach, unausgeglichen und könnte jederzeit wieder in Stagnation verfallen.“

Weiter hieß es: „Eine weit verbreitete Entwicklung in allen Volkswirtschaften, von den stärksten bis zu den schwächsten, ist ein träges Wachstum der Kapitalinvestitionen, schwacher oder negativer Industrieproduktion und sinkendes Geschäftsvertrauen.“

Die amerikanische Wirtschaft mit ihrem anhaltenden Rückgang der Arbeitslosigkeit und steigenden Verbraucherausgaben wurde eine Zeit lang als „Hoffnungsschimmer“ dargestellt. Doch der Entwicklungsindex erklärt: „Geringes Geschäftsvertrauen und minimale Erhöhungen der Investitionen trotz hoher Unternehmensgewinne und ausreichend Kapital führen zu einem unausgeglichenen Wachstumsmuster von zweifelhafter Haltbarkeit.“

Die jüngste Vorhersage der Atlanta Federal Reserve unterstützt diese Schlussfolgerung. Demzufolge ist die amerikanische Wirtschaft im ersten Quartal dieses Jahres erstmals nur um 0,1 Prozent gestiegen. Zuvor wurde das voraussichtliche Wachstum auf 0,4 Prozent geschätzt.

Für die Eurozone stellte das Gutachten „bescheidenes Wachstum“ bei der Industrieproduktion und der Beschäftigung fest, doch „Investitionen, Einzelhandelsumsätze und Verbrauchervertrauen bleiben weiterhin in der ganzen Eurozone schwach. Die Nachhaltigkeit des Aufschwungs ist daher zweifelhaft.“

In Japan lag das Wachstum zuletzt auf einem positiven, aber niedrigen Niveau. Die Industrieproduktion war jedoch in den negativen Bereich gerückt, die Einzelhandelsumsätze sanken weiterhin. Das Wirtschaftswachstum in China ist weiterhin zurückgegangen, eine „harte Landung“ scheint jedoch vorerst abgewendet.

Indien wurde in letzter Zeit als wichtige internationale Wachstumsquelle dargestellt, die irgendwann vielleicht sogar China überholen könnte. Doch laut dem Bericht der Brookings Institution und der Financial Times „verschleiert sein offizielles Wachstum von sieben Prozent viele Probleme.“ Die niedrigeren Ölpreise waren zwar ein Segen für die indische Wirtschaft, doch „das Investitionswachstum ist stark gesunken und die Industrieproduktion verringert sich sogar. Die Nachhaltigkeit von Indiens rapidem Wirtschaftswachstum steht damit in Zweifel.“

Der Bericht wies auf die schwere Rezession in Brasilien und Russland hin. In beiden Ländern „sinken weiterhin fast alle Indikatoren für wirtschaftliche Aktivität.“ In den anderen Schwellenländern sieht die Lage überwiegend schlecht aus. „Einige haben sich etwas Spielraum verschafft, indem sie versuchten, das Wachstum zu stimulieren, andere mussten sich mit wirtschaftlicher und politischer Instabilität auseinandersetzen.“

Angesichts dieser Entwicklungen wird der IWF seine Prognosen für das globale Wirtschaftswachstum aus seinem gestern veröffentlichten World Economic Outlook korrigieren müssen. Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die die letzten Jahre geprägt hat.

Zudem breitet sich die Befürchtung aus, dass die negative Zinspolitik einer Reihe von Zentralbanken, darunter der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank von Japan die Weltwirtschaft nicht ankurbeln, sondern genau das Gegenteil bewirken.

Die Financial Times wies auf die Ausbreitung der Negativzinsen hin und schrieb, sie hätten sich in weniger als zwei Jahren „von etwas, worüber man nur spekulieren kann, zur Realität für fast ein Viertel der Weltwirtschaft entwickelt.“

Führende Ökonomen des IWF kamen in einem Blogeintrag vom Sonntag zu dem „unverbindlichen“ Schluss, dass die Negativzinsen zwar insgesamt geholfen haben, da sie finanzielle Anreize geschaffen und die Bedingungen verbessert haben, „aber es gibt Grenzen dafür, wie weit und wie lange man Negativzinsen aufrecht erhalten kann.“

Sie wiesen darauf hin, dass die Zinsmargen von Banken scheinbar durch „die Kombination von Negativzinsen und quantitativer Lockerung“ eingeengt waren. Wenn niedrige oder negative Zinssätze weiter bestünden, „könnten sie die Effektivität von Lebensversicherungen, Renten und anderen Sparformen“ verringern. Niedrige Zinsen machen es Versicherungen schwerer, ihr Versprechen auf garantierte Gewinne zu erfüllen, was „früher oder später zu Verlusten für die Besitzer von Lebensversicherungen führen wird.“

Der Blogeintrag des IWF widerspiegelte die Kritik von wichtigen Finanzinteressen. Der Vorstandschef von BlackRock, Larry Fink, erklärte diese Woche in einem Schreiben an seine Aktionäre, niedrige Zinsen könnten, anstatt die Wirtschaft anzukurbeln, auch zu einem Rückgang der Verbraucherausgaben führen. Die Sparer wären gezwungen, Geld bei den aktuellen Ausgaben einzusparen, um die Kosten für ihre Rente zu decken.

Er schrieb: „Diese Tatsache hat tiefgreifende Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum: wenn Verbraucher für ihre Rente sparen, müssen sie ihre Ausgaben reduzieren. Eine Geldpolitik, die eigentlich zu Wachstum führen soll, könnte stattdessen zu geringeren Verbraucherausgaben führen.“

Scott Minerd, der Chefinvestor bei Guggenheim, schrieb letzte Woche in der Financial Times, die Welt befände sich zum ersten Mal seit der Großen Depression in einer „globalen Liquiditätsfalle“. Das bedeutet, die wirtschaftlichen Aussichten sind so schlecht, dass eine Senkung der Zinssätze nicht zu höheren Investitionen in die Realwirtschaft führt.

Minerd schrieb, zu den „unbeabsichtigen Folgen“ negativer Zinsen gehörten deflationäre Gegenwinde und langsameres Wachstum, d.h. genau das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung. „Doch wenn die Geldpolitik die letzte Möglichkeit ist, werden Negativzinsen vermutlich noch stärkere Negativzinsen verursachen und einen Teufelskreis schaffen.“

Die Warnungen des IWF vor den Grenzen negativer Zinssätze sind Teil einer Kampagne. Angesichts der zunehmenden wirtschaftlichen Stagnation sollen die Regierungen zu einer koordinierten globalen Reaktion gebracht werden, um den Konsum anzukurbeln. Diese Vorschläge sind bisher jedoch auf taube Ohren gestoßen, da die großen Wirtschaftsmächte untereinander zu zerstritten sind. Als der IWF diese Forderung auf dem letzten G20-Gipfel gestellt hatte, wurde sie nicht einmal ernsthaft diskutiert.

Seither haben die Spannungen zugenommen. Anfang des Monats warnte die japanische Regierung, sie werde möglicherweise einschreiten, da der Yen trotz der quantitativen Lockerung und der Negativzinsen der Bank von Japan weiter im Wert steigt. Eigentlich sollten die Maßnahmen der Bank den Wert des Yen senken und die japanische Exportwirtschaft ankurbeln.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble versuchte, der EZB und ihrer Politik der quantitativen Lockerung eine Teilschuld am Aufstieg der rechten Alternative für Deutschland (AfD) zu geben.

Laut Dow Jones erklärte er öffentlich: „Ich habe zu [EZB-Präsident] Mario Draghi gesagt [...] Sie können stolz sein. Das Wahlergebnis einer scheinbar neuen und erfolgreichen deutschen Partei geht zu 50 Prozent auf diese Politik zurück.“

Schäuble erklärte, die Erkenntnis, dass „überschüssige Liquidität eher zur Ursache als zur Lösung des Problems geworden ist“, breite sich zunehmend aus. Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte, die niedrigen Zinssätze würden die Renten der Sparer auffressen, die EZB sei auf einem „sehr riskanten Weg.“

Diese Konflikte werden während des IWF-Treffens vermutlich sorgfältig „versteckt“ werden, während sie tatsächlich nicht weit unter der Oberfläche der offiziellen Verhandlungen liegen.