Hundert Jahre seit dem Osteraufstand in Irland

Teil 2

Von Jordan Shilton
14. April 2016

Wir veröffentlichen hier den zweiten Teil einer dreiteiligen Serie über den Osteraufstand. Der erste Teil ist am 12. April erschienen.

Connolly verstand durchaus, dass der irische Nationalismus aufgrund der historischen Unterdrückung Irlands durch den britischen Imperialismus eine gewisse Anziehungskraft besaß. Er hatte jedoch seit der Gründung der Irish Socialist Republican Party im Jahr 1896 vor der fatalen Illusion gewarnt, dass der bürgerliche Nationalismus eine Möglichkeit biete, die Armut und Ausbeutung der Arbeiterklasse und der Landbevölkerung zu beenden.

1897 beschrieb er in seinem Werk „Socialism and Nationalism“, für welche Art von Republik seine Anhänger kämpfen sollten. Er warnte sie davor, sich im Namen der „nationalen Einheit“ an das Kleinbürgertum und die Bourgeoisie anzupassen. Die von ihm angestrebte Republik unterscheide sich von der französischen, „in der eine kapitalistische Monarchie mit einem gewählten Oberhaupt die gescheiterte englische Verfassung parodiert“. Ebenso wenig sollte seine Republik wie die USA sein, „wo die Macht des Geldes unter dem Deckmantel der Freiheit eine neue Tyrannei errichtet hat“. Weiter erklärte Connolly: „Selbst wenn ihr die englischen Truppen morgen vertreiben und die grüne Flagge über Dublin Castle hissen würdet, eure Mühen wären umsonst, wenn ihr nicht mit dem Aufbau der sozialistischen Republik beginnt. England würde euch weiterhin regieren: durch seine Kapitalisten, seine Grundbesitzer, seine Finanziers, durch alle die wirtschaftlichen und individuellen Institutionen, die es in diesem Land gepflanzt und mit den Tränen unserer Mütter und dem Blut unserer Märtyrer getränkt hat."

Unter dem Eindruck des schrecklichen Rückschlags, den die Arbeiterklasse 1914 durch den Verrat der Zweiten Internationale erlitten hatte, begann Connolly in seiner Haltung zu schwanken. Er konzentrierte seine Arbeit jetzt mehr darauf, ein Bündnis mit den Irish Volunteers zu schließen.

Prinzipiell war es nicht falsch, sich um die Unterstützung der besten Elemente der Irish Volunteers zu bemühen. Sie rekrutierten sich aus städtischen Arbeitern und der ärmeren Landbevölkerung. Viele waren von einem gesunden Hass auf den britischen Imperialismus und die Gesellschaftsordnung durchdrungen, die er vereidigte. Doch Connollys Orientierung beinhaltete auch politische Zugeständnisse, vor allem eine Abschwächung seiner früheren Kritik an der Perspektive, in Irland einen unabhängigen kapitalistischen Staat aufzubauen.

Kämpfer der Irish Citizen Army vor der Liberty Hall

Im September 1914 trat die Irish Republican Brotherhood (IRB), eine Fraktion innerhalb der Irish Volunteers, die den Fenian-Aufstand von 1867 angeführt hatte, für einen bewaffneten Aufstand während des Krieges ein. Sie erklärte, der Krieg sei eine ideale Gelegenheit: Zum einen sei Großbritannien durch die Kämpfe auf dem europäischen Kontinent beschäftigt, zum anderen würde die Aussicht auf einen Sieg Deutschlands das Kräftegleichgewicht in Europa verändern. Die Irish Volunteers spalteten sich in zwei Fraktionen, wobei die Fraktion unter Führung der IRB den Namen Irish Volunteers beibehielt. Sie umfasste etwa 15.000 Kämpfer.

Im Mai 1915 gründeten mehrere IRB-Anführer, darunter Thomas Clark und Patrick Pearse, einen Militärausschuss, um den Aufstand zu planen. Von Pearse stammte die berühmte Aussage: „Wir müssen uns an den Gedanken an Waffen, an ihren Anblick und ihren Einsatz gewöhnen. Vielleicht machen wir anfangs Fehler und erschießen die Falschen; doch Blutvergießen ist ein Akt der Reinigung und der Weihe. Eine Nation, die es als den größten Schrecken betrachtet, hat ihre Kraft verloren.“

Patrick Pearse

Connolly teilte die Auffassung der IRB, ein Aufstand gegen die britische Herrschaft in Dublin werde sich auf das ganze Land ausweiten. Er teilte auch ihre Illusionen, ein siegreiches Deutschland werde Irland dabei unterstützen, seine Unabhängigkeit zu erreichen. Zum Teil sollte dies die internationale revolutionäre Bewegung unter Führung der Arbeiterklasse ersetzen, die nicht entstanden war. Obwohl vor Connollys Hauptquartier in der Libery Hall ein Banner mit der oft zitierten Parole „Wir dienen weder dem König, noch dem Kaiser, sondern Irland“ hing, sang die Irish Citizen Army (ICA) im Dezember 1915 bei ihren Übungen ein Lied mit dem Titel „The Germans Are Winning the War, Me Boys“ (Die Deutschen gewinnen den Krieg, Jungs).

Über den Konflikt zwischen Russland und Deutschland schrieb Connolly in Worten, die sich an die Propaganda anpasste, mit der die deutsche Sozialdemokratie die Unterstützung der eigenen Bourgeoisie bei Kriegbeginn rechtfertigte: „Wenn wir uns entscheiden müssten, ob wir den deutschen Tyrannen oder den russischen Autokraten unterstützen, wären die Deutschen die bessere Wahl. Die Deutschen sind ein höchst zivilisiertes Volk. Sie sind für alle fortschrittlichen Einflüsse empfänglich, und sie sind dabei, Waffen für ihre Befreiung von der eigenen Tyrannei zu schmieden. Das Russische Reich hingegen erstreckt sich bis in die Tiefen Asiens und stützt sich auf eine Armee, die sich größtenteils aus Millionen von Barbaren rekrutiert, welche noch nicht einmal die ersten Einflüsse der Zivilisation zu spüren bekommen haben. Das deutsche Denken kann mit dem besten der Welt mithalten; Deutschlands Einflüsse haben die Hoffnungen der Welt beflügelt. Doch das Denken und die Hoffnungen der besten Teile Russlands wurden erst vor Kurzem von den schlimmsten Kräften Russlands im Blut ertränkt." (James Connolly, „On German militarism“, Irish Worker, 22. August 1914).

Angesichts der weiteren Entwicklung der Ereignisse erwies sich diese Analyse zudem als grundfalsch. Gerade im „rückständigen Russland“ fanden die revolutionären Kämpfe der Arbeiterklasse gegen den Krieg ihren stärksten politischen Ausdruck in der Machtübernahme der Bolschewiki im Oktober 1917.

Connolly und die Anführer der Nationalisten

Irland wurde zwar weiterhin vom britischen Imperialismus unterdrückt, doch aufgrund der Entwicklung des Kapitalismus mussten die gegensätzlichen Klasseninteressen dazu führen, dass die Arbeiterklasse ihre politische Unabhängigkeit von der irischen Bourgeoisie im Kampf gegen Imperialismus und für Sozialismus anstrebte.

Connollys große Stärke war seine Erkenntnis, dass die Arbeiterklasse die treibende Kraft bei der Befreiung von der britischen Kolonialherrschaft über Irland und der Erfüllung der nationalen und demokratischen Aufgaben sein musste. Seine Anhänger, die nicht in einer Partei organisiert waren, sondern in der paramilitärischen ICA, waren entschlossen, mit Waffengewalt für eine irische Arbeiterrepublik zu kämpfen. Doch da das Wesen dieser Republik nicht näher definiert wurde und eine klare eigenständige Perspektive und Führung fehlte, wurden die Arbeiterkader der ICA den kleinbürgerlichen und bürgerlichen Kräften untergeordnet, die den nationalistischen Kampf dominierten.

Connolly äußerte immer wieder Frustration über die Wankelmütigkeit der Nationalisten. Teile der Bewegung standen einem Aufstand gegen die britische Herrschaft zögerlich gegenüber oder lehnten ihn sogar offen ab. Er schwor mehrfach, er werde die allein mit der ICA den Aufstand anführen. Letzten Endes trat er im Januar 1916 dennoch als sechstes Mitglied dem Militärkomitee bei, das von den Nationalisten dominiert wurde. Während des Aufstands bekleidete er den Posten des Militärkommandanten.

Die Kritik an seinen Verbündeten konzentrierte sich weniger auf ihre Klassenzugehörigkeit, als auf ihre fehlende Kampfbereitschaft. Er schrieb, frühere Versuche, die englische Herrschaft abzuschütteln, seien vor allem an der Unentschlossenheit ihrer Anführer gescheitert. In seiner Zeitung Workers Republic veröffentlichte er nur wenige Wochen vor dem Aufstand einen Artikel mit dem Titel „The days of March“, in dem er erklärte: „Der Fenian-Aufstand 1867 war praktisch von Anfang an zum Scheitern verurteilt, weil die Anführer die große Chance verstreichen ließen und erst zu spät aktiv wurden. Genauso war es bei den United Irishmen [1798] und den Young Irelanders 1848...“

„In diesen Märztagen sollten wir daran denken, dass sich das endgültige Urteil über Generationen, genau wie über Individuen, nicht danach richten wird, was sie erreicht haben, sondern danach, was sie erreichen wollten und was sie dazu gewagt haben. Die Generation oder die Person, die beim Versuch getötet wird, ein ehrgeiziges und heiliges Ziel zu erreichen, ist selbst hochherzig und heilig. Wer versucht, ein hohes Ziel zu erreichen, erhebt seine Seele unangreifbar auf diese Höhe, selbst wenn sein Körper in den Schlamm zu seinen Füßen getreten wird.“

Connollys Forderung nach einer Generation von Helden in der Tradition früherer nationalistischer Bewegungen, die bereit waren, ihr Leben zu opfern, machte keinen Unterschied zwischen den gegensätzlichen Zielen der Arbeiterklasse und der Bourgeoisie. Die weiteren Ereignisse zeigten auf tragische Weise, dass er mit seinen Überzeugungen, die nationalistischen Anführer der Irish Volunteers könnten dazu gezwungen werden, zuverlässige Verbündete im Kampf gegen den britischen Imperialismus zu werden, während der deutsche Imperialismus die notwendige internationale Unterstützung liefern würde, falsch lag. Die Militärhilfe Deutschlands beschränkte sich auf eine einzige Waffenlieferung per Schiff, die von der Royal Navy versenkt wurde. Die tiefen Spaltungen innerhalb der nationalistischen Führung brachten den Osteraufstand zum Scheitern.

Der Aufstand

Der Osteraufstand war Ausdruck einer allgemeinen Radikalisierung der Arbeiterklasse vor dem Hintergrund des Krieges. Er begann kaum eineinhalb Jahre, nachdem Großbritannien Deutschland am 4. August 1914 den Krieg erklärt hatte und beträchtliche Teile der irischen Bevölkerung der britischen Herrschaft zunehmend ablehnend gegenüber standen.

Die Irish Parliamentary Party unter Führung von John Redmond hatte jahrzehntelang die Hoffnung verbreitet, im Rahmen eines rechtsstaatlichen Prozesses ein irisches Parlament ins Leben rufen zu können. Ihr Rückhalt brach jedoch drastisch ein, nachdem die britische Regierung versucht hatte, als Gegenleistung für die Gewährung der Selbstregierung die Wehrpflicht in Irland zu verlangen. Die sozialen Spannungen waren so stark, dass Irland von der Wehrpflicht ausgenommen werden musste, als sie 1916 in Großbritannien eingeführt wurde.

Am Ostermontag, dem 24. April 1916, besetzten Rebellen wichtige Gebäude in Dublin und errichteten Barrikaden. Patrick Pearse rief in einer feierlichen Ansprache am Hauptpostamt um 12:04 Uhr die Republik aus.

Die Oster-Proklamation

Pearse verlas auf den Stufen des Hauptpostamtes die Oster-Proklamation: „Wir verkünden hiermit den Besitzanspruch des irischen Volkes auf Irland und auf die uneingeschränkte Kontrolle über die Geschicke Irlands, auf Souveränität und deren Unantastbarkeit. Die lange Vorenthaltung dieses Rechts durch ein fremdes Volk und eine fremde Regierung hat alle diese Rechte nicht ausgelöscht, noch können sie jemals ausgelöscht werden, außer durch die Vernichtung des irischen Volkes. Das irische Volk hat in jeder Generation sein Recht auf nationale Freiheit und Souveränität bekräftigt: Allein in den letzten 300 Jahren hat es dies sechs Mal mit Waffen geltend gemacht. Auf dieses fundamentale Recht bestehend und dies vor den Augen der Welt nochmals mit Waffengewalt bekräftigend, erklären wir hiermit die Republik Irland zu einem souveränen, unabhängigen Staat und opfern unser Leben und das unserer Waffenbrüder für dessen Freiheit, Wohlstand und Entfaltung unter den Nationen.“

Diese Proklamation wurde von sieben Mitgliedern der provisorischen Regierung unterzeichnet: Pearse, Connolly, Tom Clarke, Thomas MacDonagh, Joseph Plunkett, Sean Mac Diarmada und Eamonn Ceannt. Dass sie weiterhin glaubten, Deutschland würde ihnen zur Hilfe kommen, zeigt die Berufung auf „mutige Verbündete in Europa“.

In der Proklamation wurde das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen versprochen. Sie garantierte außerdem " religiöse und bürgerliche Freiheit, gleiche Rechte und gleiche Möglichkeiten für alle seine Bürger und erklärt ihre Absicht, nach Glück und Wachstum der ganzen Nation und aller ihrer Teile zu streben, alle Kinder der Nation auf gleiche Weise zu umsorgen, unbeeindruckt von all den Unterschieden, welche durch eine fremde Regierung sorgfältig gepflegt wurden, Unterschiede, welche in der Vergangenheit eine Minderheit von der Mehrheit getrennt haben."

Die irische Bourgeoisie erwies sich als organisch unfähig, solche bürgerlich-demokratischen Prinzipien umzusetzen. Der Aufstand wurde beträchtlich geschwächt, weil der Gründer der Irish Volunteers Eoin MacNeil einen Befehl zur landesweiten Mobilisierung seiner Truppen am Sonntag, dem 23. April in letzter Minute rückgängig gemacht hatte. MacNeil hielt es für besser, zu warten, bis eine Aggression vonseiten Londons, etwa der Versuch, die Wehrpflicht durchzusetzen, bessere Bedingungen für einen Aufstand schaffen würde. Die Einheiten der Volunteers blieben entweder zu Hause oder zerstritten sich über die Frage, was sie tun sollten. Als der Aufstand dann am 24. April begann, nahmen deutlich weniger Kämpfer daran teil.

Nach sechs Tagen wurde der Aufstand vom britischen Militär brutal niedergeschlagen. Am zweiten Tag wurde das Kriegsrecht verhängt. Insgesamt wurden bei den Kämpfen 418 Zivilisten und Rebellen sowie 116 britische Soldaten getötet, 2.600 weitere Bewohner Dublins wurden verwundet und ein Großteil der Stadt wurde zerstört. Das britische Militär setzte willkürlich und im großen Stil Artillerie und schwere Maschinengewehre ein.

Die Ruinen des Metropole Hotel in der Sackville Street nach dem Angriff der britischen Truppen

Beispielhaft für das rücksichtslose Vorgehen gegenüber der Bevölkerung von Dublin war ein Befehl von Brigadegeneral William Lowe, der die Truppen für einen Großteil der Woche befehligte. Der Befehl sah vor, jeden als potenziellen Gegner zu betrachten: „Die Kolonnen werden in keinem Fall an einem Haus vorbeimarschieren, aus dem geschossen wurde, bis alle Bewohner des Hauses getötet oder gefangen sind. Jeder Bewohner eines solchen Hauses, egal, ob bewaffnet oder nicht, kann als Rebell betrachtet werden.“

Die Anführer des Aufstandes wurden unmittelbar nach ihrer Kapitulation verhaftet und in mehreren Standgerichtsverfahren zum Tode verurteilt. Connolly war während der Kämpfe schwer verwundet worden und musste am 12. Mai auf einer Bahre vor das Erschießungskommando getragen werden. Vom 3. bis zum 12. Mai wurden weitere Todesurteile gegen 90 Menschen verhängt, fünfzehn davon wurden vollstreckt.

Die Sackville Street (heute O'Connell Street) in Dublin nach dem Angriff der britischen Truppen

Das Militär unter der Führung von General John Maxwell, der zum Generalgouverneur von Irland ernannt worden war, griff hart und umfassend gegen alle Anhänger der irischen Unabhängigkeitsbewegung durch, egal, ob sie an dem Aufstand beteiligt gewesen waren oder nicht. Insgesamt wurden nach dem Aufstand 3.430 Männer und 79 Frauen verhaftet, 55 Prozent von ihnen stammten aus der Arbeiterklasse, darunter Hilfsarbeiter, Verkäufer oder Büroangestellte. Zudem wurden in ganz Großbritannien weitere 1.480 Personen verhaftet.

Wird fortgesetzt