Antarktische Gletscherschmelze droht Katastrophe auszulösen

Von Daniel de Vries
23. April 2016

Die ständig steigenden Emissionen von Treibhausgasen könnten in Kürze einen irreversiblen Kollaps eines antarktischen Eisschildes von der Größe Mexikos mit wahrscheinlich katastrophalen Folgen auslösen. Das geht aus einer Studie hervor, die im März in der Zeitschrift Nature veröffentlicht wurde.

Die Autoren, Robert M. DeConto, Geowissenschaftler an der Universität von Massachusetts Amherst, und David Pollard, Paläoklimatologe an der Pennsylvania State University gehen davon aus, dass das Westantarktische Eisschild wesentlich instabiler ist als von Wissenschaftlern bisher angenommen. Sein Bruch könnte bis 2100 den Meeresspiegel um mehr als einen Meter ansteigen lassen und längerfristig zu einem Anstieg von mehr als 15 Metern führen. Durch die hinzukommende Gletscherschmelze aus anderen Regionen, könnte der Meeresspiegel noch vor Ende dieses Jahrhunderts um fast zwei Meter steigen.

Ein so schneller Anstieg weltweit könnte ganze Städte für immer überfluten und zu Zerstörungen und Migrationsbewegungen führen, wie man sie seit dem letzten Weltkrieg nicht mehr gesehen hat. Forschungsergebnisse aus dem letzten Jahr schätzen, dass der Anstieg des Meeresspiegels, wie ihn eine Klimaerwärmung um zwei Grad Celsius zur Folge hätte, über hundert Millionen Menschen direkt betreffen würde, wobei ein Zusammenbruch des Westantarktischen Eisschildes noch gar nicht berücksichtigt ist. Sollten steigende Temperaturen einen solchen Kollaps auslösen, wären viele Weltmetropolen, von New York über Shanghai bis Rio, noch während der Lebenszeit unserer heute lebenden Kinder in Gefahr.

DeConto und Pollard’s Forschungen untersuchen den Einfluss der Klimaänderung auf dem Westantarktischen Eisschild, ein riesengroßes Gebiet, dessen Landmasse unterhalb des Meeresspiegels liegt. Die sich über hunderte Kilometer erstreckenden schwimmenden Eisschilde sind zwei Kräften ausgeliefert: den Meeresströmungen, die wärmer werden, und der steigenden Lufttemperatur. Das durch Risse abfließende Schmelzwasser könnte einen Dominoeffekt auslösen, denn die Instabilität des Gletschers nimmt mit jedem kalbenden Eisberg zu. Das ist genau, was Wissenschaftler am Helheimgletscher in Grönland beobachtet haben, der sich schnell zurückzieht. Dasselbe könnte auch in der Westantarktis passieren.

Zum ersten Mal haben Forscher kalbende Gletscher und andere Schmelzmechanismen in die Klimamodelle mit einbezogen. Damit konnten sie die historischen Meeresspiegel, die ihnen lange Rätsel aufgaben, genauer rekonstruieren als jemals zuvor. Die Temperaturen in den polaren Regionen waren zuletzt während mehrerer Millionen Jahre nur leicht höher als heute, trotzdem stieg der durchschnittliche globale Meeresspiegel um bis zu neun Meter. Wie DeConto und Pollard in ihrem Artikel erklären, ist die Ursache dafür die Tatsache, dass die schmelzenden Antarktischen Eisschilde schon auf relativ geringe Temperaturschwankungen reagieren.

Nachdem sie mit ihrem Modell die Vergangenheit genauer nachvollziehen konnten, versuchten sie sich an Szenarien des künftigen Klimawandels. Die Studie ergab, dass bei einer bestimmten Erwärmung die erwartete Verlustrate an Eis in der Antarktis (die fast neunzig Prozent der Süßwasserreserven der Erde speichert) bisher gültige Schätzungen bei weitem übertrifft.

Der Zusammenhang zwischen globaler Erwärmung und dem Anstieg des Meeresspiegels wurde unter Klimaforschern lange besonders kontrovers diskutiert. Während ein primärer Mechanismus, die thermische Ausdehnung des sich erwärmenden Wassers, gut verstanden wurde, wurde der potentielle Einfluss der schmelzenden Gletscher und der Eisschilde nur sehr bedingt verstanden. 2013 revidierte das Intergovernmental Panel on Climate Change seine sechs Jahre zuvor aufgestellte Voraussage über den Anstieg des Meeresspiegels um sechzig Prozent nach oben. Die neue Studie geht nun von einem fast doppelt so hohen Anstieg wie bisher aus.

DeConto und Pollard’s Studie ist nicht die einzige, die in den letzten Jahren vor der Möglichkeit eines schnellen Anstiegs des Meeresspiegels gewarnt hat. Studien, die Satellitenaufnahmen auswerten, wie von Bert Wouters und Kollegen, und unabhängig davon auch Christopher Harig und Frederick Simons, haben ein schnelles Abschmelzen von Teilen der Antarktika beobachtet, die früher als stabil galten.

Die jüngsten Forschungen stellen eine ernste Warnung vor den Gefahren dar, die steigende Meeresspiegel mit sich bringen. Früher wurden sie als ein Problem zukünftiger Jahrhunderte abgetan, und man glaubte, nur wenige Orte, zum Beispiel flache Inseln oder überflutungsgefährdete Siedlungen, seien davon betroffen. Tatsächlich hätte aber eine meterhohe Erhöhung schon in den nächsten Dekaden katastrophale Auswirkungen auf weite Teile der Menschheit.

„Für viele tiefer liegende Städte bedeutet das eine Katastrophe“, erklärte DeConto laut dem Pressebüro seiner Universität. Er fügte hinzu, seine Studie zeige aber auch, dass energische Maßnahmen die globalen Treibhausgasemissionen vermindern und das Risiko stark reduzieren könnten.

Es ist höchste Zeit, den Klimawandel zur Kenntnis zu nehmen und zu verringern, soll er nicht desaströse und nicht mehr aufzuhaltende Konsequenzen haben. Aber die herrschende Klasse quittiert dies bloß mit einem Schulterzucken. So hat das Pariser Abkommen vom letzten Dezember die Regierungen der Welt zu wenig mehr als buchhalterischen Nachweisen auf dem Papier verpflichtet. Ihre freiwilligen Versprechen, selbst wenn sie umgesetzt werden sollten, greifen viel zu kurz und kommen viel zu spät, um den Temperaturanstieg zu begrenzen und damit die Katastrophe zu verhindern.