Chinas Verschuldung auf Rekordhöhe

Von Nick Beams
27. April 2016

Laut einem Bericht der Financial Times vom Wochenende ist die Verschuldung Chinas auf einen Rekordwert von 237 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gestiegen. Das hat zu Warnungen geführt, das Land könne auf eine Lehman-ähnliche Finanzkrise zusteuern oder auf eine längere Periode geringen Wachstums wie Japan in den vergangenen zwei Jahrzehnten.

Der Bericht erklärt, die Gesamtverschuldung Chinas, einschließlich der aus- und inländischen Kreditaufnahme, sei als Ergebnis einer raschen Ausweitung der Kredite nach dem Ausbruch der globalen Finanzkrise in den Jahren 2008–2009 auf 25 Billionen Dollar gestiegen. 2008 betrug die Verschuldung Chinas 148 Prozent des BIP.

Der Ausbruch der Krise führte in den ersten Monaten des Jahres 2009 zu einem schnelleren Schrumpfen des Welthandels als in der Anfangsphase der Depression in den 1930ern. Dadurch brach das exportgetriebene chinesische Wirtschaftswachstum zusammen und führte zum Verlust von 23 Millionen Arbeitsplätzen. Die Regierung reagierte mit einem Konjunkturprogramm in Höhe von einer Billion Dollar und einer massiven Ausweitung der Kreditvergabe an staatliche Unternehmen und lokale Regierungsbehörden. Man schätzt, dass die Ausweitung des Kredits dem Umfang des gesamten US-Finanzsystem entspricht.

Die chinesischen Behörden hofften, die Weltwirtschaft werde sich nach der Krise erholen und die Exporte ihren früheren Umfang erreichen. Acht Jahre nach der Finanzkrise stagniert die Weltwirtschaft jedoch weiterhin. Bezeichnenderweise bewegt sich der Welthandel, der vor der Krise schneller wuchs als das globale BIP, jetzt unterhalb von dessen Wachstumsrate.

Seit 2013 haben die Regierung und die Finanzinstitutionen erkannt, das die Ausweitung der Investitionen in die Infrastruktur, speziell in Immobilen, in sich nicht tragfähig ist. Daraufhin haben sie versucht, eine „Neujustierung“ der Wirtschaft herbeizuführen, weg von kapitalintensiven Entwicklungen und hin zur Ausweitung des Konsums und des Dienstleistungsbereichs.

Die Wachstumsraten sind von ihrem früheren Niveau von zirka 10 Prozent geschrumpft und haben die Regierung veranlasst, die offiziellen Erwartungen auf 6,5 bis 7 Prozent zu senken. Aber selbst dieses niedrigere Niveau wird schwer zu halten sein.

Wirtschaftliche Turbulenzen in der letzten Hälfte des Jahres 2015 als Folge der Börsenkrise im August und ein verlangsamtes Wachstum haben Befürchtungen vor einer „harten Landung“ hervorgerufen. Das hat die Regierung dazu veranlasst, die Kredithähne wieder aufzudrehen, um die Wirtschaft zu stützen. Die Schätzungen für das Wachstum im ersten Quartal 2016 lagen in Übereinstimmung mit den Prognosen der Regierung bei 6,7 Prozent. Das ist dennoch die niedrigste Quote seit dem Tiefpunkt der Finanzkrise. Und dieses Ergebnis wurde nur durch eine massive Kreditausweitung erzielt.

Die Financial Times berichtete, dass laut den Zahlen der Zentralbank und ihren eigenen Berechnungen die Neuverschuldung im ersten Quartal dieses Jahres um 6,2 Billionen Renminbi gestiegen ist. Das ist die bisher größte Steigerung in einem Zeitraum von drei Monaten. Sie liegt 50 Prozent höher als im selben Zeitraum des letzten Jahres. Der Chefökonom für China bei der BNP Paribas, Chen Xingdong, erklärte, das BIP-Ergebnis im ersten Quartal sei nur erreicht worden durch eine Steigerung der Industrieproduktion, von Anlageinvestitionen und was er einen „erstaunlichen“ Zuwachs an neuen Baufirmen nennt. Gleichzeitig verlangsamte sich das Wachstum im Dienstleistungssektor, das die Basis für eine „neu justierte“ chinesische Wirtschaft bilden sollte.

Es gibt große Meinungsverschiedenheiten unter den Wirtschafts- und Finanzanalysten darüber, wie sich die chinesische Verschuldungsproblematik auswirken wird. Einige warnen, dass sie in einer „Lehman-ähnlichen“ Krise mit Bankenpleiten und einem Kreditzusammenbruch enden werde. Laut Jonathan Anderson von der Emerging Advisors Group, dessen Ausführungen in einem anderen Artikel der Financial Times vom Wochenende zitiert wurden, stützen sich die Banken auf den Verkauf von Produkten mit hoher Rendite statt auf ihre Einlagen, um die Kredit zu finanzieren. Diese Methode hat schon 2008 zum Zusammenbruch von Bear Sterns und Ende des Jahres von Lehman Brothers geführt.

Vor kurzem schrieb er: „Bei der gegenwärtigen Wachstumsrate ist es nur eine Frage der Zeit, bis einige Banken nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Anlagen sicher zu finanzieren. An dem Punkt wird eine Finanzkrise wahrscheinlich.“

Der globale Hedge-Fonds-Investor George Soros hat die chinesische Wirtschaft mit der Situation verglichen, die in den USA vor dem Zusammenbruch von 2008 herrschte. Andere behaupten, Chinas Zentralbank werde auch weiterhin Geld in das Finanzsystem pumpen, um einen Zusammenbruch abzuwenden. Das wird jedoch nur zu einer Stagnation wie in Japan führen.

Was immer die direkten Auswirkungen sein werden, die wachsende Schuldenkrise hat weitreichende Folgen für die globale Wirtschaft als ganzer. Denn eine große Zahl an Volkswirtschaften, von Australien und Brasilien über die Wirtschaften in Südostasien und Afrika bis Lateinamerika, sind in hohem Maße abhängig von einem anhaltenden chinesischen Wirtschaftswachstum.

In einem Bericht der Anfang des Jahres veröffentlicht wurde, erklärte Ha Jiming, ein Anlagestratege bei Goldman Sachs: „Jedes große Land mit einem raschen Anstieg der Verschuldung ist entweder in eine Finanzkrise geraten oder in eine anhaltende Wachstumsabschwächung des BIP.“

In seinem jüngstenFinanzstabilitätsbericht macht der Internationale Währungsfonds auf die wachsenden Schuldenprobleme aufmerksam. Er schätzt, dass mehr als 15 Prozent der gesamten Geschäftskredite in China „potentiell unsicher“ sind. Das bedeutet, dass die Banken mit einem Verlust von 4,9 Billionen Renminbi konfrontiert sind; das entspricht sieben Prozent des BIP. Andere schätzen, die Summe an notleidenden Krediten könne noch größer sein.

Im aktuellen Weltwirtschaftsausblick (World Economic Outlook) der Organisation, der für ihreFrühlingstreffen Anfang des Monats vorbereitet wurde, weist auf die erheblichen und noch zunehmenden „Übersprung“-Effekte aus dem chinesischen Finanzsystem auf die hochentwickelten Volkswirtschaften hin.

Es ist noch nicht klar, welche Auswirkungen die zunehmende Besorgnis über Chinas Verschuldung kurzfristig haben wird. Aber es zeichnen sich weitere kurzfristige mögliche Quellen von Instabilität ab.

Die Bank von Japan trifft sich am Donnerstag unter wachsendem Druck, die Geldpolitik weiter zu lockern, nachdem sie Ende Januar Negativzinsen eingeführt hat. Obwohl die Zentralbank betont, eine Abwertung des Yen sei nicht das offizielle Ziel der neuen Regelung, haben die Bank von Japan und die Regierung dennoch gehofft, dass der Wert des Yen fällt. Regierungen und Zentralbanken halten die offizielle Fiktion aufrecht, eine Änderung des Wechselkurses sei nicht ihr Ziel, damit sie nicht beschuldigt werden, sie würden sich auf einen Währungskrieg einlassen.

Stattdessen ist in den drei Monaten seit der Einführung der Negativzinsen der Wert des Yen gestiegen. Dadurch hat sich der deflationäre Druck auf die japanische Wirtschaft noch erhöht. Das macht es den japanischen Unternehmen schwerer, auf den globalen Märkten zu konkurrieren.

Die offizielle Haltung des Präsidenten der Bank von Japan ist, die Geldpolitik funktioniere gut. Allerdings hatte er dieselbe Meinung im Vorfeld der überraschenden Einführung von Negativzinsen Ende Januar vertreten.

Es wird sehr viel davon abhängen, was die US-Notenbank auf ihrem heutigen Treffen entscheidet. Wenn sie eine Anhebung der Zinsen für Juni andeutet, dann wird das wahrscheinlich zu einem Anstieg des US-Dollars und einem Sinken des Yen-Kurses führen. Wenn sie jedoch die Anhebung der Zinsen immer weiter hinausschiebt, dann wird der Dollar tendenziell fallen und einen größeren Aufwärtsdruck auf den Yen ausüben. Das wäre ein Ergebnis, das eine weitere überraschende Ankündigung der Bank von Japan auslösen könnte.