Postbank kündigt Massenentlassungen an

Von Philipp Frisch
30. April 2016

Der Vorstand der Postbank plant in Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften weitgehende Angriffe auf die 15.000 Beschäftigten des Konzerns. Wie der Vorstandsvorsitzende des Unternehmens Frank Strauß im Interview mit der Süddeutschen Zeitung (SZ) erklärte, sollen insbesondere in den Postbank-Filialen massenhaft Stellen gestrichen und die Arbeitsbedingungen der verbleibenden Beschäftigten massiv verschlechtert werden.

Strauß‘ Ankündigung steht in direktem Zusammenhang mit den Plänen der Deutschen Bank, als Teil der Trennung vom Privatkundengeschäft ihre Tochtergesellschaft Postbank zu verkaufen und sich auf das lukrativere Investmentbanking zu konzentrieren. Die Gewinne des Privatkundensegments werden vor allem durch anhaltende Negativzinsen geschmälert.

In den Jahren 2008 bis 2010 war die Postbank schrittweise von der Deutschen Bank übernommen worden, „um mit den Einlagen der Postbanksparer die Zockereien der Investmentbanker zu finanzieren“, wie die Wirtschaftsredaktion der Tagesschau schreibt. Zur Zeit der Übernahme beschäftigte die Postbank noch rund 20.000 Mitarbeiter. Bis heute wurde ein Viertel dieser Stellen gestrichen. Jetzt soll die Bank einer Rosskur unterzogen werden, um für sie einen Käufer zu finden.

„Wir wollen die Filialen stärker automatisieren. Und wir überlegen, in Ballungszentren einige Filialen zusammenzulegen“, erklärte Strauß gegenüber der SZ. Es gehe darum, die Beschäftigten „bestmöglich in eine digitale Transformation“ einzubeziehen. „Bediente Selbstbedienung“ sei das Zauberwort. So sollen die Kunden in den Postbank-Filialen ihre üblichen Bankgeschäfte künftig noch häufiger am Automaten erledigen. Für die Betreuung der Kunden an den Automaten seien dann weniger Beschäftigte nötig.

Das Unternehmen plane, die Personalstruktur in den Filialen massiv zu verschlanken. Es werde Standorte geben, „in denen künftig nur noch ein Mitarbeiter arbeitet, weil unsere neuen Kassensysteme das Vier-Augen-Prinzip unnötig machen“, so Strauß.

Wie viele Arbeitsplätze damit konkret betroffen sind, lässt der Vorstand offen. Derzeit arbeiten in 1100 Postbank-Filialen noch rund 10.000 Beschäftigte, also durchschnittlich 10 Mitarbeiter pro Standort. Sollten die Pläne des Vorstands auch nur halbwegs flächendeckend umgesetzt werden, sind mehrere Tausend Arbeitsplätze in Gefahr.

Schon jetzt stimmt Strauß die Beschäftigten auf einen Kahlschlag ein. „Wenn wir Mitarbeiter abbauen, tun wir das sozialverträglich.“ Seine Beschwichtigungen, dass das Personal ohnehin einen hohen Altersdurchschnitt aufweise, viele ältere Mitarbeiter demnächst in Rente gingen und das Unternehmen sogar noch neue Mitarbeiter einstellen müsse, um den Bedarf zu decken, sind pure Heuchelei.

Denn der Vorstand erwartet, dass seine Pläne große Wut und Empörung bei den Beschäftigten hervorrufen wird. Zur Unterdrückung dieses Widerstands verlässt sich das Unternehmen auf seine Unterstützer bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Strauß kündigte daher an, der Vorstand werde „die Veränderungen im Dialog mit den Arbeitnehmervertretern partnerschaftlich umsetzen, so wie wir es bisher immer getan haben“.

Es ist davon auszugehen, dass die sogenannten „Arbeitnehmervertreter“ durch ihre Sitze im Aufsichtsrat schon lange von diesen Plänen wussten und darin bereits involviert sind. Im Geschäftsjahr 2015 erhielten sie für ihre Dienste eine Vergütung von 654.500 Euro. Zu ihnen gehört unter anderem Verdi-Chef Frank Bsirske, der als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender alleine mit 218.000 Euro vergütet wurde.

Im April 2015 hatte Verdi den unbefristeten Streik der Postbank-Beschäftigten ausverkauft. Unter den Mitarbeitern hatte sich enorme Wut angestaut. Die Kampfbereitschaft war entsprechend groß. 94,8 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder hatten für den Streik gestimmt. In den Jahren seit der Übernahme der Postbank durch die Deutsche Bank hatte der Konzern den Urlaubsanspruch reduziert, die Arbeitshetze verstärkt und gleichzeitig die Gehälter gekürzt. Einige Beschäftigte mussten Lohneinbußen von 30 Prozent und mehr hinnehmen.

Mitten in den Streik platzte dann die Entscheidung des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, die Postbank aus dem Mutterkonzern auszugliedern und für einen Verkauf vorzubereiten. Alle zehn „Arbeitnehmervertreter“, an deren Spitze ebenfalls Frank Bsirske steht, hatten dafür gestimmt. Sollte es der Deutschen Bank gelingen, einen Käufer zu finden, wird dies mit weiteren Angriffen auf die Mitarbeiter verbunden sein.

Drei Tage nachdem Verdi diesen Angriffen im Aufsichtsrat grünes Licht gegeben hatte, gab die Gewerkschaft dann überraschend eine Einigung mit dem Postbank-Konzern bekannt. Abweichend von ihrer Forderung von 5 Prozent mehr Lohn für ein Jahr, vereinbarte die Gewerkschaft 2,1 Prozent ab April 2015 und weitere 2 Prozent zum April 2016. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 27 Monaten. Der bis 2020 geforderte Kündigungsschutz wurde vom Unternehmen bis 2017 gewährt. Der potenzielle Käufer der Postbank wäre an ein solches Abkommen nicht gebunden.

Die Vereinbarung diente in erster Linie dem Zweck, die Beschäftigten der Postbank ruhig zu halten, während ihre Kollegen bei der Deutschen Bank entlassen werden. Ein knappes halbes Jahr später, Ende Oktober 2015, kündigte die Deutsche Bank dann die Streichung von 9.000 Stellen im Konzern selbst und 6.000 weiteren bei externen Dienstleistern an. Von den 9.000 wurden 4.000 Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen.

Der Rekordverlust von 6,2 Milliarden Euro im dritten Quartal 2015, den die Deutsche Bank als Grund für die Entlassungen angab, ergab sich vor allem aus Abschreibungen für die an der Börse zu hoch bewerteten Anteile von Tochterbanken der Deutschen Bank, unter anderem der Postbank. 1,2 Milliarden musste die Deutsche Bank für Strafzahlungen zurücklegen, die sie sich durch kriminelle Praktiken wie der Manipulation des Libor-Zinssatzes einhandelte. Diese hatten dem Unternehmen wie vielen anderen internationalen Geldhäusern, die darin verwickelt waren, fantastische Gewinne beschert, während sie kleine Anleger, Hausbesitzer und Rentner um ihre Anteile prellten.

Nun haben Deutsche Bank und Postbank erneut die Beschäftigten der Postbank im Visier. Um der Vernichtung von tausenden Arbeitsplätze Widerstand zu leisten, ist es notwendig, aus der Rolle von Verdi als Co-Manager, der im Interesse der Banken die Angriffe durchsetzt, entsprechende Schlussfolgerungen zu ziehen. Auch das abgekartete Spiel von Verdi bei den aktuellen Warnstreiks im öffentlichen Dienst beinhaltet wichtige Lehren.

Die Beschäftigten der Postbank müssen schon jetzt mit dem Aufbau von neuen Organisationen beginnen, die den Kampf gegen die geplanten Entlassungen führen können. Während die Gewerkschaft versucht, die Beschäftigten der einzelnen Unternehmen zu isolieren, müssen diese Organisationen, die Mitarbeiter der Deutschen und der Postbank im Kampf gegen die Angriffe der Konzerne vereinen.