Blutiger Amoklauf in Bayern

Von Marianne Arens
20. Juli 2016

Am Montagabend griff ein siebzehnjähriger Flüchtling aus Afghanistan in einem Regionalzug in Bayern eine Reisegruppe aus Hongkong an und verletzte vier Personen schwer mit einer Axt und einem Messer. Kurze Zeit später wurde er von SEK-Polizeibeamten erschossen, die sehr rasch zur Stelle waren und ihn auf seiner Flucht aus dem Zug verfolgten.

Politiker und Medien verloren keine Zeit, um den blutigen Amoklauf politisch auszuschlachten und als Akt des islamistischen Terrorismus hinzustellen. Sie bezogen sich auf ein Bekennervideo, das die IS-nahe Website Amaq am Dienstag veröffentlichte. Darauf ist ein junger Mann zu sehen, der mit einem Messer in der Hand dem Islamischen Staat die Treue schwört. Er soll mit dem Täter identisch sein. Auch soll dieser bei seiner Tat im Zug „Allahu akbar“ (Gott ist groß) gerufen haben.

Das ZDF sendete eine Spezialsendung mit dem Titel: „Axtangriff im Zug – IS-Terror in Deutschland?“ und ein Islamexperte erklärte: „Wir müssen damit rechnen, dass diese Form des Terrors auch bei uns jetzt zunimmt.“ Noch am selben Tag forderte der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) weitere Sicherheitsmaßnahmen und mehr sichtbare Polizeipräsenz, und gleichzeitig wurden auf allen bayrischen Zugstrecken die Personalkontrollen verschärft.

Der junge Afghane war vor gut einem Jahr als „unbegleiteter Minderjähriger“ in Deutschland eingetroffen. Er hatte ein Jahr in einer Unterkunft in Ochsenfurt verbracht, ehe er vor zwei Wochen zu einer Pflegefamilie kam. Erst vor wenigen Tagen hatte er überraschend vom Tod seines Freundes in Afghanistan erfahren. Dies berichtete seine Gastfamilie, die ihn im Übrigen als sehr ruhigen und freundlichen Menschen schilderte.

Am Montagabend hatte er sich von der Familie mit den Worten verabschiedet, er gehe Fahrrad fahren, und es könne etwas länger dauern. In seinem Zimmer hinterließ er einen Notizblock, auf dem er eine IS-Flagge gezeichnet hatte. Auf demselben Block fand sich ein Abschiedsbrief an seinen Vater. Darin stand auf Paschtu: „Und jetzt bete für mich, dass ich mich an diesen Ungläubigen rächen kann, und bete für mich, dass ich in den Himmel komme.“

Daraufhin bestieg er den Regionalzug von Treichlingen nach Würzburg, wo er sich auf einer Toilette versteckte. Die Familie aus Hongkong mit Sohn, Tochter und Freund der Tochter, alle im Erwachsenenalter, griff er offenbar völlig wahllos an. Er verletzte vier von ihnen schwer, zwei davon lebensbedrohlich. Als andere Reisende die Notbremse zogen, kam der Zug in Heidingsfeld, einem Vorort von Würzburg, zum Stehen, und der junge Afghane floh.

Die Gruppe von SEK-Polizeibeamten war, wie es heißt, rasch zur Stelle, weil sie in der Nähe eine Drogenfahndung durchführte. Die SEK-Einheit verfolgte den Amokläufer, der über ein Industriegelände in Richtung Main rannte, wobei er noch eine fünfte Person, eine Anwohnerin, verletzt haben soll. Schließlich kam es im Gebüsch am Mainufer zur Begegnung mit zwei SEK-Beamten, die den Afghanen mit Kopfschuss töteten.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast warf noch in der Nacht zum Dienstag auf Twitter die Frage auf: „Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden?“ Darauf erhob sich ein Tumult auf allen Medienkanälen, als hätte sie ein Sakrileg begangen. Die Frage ist jedoch durchaus berechtigt. Warum konnten die auf Extremsituationen gedrillten Beamten des Sondereinsatzkommandos einen mit Beil und Messer bewaffneten Jugendlichen nicht überwältigen, ohne ihn zu töten?

Die hysterische Kampagne gegen jeden, der kritische Fragen zum Verhalten der Polizei stellt, ist Teil der inneren Aufrüstung und Polizeistaatsentwicklung. Gleichzeitig wird der Jugendliche Amokläufer nur als „Der Afghane“ bezeichnet und sein Angriff wird genutzt, um rassistische Stimmungen zu schüren.

Obwohl in seiner Dimension kleiner erinnert der Amoklauf an andere Fälle aus jüngster Zeit: In Nizza raste vor wenigen Tagen der 32-jährige Bouhlel mit einem LKW in eine feiernde Menschenmenge, tötete 84 Menschen und verletzte weitere hundert. In Orlando (USA) richtete der psychisch kranke Omar Mateen ein Massaker in einem Schwulen-Nachtclub an. In jedem dieser Fälle beanspruchte der Islamische Staat die Urheberschaft, meist ohne die Täter genauer zu kennen. In jedem dieser Fälle starben die Täter im Kugelhagel der Polizei, ohne dass man sie noch über ihre Motive befragen konnte.

In all diesen Fällen reagierten Politiker und Medien sofort mit dem Ruf nach staatlicher Aufrüstung und Verschärfung des Kampfs gegen den islamistischen Terrorismus. Aber der „Krieg gegen den Terror“ ist nicht die Lösung, sondern die Ursache.

Was bringt einen Siebzehnjährigen dazu, mit einem Beil und Messer auf fremde Menschen loszugehen? Welche traumatischen Erfahrungen, welcher Druck, welche Ausweglosigkeit bringt ihn in diese Lage?

Der junge Afghane war vor eben diesem „Krieg gegen den Terror“, der jetzt verschärft werden soll, geflüchtet. Dieser Krieg verwüstet seine Heimat seit fünfzehn Jahren und hatte zuletzt auch seinen Freund getötet. Er selbst hatte zwar in Deutschland den Status eines Asylbewerbers erreicht, konnte jedoch keinen Moment vor Abschiebung sicher sein, da Afghanistan laut Bundesregierung als „sicheres Herkunftsland“ gilt, und keinen Beruf mit Zukunftsperspektive ergreifen. Auch hatte er keinerlei Möglichkeiten, seine Familie nachkommen zu lassen.

Ein anderer ungeheuerlicher Fall aus der jüngeren Vergangenheit beleuchtet, dass die Ursache solcher Gewalttaten durchaus nicht im politischen Islamismus liegen muss: So hatte im März 2015 ein Germanwings-Pilot eine Maschine in Frankreich absichtlich in eine Felswand gesteuert und den Tod von 150 Passagieren verursacht. Die WSWS schrieb damals:

„Welcher enorme gesellschaftliche Druck ist nötig, damit ein junger Mann, der von all seinen Bekannten als unauffällig, ruhig, nett und umgänglich beschrieben wird, einen 149-fachen Mord begeht? … Die Beantwortung dieser Fragen führt unweigerlich über das ‚möglicherweise irregeleitete Gehirn‘ des Täters hinaus in eine Gesellschaft, die von wachsendem Arbeitsstress, ständiger Existenzangst, wachsenden sozialen Spannungen, staatlicher Gewalt und Militarismus geprägt ist.“

So ist es auch in dem jüngsten Fall des blutigen Amoklaufs eines jungen Afghanen in Bayern. Anstatt die Islamismus-Hysterie zu schüren und nach einem schärferen Kampf gegen Terrorismus zu rufen, ist es notwendig, nach den wirklichen Ursachen in der Gesellschaft zu fragen und gegen Krieg und soziale Not zu kämpfen.