US-Luftangriffe töten 200 Zivilisten in Nordsyrien

Von Thomas Gaist
23. Juli 2016

Bei Luftschlägen der US-geführten Kriegskoalition wurden in der nordsyrischen Provinz Aleppo am Dienstag 212 Zivilisten getötet. Das besagen Zahlen, die al-Dschasira am Donnerstag veröffentlicht hat.

Zunächst war von 56 Toten die Rede. Die Angriffe sollen mit starker französischer Unterstützung ausgeführt worden sein. Ganze Familien mit zahlreichen kleinen Kindern seien unter den Trümmern ihrer Häuser begraben worden. Das berichtete die Washington Post am Donnerstag.

Das Blutvergießen in Aleppo ist nur ein Vorgeschmack auf das Massaker, das die US-Regierung der syrischen Stadt Rakka und der irakischen Stadt Mossul zugedacht hat. Die Bombenangriffe wurden unter völliger Missachtung des Lebens von Zivilisten durchgeführt. Sie sind Anzeichen dafür, dass Washington und seine Verbündeten bereit sind, großangelegte Kriegsverbrechen zu begehen, um ihre strategische Vorherrschaft im Nahen Osten zu sichern.

In dieser Woche fanden in Washington mehrere Planungstreffen der US-Regierung statt, an denen die Nato-Führer und Vertreter all jener Regierungen teilnahmen, die sich an der amerikanischen „Koalition gegen den Islamischen Staat“ beteiligen.

Beschlossen wurden umfangreiche Angriffe auf die Städte, in denen Hunderttausende Syrer und Iraker wohnen. Auch wurde ein ganzes Maßnahmenpaket neuer Kampfmaßnahmen beschlossen, mit denen der Krieg vom Nahen Osten auf Nordafrika ausgeweitet wird.

Die Anti-IS-Operation im Namen der „internationalen Gemeinschaft“ umfasst Einsätze im Irak, in Syrien und Libyen. Die Nato-Mächte kamen überein, im Rahmen der „Operation Sea Guardian“ ihre jeweiligen Truppenbeteiligung an der Marineoperation im Mittelmeer aufzustocken.

Für die Einsätze der US-Truppen und ihrer Hilfseinheiten auf beiden Seiten der syrisch-irakischen Grenze läuft der Countdown. Diese Angriffe werden zweifellos zu großem Blutvergießen führen. Erneut werden sich hunderttausende Flüchtlinge auf den Weg machen, während das Pentagon mit einer längeren Bodenoffensive rechnet. Sind die Kämpfer des Islamischen Staates erst einmal vertrieben, soll die „Bevölkerung kontrolliert werden“. Damit wollen die USA die Lehren aus der Besetzung des Iraks von 2003 bis 2011 ziehen.

Die US-geführte Koalition will „die Kontrolle des IS über Mossul und Rakka zerschlagen“, erklärte US-Verteidigungsminister Ashton Carter, und sie plane umfassende „Stabilisierungsmaßnahmen und den Aufbau von Verwaltungsstrukturen, die darauf ausgelegt sind, das Territorium zu halten, wieder aufzubauen und zu regieren“.

„Mit Mossul müssen wir uns jetzt stark beschäftigen. Darauf richten wir unser Augenmerk“, bestätigte am Donnerstag auch Brett McGurk, der Sprecher der Anti-IS-Koalition.

Letzte Woche entsandte die US-Regierung weitere 560 Soldaten in den Irak und brachte damit die amerikanische Truppenstärke auf fast 5000 Soldaten. Seither übt Washington Druck auf die Verbündeten aus, sie müssten größere Truppenkontingente stellen. Die australische Regierung sagte am Dienstag zu, sie werde Kräfte nach Bagdad entsenden, um irakische Offiziere im Anti-Terror-Kampf auszubilden. Um die imperialistisch kontrollierte irakische Regierung in Bagdad zu stärken, will die Nato vermehrt irakische Offiziere ausbilden. In Jordanien bildet das Bündnis heute schon hunderte irakische Offiziere aus, will aber jetzt sein Ausbildungsprogramm im Irak selbst ausweiten.

Minister Carter machte am Mittwoch klar, dass Washington von allen wichtigen Verbündeten erwarte, dass sie sich am „Krieg gegen den IS“ beteiligen. Er forderte materielle Unterstützung der Nato-Verbündeten, wie zum Beispiel mehr Ausbilder und Berater.

„Wir müssen alle mehr tun“, sagte Carter nach den Gesprächen am Mittwochmorgen.

„Mit den heutigen Plänen und Zusagen wird es uns möglich sein, dem IS die entscheidende Niederlage beizubringen, die er verdient“, erklärte Carter. „Wir haben entschieden, unsere gesamten Pläne zu beschleunigen.“

Vor der Konferenz am Mittwoch hatte sich Carter mit dem französischen Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian getroffen. Dieser bekräftigte, dass die französische Regierung den Flugzeugträger Charles de Gaulle schicken werde, um die amerikanischen Luftangriffe auf den Irak und Syrien zu unterstützen.

Am Donnerstag machte Le Drian den globalen Umfang der Kriegsvorbereitungen klar. Sie laufen unter dem Banner des „Kriegs gegen den Terror“ und des „Kriegs gegen den IS“ und erstrecken sich von Westafrika bis nach Zentralasien. Le Drian forderte verstärkte Nato-Verbände in der afrikanischen Sub-Sahara und nannte als wichtigen Einsatzort das Tschadseebecken.

„Wir müssen auch den ärmsten Ländern helfen, die an der Front am Tschadsee stehen“, sagte der französische Außenminister. Er bezeichnete Niger, den Tschad und Nigeria als lohnende Ziele für die Nato-Truppen.