Rio 2016: Die „olympische Idee“ und die kapitalistische Wirklichkeit

9. August 2016

„Die Olympische Bewegung will den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit stellen. Sie tritt für eine friedliche Gesellschaft ein, die die Würde des Menschen bewahrt.“ Diese Worte, die sich in den „Grundprinzipien der Olympischen Bewegung“ der Olympischen Charta finden, fassen in Kürze zusammen, was mit einer gewissen Scheinheiligkeit die „olympische Idee“ genannt wird.

Ein goldenes Zeitalter der Olympischen Spiele hat es nie gegeben. Seit über hundert Jahren dienen sie als Bühne, um Nationalismus zu propagieren. Der Begründer der neuzeitlichen Olympischen Spiele, Pierre Baron de Coubertin, gab freimütig zu, dass er den Wert des Sports nicht nur darin sah, die Entwicklung der Menschheit zu fördern, sondern auch darin, Franzosen zu besseren Soldaten im Krieg zu machen.

Der Kontrast zwischen der propagierten olympischen Idee und der Realität des kapitalistischen Systems, das von wirtschaftlicher Krise und sozialer Ungleichheit gezeichnet ist und auf einen neuen Weltkrieg zusteuert, könnte nicht deutlicher hervortreten, als es bei der Eröffnung der Spiele von 2016 in Rio de Janeiro der Fall war.

Die internationalen Medien berichteten ausführlich über die Eröffnungszeremonie in Rio im legendären Maracana-Stadion. Weniger mediale Beachtung fand ein brutaler Einsatz der brasilianischen Polizei gegen eine Demonstration eine halbe Meile vom Stadion entfernt. Der Protest richtete sich gegen die, in den Worten der Demonstranten, „Spiele der Exklusion“. Die Polizei setzte Tränengas, Pfefferspray und Blendgranaten ein, um die Demonstranten zu zerstreuen. Es gab mehrere Verwundete.

Zuvor war es bereits zu Auseinandersetzungen auf dem Weg der olympischen Fackel gekommen. In einem Fall wurde ihr Feuer von zahlreichen Arbeitern und Jugendlichen in der Küstenstadt Angra dos Reis erstickt. Sie protestierten gegen die gigantischen Summen, die für die Spiele ausgegeben werden, während Angestellte im öffentlichen Dienst und Lehrer ihre Gehälter nicht erhalten und am öffentlichen Nahverkehr und Gesundheitswesen wegen der Verschärfung der Finanzkrise gespart wird.

2009, als Brasilien den Zuschlag für die Spiele von 2016 erhalten hatte, meinte der damalige Präsident Luiz Ignacio Lula da Silva: „Unsere Zeit ist gekommen.“ Damals prahlte Lula, dass Brasilien, dessen Wirtschaftswachstum auf 5 Prozent gestiegen war, gegen die Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise von 2008 immun sei.

Seitdem bricht die brasilianische Wirtschaft unter der Krise des Weltkapitalismus zusammen. Die Arbeitslosigkeit liegt offiziell bei über 11 Prozent, und die Reallöhne fallen. Millionen sind von extremer Armut bedroht. Bereits jetzt gehört Brasilien zu den Ländern mit der größten sozialen Ungleichheit.

Auch während der Spiele verfolgt der brasilianische Senat das Amtsenthebungsverfahren gegen die suspendierte Präsidentin Dilma Rousseff weiter. Ihr wird vorgeworfen, den Haushalt manipuliert zu haben. Die Präsidentin, die an der Spitze der Arbeiterpartei steht, wird von Personen verfolgt, die selbst bis zum Hals in den Milliarden schweren Petrobras-Bestechungsskandal verwickelt sind. Sie genießen dennoch die Unterstützung des brasilianischen und ausländischen Kapitals, die auf Regimewechsel setzen, um drastische Sparmaßnahmen unter dem Interims-Präsidenten Michel Temer durchzusetzen, der Rousseffs Vizepräsident und politischer Verbündeter war.

Im Vorfeld der Eröffnung der Spiele betonte die Regierung ständig die Gefahr terroristischer Anschläge, die kaum begründet erscheint. Die enormen Sicherheitsvorkehrungen im Zusammenhang mit den Spielen richten sich nicht gegen Terroristen, sondern gegen die brasilianische Bevölkerung selbst. Nicht weniger als etwa 88.000 Soldaten und Polizisten – doppelt so viele wie bei den bereits militarisierten Spielen in London 2012 – wurden in Rio zusammengezogen, viele davon in Kampfausrüstung und mit Sturmgewehren, unterstützt von gepanzerten Fahrzeugen und sogar Panzern.

Unterstützt wird das Ganze vom Militär- und Geheimdienstapparat der USA, der nach Informationen von NBC „mehr als 1.000 Spione für die Sicherheit der Olympischen Spiele abstellt“, von denen Hunderte nach Brasilien geschickt wurden. Zusätzlich zu den Spionen der CIA, des FBI und der NSA befinden sich Special Operations Kommandos der Marines und der Navy vor Ort.

Es ist der Höhepunkt einer Repressionswelle, die in den letzten Jahren mit den Vorbereitungen für die Fußballweltmeisterschaft 2014 und nun für die Olympischen Spiele einsetzte. Mit gewaltsamen Polizeieinsätzen wurden Zehntausende aus ihren Wohnungen in verarmten Bezirken vertrieben, um Platz für Bauprojekte zu schaffen. Weitere Tausende wurden in einer Art „sozialer Säuberung“ von den Straßen gejagt. Die Polizei hat in den zurückliegenden Monaten 40 bis 50 Menschen erschossen, noch viel mehr starben durch Todesschwadronen. Soviel zu den Olympischen Spielen und der „Würde des Menschen“.

Vor diesem Hintergrund wirken die unglaublichen Summen, die zum Zweck der Bereicherung und der Profitmacherei für die Spiele ausgegeben wurden, abstoßend. Sponsoren aus der Wirtschaft, darunter Coca-Cola, Samsung, Dow Chemical, General Electric, McDonalds und andere haben für exklusive Vermarktungsrechte Hunderte von Millionen und weitere Hunderte Millionen für deren Nutzung ausgegeben. TV-Unternehmen haben 4 Milliarden für die Übertragungsrechte lockergemacht. Man rechnet mit Marketingeinnahmen in Höhe von 9.3 Milliarden Dollar.

Eine vergleichsweise geringe Zahl von Profisportlern wird mit Produktwerbung Dutzende Millionen Dollar verdienen. Die Zeiten, als die Olympischen Spiele ein Fest des Amateursports waren, sind längst vorbei.

Das Thema soziale Ungleichheit ist bei den Spielen allgegenwärtig. Während Mannschaften aus ärmeren Ländern in hastig hochgezogenen olympischen Dörfern mit schlechten Standards klarkommen müssen, residiert das „Dream-Team“ der US-Basketballer auf dem Luxus-Kreuzfahrtschiff Silver Cloud, das im Hafen von Rio liegt und von Polizei und Marinebooten bewacht wird.

Die Spiele in Rio werden heute ebenso massiv zur Propagierung von Nationalismus und Kriegsvorbereitung benutzt, wie es Hitler 1936 mit den Olympischen Spielen in Berlin getan hat.

Am Montag wurde bekannt, dass die russischen Athleten vollständig von den Paralympics ausgeschlossen werden, die im September in Rio stattfinden werden. Zur Begründung wird vom Staat organisiertes Doping der Athleten angeführt. Zuvor waren 118 Mitglieder der russischen Leichtathletikmannschaft gesperrt worden. Die Entscheidung über die Sperrung weiterer Sportler wurde an die Verbände der einzelnen Sportarten delegiert.

Washington, die Welt-Anti-Doping-Agentur, einzelne Nichtregierungsorganisationen und die westlichen Medien haben eine massive Kampagne geführt, um alle russischen Sportler von den Spielen in Rio auszuschließen und sogar zu verhindern, dass die Flagge des Landes dort überhaupt präsent ist. Das ist eine große Operation, Russland als „Schurken“-Staat zu präsentieren, den man mit Gewalt stoppen muss.

Der Versuch, Russland von den Spielen auszuschließen, ist untrennbar mit der Belagerung der Westgrenze des Landes durch die USA und die NATO verbunden. Diese wurde ständig verstärkt, seit die USA und Deutschland 2014 in der Ukraine einen Putsch orchestriert haben, der ein ultrarechtes, antirussisches Regime an die Macht brachte.

Die scheinheiligen Vorwürfe gegen Russland, es habe ein ansonsten sauberes Sportereignis kompromittiert, stinken nach Täuschung und Heuchelei. Die antirussische Kampagne verdunkelt gezielt die grassierende Korruption um die gesamte Organisation der Spiele und das zügellose Doping, das so gut wie jedes Land praktiziert.

Das kontroverse Thema wurde mächtig aufgebauscht, um die öffentliche Meinung auf einen militärischen Konflikt mit Russland vorzubereiten, der schnell einen Atomkrieg auslösen könnte. Es wurde auch im Wahlkampf der Demokratischen Partei der USA eingesetzt, um ihre Kampagne gegen Russland zu untermauern.

Bei den Olympischen Spielen von Rio werden Athleten aus der ganzen Welt wieder mit großartigen Leistungen glänzen. Doch das sportliche Großereignis ist überschattet von einem Gesellschaftssystem, das auf Ungleichheit und Ausbeutung gründet und das Überleben der Menschheit in Frage stellt.

Bill Van Auken