Berlinwahl 2016

PSG diskutiert mit türkischen Arbeitern in Berlin

Von unseren Korrespondenten
19. August 2016

Wahlhelfer der Partei für Soziale Gleichheit (PSG) besuchten den Crellemarkt in Berlin, wo hunderte türkische und arabische Marktstände stehen, und sprach die Marktbesucher und Händler mit dem Wahlaufruf „Stimmt gegen Krieg! Wählt PSG!“ in deutscher und türkischer Sprache an. Im Zentrum der Diskussionen stand der Putschversuch vom 15. Juli in der Türkei.

Nicht nur die amerikanische, auch die deutsche Regierung hatte am 15. Juli auf den Erfolg der Putschisten gesetzt und übt seither heuchlerische Kritik an der Erdoğan-Regierung, vor allem weil diese sich Russland annähert. Die PSG und die World Socialist Web Site haben den Putschversuch entschieden verurteilt. Gleichzeitig warnen sie vor Erdoğans neu geschaffener „nationaler Einheit“, die mit der Befestigung einer rechten Diktatur verbunden ist. Die jüngsten Ereignisse in der Türkei sind Ausdruck der wachsenden Kriegsgefahr, vor der die Arbeiter auf der ganzen Welt stehen.

Über diese Fragen drehen sich an diesem Tag die Diskussionen auf dem Crellemarkt. Die Ereignisse in der Türkei und die damit verbundenen Gefahren beschäftigen die Menschen hier auch heute, einen Monat nach dem Putsch, noch sehr stark. Güneş, ein junger Trotzkist aus Istanbul, der die PSG im Berliner Wahlkampf unterstützt und für sie übersetzte, war rasch in lebhafte Gespräche verwickelt.

Eine türkische Frau, die mit ihrer Kollegin auf dem Markt einen Geflügelstand führt, äußert sich entschieden gegen den Putsch vom 15. Juli. „Das war ein wirklich gefährlicher Putsch“, sagt sie. „Zum Glück wurde er niedergeschlagen, denn wir haben in der Türkei schon mehrfach die Erfahrung eines Staatsstreichs gemacht.“ Sie fügt hinzu, momentan sei in der Türkei eine „starke nationale Einheit“ hergestellt. Auf den Einwand, dass man Erdogan kein Vertrauen schenken dürfe, antwortet sie: „Das stimmt schon, aber das ist eine andere Frage.“

Darauf entwickelt sich eine Diskussion über das Thema, dass für jede „nationale Einheit“ in der Geschichte immer die Arbeiterklasse bluten musste, während die Unternehmer davon profitierten. Dazu sagt sie: „Das stimmt natürlich. Die Arbeiter müssen für alles aufkommen. Egal ob in den USA, in Deutschland oder in der Türkei, es sind immer die Arbeiter, die für alles den Kopf hinhalten müssen.“ Auf das Argument, dass es deshalb notwendig sei, die Arbeiterklasse weltweit zusammenzuschließen, meint sie: „Inşallah [hoffen wir es], das wäre wirklich gut. Aber es istwohl schwer zu erreichen.“

Aişe und ihr kleiner Sohn

Auch Aişe macht sich Sorgen über den Putschversuch in der Türkei, wie auch über die Kriege in Syrien und im Irak. Sie sagt, sie sei überhaupt sehr beunruhigt über die Entwicklung zu einem neuen großen Krieg, und stimmt zu, dass die Ursache in der tiefen weltweiten Krise des Kapitalismus liege.

Aişes Familie gehört zur türkischen Minderheit in Bulgarien und ist erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen. „Mein Mann hat endlich hier in Berlin Arbeit auf dem Bau gefunden“, sagt sie. „Unser Junge geht in die dritte Klasse, und ich möchte jetzt richtig Deutsch lernen, um auch arbeiten zu können.“ Sie spricht bereits russisch und französisch.

Als Güneş ihr erklärt, dass der Berlin-Wahlkampf der PSG Teil eines weltweiten Kampfs für die internationale Einheit der Arbeiterklasse gegen Krieg sei, wünscht Aişe ihm ausdrücklich viel Glück und sagt: „Eure Kampagne ist sehr wichtig.“

Ein junger Syrer bleibt interessiert stehen, liest den Aufruf durch und beginnt dann – in einer Mischung aus deutsch, englisch, arabisch und türkisch – seine eigene Geschichte zu erzählen: In Aleppo hatte er bereits ein Jahr lang Jura studiert, als der Krieg ausbrach. Mit seiner ganzen Familie flüchtete er in die Türkei. In Afyon schuftete er in einem sogenannten „Mermer“-Unternehmen, das ist eine Verarbeitungsfirma für weißen Marmor, um sich und die Familie durchzubringen.

Schließlich gelang ihm im vergangenen Sommer die Flucht nach Deutschland. „Jetzt kämpfe ich hier darum, die notwendigen Papiere zu bekommen, damit ich wieder studieren kann“, sagte der junge Syrer, und fügte hinzu: „Der Krieg in Aleppo, das war wirklich eine schreckliche Erfahrung für uns alle. Und dieser Krieg geht immer noch weiter. Meine ganze Familie ist zurzeit noch in der Türkei – was soll aus ihnen werden?“

Lebhaft unterstützte er die PSG-Kampagne gegen Krieg und versprach, die World Socialist Web Site zu studieren.

Hakan

Hakan, ein angehender Wirtschaftsingenieur in Berlin, hat vor kurzem seinen Bachelor abgeschlossen und jobbt jetzt auf dem Crellemarkt. Als er die Handzettel der PSG sieht, sagt Hakan, ihm seien die Plakate mit der Aufschrift: „Nie wieder Krieg!“ schon an mehreren Stellen in Berlin aufgefallen. Den Putsch vom 15. Juli in der Türkei verurteilt Hakan entschieden – „das ist doch klar für jeden demokratisch denkenden Menschen“.

Wie er erklärt, sei es für die Türkei sehr wichtig gewesen, den Putsch zurückzuschlagen, aber leider sei es nicht gelungen, danach demokratische Bedingungen herzustellen. „Auch nach dem Putsch werden in der Türkei die demokratischen Rechte vieler Menschen angegriffen“, erklärt Hakan. „Die Lage ist sehr gefährlich, die Regierung greift auch weiterhin die Kurdengebiete an und führt Krieg.“ Er betont, er halte es für sehr gut möglich, dass aus dem Syrienkrieg ein neuer großer Krieg entstehen könne.

Von Güneş lässt sich Hakan die Perspektiven der World Socialist Web Site und auch der Studenten- und Jugendorganisation IYSSE erklären, die er sich im Internet näher anschauen will.