Katastrophale Verhältnisse in griechischen Flüchtlingslagern

Von Katerina Selin
20. August 2016

In den Massenmedien ist es still geworden um die Flüchtlinge in Griechenland. Doch das Elend dieser Menschen, die vor Krieg und Armut auf der Flucht sind, geht ununterbrochen weiter. Gegenwärtig sitzen über 57.000 Menschen in notdürftigen Zeltlagern und Unterkünften fest.

„Die Mehrheit der Menschen lebt bereits seit Monaten unter untragbaren und zugespitzten Bedingungen“, warnt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International in einer Erklärung zur Lage in Griechenland. „Sie bekommen fast nur Unterstützung von Freiwilligen, Aktivisten und Nichtregierungsorganisationen. Sie sind gezwungen, in diesen unsäglichen Umständen abzuwarten, ohne ausreichend Informationen und in Unsicherheit über ihre Zukunft.“

Nach der Schließung der Fluchtroute über den Balkan hatten Tausende Menschen wochenlang im schlammigen Idomeni-Lager an der Grenze zu Mazedonien ausgeharrt und wurden dann nach der Auflösung des Camps im Mai auf diverse Aufnahmezentren verteilt. Die Regierung der pseudolinken Partei Syriza (Koalition der Radikalen Linken) hatte den verzweifelten Flüchtlingen menschenwürdige Lebensbedingungen in den organisierten Lagern versprochen.

Die Realität sieht jedoch anders aus. Die Zustände in den Lagern sind katastrophal. In mehreren Regionen protestieren Flüchtlinge immer wieder gegen die Missstände in ihren Unterkünften und verlangen Mindeststandards einer humanen Unterbringung.

Im Internierungszentrum Vial auf der nordägäischen Insel Chios, einem der sogenannten „Hotspots“, leben über 1.300 Flüchtlinge zusammengepfercht in Containern. Rings um das Lager ragt ein riesiger Stacheldrahtzaun, der dem Hotspot den „Anblick eines Konzentrationslagers“ verleiht, wie die griechische Tageszeitung To Vima schreibt. In den ersten 25 Tagen haben die Flüchtlinge den Status von Gefangenen. Danach dürfen sie das Lager nur mit Sondergenehmigung verlassen.

Die Flüchtlinge sollen in dem Lager registriert werden und die Möglichkeit haben, einen Asylantrag zu stellen. Die meisten von ihnen haben Asyl beantragt. Bisher wurden 960 Interviews, hauptsächlich mit Syrern, geführt. Doch obwohl ihr Land seit Jahren in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt, wurden die Asylanträge der syrischen Flüchtlinge zu 69 Prozent abgelehnt, wie der Asylbeamte von Vial, Nikos Papamanolis, gegenüber To Vima erklärte.

Seit dem Abkommen mit der Türkei im März wurden in Griechenland die Asylverfahren neu ausgerichtet. Erst untersucht die Behörde, ob die Türkei für den Antragssteller ein sicherer Drittstaat ist. Nur wenn das ausgeschlossen wird, kann das Asylgesuch genauer geprüft werden.

Vielen Flüchtlingen wird Asyl verwehrt, weil sie angeblich in der Türkei sicher seien und dahin zurückgeschickt werden können. Dort erwarten sie jedoch mehr denn je Armut und Krieg. Ihnen droht sogar die Abschiebung zurück in ihr Herkunftsland.

Seit Einrichtung des Haftzentrums auf Chios kam es regelmäßig zu Protestaktionen der Flüchtlinge und gewaltsamen Konflikten mit der Polizei und den Militärs, die das Lager verwalten. Seit Ende Juli spitzt sich die Situation erneut zu.

In der ersten Augustwoche beschrieben Flüchtlinge gegenüber Helfern und Aktivisten in einem Video die Versorgungslage. Sie bekämen oft schlechtes Essen, das nur aus Reis und Bohnen bestehe und zum Teil mit Insekten verseucht sei. Wenn sie es wegwarfen, hätten die Militärbeamten dieselben Portionen erneut serviert. Bei einem Protest sei die Polizei mit äußerster Härte vorgegangen. Am Tag des Protests habe es kein Essen gegeben und an den folgenden drei Tagen ausschließlich Wasser und Brot.

Viele Kinder, die in Vial wohnen, sind unterernährt. Nur sehr selten bekommen sie Fleisch, Eier oder Obst. Es werden auch keine neue Kleidung oder Schuhwerk zur Verfügung gestellt. Eine Frau berichtet, dass die Militärbeamten mit Verachtung auf jede Beschwerde seitens der Flüchtlinge reagieren. Sie sollten doch zurück in ihre Länder gehen, wenn ihnen das Essen nicht schmecke.

Einige Flüchtlinge versuchen angesichts der Situation selbst zu kochen. Durch Schlupflöcher im Zaun gelangen sie in die umlegenden Dörfer und besorgen sich auf eigene Faust Grundnahrungsmittel. Da die meisten kein Geld haben, um auf dem Markt einzukaufen, ist es bereits zu zahlreichen Einbrüchen in Häuser und Gärten der Anwohner gekommen. Das Diebesgut wirft Licht auf die verzweifelte Lage der Menschen: Obst, Gemüse, Hühner oder Getränke aus dem Kiosk.

Der Umgang mit dem Menschen im Lager Vial provoziert regelrecht Konflikte mit der Anwohnerschaft. Die faschistische Organisation Goldene Morgenröte nutzt die aufgeheizte Stimmung für ihre fremdenfeindliche Propaganda unter den griechischen Inselbewohnern.

Insgesamt befinden sich jetzt über 10.000 Flüchtlinge in den Hotspots auf den ägäischen Inseln, obwohl offiziell nur Platz für 7.450 Menschen ist.

Doch auch auf dem Festland ist die Lage der geflüchteten Menschen unerträglich. Flüchtlinge im Lager von Ritsona in der Region Evia haben einen Brief „an die griechische Regierung, die politischen Parteien, die internationale Gemeinschaft und die griechische Gesellschaft“ gerichtet, in dem sie die Zustände beschreiben.

„Wir sind Syrer und Iraker, die dem Unrecht entkommen und jetzt im Elend gefangen sind. Wir wohnen in Zelten unter der heißen Sonne bei höllischen Temperaturen, während wir in den letzten Monaten nachts in bitterer Kälte lebten.“ Die Verpflegung seitens der Militärs sei unzureichend und entspreche nicht den besonderen Bedürfnissen der Kinder, Schwangeren und Älteren.

„Keiner ist in der Lage, uns zu sagen, was in der Zukunft passieren wird. Dieses Warten verursacht eine immense Stresssituation und Belastung der psychischen Gesundheit. Wir leben buchstäblich isoliert mitten in einem Wald unter katastrophalen Bedingungen, die Infektionen und Krankheiten begünstigen, weil wir Insekten und Tieren ausgesetzt sind.“

Jüngst seien zwanzig Hepatitisfälle aufgetreten. Die hygienischen Zustände – kein warmes Wasser, wenige und schlecht funktionierende Toiletten, seltene Müllentsorgung und mangelnde Gesundheitsversorgung – seien unzumutbar. Es gebe zu wenige und nachts gar keine Ärzte, die sich um Neugeborene, Schwangere und ältere Menschen kümmern könnten. Die Flüchtlinge enden ihren Brief mit einer Reihe von Forderungen nach einer humanen Unterbringung und Versorgung.

Auch in der nordgriechischen Kilkis-Region demonstrierten Flüchtlinge. Im Aufnahmezentrum Nea Kavalla organisierten vor allem Frauen und Kinder am 3. August einen Protestmarsch. Aufgrund der inhumanen Verhältnisse erkrankten in Kilkis bisher mindestens acht Flüchtlingskinder an Hepatitis A.

Weiter nördlich an der Grenze zu Mazedonien, nahe des ehemaligen Idomeni-Camps, versuchen immer mehr Flüchtlinge auf illegalem Weg weiterzureisen. Laut der Tageszeitung Kathimerini lokalisiert die Polizei täglich etwa 60 versteckte Personen in Wäldern und bringt sie mit Bussen in eines der 20 Militärlager in Zentralmakedonien, wo bereits 20.000 Flüchtlinge festsitzen. Die Menschen kauern oft tagelang in Büschen und auf Feldern nahe der Grenze und trinken Wasser aus den Rohren der Bewässerungsanlagen.

Die Lager rund um Thessaloniki stehen den Verhältnissen in Ritsona in nichts nach. Auch hier gibt es nur kaltes Wasser und knappe Essensrationen. Die Kinder wachsen in einem Umfeld auf, das zunehmend von Krankheiten, Drogen und Gewalt bestimmt wird.

In den letzten Tagen haben Medien und Regierungsvertreter die Befürchtung geäußert, dass das Flüchtlingsabkommen zwischen Griechenland und der Türkei scheitern und die Zahl der Flüchtlinge, die über die Ägäis in die Europäische Union kommen, erneut zunehmen könnte. Auch nach der Durchsetzung des Abkommens, das die Deportation der Flüchtlinge zurück in die Türkei vorsieht, kamen täglich zwischen 50 und 150 Menschen auf dem gefährlichem Seeweg nach Griechenland.

Premierminister Alexis Tsipras unterbrach Mitte August seinen Kurzurlaub, um mit Ministern die Flüchtlingspolitik zu diskutieren. Die Syriza-Regierung setzt alles daran, den inhumanen Deal mit der Türkei aufrechtzuerhalten und hat angekündigt, die in Griechenland gefangenen Flüchtlinge gleichmäßiger im Land zu verteilen. 2.000 Menschen sollen demnach auf Kreta umgesiedelt werden. Der Minister für Bürgerschutz wurde angewiesen, die Polizeiüberwachung auf den Inseln zu erhöhen.

Die Syriza-Regierung behandelt die Flüchtlinge genauso wie ihre europäischen Partner in Brüssel und Berlin wie eine beliebig verschiebbare Masse. Sie werden in Gefangenenlagern wie Kriminelle behandelt, für die grundlegende demokratische Rechte nicht gelten.