Italien: Zahl der Erdbebenopfer steigt über 250

Von Marianne Arens
26. August 2016

Ein Tag nach dem verheerenden Erdbeben in Zentralitalien ist die Zahl der Opfer über 250 gestiegen. Die Regierung hat am Donnerstagabend den Notstand beschlossen.

Bisher hat der Zivilschutz in der Erdbebenregion am Gran Sasso 215 Menschen aus den Trümmern geborgen, an die vierhundert Verletzte kommen hinzu. In den zerstörten Dörfer Amatrice, Accumoli, Arquata und Pescara del Tronto und der Umgebung haben zehntausende Menschen sämtliches Hab und Gut verloren.

Die ganze Nacht über haben die Helfer weitergegraben, um Verschüttete noch lebend zu bergen. Zivilschutz und Feuerwehr haben Zeltstädte errichtet, und Armeeeinheiten werden eingesetzt.

Immer noch geht die Angst vor Nachbeben um: Laut der amerikanischen Behörde USGS wurden am Gran Sasso bis Donnerstagabend im Ganzen dreizehn größere Beben von mindestens Stärke 2,5 auf der Richterskala registriert. Vorsorglich wird im Stausee am Damm von Scandarello das Wasser abgelassen.

Immer noch ist unklar, wie viele Menschen sich am Dienstag tatsächlich in den zahlreichen Bergdörfern aufhielten. In jedem Fall ist es ein Vielfaches der normalen Bevölkerung. Ungewöhnlich viele Kinder sind unter den Opfern: Noch sind Ferien in Italien, und viele Familien schicken traditionell ihre Kinder zu Oma und Opa in die Berge.

Regierungschef Matteo Renzi sagte am Mittwochmorgen alle Termine ab und besuchte die Katastrophenregion. Er versprach der Bevölkerung jede mögliche Unterstützung: „Wir werden niemanden alleine lassen.“ Der Wiederaufbau werde „rasch und effektiv“ erfolgen.

Die Erdbeben-Katastrophe hat die Renzi-Regierung überrascht. Alle Warnungen nach dem großen Beben von L’Aquila im Jahr 2009 wurden offenbar in den Wind geschlagen. Nichts hat sich seither verbessert, und allfällig bereitgestellte Summen sind in dunklen Kanälen versickert. So hat Renzi bei einer Pressekonferenz versprochen, diesmal werde es „nicht so werden wie in L’Aquila“. Dort hausen heute, sieben Jahre nach dem schweren Beben, noch Tausende Menschen in unzumutbaren Notunterkünften.

Tatsächlich erfüllen in Italien, einem der erdbebengefährdetsten Länder der Erde, heute nur dreißig Prozent aller Gebäude die Vorgaben für Erdbebensicherheit. Das hat die Enea, die nationale Behörde für neue Technologien, Energie und Umwelt, aufgedeckt. Rund 500 italienische Krankenhäuser werden als erdbebengefährdet eingestuft.

So ist es kein Zufall, dass in Accumoli eine Grundschule einstürzte und das Beben in Amatrice ein Krankenhaus und ein Hotel zerstörte. Ein Schulneubau im selben Ort, der ebenfalls in sich zusammenbrach, galt offiziell als erdbebensicher.

Am Donnerstagabend traf sich der Ministerrat, das Kabinett Renzi, um einen Ausnahmezustand und Nothilfemaßnahmen für die betroffene Region zu beschließen. In einem Statement kündigte Renzi an: „Wir müssen uns in den nächsten Stunden, Tagen und Wochen auf einen Ausnahmezustand gefasst machen. Aber noch hat das Ausgraben Priorität. Italien weint um seine Landsleute und zeigt der ganzen Welt seine Tränen, aber auch das große Herz der Freiwilligen, des Zivilschutzes und der Behörden.“

Das „große Herz der Freiwilligen“ haben auch andere Politiker entdeckt. Auch Beppe Grillo hat einen ähnlichen Kommentar ins Netz gestellt, in dem er schreibt: „Lasst uns solidarisch sein und davon ausgehen, dass die Italiener ein großes Herz haben.“ In seltener Einmütigkeit mit der Regierung und der EU, die er sonst so vehement bekämpft, appelliert Grillo an rasche Hilfsmaßnahmen. Er fordert die EU auf, den europäischen Hilfsfonds für die Erdbebenopfer zu öffnen.

Auch die italienischen Nachrichten zitieren die „Großherzigkeit“ und bringen Bilder von überfüllten Blutspende-Stationen mit dem Kommentar: „Eltern und Kinder gemeinsam, Schulkameraden, Büroangestellte und Rentner – alle warten geduldig stundenlang, um Blut für die Erdbebenopfer zu spenden“. (Repubblica)

Zweifellos ist die Solidarität und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung überwältigend. Im Gegensatz dazu haben jedoch die großen Worte der Herrschenden einen schalen Beigeschmack.

Die Politiker vergießen Krokodilstränen, während sie gleichzeitig Kriege und weiteren Sozialabbau vorbereiten. Die gleiche Propagandamaschinerie, die sonst die angeborene Gewaltbereitschaft und Schlechtigkeit der „menschlichen Natur“ bemüht, hat auf einmal die Tatkraft und Hilfsbereitschaft der Menschen entdeckt, die jetzt selbstredend „jedes notwendige Opfer“ bringen müssen.

Die Heuchelei ist bezeichnend und keineswegs neu. Vor über hundert Jahren hatte schon die große Marxistin Rosa Luxemburg bei einer anderen schrecklichen Naturkatastrophe darauf hingewiesen. Als 1902 auf Martinique der Vulkan Mont Pelée ausbrach und 40.000 Menschen unter sich begrub, erkannte sie mit scharfem Blick den Gegensatz zwischen dem „Humanismus“-Gehabe der Herrschenden und ihrer gleichzeitigen erbarmungslosen Kriegs- und Kolonialpolitik.

Auf den Trümmern der Katastrophe seien die Regierungen wieder „ein Herz und eine Seele“, schrieb Rosa Luxemburg und verglich das mit den Gräueln und kolonialen Massakern, die dieselben Imperialisten an Afrikanern und Filipinos anrichteten. Sie schloss ihren Text mit den Worten: „Aber es kommt ein Tag, wo ein anderer Vulkan seine Donnerstimme erhebt, ein Vulkan, in dem es brodelt und kocht, ob sie auch des nicht achten, und vom Erdboden fegt die ganze scheinheilige, blutbefleckte Kultur.“

Matteo Renzi hat allen Grund, diesen „kommenden Tag“ zu fürchten. Nur wenige Stunden vor seinem Auftritt als treusorgender Landesvater hatte er sich an der Seite von Angela Merkel und dem französischen Präsidenten François Hollande auf dem Flugzeugträger Garibaldi präsentiert. Die EU-Führer sind entschlossen, ihre Politik trotz Brexit fortzusetzen. Sie besteht aus gewaltigen sozialen Angriffen auf die Arbeiterklasse und gemeinsamen Militäreinsätzen in Libyen und dem Nahen Osten.