Inmitten geopolitischer und wirtschaftlicher Spannungen:

IWF warnt vor globaler Rekordverschuldung

Von Nick Beams
8. Oktober 2016

Acht Jahre nach Beginn der globalen Finanzkrise entstehen die Bedingungen für einen weiteren, noch größeren Zusammenbruch. Gleichzeitig verschärfen sich die geopolitischen und wirtschaftlichen Spannungen zwischen den kapitalistischen Großmächten.

Darauf deuten drei Berichte hin, die der Internationale Währungsfonds (IWF) im Vorfeld seines Jahrestreffens am 7. Oktober in Washington veröffentlicht hat. Der Weltwirtschaftsausblick vermeldete ein niedrigeres Wachstum in allen Industrienationen und verdeutlicht damit das Fehlen eines echten Aufschwungs der Weltwirtschaft. Zwei weitere Finanzberichte zeigten auf, dass das Weltfinanzsystem immer instabiler wird, weil die Zentralbanken Billionen Dollar hineinpumpen.

Zusammen zeigen diese Berichte die tieferen wirtschaftlichen Widersprüche auf, die eine Reihe von Krisen befeuern. Zu diesen Widersprüchen gehören ein nachlassender Welthandel und zunehmende protektionistische Maßnahmen, der Streit zwischen den USA und der Europäischen Union wegen der Steuernachzahlung von Apple, die Geldstrafe des US-Justizministeriums für die Deutsche Bank, das Scheitern der Gespräche über die von den USA forcierte Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft und die Vorwürfe deutscher Politiker, die USA führten einen „Wirtschaftskrieg“.

Auch der halbjährliche Fiscal Monitor des IWF, der am Mittwoch veröffentlicht wurde, verdeutlichte die wachsende Instabilität des Finanzsystems. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Verschuldung im nichtfinanziellen Teil der Weltwirtschaft seit der Jahrhundertwende nominell um das Doppelte gewachsen ist und weiter ansteigt. Im letzten Jahr erreichte er ein Volumen von 152 Billionen Dollar.

Die Gesamthöhe der globalen Schulden ist von 200 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2002 auf 225 Prozent gestiegen. Der IWF erklärte, man sei sich zwar nicht einig über die Frage, ab wann man von zu hohen Schulden sprechen könne, doch derzeit befänden sie sich auf einem Rekordstand. Zwei Drittel der Schulden befinden sich im Besitz von privaten Gläubigern.

Ein Schuldenabbau sei zwar nötig, doch das derzeit niedrige Wachstum mache „Korrekturen sehr schwierig“ und schaffe „die Bedingungen für eine gefährliche Rückkopplungsschleife, in der niedriges Wachstum den Schuldenabbau behindert und der Schuldenüberhang den Abschwung verschlimmert“.

Das Problem mit dem Schuldenüberhang besteht darin, dass die Haftung des Schuldners seine zukünftige Fähigkeit zur Rückzahlung übersteigt. Laut dem Bericht liegt die Ursache dieses Problems „eindeutig in der Privatwirtschaft der Industrienationen“.

Der IWF erwähnte diesen Punkt zwar nicht, doch seine Analyse widerlegt die übliche Behauptung, die wachsenden finanziellen Probleme gingen auf zu hohe Staatsausgaben zurück. Laut dem Fiscal Monitor ist die Verschuldung im nichtfinanziellen Sektor der Privatwirtschaft aufgrund der Lockerung bei der Kreditvergabe in den Industrienationen entstanden. Sie sei in den Jahren vor der weltweiten Finanzkrise um 35 Prozent des BIPs angestiegen.

Bezeichnenderweise ist in diesem Zeitraum auch die Verschuldung privater Haushalte rapide angestiegen. Der Bericht ging zwar nicht auf die Gründe ein, doch zwei wichtige Faktoren waren zweifellos die geringen Lohnerhöhungen, durch die mehr Kredite aufgenommen wurden, und der Anstieg der Immobilienpreise in mehreren Ländern, selbst ein Ergebnis der zunehmenden Kreditvergabe. Der IWF wies darauf hin, dass die Schulden im Privatsektor in einigen Ländern, darunter Australien, Kanada und Singapur, weiterhin in hohem Tempo angestiegen sind.

Laut dem Bericht ist die öffentliche Verschuldung, die ein Drittel der Gesamtmenge ausmacht, von 70 Prozent des weltweiten BIP auf 85 Prozent gestiegen. Doch fast die Hälfte dieser Erhöhung ging auf niedriges Nominalwachstum zurück. Mit anderen Worten, die Regierungsausgaben steigen nicht wegen „verschwenderischer“ Ausgaben für das Gesundheitswesen, Renten und Sozialleistungen, wie es die Austeritätsbefürworter gebetsmühlenartig wiederholen, sondern aufgrund der anhaltenden Stagnation seit der Finanzkrise von 2008.

Ein zweiter Bericht, über die weltweite Stabilität der Finanzwirtschaft (Global Financial Stability), beschrieb die wachsenden Risiken für das Finanzsystem. Laut diesem Bericht haben sich die kurzfristigen Risiken seit dem letzten Bericht im April zwar verringert, die mittelfristigen Risiken würden jedoch steigen. Aufgrund des anhaltenden Rückgangs des globalen Wachstums erwarten die Finanzmärkte eine anhaltende Phase niedriger Inflation, niedriger Zinssätze und „noch längerer Verzögerungen bei der Normalisierung der Geldpolitik“.

In dem Bericht wird jedoch davor gewarnt, dass einige Formen der Geldpolitik, beispielsweise negative Zinssätze, „die Grenzen ihrer Wirksamkeit erreichen“, und dass sich die mittelfristigen Nebenwirkungen niedriger Zinssätze für Banken und andere Finanzinstitute verschärften.

Rentenfonds und Versicherungsgesellschaften, deren Finanzierung auf Investitionen in langfristige Staatsanleihen beruht, gelten als besonders betroffen. Eine „lange Phase niedriger Zinssätze“ bedrohe ihre Zahlungsfähigkeit.

Insgesamt stehen die Finanzinstitute der Industrienationen vor „einer Reihe von zyklischen und strukturellen Herausforderungen und der Notwendigkeit, sich an eine Phase niedrigen Wachstums und niedriger Zinsen anzupassen“. Wenn sie sich diesen Herausforderungen nicht stellten, könne dies „ihre finanzielle Festigkeit beeinträchtigen“, wie es in dem Bericht heißt.

Diese Probleme betreffen das Herz des kapitalistischen Finanzsystems, die Banken. In dem Bericht steht, die geringe Profitabilität könne die finanziellen Puffer der Banken schwächen und ihre Fähigkeit beeinträchtigen, Wachstum zu fördern. Selbst im Falle eines zyklischen Wirtschaftsaufschwungs würde dies die Probleme durch die niedrige Profitabilität nicht lösen. „Mehr als 25 Prozent der Banken in Industrienationen (Vermögenswerte in Höhe von etwa 11,7 Billionen Dollar) blieben dann weiterhin schwach und stünden vor beträchtlichen strukturellen Herausforderungen.“ Diese Probleme konzentrieren sich im europäischen und japanischen Bankensektor.

In dem Bericht hieß es: „Im Euroraum erfordern notleidende Kredite und strukturelle Hemmnisse der Profitabilität schnellstmögliches und umfassendes Handeln.“ Priorität habe dabei eine Verringerung der notleidenden Kredite und der Kapitaldefizite.

Die zunehmenden finanziellen Probleme seien zwar in den Industrienationen konzentriert, aber nicht auf sie beschränkt. Der Bericht kam zu dem Ergebnis, dass sich in den Schwellenmärkten elf Prozent der Unternehmensschulden, d.h. etwa 400 Milliarden Dollar, im Besitz von Firmen mit „schlechter Rückzahlungsfähigkeit“ befinden.

Hohe Verschuldung und überschüssige Kapazitäten machen es diesen Unternehmen schwer, das Problem zu überwinden. Sie seien „anfällig für Abwärtsentwicklungen im In- und Ausland“. Sollten die Zinssätze wieder steigen und die Einnahmen zurückgehen, würde ein solches Szenario „die Kapitalpuffer der Banken in einigen der Schwellenmärkte überbeanspruchen“.

Als weiterer Grund zur Sorge wurde China genannt. Die dortige „anhaltend schnelle Zunahme der Kredite … und die steigende Aktivität von Schattenbanken birgt wachsende Risiken für die finanzielle Stabilität“. Das rapide wachsende Finanzsystem werde immer größer und vernetzter, und eine ganze Reihe von innovativen Mitteln und Produkten trügen zu seiner Komplexität bei. „Die riskanten Unternehmensschulden befinden sich weiterhin auf hohem Niveau“, und die tiefer liegenden Risiken der Kreditgeschäfte „vergrößern diese Herausforderungen“.

Die drei Berichte zeigen die wachsenden Widersprüche des globalen kapitalistischen Systems. Der IWF betonte, weil überhaupt keine zyklische Stärkung der Wirtschaft zu erkennen sei, könne Geldpolitik allein keinen Aufschwung herbeiführen. Die Regierungen müssten deshalb in die Infrastruktur investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Solche Ausgaben würden jedoch die Verschuldung erhöhen und weiterhin niedrige Zinsen erfordern. Die extrem niedrigen Zinssätze beeinträchtigen jedoch in wachsendem Maß die Stabilität der Banken und Finanzinstitute. Sie schaffen die Bedingungen für eine neue Finanzkrise, welche die ohnehin schon angespannten geopolitischen und wirtschaftlichen Konflikte extrem verschärfen würde.