Verkaufswelle bei Anleihen

Von Nick Beams
5. November 2016

Auf den globalen Anleihemärkten kam es in der letzten Oktoberwoche zu einer größeren Verkaufswelle, die Ängste vor einer schwerwiegenden Krise auslöste.

Für deutsche Staatsanleihen war es der schlechteste Monat seit 2013. Die Zinsen auf Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit, die auf den europäischen Finanzmärkten als Richtgröße gelten, stiegen auf den höchsten Stand seit sechs Monaten. In den USA stiegen die Zinsen für zehnjährige Schatzbriefe auf den höchsten Stand seit Juni. (Die Zinsen für Staatsanleihen entwickeln sich gegenläufig zu ihrem Kurs.)

Die größte Verkaufswelle und den stärksten Zinsanstieg gab es in Großbritannien, wo die Zinsen für Zehnjahresanleihen den höchsten Stand seit dem Brexit-Referendum erreichten. Die Gilts, wie sie genannt werden, erlitten den größten Kursverlust seit Januar 2009, als die globale Finanzkrise in vollem Gange war. Die Zinsen für die britischen Anleihen sind von dem historischen Tiefpunkt, den sie Mitte August mit 0,51 Prozent erreicht hatten, auf 1,28 Prozent gestiegen. Das bedeutet, dass ein Investor, der Ende August Anleihen gekauft hat, für jede Investition von 1 Million Pfund innerhalb von zwei Monaten einen Wertverlust von 91.000 Pfund bzw. 9 Prozent zu verbuchen hat.

Für die Verkaufswelle gibt es zwei wesentliche Gründe. Der erste besteht in der Erwartung, dass die US-Notenbank im Dezember den Leitzins erhöhen wird, während zugleich fraglich ist, ob die Europäische Zentralbank den Ankauf von Anleihen, d. h. ihre Politik der quantitativen Lockerung fortsetzt. Der zweite Grund besteht darin, dass sich die Inflation beschleunigen könnte, was den Kurs der Anleihen in der Regel sinken lässt. Denn bei Anleihen handelt es sich um festverzinsliche Wertpapiere. Bei steigenden Preisen sinkt der reale Wert der Zinserträge und der ihnen zugrunde liegenden Anleihen.

Peter Chatwell, der führende Zinsstratege von Mizuho International in London, erklärte gegenüber der Finanznachrichtenagentur Bloomberg: „Auslöser für die Verkaufswelle sind die Erwartung einer beschleunigten Inflation und die Unsicherheit über die nächsten Schritte der EZB, besonders im Hinblick auf die quantitative Lockerung.“

Unter ihrer gegenwärtigen expansiven Geldpolitik kauft die EZB Monat für Monat Staatsanleihen im Wert von 80 Mrd. Euro auf. Beim nächsten Treffen des EZB-Rats im Dezember soll bekannt gegeben werden, wie es damit weitergehen wird. Bislang ist das Anleiheaufkaufprogramm bis März 2017 befristet. Wahrscheinlich wird es die EZB nicht abrupt abbrechen, aber sie könnte es, wie bereits zuvor die US-Notenbank, allmählich zurückfahren. Jede Verlängerung des Programms ohne gleichzeitigen Hinweis auf den Zeitpunkt seiner schrittweisen Einstellung würde den Widerstand der deutschen Finanzbehörden, die von Anfang an dagegen waren, noch verstärken.

Auf den Finanzmärkten herrscht allgemein der Eindruck vor, dass die Zentralbanken die Geldmenge wieder verknappen könnten. Einer der Gründe für die starken Kurs- und Zinsänderungen in Großbritannien besteht darin, dass die Wirtschaft im dritten Quartal um 0,5 Prozent gewachsen ist. Das ist mehr, als für die Zeit unmittelbar nach dem Brexit-Referendum erwartet worden war. Daher wird der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, kaum geneigt sein, die Geldpolitik weiter zu lockern.

Einem Bericht der Financial Times zufolge „schätzen Investoren die Bereitschaft der EZB und der Bank von Japan, ihre aggressiven, unkonventionellen Maßnahmen fortzuführen, im Großen und Ganzen neu ein“, zumal vor dem Hintergrund, dass die Fed „die Märkte auf eine weitere Zinserhöhung im Dezember vorbereitet“.

Ein Fond-Manager sagte der Zeitung, der Anleihemarkt befinde sich deswegen an einem „Wendepunkt“: „Die allgemeine Einstellung ändert sich. Der Umschwung ist noch zaghaft, aber er ist da.“

Die Veränderungen sind noch recht klein, aber sie können große Folgen haben. Denn die Politik der großen Zentralbanken, Billionen Dollar in die Finanzmärkte zu pumpen, hat auf den Anleihemärkten eine Spekulationsblase erzeugt. Der Kurs dieser Wertpapiere stieg vorübergehend in solche Höhen, dass Anleihen im Wert von insgesamt 10 Billionen Dollar mit negativen Renditen gehandelt wurden. Negative Renditen bedeuten, dass ein Investor einen Verlust erleiden würde, wenn er die Anleihen nach dem Kauf bis zum Fälligkeitsdatum halten würde.

Die Käufer wollen die Anleihen allerdings gar nicht halten, sondern spekulieren darauf, dass ihr Kurs weiter steigt, um sie dann wieder zu verkaufen und einen Kapitalgewinn zu erzielen.

Das Wall Street Journal hält fest: „Der Schwachpunkt der Anleihen ist, dass ihre zuletzt außergewöhnlich Stärke … sie sehr anfällig macht.“

Relativ kleine Veränderungen können starke Auswirkungen haben. Beispielsweise hätte ein Anstieg der Inflation von 1 auf 2 Prozent in der Realwirtschaft keine großen Folgen. Aber wenn ein ähnlicher Anstieg der Zinsen dazukäme, würde dies die Finanzmärkte hart treffen.

Schon ein so geringfügiger Anstieg würde nach Schätzungen eines Artikels, der bei Dow Jones erschien, den Broad Market Index um 6,9 Prozentpunkte drücken und Verluste von 3,36 Billionen Dollar verursachen. (Der Broad Market Index, der von Bank of America Merrill Lynch veröffentlicht wird, erfasst die Kurse von US-, Euro- und Globalanleihen.)

Solche Berechnungen werfen ein grelles Licht auf die explosiven Widersprüche, von denen die Geldpolitik der großen Zentralbanken in den acht Jahren seit der Finanzkrise bestimmt wird.

Ihr erklärtes Ziel war die Belebung der Realwirtschaft. Aber sie führte keinen merklichen Aufschwung herbei. In allen wichtigen Volkswirtschaften blieben die Investitionen weit unterhalb der Niveaus, das sie vor 2008 erreicht hatten. Das Einzige, was die Zentralbanken mit ihrer Politik erzeugten, war eine Spekulationsblase auf dem Kapital- und Anleihenmarkt. Sobald die Zinsen wieder zu steigen beginnen, weil sich die Inflation oder das Wirtschaftswachstum beschleunigen, kann es aufgrund massiver Verluste auf den Finanzmärkten zu einer großen Krise kommen.

Zudem stellt sich die Lage heute ganz anders dar als vor acht Jahren. 2008 standen die Zentralbanken noch außerhalb der Finanzmärkte. Heute sind sie zu großen Akteuren auf diesen Märkten geworden und würden direkt in einen Zusammenbruch der Märkte hineingezogen.