Uno warnt vor größter Hungerkatastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg

Von Patrick Martin
14. März 2017

Vertreter der Vereinten Nationen warnten am Wochenende davor, dass mehr als 20 Millionen Menschen in vier Ländern vom unmittelbaren Hungertod bedroht seien. Das ist die größte humanitäre Katastrophe seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Alle vier Länder, der Jemen, Somalia, der Südsudan und Nigeria, werden von Bürgerkriegen zerrissen. In allen vier Ländern ist die US-Regierung involviert, indem sie eine der kämpfenden Seiten mit Geld und Waffen versorgt.

Uno-Nothilfekoordinator Stephen O’Brien beschrieb am Freitag in seinem Bericht vor dem Weltsicherheitsrat detailliert die Bedingungen in den vier Ländern. Außerdem veröffentlichte die Uno am Samstag weiteres Material über die Krise, mit dem sie versucht bis Ende März 4,4 Milliarden Dollar aufzubringen. Bis jetzt sind laut Uno-Generalsekretär António Guterres erst 900 Millionen Dollar zugesichert. Das sind nicht einmal ganz 20 Prozent der benötigten Summe.

Wie die Uno-Vertreter darlegen, leben von den insgesamt 20,3 Millionen unmittelbar betroffenen Menschen 7,3 Millionen im Jemen, 2,9 Millionen in Somalia, 5 Millionen im Südsudan und 5,1 Millionen Menschen in Nigeria. Die Zahl der Kinder, die an akuter Unterernährung leiden, wird auf insgesamt fast 1,4 Millionen geschätzt, davon 462.000 im Jemen, 185.000 in Somalia, 270.000 im Südsudan und 450.000 in Nigeria.

Dürren tragen zwar zu der humanitären Katastrophe bei, der Hauptgrund sind jedoch Bürgerkriege. Alle daran beteiligten Seiten benutzen die Nahrungsmittelversorgung als Waffe und lassen die Bevölkerung des „Feinds“ hungern.

Von den USA unterstützte Truppen in allen vier Ländern sind für diese Kriegsverbrechen verantwortlich. In erster Linie ist der amerikanische Imperialismus für die Gefahr von Hungersnöten und die wachsende humanitäre Katastrophe verantwortlich. Die USA sind der wichtigste Unterstützer der saudischen Intervention im Jemen und der Regierungstruppen in Somalia, im Südsudan und in Nigeria.

Das am schlimmsten betroffene Land ist der Jemen. Die von den USA bewaffneten und gelenkten Einheiten aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Golfmonarchien kämpfen dort gegen die Huthi-Rebellen, die vor zwei Jahren den von den USA eingesetzten Präsidenten gestürzt haben. Etwa 19 Millionen Menschen, d. h. zwei Drittel der Bevölkerung des Landes, benötigen humanitäre Hilfe.

Die saudischen Truppen kämpfen auf der arabischen Halbinsel Seite an Seite mit al-Qaida. Sie kontrollieren die wichtigsten Häfen des Landes, wie Aden und Hodeida. Bei der Blockade der von den Huthis kontrollierten Gebiete im Westen und Norden des Landes werden sie von US-Marine-Einheiten im Roten Meer und im Golf von Aden unterstützt.

Die US-Truppen operieren überall im Land. Sie führen Raketenangriffe mit Drohnen und gelegentliche Überfälle aus. Ein besonders verhängnisvoller Angriff traf Ende Januar ein Dorf. Dabei wurden mindestens 30 jemenitische Zivilisten getötet, viele davon Kinder. Ein Soldat einer US-Spezialeinheit wurde ebenfalls erschossen.

In Somalia hat der schon lange anhaltende Bürgerkrieg zwischen der von den USA unterstützten Regierung in Mogadischu und den al-Shabab-Milizen, die den größten Teil des Südens kontrollieren, das Land verwüstet. Somalia wurde schon im Jahr 2011 von einer verheerenden Hungersnot heimgesucht. Das Land wird seit fast einem Vierteljahrhundert durch Bürgerkrieg zerstört.

Laut Schätzungen der Uno braucht mindestens die Hälfte der Bevölkerung des Landes, d. h. mehr als sechs Millionen Menschen, humanitäre Hilfe. Aufgrund von Dürren ist die Hälfte des Tierbestands verendet. Auch in Somalia operieren US-Militäreinheiten und führen Angriffe mit Spezialeinheiten und Drohnen durch. Außerdem fliehen viele Somalier ins benachbarte Kenia, wo weitere 2,7 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen.

Der Bürgerkrieg im Südsudan ist ein Konflikt zwischen rivalisierenden Stämmen eines US-gestützten Regimes, das durch Washingtons Intervention in einen langjährigen Bürgerkrieg entstanden ist. Der Südsudan wurde 2011 unabhängig, nachdem die USA ein Abkommen ausgehandelt hatten und in einem Referendum über die Unabhängigkeit des Südsudan entschieden worden war.

Die Stammeskonflikte in diesem neuen Staat wurden durch Dürreperioden, extreme Armut und den Kampf um die Kontrolle der Ölreserven des Landes verschärft. Öl ist der bedeutendste Rohstoff des Landes und wird vor allem über das Gebiet des benachbarten Sudan nach China exportiert. Der Südsudan ist ein Binnenland, was den Transport von Lebensmitteln für die Versorgung schwieriger macht.

Die Krise im Südsudan gilt als die dringlichste unter den vier Ländern, in denen vor einer Hungersnot gewarnt wird. Rund 40 Prozent der Bevölkerung sind vom Verhungern bedroht. Letzten Monat haben Uno-Vertreter eine Massenhungersnot von 100.000 Menschen im Südsudan erklärt. Darüber hinaus wurde von einer Cholera-Epidemie berichtet.

Die Hungersnot in Nigeria ist ebenfalls das Nebenprodukt eines Kriegs, dieses Mal zwischen der islamistisch-fundamentalistischen Gruppe Boko Haram und der Regierung Nigerias, die von den USA und Großbritannien militärisch unterstützt wird. Der Konflikt konzentriert sich auf die Region um den Tschad-See, wo Nigeria, Kamerun, der Tschad und Niger aneinandergrenzen. Es ist eine der am dichtesten besiedelten und fruchtbarsten Regionen unter den vier von Hungersnot bedrohten Gegenden.

Die jüngste Offensive der nigerianischen Regierungstruppen hat Boko Haram zurückgedrängt und das Ausmaß des Leidens der lokalen Bevölkerung enthüllt. Die Lebensmittelversorgung war als Teil der von den USA unterstützten Militäraktionen eingestellt worden.

US-Truppen sind überall in der Sahel-Zone aktiv. Das ist das riesige Gebiet im Süden der Sahara, das den größten Teil von Westafrika umfasst. Die Streitkräfte des französischen und deutschen Imperialismus sind hier in den ehemaligen französischen Kolonien Mali und Burkina Faso aktiv, aber auch weiter im Süden in der Zentralafrikanischen Republik.

Laut Uno-Berichten hat sich die humanitäre Katastrophe im Jemen in den letzten Monaten verschlimmert. Die Zahl der Jemeniten, die unmittelbar vom Hungertod bedroht sind, ist im letzten Monat von vier auf sieben Millionen hochgeschnellt. Alle zehn Minuten stirbt im Jemen ein Kind an einer vermeidbaren Krankheit.

Als die Delegation des Uno-Nothilfekoordinators letzte Woche im Jemen war, konnte sie der ersten LKW-Ladung mit humanitären Gütern die sichere Durchfahrt zur belagerten Stadt Taiz verschaffen. Taiz ist die drittgrößte Stadt des Landes und wird seit sieben Monaten durch eine Blockade abgeriegelt. Die Diskussion über O’Briens Bericht vor dem UN-Sicherheitsrat zeichnete sich durch eine heuchlerische Erklärung nach der anderen aus. Sie kamen von den imperialistischen Mächten wie den USA, Großbritannien, Frankreich, Japan und Italien, aber auch von China und Russland. Alle beklagten das Leid, aber alle vertuschten die wirklichen Ursachen der wachsenden Krise.

Typisch waren die Ausführungen der US-Vertreterin Michele Sison. Sie erklärte: „Jedes Mitglied des Sicherheitsrates sollte empört darüber sein, dass es im Jahr 2017 eine Hungersnot auf der Welt gibt. Hunger ist ein menschengemachtes Problem und kann von Menschen gelöst werden.“

Sie rief alle an den Kämpfen beteiligten Parteien in den vier Ländern auf, „dem Zugang zu den Zivilisten Priorität zu geben“ und „Hilfe nicht zu behindern“. Das ist jedoch genau das, was die von den USA unterstützten Truppen tun, speziell im Jemen und in geringerem Umfang in den übrigen drei Ländern.

Der Uno-Bericht erwähnt andere humanitäre Krisen nicht einmal, die vom Welternährungsprogramm ebenfalls in „Stufe drei“ eingeordnet werden. Zu den gravierendsten gehören der Irak, Syrien, die Zentralafrikanische Republik und die Philippinen (die ersten drei gehören wegen des wütenden Bürgerkriegs und das letzte wegen der Auswirkungen mehrerer pazifischer Wirbelstürme dazu). Genauso wenig erwähnt er den verheerenden Bürgerkrieg in Libyen oder Afghanistan, das durch einen fast 40 Jahre andauernden Krieg verwüstet wird.

Genauso wenig erwähnt er die Gesamtzahl an Menschen weltweit, die akuter Nahrungsmittelhilfe bedürfen. Laut dem Hunger-Frühwarnsystem wird ihre Zahl auf 70 Millionen Menschen in 45 Ländern geschätzt. Diese Zahl ist in Folge eskalierender Bürgerkriege, Dürren sowie anderen klimabedingten Ereignissen und infolge von steigenden Lebensmittelpreisen seit 2015 um 40 Prozent gestiegen.

Die Bedarfe für das Welternährungsprogramm waren 2016 zu einem Drittel nicht gedeckt. So erhielt es Zuwendungen in Höhe von 5,9 Milliarden Dollar bei Bedarfen von 8,85 Milliarden. Das hatte unter anderem erhebliche Auswirkungen auf die Ernährungshilfe für Flüchtlinge in Kenia und Uganda. Insgesamt beliefen sich die nicht durch Mittel gedeckten Anforderungen für globale humanitäre Bedarfe im Jahr 2016 auf 10,7 Milliarden Dollar; das ist mehr als die gesamten derartigen Anforderungen im Jahr 2012.

Diese Summen sind zwar gigantisch, was den Bedarf angeht, sie sind aber nur ein Tropfen auf den heißen Stein im Vergleich zu den Mitteln, die von den Großmächten für Krieg und Militär ausgegeben werden. Das gesamte Defizit bei der humanitären Hilfe beläuft sich auf nicht mehr als die weltweiten Militärausgaben für einen Tag. Die 4,4 Milliarden Dollar, die für die Hungersnot gebraucht werden, ist nur die Hälfte dessen, was das Pentagon in einer typischen Woche ausgibt.