Der Gonski-Plan zur „bedarfsgerechten“ Schulfinanzierung in Australien

Von David Cohen und Linda Tenenbaum
20. Dezember 2017

Beschleunigte Umwandlung von Schulen in Unternehmen

Seit seiner Veröffentlichung im Dezember 2011 steht David Gonskis 260 Seiten umfassender Bericht zur „Finanzierung des Schulwesens“ im Zentrum der Krise der öffentlichen Primar- und Sekundarschulen in Australien. Der Bericht knüpft im Wesentlichen an die Privatisierungspolitik an, mit der bereits das öffentliche Bildungssystem in den USA, Großbritannien und anderen Ländern ruiniert wurde. Er war von der vormaligen australischen Premierministerin Julia Gillard in Auftrag gegeben worden, um angeblich krasse Ungerechtigkeiten zwischen den drei australischen Bildungssystemen zu beseitigen – dem öffentlichen, dem katholischen und dem unabhängigen bzw. „unternehmerischen“ System, wobei die letzten beiden den „nichtstaatlichen“ Sektor darstellen.[1]

In Wirklichkeit hat das Gutachten das genaue Gegenteil bewirkt. Seinen eigentlichen Zweck hatte Gillard ganz zu Beginn einmal ausgesprochen, als sie versprach, dass unter Gonskis neuer „bedarfsgerechter“ Finanzierung keine Schule auch nur „einen Dollar weniger“ von der Regierung erhalten werde. Damit wollte sie die mächtige Privatschullobby beschwichtigen und ihr versichern, dass die Ausgaben der Regierung für den privaten Sektor nicht gesenkt, sondern angehoben werden sollten. Genauso würden langfristige Zusagen weiter eingehalten – unmittelbar auf Kosten des erheblich unterfinanzierten öffentlichen Schulwesens.

Gonskis neuer Finanzierungsmechanismus ist bewusst undurchsichtig und benachteiligt die öffentlichen Schulen schwerwiegend. Trotzdem gehen die Gewerkschaften, die Sozialdemokraten und die Grünen seit sechs Jahren mit der Lüge der „Bedarfsgerechtigkeit“ hausieren, indem sie lautstark Kampagnen unter dem Titel „Gebt uns Gonski!“ veranstalten. Sie wollen das neue Finanzierungssystem vor Hunderttausenden von Schülern, Lehrern und Eltern legitimieren, die den andauernden Angriffen auf das öffentliche Schulwesen bereits sehr ablehnend gegenüber stehen.

David Gonski – Synonym für Macht und Einfluss

David Gonski ist seit Langem eine zentrale Figur in den Führungsetagen des australischen Finanzkapitals und von Großunternehmen. Der Sydney Morning Herald stellte 2012 fest: „Der Name Gonski ist seit Jahrzehnten in Sydney ein Synonym für Macht und Einfluss. Viele einflussreiche Kreise der australischen Wirtschaft, in Kunst und Gesellschaft haben den südafrikanischen Einwanderer integriert. Er findet als Berater bei den reichsten Männern des Landes ein offenes Ohr, beispielsweise bei Westfield-Gründer Frank Lowry, dem kürzlich verstorbenen Kerry Parker, bei Rupert Murdoch und Kerry Stokes. Man schätzt, dass Gonski in mehr als 40 Aufsichtsräten (von Unternehmen) sitzt.“

Als Gillard ihn 2011 beauftragte, die Finanzierung des Schulwesens zu überprüfen, war Gonski gerade Vorsitzender der australischen Börse. Kurz danach wurde er zum Leiter des 100 Milliarden Dollar schweren staatlichen Vermögensfonds Australiens ernannt. Mit anderen Worten, er gehört zu den angesehensten Führungskräften aus der Elite von Unternehmen, Finanzen und Politik.

Mit der Beauftragung Gonskis – anstelle einer Person mit Erfahrung und Kenntnissen im Bildungswesen – wurde die eigentliche Absicht der sozialdemokratischen Regierung unterstrichen, die Privatisierung und Kommerzialisierung des australischen Schulsystems zu beschleunigen. Jetzt schon werden rund 30 Prozent der Grundschüler und mehr als 40 Prozent der höheren Schüler in Privatschulen unterrichtet. Und der Prozentsatz wächst ständig. Insgesamt wird über ein Drittel der australischen Schüler im Privatsektor unterrichtet, das ist einer der größten Anteile in der OECD.

Dass die privaten und religiösen Schulsparten überhaupt öffentliche Gelder erhalten, hat mit den historischen Wurzeln des australischen Schulwesens zu tun. Diese liegen in der britischen kolonialen Besiedlung im späten 18. Jahrhundert und im System der Straflager, die bis in die späten 1860er Jahre fortbestanden. Damals hing „beinahe die gesamte britische/irische Bevölkerung von staatlichen Zuwendungen ab, wobei weder die Kirche noch die Geistlichen staatsunabhängig waren“.[2]

Es entstand eine große Vielfalt an Schulen, sowohl für die Sträflinge und die Haftentlassenen als auch für die „aufstrebenden freien Siedler und für ‚exklusive‘ (nicht vorbestrafte, besser gestellte, ‚respektable‘) Familien“. Kinder der Strafgefangenen wurden als Teil der „kriminellen Klasse“ betrachtet, deren spärliche Bildung primär auf Disziplin, Ordnung und Strafen ausgerichtet war. Andere Schulen kümmerten sich besonders um verschiedene Religionsgemeinschaften, die mit Konfessionsgruppen in Großbritannien zusammenhingen. Die Existenz all diese Schulen hing in größerem oder kleinerem Umfang von öffentlichen Geldern ab.[3]

Eliteschulen entstanden erst mit der Entwicklung und Konsolidierung einer ausgeprägten herrschenden Klasse. Auch für diese gewährte die Regierung einen Zuschuss zu den privaten Elternbeiträgen. Einige, wie die Knox-Schule in Sydney, existieren noch, ungefähr anderthalb Jahrhunderte später, als eigenständige Schulen, die von Vorständen und unabhängig vom öffentlichen und katholischen Schulsystem geführt werden.

Gonskis Auftrag lautete 2011 im Wesentlichen, die fortgesetzte Ausweitung der staatlichen Förderung von Privatschulen, die seit den 1980er Jahren regelrecht explodiert war, zu rechtfertigen und zu begründen. Der ursprüngliche Anstoß war zum Teil davon ausgegangen, dass die katholischen Schulen, die traditionell von Kindern aus ärmeren Familien besucht wurden, Ende der 1960er Jahre in eine Krise gerieten. Der rasche Bevölkerungszuwachs infolge des „Babybooms“ führte dazu, dass ihre ohnehin knappen Mittel nicht ausreichten, die Flut an neuen Schülern aufzunehmen – die daher in die öffentlichen Schulden drängten. Um diese zu entlasten und einem Zusammenbruch vorzubeugen, beschloss die Regierung, die katholischen Schulen mit zusätzlichen Mitteln auszustatten.

Zwischen 2006 und 2015 wuchs die staatliche Finanzierung der öffentlichen Schulen, an denen ungefähr zwei Drittel aller Schüler unterrichtet werden, von 33 auf 40,2 Milliarden Dollar – eine Zunahme von 22 Prozent. Im selben Zeitraum erhöhte die Regierung die Zuschüsse an Privatschulen von 9 auf 12,8 Milliarden Dollar – eine Zunahme von 42 Prozent, zusätzlich zu den in diesem Sektor bereits jährlich durch Schulgebühren, Nachlässe und Spenden eingehenden Milliarden.

Gonski möchte diesen Unterschied nicht beseitigen, sondern verfestigen und vergrößern. In seinem Bericht schlussfolgert er, die Regierung solle dem privaten Sektor jährlich zusätzliche 1,25 Milliarden Dollar zuweisen. Dies wird jedoch gegenüber Lehrern, Eltern, Schülern und der breiteren Öffentlichkeit unter dem Deckmantel der „bedarfsgerechten“ Finanzierung verborgen.

Standard für die Mittelzuweisung an Schulen, landesweite Lernstandserhebungen und „bedarfsgerechte“ Finanzierung

Das Kernstück von Gonskis Bericht ist ein neuer Ansatz namens „Schooling Resource Standard“ (SRS), also ein Standard für die Mittelzuweisung an Schulen. In dem undurchsichtigen Finanzierungssystem ist dieser Schlüsselaspekt weitgehend vernebelt worden.

Klar ist, dass der SRS die Schulfinanzierung an die standardisierten Lernstandserhebungen des sog. NAPLAN (National Assessment Program—Literacy and Numeracy) bindet, d. h. an die Ergebnisse von Tests für Lesen, Schreiben und Rechnen. Durch diese Verknüpfung sollen die Ergebnisse der Lernstandserhebungen in einen Leistungsindikator (KPI) für jeden Aspekt der Schulbildung umgerechnet werden. Die Ergebnisse von Schülern, Lehrern und Schulen werden dabei an höchst eingeschränkten Kriterien gemessen: den Testergebnissen für Rechnen, Lesen und Schreiben. Diese Tests durchlaufen Schüler gegenwärtig jährlich in den Stufen 3, 5, 7 und 9. Es werden sogar Pläne ausgearbeitet, Tests zur Aussprache und zum Zahlenverständnis im ersten Schuljahr einzuführen, bei Sechsjährigen.

Die Mittelzuweisung aufgrund des SRS berechnet sich auf der Basis der Schülerzahl. Dabei gilt für alle Grundschüler und alle Sekundarschüler jeweils der gleiche Standardbetrag, egal, ob im öffentlichen, katholischen oder privaten Schulsystem. Obwohl der auf einzelne Schüler berechnete Zuschuss nicht direkt an die Eltern ausgehändigt wird, ist der SRS doch ein wesentlicher Schritt zur Einführung eines „Bildungsgutscheins“ oder „schülerbezogenen Gebührensystems“, bei dem die Eltern einen „Gutschein“ erhalten, um die Ausbildung ihrer Kinder an einer Schule ihrer Wahl zu „kaufen“. Natürlich ist eine wirkliche Wahlfreiheit nur den Wohlhabenden vorbehalten, weil sie im Unterschied zu Eltern aus der Arbeiterklasse in der Lage sind, einen gewöhnlichen Gutschein aufzustocken, um ihre Zöglinge auf die eine oder andere der vielen teuren, elitären Privatschulen zu schicken. Der extremen Rechten gefällt daran, dass ein Gutscheinsystem die öffentlichen Schulen in konkurrierende, finanziell eigenständige „Bildungsfirmen“ verwandeln würde, die im Wettbewerb um „Kunden“ d. h. um Schüler stehen.

Um den tatsächlichen Umfang der SRS-basierten Mittelzuweisung pro Schule in Dollar zu bestimmen, versicherte sich Gonski der Dienste der Allen Consulting Group, einer der größten Unternehmensberatungsfirmen Australiens. In seinem Abschlussbericht betont Gonski in bester Management-Phraseologie, dass die „Effektivität dieser Investition“ von „knappen öffentlichen Mitteln“ anhand „glaubwürdiger, und belastbarer Belege“ nachzuweisen sei. Der Schwerpunkt seines Finanzierungsverfahrens liege auf „Resultaten, Nachweisen, Leistungsfähigkeit und Rechenschaftspflicht“. Er bezog sich dabei nicht auf die Wissbegierde der Schüler, auf die Fähigkeit zu kritischem Denken, Kreativität und Humanität, oder auf deren Begeisterung für Naturwissenschaften, Mathematik, Geschichte, Sprachen oder Literatur, sondern auf die allgegenwärtigen NAPLAN-Lernstandsergebnisse.

Die Allen Consulting Group stellte sogleich einen sogenannten NAPLAN-Leistungsrichtwert auf, den jeder Schüler im Rechnen, Lesen und Schreiben erreichen sollte. Dann wählte das Consulting-Unternehmen eine Reihe von „Referenzschulen“ aus, an denen die Schüler bereits im Wesentlichen den Richtwert erfüllten. Als Grundlage dienten ihm die bereits vorliegenden NAPLAN-Lernstandsdaten, die auf der Website My School veröffentlicht sind. Die „Referenzschulen“ konnten aus einer oder allen der drei Schulformen ausgewählt werden. Die auf My School veröffentlichen Finanzdaten der Schulen wurden dann verwendet, um die Zuweisung pro Schüler gemäß SRS zu berechnen.

Im Jahr 2011 wurden die Referenzschulen unter denjenigen ausgewählt, an denen „mindestens 80 Prozent der Schüler mehr als den landesweiten Mindeststandard ihres Jahrgangs erreichten, sowohl beim Lesen als auch beim Rechnen, in allen der drei Jahre 2008 bis 2010“. An einigen der Referenzschulen hatten sogar 90 Prozent der Schüler dieses Ergebnis erreicht.

Die Methode des Gutachtens verdient schärfste Kritik:

(1) Bei Privatschulen kommt die Bundesregierung für 80 Prozent der nach dem SRS errechneten Mittelzuweisungen auf, bei öffentlichen Schulen aber nur für 20 Prozent. Die verbleibenden 80 Prozent für öffentliche Schulen und 20 Prozent für Privatschulen sollen von den Bundesstaaten und Territorien Australiens aufgebracht werden, die weit weniger Mittel bereitstellen können als die Bundesregierung. Zudem mussten diese Bundesstaaten und Territorien, die ausnahmslos unter finanziellem Druck stehen, die Zuweisungen an öffentliche Schulen in mehreren der letzten Jahre kürzen, und es gibt für sie keine Verpflichtung, diese Situation zu bereinigen.

(2) Bei der „Schulausstattung“ geht es nicht einfach um die Geldmenge, die eine Schule in einem Kalenderjahr zugewiesen bekommt, wie die Definition in Gonskis SRS-Konzept und auf der My-School-Website nahelegt. Viele elitäre Privatschulen zum Beispiel, und einige der besten öffentlichen Schulen, welche ausnahmslos auf wohlhabendere Familien ausgerichtet sind, profitieren von den privaten Stiftungsgeldern, die sie seit hundert Jahren erhalten – für die Infrastruktur, spezielle Fachkräfte, Einrichtungen, Technik, Geräte, Grundstücke und andere „Extras“. Obwohl die jährliche Finanzierung je Schüler unter Gonski nominell für alle Schüler an allen Schulen dieselbe sein mag, halten die Schulausstattungen in verarmten Arbeitervierteln doch keinem Vergleich mit denen aus den Wohngebieten der Superreichen stand. Derartige Informationen sind allerdings nicht aus den My-School-Finanzdaten ersichtlich und werden in Gonskis Finanzierungsberechnungen nicht berücksichtigt.

(3) Das Gutachten behauptet, dass die SRS-basierten Mittelzuweisungen durch weitere „Zulagen“ für Schüler mit Behinderung, aus der Gruppe der Ureinwohner, mit geringen Englischkenntnissen oder aus niederer sozialökonomischer Herkunft aufgestockt werden können. Aber es gibt keine präzisen Angaben dazu, wie diese „Zulagen“ zu berechnen oder welche Beträge tatsächlich vorgesehen sind. Laut dem Gonski-Gutachten „ist es zurzeit unmöglich, einen ungefähren Betrag für Zulagen zu nennen“, weil die notwendigen landesweiten Daten nicht vorlagen.

(4) Gonskis Finanzierungsformel ist nicht „bedarfsgerecht“. Bei der Berechnung des Standards wird zugrunde gelegt, dass die Leistungen von 80 Prozent der Schüler „über dem Mindeststandard“ liegen. Um aber dafür zu sorgen, dass die 20 Prozent der Schüler mit den niedrigsten Ergebnissen den Mindeststandard ebenfalls erreichen bzw. übertreffen, wäre für sie eine wesentlich höhere Finanzierung notwendig, als für irgendwelche sonstigen 20 Prozent der Schülerschaft. In Wirklichkeit schreibt Gonski die Leistungsschwachen einfach ab. Das aber führt in vielen Fällen dazu, dass ganze Schulen abgeschrieben werden, denn bei den am meisten Benachteiligten und ihren Lehrern, die die größten Gruppen mit schweren Lernschwächen, Problemen psychischer Belastung, des Sozialverhaltens oder mit familiären Belastungen unterrichten, sind es weit mehr als 20 Prozent der Schüler, die den Mindeststandard nicht erfüllen. Tatsächlich liegen einige der bedürftigsten Schulen bei bis zu 80 Prozent mit Schülern unter dem Mindeststandard. Diese Schulen müssten eigentlich je Schüler weit höhere Geldzuweisungen erhalten als Schulen aus der „Referenzgruppe“. Stattdessen werden sie effektiv bestraft, indem ihr benachteiligter Status und die schlechten Aussichten ihrer Schüler verstärkt werden.

(5) Das Gonski-Gutachten geht von einer sehr rückschrittlichen Vorstellung aus: Es nimmt den Status quo schulischer Bildung in Kauf. Es zielt nicht darauf ab, die enormen sozialen und bildungsmäßigen Ungleichheiten abzuschaffen, die seit mehr als anderthalb Jahrhunderten existieren und die sich besonders in den letzten 30 Jahren verschärft haben. Stattdessen geht es davon aus, dass die Vergangenheit keine Rolle spielt und dass die gegenwärtige Lage jeder Schule grundsätzlich der Ausgangspunkt ist.

(6) Bei der ursprünglichen Implementierung des „Gonski“-Plans knüpfte Gillard die Schulfinanzierung an eine Reihe von Bedingungen einschließlich der sog. „Schulverbesserungsziele“, in der Absicht, die „Nichterfüller“ unter den öffentlichen Schulen auf Zusammenlegung oder Schließung vorzubereiten, besonders in den Arbeitervierteln. Sie stellte auch jährliche „Leistungsüberprüfungen“ von Lehrern in Aussicht und drohte ihnen sogar die Entlassung an, weil sie angeblich dabei versagten, die Ergebnisse der Standardtests zu verbessern. Indirekt stellte sie damit die Einführung einer „leistungsabhängigen“ Bezahlung in Aussicht, mit der die Lehrergehälter an Testergebnisse gekoppelt würden. Mit ihrem Versagen, die seit langem währende Krise der öffentlichen Bildung zur Kenntnis zu nehmen oder gar zu bekämpfen, zieht Gonski die am meisten benachteiligten Schulen in einen Teufelskreis. Lehrer werden in die missliche Lage versetzt, bei Androhung schwerwiegender beruflicher Konsequenzen die NAPLAN-Lernstandsergebnisse anheben zu müssen. Dies schafft eine erhebliche Abschreckung, an solchen Schulen zu unterrichten. Es entsteht tendenziell höherer Lehrerwechsel, der sich als zusätzlicher Faktor schädlich auf die Testergebnisse dieser Schulen auswirkt. Das Ergebnis kann und wird zunehmend sein, dass die Zusammenlegungen und Schulschließungen stattfinden, die Gillard anfänglich schon vorausgesagt hat.

Wie mit dem „sozio-ökonomischen Status“ Geschäfte gemacht werden

Bei ihrem Kniefall vor „Gonski“ haben weder die Lehrergewerkschaften noch die Sozialdemokraten oder Grünen ernsthaft die Legitimität der enorm hohen öffentlichen Förderung für kirchliche und reiche Privatschulen in Zweifel gezogen. Und doch verstößt diese Art der Finanzierung gegen das demokratische Prinzip der Trennung von Kirche und Staat.

Bei der Gonski-Finanzierungsformel wird kaum noch zwischen öffentlichen, katholischen und privaten Schulen unterschieden. Der einzige Unterschied bleibt, dass Privatschulen einen gewissen Prozentsatz der nach der Standardformel (SRS) errechneten Mittelausstattung aus privaten Zuwendungen einholen müssen: aus Schulgeld, Schenkungen und Spenden. Allerdings ist dieser Anteil gering und beläuft sich in manchen Fällen auf nur 10 Prozent.

Hier kommen wir zur nächsten Ebene des „Gonski“-Betrugs. Wie viel Geld eine Privatschule aus privaten Zuwendungen generieren kann, wird auf der Grundlage eines Schlüssels berechnet, der auf dem soziökonomischen Status (SES) basiert – und nicht auf den realen privaten Zahlungen, die die Schule tatsächlich erhält.

Der SES-Schlüssel wurde 2001 von der Koalitionsregierung aus National Party und Liberal Party unter John Howard eingeführt, um hinter einer Nebelwand der „Gleichbehandlung“ mehr staatliches Geld an Eliteschulen zu schleusen. Zur Ermittlung dieses Schlüssels werden das Durchschnittseinkommen, der Bildungsgrad und die Beschäftigungsquote innerhalb des Wohngebiets herangezogen, in dem sich die Wohnanschrift der Schüler befindet. Diese Daten stammen aus nationalen Erhebungen.

Mit anderen Worten, der reale sozio-ökonomische Status der Schülerfamilien ist irrelevant, außer dass er zum Durchschnitt ihrer Wohngegend beiträgt. Ebenso bleiben die bereits existierenden schulischen Vermögensbestände und Einrichtungen zusammen mit anderem Eigentum, das durch Gebühren, Schenkungen und Nachlässe sowie durch Spendenaktionen aufgebaut worden ist, unberücksichtigt.

Das System führt zu vielfältigen Verzerrungen. Wenn sich zum Beispiel eine wohlhabende Familie aus einer Provinzstadt entscheidet, ihre Kinder auf ein Eliteinternat im Zentrum von Sydney oder Melbourne zu schicken, wird der SRS-Schlüssel anhand der für gewöhnlich viel ungünstigeren Zensusdaten der Provinzstadt berechnet. Damit wird der SRS-Schlüssel der Eliteschule gesenkt, was bedeutet, dass sie mehr öffentliche Gelder pro Schüler erhält, als wenn die Familie in der Wohngegend der Oberschicht in der Nähe der Schule wohnen würde.

Ebenso trifft der umgekehrte Fall zu. Wenn eine arme Arbeiterfamilie, die in einem durchschnittlichen Vorort der Mittelklasse wohnt, ihre Kinder auf eine der örtlichen staatlichen Schulen schickt, wird der SRS-Schlüssel für diese Kinder anhand des durchschnittlichen Einkommens der Mittelschicht aus dem Vorort errechnet, und nicht anhand des ärmeren Stadtteils, in dem die Schule liegt. Dies hebt den SRS-Schlüssel der örtlichen staatlichen Schule an, was dazu führt, dass sie weniger Zuschüsse pro Schüler erhält, als wenn die betreffende Arbeiterfamilie in dem ärmeren Stadtteil wohnen würde, wo das durchschnittliche Einkommen viel stärker mit ihrigen übereinstimmt.

In beiden Fällen begünstigt das System die wohlhabenderen Schüler auf Privatschulen.

Zusätzliche Mitnahmeeffekte für elitäre Privatschulen

Nehmen wir zum Beispiel die King’s School in Sydney. Die Schulgebühren für ältere Schüler betragen zurzeit 34.000 Dollar jährlich. Die Website der Schule prahlt, dass die Schule „als Jungenschule gegründet wurde, welche die folgende Generation der Führungskräfte für Australien bereitstellt … Kronprinzen, Schriftsteller, Parteiführer, Schauspieler, Spitzenjuristen, Mediziner und die ganze Bandbreite anderer Berufe, sie alle wurden am King’s erzogen.“

Die King’s-Schule brüstet sich auf ihrer Website mit Grundbesitz von inzwischen über 1,2 Millionen Quadratmetern einschließlich ausgedehnter Parkanlagen, Rasenflächen im Stil von Oxford und Cambridge, Gebäuden mit anmutigen Kolonaden und Terracotta-Säulen, offenen Veranden und Sandstein, einem Lerncenter für Führungskräfte einschließlich Bibliothek und Konferenzzentrum, Hörsälen, einem Musiksaal, Klassenräumen, Theatersaal und Turnhalle. Zu den Sporteinrichtungen gehören ausgedehnte Spielfelder, ein Studio für Muskelaufbau und Konditionstraining, Tennisplätze, Rudermöglichkeiten, Schießstand, Basketballfelder und Schwimmbecken.

Zusätzlich zu den Elterngeldern wird die King’s-Schule in den nächsten zehn Jahren insgesamt eine um 19,3 Millionen Dollar erhöhte staatliche Finanzierung erhalten. Die SRS-Mittelzuweisung pro Schüler wird bis zum Jahr 2027 von heute 4.527 Dollar auf 6.849 Dollar erhöht, ein Anstieg von 50% in einem Jahrzehnt!

Ein ganz anderes Bild ergibt sich für die öffentliche Girraween-Schule, nur 15 Autominuten von der King’s entfernt. In dieser Schule, wie in unzähligen anderen in Australien, mangelt es an den elementarsten Einrichtungen – vom neuesten Stand der Technik, wie ihn die Kinder der Superreichen an der King’s genießen, ganz zu schweigen.

Die öffentliche Girraween-Schule wird hauptsächlich von Kindern der örtlichen Arbeiterfamilien besucht, ihre Schüler kommen zu 93 Prozent aus nicht-Englisch-sprachigem Hintergrund. Hier ist die Schülerzahl in die Höhe geschossen, eine direkte Folge des Versagens der Regierung, wegen des Bevölkerungswachstums mehr Schulen zu bauen. Im Ergebnis hat Girraween nun mobile Bauten für 29 Klassen auf einem Gelände aufgestellt, das früher für Spiele und zur Erholung der Schüler diente. Sie verfügt über nur 16 Klassenräume im Schulgebäude. Es gibt also kaum noch Platz zum Spielen, und die Schüler unterschiedlicher Jahrgänge nutzen nun staffelweise die Pausen und Mittagszeiten, damit sie auf den Hof Platz finden.

Die Anmeldezahlen haben sich seit 2010 fast verdoppelt, ungefähr elfhundert Schüler besuchen jetzt die Schule. Doch wurde in diesem Zeitraum keine einzige neue Toilette installiert, ganz abgesehen von anderen dringend benötigten Ausrüstungen.

Die australische Bildungsgewerkschaft (AEU) gab im vergangenen Jahr eine Pressemitteilung heraus, in der sie dreist behauptete, dass die staatliche Girraween-Schule als eine der vielen „benachteiligten Schulen in New South Wales“ von ‚Gonski‘ profitiere. Nachdem sie berichtet hatte, dass die Schule 2015 unter ‚Gonski‘ Extrazuschüsse von lächerlichen 784.000 Dollar erhalten habe, rühmte die AEU Bundesvorsitzende Corinna Haythorpe, dass „‚Gonski‘ mehr Mittel in die Schulen leitet, die den größten Bedarf haben – diejenigen, die unsere am stärksten benachteiligten Schüler unterrichten“.

Diese völlig falsche Darstellung drückt die ganze Gleichgültigkeit und Verachtung der Gewerkschaftsbürokratie und des politischen Establishments gegenüber Schülern aus der Arbeiterklasse an staatlichen Schulen aus, gegenüber ihrem Recht auf eine hochwertige staatliche Bildung mit allen erforderlichen Ressourcen. Sie zeigt, dass die Gewerkschaft bei der Verschleierung der sozial rückschrittlichen Agenda, die dem Modell zugrunde liegt, eine entscheidende Rolle spielt.

Was es eigentlich geben sollte – und die Mittel dafür sind vorhanden – ist ein einheitliches Bildungssystem, das jedem Schüler im Land die Qualität und die reichhaltigen Möglichkeiten bietet, die gegenwärtig an der King’s, Knox, Kambala, Geelong Grammar oder irgendeiner anderen privaten Eliteschule zu finden sind. Mit anderen Worten, jeder Schüler, egal, ob aus einer Großstadt, Kleinstadt oder einer abgelegenen Gegend, hat ein Recht darauf, sein Potential maximal zu entwickeln – geistig, körperlich, kulturell und künstlerisch. Darüber hinaus sollte jeder – Kind, Teenager, Erwachsener und älterer Mitbürger – das Recht darauf haben, lebenslang das öffentliche Bildungssystem im gewünschten Ausmaß zu nutzen.

Solch eine Transformation der Bildungsangebote erfordert jedoch eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft durch die Errichtung einer Arbeiterregierung, die ein sozialistisches und internationales Programm verwirklicht. Das würde die Überführung der der Banken, großen Konzerne und Betriebe in öffentliches Eigentum unter Kontrolle der Arbeiterklasse bedeuten, damit den gesellschaftlichen Bedürfnissen der Mehrheit Vorrang vor dem parasitären Reichtum der wenigen Privilegierten eingeräumt wird.

Wer dem zustimmt, sollte sich dem Committee For Public Education (‚Komitee für öffentliche Bildung‘) anschließen, das vor kurzem von der Socialist Equality Party ins Leben gerufen wurde, um für diese Perspektive zu kämpfen.

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Anmerkungen:

[1] Dies ist die von den Autoren Craig Campbell und Helen Proctor in der Einleitung zu ihrem Buch A History of Australian Schooling (Eine Geschichte des australischen Schulwesens) verwendete Terminologie, (Sydney, Allen und Unwin, 2014, S. XV). Sie erklären: „Wenn wir die hoch-kostspieligen ‚unabhängigen‘ Schulen behandeln, haben wir gewöhnlich den Begriff ‚unternehmerisch‘ verwendet, wie er von Sherington und seinen Mitautoren (1987) gebraucht wird, was berücksichtigt, dass diese Schulen gewöhnlich von Körperschaften des Privatrechts geleitet werden – das bedeutet, dass sie nicht Teil des bürokratischen Systems sind, welches direkt von der Regierung oder den katholischen Erziehungsbehörden betrieben wird“.

[2] Ebd., S. 10

[3] Ebd. S. 6-13

 

Siehe auch:

Free, high quality public education is a social right! Join the Committee For Public Education!
[27. Oktober 2017]