Die Klassendynamik der Börsen-Hausse

25. August 2018

Zehn Jahre nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 hat der US-Aktienmarkt in dieser Woche seine bisher längste Hausse verzeichnet. Sie wird als Periode definiert, in der der Markt weiter steigt, ohne einen Rückgang von 20 Prozent zu erleben.

Seit seinem Tiefpunkt am 9. März 2009 sind der S&P 500-Index um 323 Prozent gestiegen, der Technologie-Index Nasdaq um 611 Prozent und der Dow Jones um rund 300 Prozent. Der Anstieg des S&P seit 2009 bedeutet ein Anwachsen seines Finanzvermögens um rund 18 Billionen Dollar. Der größte Teil dieses unvorstellbaren Reichtums ist in die Taschen der obersten Gesellschaftsschicht geflossen.

Der Aufschwung drückt keine Stärke des amerikanischen Kapitalismus aus. Er könnte viel eher mit einem Phänomen verglichen werden, das im 19. Jahrhundert wohlbekannt war: mit der rosigen Färbung, die das Gesicht eines schwer Tuberkulosekranken annimmt. Der spektakuläre Aufstieg der amerikanischen Finanzmärkte seit ihrem Tiefpunkt nach der Finanzkrise 2008 ist ein sichtbarer Ausdruck nicht von Gesundheit, sondern von Krankheit in Form von Finanzparasitismus.

Wirtschaftlich gründet der Boom in den Maßnahmen, mit denen die US-Regierung und die Finanzbehörden auf die Finanzkrise des Jahres 2008 reagierten. Die Obama-Regierung rettete die Banken mit Hunderten von Milliarden Dollar, obwohl sie mit ihrer Finanzspekulation und oftmals kriminellen Machenschaften die schwerste Krise seit der Großen Depression der 1930er Jahre ausgelöst hatten.

Wie immer bei einer systemischen Krise, war die Reaktion der Herrschenden auf den Zusammenbruch des Jahres 2008 durch ihren Klassencharakter geprägt. Die Eliten und der Staat beschlossen, zum Schutz und Ausbau ihres eigenen Reichtums und ihrer Macht die Arbeiterklasse für die Krise zur Kasse zu bitten. Das bestimmte das weitere Vorgehen und sämtliche Maßnahmen. Die herrschende Klasse nutzte die Krise, um sich über ihre kühnsten Träume hinaus zu bereichern.

Während Millionen von Familien ihre Häuser verloren und Millionen Arbeiter entlassen wurden, um nur noch unter weit schlechteren Bedingungen Arbeit zu finden, bot sich den Finanzeliten eine wahre Goldgrube.

Nachdem die Regierung bereits Hunderte von Milliarden Dollar in die Kassen der Banken und Finanzhäuser verschoben hatte, flossen weitere Billionen Dollar in das Finanzsystem als Folge der „quantitativen Lockerung“. Die US-Notenbank kaufte Vermögenswerte in Billionenhöhe auf (was ihre Bilanz von 800 Milliarden Dollar auf mehr als 4 Billionen Dollar anschwellen ließ) und senkte die Zinssätze auf historische Tiefstände.

Wie der Vorsitzende der Socialist Equality Party (US), David North, in seinem Eröffnungsbericht zum 5. Parteitag letzten Monat sagte, ist der Börsenboom „die Institutionalisierung eines politisch-ökonomischen Systems, in dem die Börsen mit voller Unterstützung des Staates als Instrument für einen massiven und beispiellosen Transfer von Vermögen in die Taschen der Konzern- und Finanzoligarchie fungieren“. Daran zeigt sich, dass die wirtschaftliche und globale Position des US-Kapitalismus in Wirklichkeit stark geschwächt ist.

Bezeichnend ist auch die veränderte Reihenfolge der führenden Unternehmen an der Spitze der Finanzindizes. Vor dem Ausbruch der Finanzkrise waren die profitabelsten Unternehmen ExxonMobil, General Electric, Microsoft und AT&T. Jetzt sind die vier Firmen mit den höchsten Profiten die Technologieriesen Apple, Amazon, Alphabet (Google) und Microsoft, mit Facebook an fünfter Stelle, während mächtige Unternehmen der Vergangenheit, wie IBM oder General Motors, weit hinterherhinken.

Es ist symptomatisch für die Transformation des amerikanischen Kapitalismus, dass die lukrativsten neuen Methoden für Technologie-Riesen heute darin bestehen, Daten über die sozialen Aktivitäten und Kaufgewohnheiten der Verbraucher zu sammeln und diese Daten zu verkaufen. Weitere Wachstumsmöglichkeiten sehen sie, wenn sie eine Partnerschaft mit dem Überwachungsstaat eingehen, Kriegswaffen entwickeln und die Geheimdienste bei der politischen Zensur im Internet unterstützen.

Ein anderer wichtiger Indikator für das Wachstum des finanziellen Parasitismus, der dem Börsenboom zugrunde liegt, ist die zunehmende Nutzung von Aktienrückkäufen durch Großunternehmen zur Wertsteigerung ihrer Aktien.

Diese Börsen-Praxis hat durch die großen Steuersenkungen der Trump-Administration einen Schub erhalten. Am 23. August reagierte der US-Präsident auf die eskalierende politische Krise in den USA, indem er in einem Fox-Interview seine Rolle bei der Stärkung des Marktes hervorhob.

„Ich sag Ihnen was“, so Trump. „Wenn ich jemals angeklagt werde, würde der Markt zusammenbrechen.“ Das würde dazu führen, dass alle „sehr arm“ würden, und dass sich die Zahlen „so stark umdrehen, wie man es nicht glauben würde“.

Das offizielle Mantra beider großen Parteien lautet, dass eine Senkung der Unternehmenssteuern angeblich die Investitionen ankurbeln und durch den so genannten „Trickle-Down“-Effekt [Hinunter-Tröpfeln] indirekt Arbeitsplätze und Lohnerhöhungen begünstigen würde.

Das Gegenteil ist der Fall. Statt dass der Reichtum „hinuntertröpfelt“, bzw. sich auf die ganze Gesellschaft überträgt, konzentriert er sich durch die Steuermaßnahmen immer stärker an der Spitze der Unternehmens- und Finanzoligarchie. Beim S&P500-Index machen in diesem Quartal die Aktienrückkäufe einen beträchtlichen Anteil am Wachstum aus, das bis Dezember auf eine Billion Dollar ansteigen könnte.

Doch der staatlich unterstützte Finanzparasitismus ist nicht die alleinige Ursache für den Börsenaufschwung. Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Rolle der Gewerkschaftsapparate bei der Unterdrückung des Klassenkampfs. Dieser Prozess, der spätestens Anfang der 1980er Jahre parallel zum Anstieg des Finanzparasitismus einsetzte, hat sich seit der Finanzkrise von 2008 stark beschleunigt.

Zur Stärkung der Banken und Finanzhäuser trug auch die „Restrukturierung“ von General Motors und Chrysler während der Barack-Obama-Regierung bei, die gemeinsam mit der Gewerkschaftsbürokratie durchgesetzt wurde. Maßnahmen wie beispielsweise das berüchtigte Zweiklassen-Lohnsystem ermöglichten es, bei Löhnen und Sozialleistungen erhebliche Einschnitte zu realisieren. Die doppelgleisigen Löhne haben sich inzwischen in der gesamten amerikanischen Industrie ausgebreitet. Solche Maßnahmen schufen wiederum die Voraussetzungen für die neue Superausbeutung, wie sie von Großkonzernen wie Amazon perfektioniert wird.

Während der Aktienmarkt immer neue Höhen erklimmt, gehen die Löhne und Arbeitsbedingungen daher kontinuierlich zurück. Zwei Statistiken aus dem sozialen Bereich unterstreichen die Auswirkungen dieses Prozesses. Im Jahr 2016 sank die Lebenserwartung in den Vereinigten Staaten aufgrund wachsender sozialer Ungleichheit zum zweiten Mal in Folge, was seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen war. Seit 2008 ist in den USA die Zahl der Menschen, die an den Folgen des Drogenkonsums starben, um 80 Prozent gestiegen und lag im vergangenen Jahr bei 72.000 Menschen.

Der starke Börsenaufschwung ist das Ergebnis einer anhaltenden Offensive der herrschenden Klasse. Um ihren Reichtum zu vergrößern, wird sie buchstäblich vor nichts Halt machen. Dementsprechend muss die Arbeiterklasse ihre eigene unabhängige Antwort entwickeln.

Für eine Reform des parasitären und zerstörerischen Profitsystems gibt es keine Grundlage. Dieses System muss überwunden und durch eine höhere Form der sozioökonomischen Organisation ersetzt werden, wobei der durch die Arbeit von Millionen Menschen geschaffene Reichtum genutzt wird, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen.

Das Wiederaufleben des Klassenkampfes in den USA zeigt, dass dieser Prozess begonnen hat. Die weitere Entwicklung hängt vor allem davon ab, dass er mit einem sozialistischen Programm und einer sozialistischen Perspektive ausgestattet wird. Dazu ist es notwendig, eine revolutionäre Partei aufzubauen, um diesen Kampf zu führen.

Nick Beams