Frankfurter Societätsdruckerei: Streikende Drucker stellen Verdi-Funktionär zur Rede

Von Marianne Arens
15. Dezember 2018

Im Kampf gegen Entlassungen und Tarifflucht bei der Frankfurter Societätsdruckerei verstehen die streikenden Arbeiter immer besser, dass sie es nicht nur mit den Druckunternehmern und Zeitungsbaronen, sondern auch mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zu tun haben.

Streikposten vor der Frankfurter Societätsdruckerei

Schon seit drei Wochen streiken rund 150 Drucker und Arbeiter der Frankfurter Societätsdruckerei (FSD) in Mörfelden-Walldorf. Sie kämpfen gegen die drohende Entlassung von 126 Mitarbeitern – fast die Hälfte der noch verbliebenen Belegschaft der Großdruckerei! – und gegen den Ausstieg der neuen Geschäftsführung aus der Tarifbindung.

Die Druckerei, in der große Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), das Handelsblatt, die Frankfurter Rundschau (FR) und die Frankfurter Neue Presse (FNP) gedruckt werden, wurde Anfang des Jahres von der FAZ-Gruppe, ihrem letzten Besitzer, an die Zeitungsholding Hessen (ZHH) verkauft. Seither versuchen deren Besitzer, die beiden Medienkonzerne Ippen und Rempel, tariflich abgesicherte Arbeitsplätze durch schlecht bezahlte, unsichere Jobs zu ersetzen. Sie haben 25 langjährigen Mitarbeitern gekündigt, und weitere 101 Entlassungen sollen folgen.

Eine ähnliche Politik verfolgt zurzeit der gesamte Unternehmerverband dieser Branche. Der Bundesverband Druck und Medien (bvdm) hat zum 30. September den Manteltarifvertrag aufgekündigt und damit den Rechten und Errungenschaften von über 134.000 Beschäftigten den Kampf angesagt. Der Konflikt bei der FSD ist somit nur der erste von vielen, die noch bevorstehen. Dennoch bereitet sich die Gewerkschaft Verdi bisher in keiner Weise auf einen ernsthaften Arbeitskampf vor, sondern lässt ihre Mitglieder in jeder Druckerei einzeln ins offene Messer laufen.

Es ist diese offensichtliche Politik der Isolation, die die streikenden Kollegen immer mehr erbittert. Die Unzufriedenheit machte sich Luft, als am gestrigen Freitag ein Mitglied des Verdi-Bundesvorstandes, Andreas Fröhlich, eine Protestkundgebung der FSD-Arbeiter in Mörfelden-Walldorf besuchte. Unvermittelt sah er sich wütenden Fragen gegenüber.

Nachdem Fröhlich ausführlich über die Tarifrunde, die Schlechtigkeit der Unternehmer und die guten Initiativen der Gewerkschaft gesprochen hatte, endete er mit dem unvermeidlichen Satz: „Wer kämpft, kann verlieren – wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ Doch die Stimmung blieb eisig und gespannt.

Der Betriebsratsvorsitzende Nektarios Androulidakis, genannt „Neki“, fragte Fröhlich: „Was du uns hier erzählst, ist ja alles gut und schön. Aber was unternimmt Verdi, um unsern Streik voranzubringen?“ Zweifellos war Neki in den letzten Tagen schwer unter Druck der streikenden Kollegen geraten. Allerdings hatte er nicht vorausgesehen, dass seine Frage eine wütende Diskussion auslösen würde, in der sich immer mehr Kollegen zu Wort meldeten.

„Wir hier sind all die Jahre immer als erste mit rausgegangen, wenn es um einen Tarifkampf ging“, sagten mehrere. „Was tut Verdi nun für uns?“ Einer wies darauf hin, dass die Societätsdruckerei hier einmal eine Großdruckerei mit 2000 gut bezahlten Mitarbeitern war.

Als ein anderer darauf erwiderte: „Das ist lange her“, brachten Kollegen die aktuellen Gelbwesten in Frankreich ins Spiel, und einer erinnerte daran, dass in Berlin vor kurzem bei der „Unteilbar“-Demonstration eine Viertelmillion gegen die Regierung marschiert war. Darauf riefen mehrere: „Wir sind sofort bereit, nach Berlin zu marschieren!“

Einer meldete sich: „Wir stehen hier schon drei Wochen auf der Straße, aber niemand erfährt es. Warum verschweigt ihr unsern Arbeitskampf? Man müsste sich doch an die großen Zeitungen, an Monitor und ähnliche Sendungen wenden, dass sie über uns berichten.“ Darauf der Verdi-Funktionär: „Ich muss euch wohl nicht erklären, dass Tageszeitungen wie die FAZ und die Frankfurter Rundschau kein Interesse haben, den Streik publik zu machen.“

Da rief ein Arbeiter: „Aber was ist mit der Gewerkschaftszeitung?“ Unter Applaus fuhr er fort: „Gerade heute habe ich das Verdi-Blatt erhalten, und was sehe ich? Verdi hält es nicht für nötig, über unsern Streik zu berichten.“ Ein weiterer ergänzte: „Auf der Titelseite eurer Zeitung brüstet ihr euch, was ihr für die Azubis alles tut. Aber bei uns werden tarifliche Arbeitsplätze vernichtet – das betrifft die Jugend auch. Für die jungen Leute wird es keine vernünftigen Arbeitsplätze mehr geben.“

Als ein Kollege berichtete, dass Rempel bereits mehreren Arbeitern nicht das bezahlt habe, was ihnen rechtlich zustehe, erwiderte das Verdi-Vorstandsmitglied bloß, man müsse „gerichtlich dagegen vorgehen“, aber es sei nicht gesagt, ob man damit Erfolg haben werde.

Die ganze Szene machte klar, dass die Dienstleistungsgewerkschaft nicht bereit ist, einen Arbeitskampf um die Errungenschaften zu führen, welche Arbeiter jahrzehntelang in bitteren Streiks erkämpft hatten.

Streikende FSD-Arbeiter

Ein Arbeiter meldete sich und erinnerte daran, dass die Arbeiter in den letzten fünfzehn Jahren systematisch angegriffen worden wsaren. Er nannte die Einführung von Werkverträgen und Zeitarbeit und fragte: „Was habt ihr als Gewerkschaft dagegen unternommen?“ Er erwähnte die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Schröder und ihre Agenda 2010: „Damit hat das alles angefangen!“ Auch er erhielt starken Applaus.

Immer mehr brach sich Erbitterung und Wut darüber Bahn, dass Verdi zwar gerade Tarifverhandlungen für hunderttausende Arbeiter führt, von denen viele ebenfalls bedroht sind, aber nicht bereit ist, den bei FSD begonnenen Streik auszuweiten. Dazu sagte Fröhlich, der neue Unternehmer Rempel sei als „Gewerkschaftshasser“ bekannt. „Da müsst ihr doch verstehen, dass wir uns nicht einschalten können.“

Am Ende stand Fröhlich isoliert und ziemlich fassungslos da. Ein anderer Verdi-Funktionär sprang ihm zur Seite und sagte: „Ihr wisst doch: Verdi, das seid ihr alle, das sind wir alle zusammen. Wir sind nur so stark, wie ihr uns macht.“ – „Buuuh!“ schallte es ihm entgegen, denn solche Sprüche hatten die Kollegen schon hundertmal gehört. Es sind genau die Phrasen, mit denen Gewerkschaftsfunktionäre ihre eigene feige Politik immer wieder den Arbeitern in die Schuhe schieben.

Auf einmal war der tiefe Abgrund offen sichtbar, der die Gewerkschaftsbürokratie von der Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse trennt. Es war mit Händen zu greifen, dass die Arbeiter ihre Rechte und Arbeitsplätze heute nur unabhängig und im Kampf gegen die DGB-Gewerkschaften verteidigen können.

Ali Osman

Ali Osman, ein FSD-Mitarbeiter seit 29 Jahren, sagte der WSWS dazu: „Jetzt kommt es auf uns selber an. Wir können es doch nicht zulassen, dass der neue Besitzer alles kaputtmacht.“

Die Gewerkschaft Verdi hat in einem aktuellen Text geschrieben, bei der FSD gehe es um „einen Interessenausgleich und Sozialplan“ – nicht um die Arbeitsplätze. Aber Arbeiter wie Ali Osman sind nicht bereit, die Arbeitsplätze kampflos aufzugeben. Er wies darauf hin, dass die Belegschaft von einst 2000 Mann auf nicht einmal mehr 300 zusammengeschrumpft sei: „Und davon wollen sie jetzt noch einmal 126 entlassen! Und die Arbeiter, die übrig bleiben, werden nur noch schlechte und unsichere Arbeitsplätze haben. Das können wir nicht zulassen.“

Ein Text der World Socialist Web Site, der in Mörfelden-Walldorf breit verteilt wurde, stieß bei vielen Streikenden auf Interesse. Er enthält die Resolution der Delegierten auf einer Versammlung von Autoarbeitern im amerikanischen Detroit. Sie hatten am 9. Dezember beschlossen, „in allen Betrieben, Fabriken und Stadtvierteln Aktionskomitees aufzubauen, die unabhängig von der Gewerkschaft sind und die den Widerstand gegen Entlassungen und Werkschließungen organisieren.“