Neue Halberg Guss: Weiterhin über tausend Arbeitsplätze bedroht

Von Marianne Arens
19. Dezember 2018

Im anhaltenden Konflikt um die Neue Halberg Guss sind die Arbeiter nicht nur mit den zerstrittenen Unternehmergruppen, sondern auch mit der IG Metall konfrontiert. Die Gewerkschaft agiert immer offener als Interessenvertretung der deutschen Großkonzerne, vor allem von Volkswagen (VW), Daimler und der Motorenwerke Deutz AG.

Die Prevent-Gruppe, Noch-Eigentümerin der NHG, hat wiederholt angekündigt, die Gießerei in Leipzig mit noch 650 Stellen schon Ende März 2019 zu schließen und im Saarbrücker Stammwerk mehrere hundert Arbeitsplätze abzubauen. Gegen diese Pläne haben die Gießereiarbeiter im Sommer fast sieben Wochen lang gestreikt.

Ende November beschloss Prevent, die NHG an den Münchner Finanzinvestor One Square Advisor zu verkaufen. Als sich VW in den Kauf einmischte und einen Teil der Kaufsumme gerichtlich pfänden ließ, ließ Prevent den Verkauf wieder platzen. Am 6. Dezember erklärte Prevent-Besitzer Hastor, er mache von seinem Rücktrittsrecht Gebrauch.

Die IG Metall hat in dem Konflikt klar Stellung gegen Prevent und für den Verkauf eingenommen. Sie unterstützt die Übernahme durch die Investorengruppe One Square Advisors, hinter der vermutlich (direkt oder indirekt) die deutschen Großkonzerne selbst stecken. Nicht nur VW, auch Daimler und Deutz haben den Eigentümerwechsel ausdrücklich begrüßt. Die Deutz AG erklärte ganz offen, sie werde die neuen Eigentümer in Form einer Teilfinanzierung aktiv unterstützen.

Bernd Kruppa, der erste Bevollmächtigte der IG Metall in Leipzig, begrüßte den Verkauf, weil er „die Chance zu einem Neuanfang“ biete. Ähnlich äußerten sich die IGM-Bezirksleiter für das Saarland und für Sachsen, Jörg Köhlinger und Olivier Höbel. Als Prevent vom Verkauf zurücktrat, bezeichnete die IG Metall dies als „wirkungslose Spielchen“. In der gleichen Erklärung warf die Gewerkschaft der bosnisch-deutschen Eigentümerfamilie Hastor vor, sie sei „wegen ihres Geschäftsgebarens gegenüber Kunden, durchweg große Autohersteller und Zulieferfirmen, in Verruf geraten“.

VW liegt schon seit Jahren mit Prevent im Streit. Immer wieder geht es um Preise und Lieferkonditionen, und VW behauptet, Prevent habe ihr Teile zu Wucherpreisen verkauft. Deshalb fordert VW die Abwicklung des Verkaufs – und hat sich aus der Verkaufssumme auch gleich durch Eilantrag an das Landgericht Braunschweig 48 Millionen Euro gesichert.

Auch die Landespolitiker des Saarlandes und Sachsens haben den Verkauf begrüßt. Im Saarland kündigte der Wirtschaftsstaatssekretär Jürgen Barke (SPD) eine Finanzspritze des Landes im Umfang von bis zu 40 Millionen Euro an, wenn der Verkauf zustande käme.

Die Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) lobte den neuen Besitzer One Square Advisors als „erfahrenen Geschäftspartner, von dem wir glauben, dass es zu vernünftigen und sachlichen Lösungen kommen wird“. In Sachsen machte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) deutlich, worum es geht: „Wir glauben fest an die Wettbewerbsfähigkeit der neuen Holding. Mit der strategischen Neuausrichtung werden profitable Geschäftsfelder entstehen …“.

Es geht also um die Wettbewerbsfähigkeit, um die Geschäftsstrategie und um den Profit. Was dagegen die Zukunft von Arbeitsplätzen und sozialen Errungenschaften betrifft, so liegt sie völlig im Dunkeln. Durch einen weiteren Verkauf ist ihr Erhalt jedenfalls keineswegs gesichert. Voraussichtlich ist er im neuen Unternehmen noch unmittelbarer vom nackten Gewinn abhängig.

Nach dem Verkauf sollen die Gießereien nicht mehr „Neue Halberg Guss“, sondern „AVIR Guss Holding“ heißen. Laut Manager Magazin lässt One Square Advisors die Arbeiter wissen, sie „hätten die Möglichkeit, im Rahmen eines Betriebsübergangs auf die neuen Gesellschaften zu wechseln“.

Ein Sprecher des neuen Eigentümers hat offen erklärt, dieser wolle bis 2023 sanieren und dann weiterverkaufen. Laut dem Finance-Magazin, einer Onlineplattform der FAZ-Verlagsgruppe, hat der Käufer letztes Jahr gerade mal „zwanzig Mitarbeiter in München, Frankfurt und London“ beschäftigt. Die Leipziger Volkszeitung (LVZ) berichtete, dass One Square Advisors „am Ende aber nicht wirklich selbst als Investor einsteigen“ werde.

Das ganze Manöver läuft auf einen weiteren Verkauf an den x-ten neuen Finanzhai hinaus, der aus den Gießereiarbeitern Profite für seine Aktionäre herausschlagen und die Werke dann weiterverkaufen will.

Es ist in sieben Jahren schon das fünfte Mal, dass die NHG den Besitzer wechselt. 2011 wurde die Halbergerhütte in NHG umbenannt und an ein holländisches Konsortium verkauft. Im Jahr 2017 übernahm die SDL Süddeutsche Beteiligungs-GmbH die Gießereien, und im Januar 2018 wurden sie an Prevent weiterverkauft. Im Besitz von Prevent ist übrigens auch seit drei Jahren eine weitere NHG-Gießerei in Südafrika mit 950 Beschäftigten.

Es ist an der Zeit, dass die Arbeiter der Neuen Halberg Guss innehalten und Bilanz ziehen. Die letzten Monate haben bewiesen, dass sie bereit und in der Lage sind, für ihre Arbeitsplätze und die Errungenschaften von Generationen zu kämpfen. Den fast sieben Wochen dauernden Streik im Sommer hatten die Kollegen von Leipzig und Saarbrücken gemeinsam geführt. Mitte Oktober legten die Saarbrücker Gießer die Arbeit erneut spontan nieder, als Prevent versuchte, Maschinen und Formen zu demontieren.

Seit Jahrzehnten beweisen die Gießereiarbeiter (die „Halberger“) in Leipzig und Saarbrücken immer wieder, dass sie es sind – und nicht die Finanzverwalter und Börsenspekulanten – die die Maschinen am Laufen halten. Jetzt dürfen sie nicht länger zulassen, dass immer neue Investorengruppen über ihre Geschicke und die Zukunft ihrer Familien entscheiden.

In erster Linie müssen sie verstehen, dass sie sich von der IG Metall lösen müssen. Solange die IG Metall entscheidet, wie der Kampf geführt wird, ist er zum Scheitern verurteilt. Die IG Metall ist eine national basierte, kapitalistische Gewerkschaft. Sie sorgt sich vor allem um Profite und Konkurrenzfähigkeit der deutschen Autoindustrie, insbesondere des VW-Konzerns, in dessen Aufsichtsgremien und Führungsstruktur sie voll integriert ist. Deshalb hat sie sich im Konflikt um die NHG klar auf die Seite von VW gestellt.

Die Autoindustrie ist europaweit mit der tiefsten Krise konfrontiert, und diese wird durch Brexit, Handelskrieg, Dieselgate und die Umstellung auf Elektroautos noch verstärkt. Das sind die Faktoren, die den Schacher zwischen Volkswagen, Prevent und den Finanzhaien von One Square Advisors anheizen. Während Prevent einerseits und VW, Deutz und Daimler andererseits sich wie die Kesselflicker um Vermögenswerte, Produktpreise und Pfändungssummen streiten, ordnet die Gewerkschaft die Arbeiter dem größten Autounternehmer Deutschlands unter und liefert sie so ans Messer.

Das hatte sich schon im Sommer gezeigt. Die IG Metall ging schon da nicht mehr davon aus, alle Arbeitsplätze zu verteidigen, sondern führte den Streik im Juni und Juli ausdrücklich nur mit dem Ziel eines Sozialtarifvertrags, eines Treuhandfonds und einer Qualifizierungsgesellschaft für entlassene Kollegen, während die Arbeiter der Meinung waren, sie kämpften um ihre Arbeitsplätze. Sobald der Streik Wirkung zeigte und bei Opel und Deutz für Stillstände sorgte, brach die IG Metall ihn überstürzt ab und leitete die (ergebnislose) Schlichtung ein.

Die Arbeiter müssen die bankrotte Strategie der IG Metall zurückweisen. Der einzige Weg vorwärts besteht darin, die Arbeiterklasse weltweit auf der Grundlage eines sozialistischen Programms zu mobilisieren. Die Sozialistische Gleichheitspartei schlägt vor, in allen Betrieben Basis- und Aktionskomitees zu gründen, die von der IG Metall völlig unabhängig sind. Diese Komitees müssen Kontakt zu den Kollegen in den andern Werken aufnehmen und alle Fragen des Kampfs gemeinsam selbst entscheiden.

Dass dies möglich ist, haben vor ihnen schon Autoarbeiter von General Motors und andern Werken in Detroit, sowie Teeplantagenarbeiter in Sri Lanka bewiesen. In ähnlicher Weise werden die Basiskomitees ihre Verbündeten nicht mehr in der IG Metall, der SPD oder der Linkspartei, sondern unter den Arbeitern anderer Zulieferbetriebe, der Autoindustrie und der ganzen Arbeiterklasse Deutschlands, Europas und der Welt, suchen – und finden. Die Sozialistische Gleichheitspartei wird sie darin nach Kräften unterstützen.