Die Arbeiterklasse und die Umweltkrise

20. Dezember 2018

Von all den Verleumdungen, mit denen die etablierten Medien gegen die „Gelbwesten“-Bewegung in Frankreich ins Feld gezogen sind, ist eine besonders dumm: Die Arbeiter, die seit Wochen gegen soziale Ungleichheit, Armut und Niedriglöhne protestieren, seien gegen Umweltschutz, weil sie die Erhöhung der Benzinsteuer durch Präsident Emmanuel Macron ablehnen.

Die New York Times, die solche Behauptungen regelmäßig verbreitet, veröffentlichte in ihrer Sonntagsausgabe einen Gastkommentar unter der Überschrift „Ist Umweltschutz nur für was Reiche?“ Der Autor, Dr. Neil Gross, Soziologie-Professor am Colby College in Maine, behauptet, dass die Gelbwesten-Proteste „Umweltschützer nervös machen“ würden, und lobt Macrons Steuererhöhung als „Teil der anhaltenden ehrgeizigen Bemühungen im Kampf gegen die Erderwärmung“.

Gross vergleicht die Gelbwesten direkt mit den Arbeitern in den Vereinigten Staaten: „Wie bei der Unterstützung der Arbeiterklasse für die schwindende Kohleindustrie in den Vereinigten Staaten stellt sich die Frage: Ist der Umweltschutz ein Luxus-Thema, um das sich nur die Wohlhabenden kümmern können?“ Er zitiert eine angeblich „richtungsweisende“ soziologische Studie aus dem Jahr 1995, die zeigt, dass die Unterstützung für den Umweltschutz in den höheren Einkommensschichten am stärksten ist, weil „die Bürger nur dann in der Lage sind, Umweltfragen zu priorisieren, wenn sie reich genug sind, um sich nicht um grundlegendere Dinge wie Essen und Unterkunft kümmern zu müssen“.

Die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit verschärft das Problem nur noch, so Gross. Er argumentiert, dass „sich in vielen kapitalistischen Demokratien heute aufgrund von Klasse und Status Ressentiments entwickelt haben, die durch die ausufernde Ungleichheit gefördert und von opportunistischen Politikern geschürt werden. Das hat sich so weit verschärft, dass Themen wie Umwelt, die jeden betreffen, immer mehr vor dem Hintergrund von Gruppenkonflikten und Parteikämpfen wahrgenommen werden“.

Eine klassenbewusste Arbeiterbewegung – also eine Bewegung, die die Themen „vor dem Hintergrund von Gruppenkonflikten“ betrachtet, – müsste daher Umweltfragen, die „alle betreffen“, per Definition feindlich gegenüberstehen. Auch wenn Gross Rechtspopulisten wie Donald Trump und Marine Le Pen eindeutig ablehnt, wiederholt er hier im Wesentlichen ihr Argument, dass Umweltschutz angeblich nicht mit dem Ziel vereinbar sei, einen angemessenen Lebensstandard und Jobs für die Arbeiter zu sichern.

Gross ignoriert die offensichtliche Tatsache, dass die von der Macron-Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen nicht „alle betreffen“ – und schon gar nicht in gleichem Maße. Während im Namen der Reduzierung des Verbrauchs fossiler Brennstoffe der Lebensstandard der Arbeiter gesenkt wird, beschenkt Macron die Unternehmenselite mit Steuersenkungen, Deregulierung der Wirtschaft und anderen Gefälligkeiten.

Am Montag erschien eine zweite Kolumne in der Times, in der offener reaktionäre, geradezu absurde Standpunkte vertreten werden. Todd May, Professor für Philosophie an der Clemson University in South Carolina, stellt gleich im Titel die Frage: „Wäre das Aussterben der Menschheit eine Tragödie?“ – und May meint, vielleicht ja, aber es wäre zugleich eine „gute Sache“. Diese schockierende Idee präsentiert er als begründete Position, die in bürgerlichen philosophischen Kreisen tatsächlich debattiert wird.

Und warum? Weil „wir die Erde zerstören und Tieren unvorstellbares Leid zufügen“. Das soll wohl die Vernichtung von sieben Milliarden Menschen und ihrer Nachkommen rechtfertigen. May kommt zu dem Schluss, „wenn der Planet nicht mehr von Menschen bevölkert“ werde, dann „könnte das eine gute Sache sein“.

Aus Sicht des Professors hat sich die gesamte Menschheit der Verbrechen gegen die Natur schuldig macht: „Es ist die Menschheit, die Unrecht begeht, ein Unrecht, dessen Beseitigung wahrscheinlich die Auslöschung ihrer eigenen Art erfordern würde...“. Mit Unrecht meint May den menschlichen Anteil am Klimawandel, den Eingriff des Menschen in verschiedene Ökosysteme und die Entwicklung der industriellen Landwirtschaft, in der „Abermillionen von Tieren gezüchtet werden, die nichts als Leid und Elend zu erwarten haben, bevor sie auf oft barbarische Weise abgeschlachtet werden“.

May räumt ein, dass die Menschheit wertvolle Beiträge auf dem Gebiet des Denkens, der Kunst und der Wissenschaft geleistet habe, und bemerkt: „Wenn unsere Spezies aussterben würde, wäre all das verloren.“ Aber dann versteigt er sich in eine Argumentation, die das Leben von Menschen und Tieren gleichsetzt. Für ihn stelle sich die Frage: „[W]ie viel Leid und Tod nichtmenschlichen Lebens würden wir denn in Kauf nehmen, um Shakespeare, unsere Wissenschaften usw. zu retten?“ Er behauptet: „Jede vernünftige Antwort, die uns dazu einfällt, wird von dem Leid, das wir den Tieren zufügen, weit übertroffen werden – es sei denn wir glauben, dass es eine so tiefe moralische Kluft zwischen dem Status von menschlichen und nichtmenschlichen Tieren gibt.“

Auf die Gefahr hin, sich dem Vorwurf des „Speziesismus“ auszusetzen, muss man klar sagen, dass Mays Kolumne – in der die Todesstrafe für die Menschheit aufgrund von Tierquälerei gefordert wird – besser in der Satirezeitung Onion als in der New York Times aufgehoben wäre. Aber diese düstere Stimme aus der heiligen Gruft der akademischen Welt ist ein ernstes Warnsignal, das die politische Desorientierung von Teilen der oberen Mittelschichten unter den Bedingungen wachsender Klassenkonflikte im Kapitalismus zum Ausdruck bringt. Beide Kommentare, sowohl der von May als auch der von Gross, zeigen im wahrsten Sinne des Wortes die Sackgasse, in die das Denken geraten ist, das im Rahmen des Profitsystems eingezwängt bleibt.

Es ist nicht die „Menschheit“, die – wie May behauptet – für den Klimawandel oder die Zerstörung des Ökosystems verantwortlich ist, sondern die Kapitalistenklasse, die die Weltwirtschaft kontrolliert und alle Fragen der wirtschaftlichen Entwicklung bestimmt, einschließlich ihrer Auswirkungen auf die Umwelt. Es ist auch nicht so, wie Gross argumentiert, dass die Tatsache, dass Umweltthemen „vor dem Hintergrund von Gruppenkonflikten“ betrachtet werden, die Suche nach Lösungen für die Umweltkrise hemmen würde. Im Gegenteil, nur eine Perspektive, die auf der unabhängigen politischen Mobilisierung der Arbeiterklasse basiert, bietet einen Weg nach vorn.

Die Unfähigkeit des Kapitalismus und des Nationalstaatensystems, die Klimakrise zu lösen, zeigte sich in den letzten zwei Wochen im polnischen Katowice, wo erneut ein UN-Klimagipfel stattfand. Die Vertreter von mehr als 200 Regierungen, darunter 25.000 Bürokraten, Wissenschaftler und Diplomaten, konnten sich nicht einmal darauf einigen, einen Bericht über die drohenden Gefahren der Erderwärmung zu unterstützen, geschweige denn ernsthafte Maßnahmen zu ergreifen, um den Klimawandel zu verhindern.

Sie verabschiedeten ein bedeutungsloses Regelwerk zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens, das von Klimaforschern als völlig unzureichend angesehen wird. Das Ziel der Regierungen war es, den Schein der internationalen Geschlossenheit zu wahren – vor dem Hintergrund, dass die Trump-Regierung bereits angekündigt hat, im nächsten Jahr zum frühestmöglichen Zeitpunkt aus dem Pariser Abkommen aussteigen zu wollen.

In allen Umwelt-Diskussionen der herrschenden Klasse und ihrer Vertreter wird stillschweigend davon ausgegangen, dass die Arbeiterklasse leiden muss, um den Klimawandel zu stoppen. Aber warum sollten die Arbeiter für die Kriminalität, Inkompetenz und nationalistische Sturheit der herrschenden Eliten bezahlen müssen?

Die Umweltkrise enthüllt die tödlichen Folgen der kapitalistischen Produktion, die einen völlig anarchischen und ungeplanten Charakter hat und durch die Profitgier und die strategischen Interessen der mächtigsten kapitalistischen Staaten angetrieben wird. Dass Umweltzerstörung bei weitem nicht von „allen“ verursacht wird, zeigte auch der „Carbon Majors Report“ von 2017, demzufolge 70 Prozent aller von 1988 bis 2015 freigesetzten Treibhausgase von nur 100 Unternehmen stammen, die alle von Multimillionären und Milliardäre aus den großen kapitalistischen Ländern dieser Welt kontrolliert werden.

Die einzig realistische Antwort auf die Umweltkrise ist der Sozialismus: die Verstaatlichung der Großkonzerne und Banken unter der Kontrolle der Arbeiter, die Einführung einer wissenschaftlichen Planung der Weltwirtschaft sowie die Abschaffung des Kapitalismus und des Nationalstaatensystems.

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Patrick Martin