„Die Gelbwesten machen es richtig“

Unter den Fordarbeitern in Köln brodelt es

Von Dietmar Gaisenkersting
22. Januar 2019

Viele Tausend Arbeitsplätze sollen dem Sparkurs bei Ford in Europa zum Opfer fallen, ganze Werke geschlossen werden. Ford in Köln ist der größte Standort in Europa. Hier ist die Europazentrale des US-Konzerns, und hier arbeiten rund 18.000 Beschäftigte. Davon bauen rund 4000 den Kleinwagen Fiesta.

Mitglieder der Sozialistischen Gleichheitspartei (SGP) haben mit den Fordarbeitern in Köln die Erklärung der europäischen Parteien der Vierten Internationale diskutiert. Diese Erklärung wendet sich direkt an die Ford-Belegschaften in Frankreich, Deutschland, Großbritannien und Russland und ruft sie auf, Aktionskomitees zu bilden, um eine gemeinsame Gegenoffensive zu initiieren. Vor allem müsse dieser gemeinsame Kampf unabhängig von den Gewerkschaften und ihren betrieblichen Vertretern geführt werden. „Nichts werden sie tun. Ob die CGT in Frankreich, die Unite Gewerkschaft in Großbritannien, die IG Metall in Deutschland oder sonst wo, sie alle arbeiten als verlängerter Arm des Managements gegen die Arbeiter.“

Zur Frühschicht morgens um halb sechs verteilten SGP-Vertreter die Erklärung, um beim Mittagsschichtwechsel acht Stunden später darüber zu diskutieren. Viele Arbeiter hatten die Erklärung gelesen, vor allem die Feststellungen zur Rolle der Gewerkschaften deckten sich mit ihren Erfahrungen. „Von IG Metall und Betriebsrat haben wir nicht viel zu erwarten, da sollte man sich fernhalten“, sagte ein älterer Arbeiter wütend und sprach sich für stärkere und von den Gewerkschaften unabhängige Proteste und Aktionen aus. „Die Gelbwesten in Frankreich machen es richtig.“

Während der Betriebsrat und das Management in Köln hinter verschlossenen Türen zusammentreffen, um die Kürzungen auszuhandeln, werden die Arbeiter über den Stand der Verhandlungen bewusst im Unklaren gelassen. „Ihr draußen wisst mehr als wir hier drinnen“, sagte ein älterer Arbeiter verbittert. Auch andere beschwerten sich über die mangelnden Informationen. „Man bekommt hier nichts mit“, war die immer wiederkehrende Bemerkung vieler Arbeiter. Ende der Woche sollen die Vertrauensleute der IG Metall zusammenkommen. Ob die Belegschaft danach schlauer ist, darf bezweifelt werden.

Björn, ein Arbeiter, der schon beim letzten Besuch der SGP-Mitglieder Anfang des Jahres am Tor diskutierte, berichtete jetzt, dass überall Gerüchte sprießen, weil der Betriebsrat nichts sagt. „Die sagen nur so viel wie nötig und so wenig wie möglich.“ Angeblich soll der Focus in Köln gebaut werden, wenn 2021 die Fiesta-Produktion ausläuft. Derzeit wird der Focus in Saarlouis produziert, wo 6.000 Beschäftigte um ihre Jobs bangen.

Sein Kollege Marcus glaubt, dass Ford schon beschlossen hat, das Werk in Saarlouis zu schließen. „Wenn [Ford-Europa-Chef] Gunnar Hermann sagt, dass in Saarlouis bis 2024 produziert wird, ist doch klar, dass dort 2025 Schluss ist“, betont er. „Das wird genauso gemacht wie in Belgien.“ 2014 hatte Ford sein Werk im belgischen Genk geschlossen, alle Proteste waren vergebens. „Köln baut dann den Focus, der Fiesta wird günstig in Rumänien gebaut“, beschreibt Marcus nüchtern wie die europäischen Belegschaften gegeneinander ausgespielt werden.

Viele Arbeiter sind wütend, wie sie nach jahrelange Arbeit jetzt behandelt werden. Einige wollen nur noch weg und hoffen auf das Abfindungsangebot. „Ich mach mich mit der Abfindung in der Gebäudereinigung selbstständig“, berichtete einer. „Hier geht doch alles den Bach runter.“

SGP-Kandidat Dietmar Gaisenkersting im Gespräch mit Alexandra

Alexandra hat letztes Jahr ihre Ausbildung zur Konstruktionsmechanikerin beendet und einen Anschlussvertrag bis Juni 2019 bekommen. Sie möchte gar nicht weiter bei Ford am Band stehen. „Das Arbeitsklima ist nicht so gut“, sagt sie diplomatisch. Sie wolle woanders arbeiten, aber wo, das weiß sie noch nicht. „Wo ich halt unterkomme. Es ist ja nicht so leicht, als junge Frau in einem Männerberuf Arbeit zu finden.“

Wolfgang, der die Erklärung gelesen hatte, sprach zu den Dividenden, die Ford im letzten Jahr ausgezahlt hat. „Wenn man liest, dass die im letzten Jahr 2,3 Milliarden Dollar an die Aktionäre ausgezahlt haben, dann krieg‘ ich zu viel.“ Diesen Finanzcliquen müsste man das Handwerk legen. Als ihm in der Diskussion der Europawahlkandidat der SGP, Dietmar Gaisenkersting, von der riesigen Streikwelle unter Autoarbeitern in Mexiko direkt an der Grenze zu den USA berichtete, reagierte er überrascht und wusste nichts davon. Niemand berichtet darüber in Deutschland.

„Ich lese schon lange keine Mainstream-Medien mehr“, sagte er. „Die berichten nur, was ihnen gefällt.“ Arbeitskämpfe gehörten nicht dazu, genauso wenig wie Kriegsverbrechen. „Die Verbrechen im Irak, in Afghanistan, der Einsatz uranangereicherter Munition auf dem Balkan usw., von all dem hörte man nichts hier in der Presse.“ Wolfgang informiert sich im Internet bei kritischen Medien und Websites.

Viele Arbeiter bringen ihre Wut über die aktuelle Situation und auch ihre Verachtung gegenüber den Mauscheleien (auf kölsch: Klüngel) zwischen Betriebsrat und Management zum Ausdruck. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Ford in Europa Martin Hennig reagiert auf die Unternehmenspläne, indem er eigene Vorschläge vorbringt, wie der europäische Ford-Ableger profitabel gemacht werden kann.

In bester Management-Manier beklagte Hennig am Freitag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass Ford eine schlechte interne Struktur besäße. „Es werden viel zu viele Berichte geschrieben oder Meetings abgehalten, die gar nicht nötig sind.“ Die Arbeitsstruktur im Management müsse schlanker und effizienter werden, sagte Hennig.

Ohne Zahlen zu nennen, betonte Hennig, dass der Umbau – das „Redesign“ wie er den bevorstehenden Kahlschlag bezeichnet – generell wichtig sei. „Wir müssen uns anders aufstellen für die aktuelle Situation.“ Sein Argument, dass die Personalkosten nur 12 Prozent der Herstellkosten eines Ford-Autos ausmachten, und daher der Autohersteller anders Kosten senken müsste, ist üble Demagogie. Wenn Hennig beispielsweise Kürzungen bei den Zulieferern vorschlägt, heißt das nichts anderes, als dort Personal abzubauen.

Am Schluss seines Interviews mit der dpa sagte Hennig: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir schaffen die Wende und werden profitabel, oder wir werden sukzessive dichtgemacht.“ Die Belegschaft werde alles unternehmen, um die Firma voranzubringen.

Arbeiter sollten das als Warnung verstehen. „Die Firma voranbringen“, „wettbewerbsfähig machen“, „profitabel aufstellen“ – mit diesen Ankündigungen bereiten die Betriebsräte immer neue Einschnitte, Kürzungen und Sozialabbau vor. Damit sind bei Ford in Köln in der Vergangenheit der Abbau von Arbeitsplätzen, die Streichung von Freischichten und die Kürzung des Weihnachtsgeldes begründet worden.

Die Forderung nach Wettbewerbssteigerung ist nur eine Umschreibung für Profitsteigerung. In Wirklichkeit können die Arbeitsplätze nur verteidigt werden, wenn die Kontrolle der steinreichen Investoren und Spekulanten durchbrochen wird und die Produktion nach den Bedürfnissen der Bevölkerung geplant und demokratisch organisiert wird.

In der SGP-Erklärung heißt es daher: „Die Arbeiterklasse darf das angebliche ‚Recht‘ der Konzerne nicht akzeptieren, Werke zu schließen, ganze Stadtgebiete und das Leben Zehntausender Arbeiter zu zerstören! Die illegitimen Vorhaben von Ford sind einzig und allein vom Wunsch motiviert, immer größere Vermögen in die Taschen seiner milliardenschweren Aktionäre und Finanzspekulanten zu stopfen.“ Die kritische Aufgabe, vor der die Arbeiter nun stünden, bestehe darin, einen unabhängigen politischen Kampf, im Gegensatz zu allen Parteien und Organisationen, die den Kapitalismus verteidigen, zu entwickeln.

„Die Arbeiterklasse muss das gesamte Wirtschaftsleben neu ordnen, damit es der Befriedigung sozialer Bedürfnisse anstatt privater Profite dient. Dazu gehört auch die Umwandlung der riesigen Automobilkonzerne in öffentliche Unternehmen unter der demokratischen Kontrolle der Arbeiter. Die europäischen Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale nutzen die Europawahlen, um für diese Perspektive zu kämpfen.“

Die Sozialistische Gleichheitspartei und die World Socialist Web Site werden Arbeitern, die einen Kampf gegen die Entlassungen in der Autoindustrie organisieren und sich mit ihren Kollegen international vernetzen wollen, jede erdenkliche Unterstützung zukommen lassen. Nehmt noch heute mit uns Kontakt auf.