100 Jahre Bauhaus: Von Dessau nach Moskau

Teil 1: Hannes Meyer im Bauhaus

Von Sybille Fuchs
21. Februar 2019

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Mit zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen wird derzeit das 100. Jubiläum des Bauhauses gefeiert, eines der einflussreichsten Zentren für moderne Architektur, Kunst und Design im 20. Jahrhundert, das nach dem verheerenden Ersten Weltkrieg junge Menschen aus ganz Europa anzog und inspirierte.[1] Dabei wird ein Kapitel weitgehend ausgeblendet. Während das traurige Ende der berühmten Schule durch den Nationalsozialismus und das Weiterwirken von Walter Gropius, Mies van der Rohe und Joseph und Anni Albers in den USA immer wieder thematisiert werden, findet das Schicksal der Bauhäusler, die in die Sowjetunion gingen, kaum Erwähnung. Licht in dieses Dunkel brachte 2016 das Buch „Das rote Bauhaus“ der Architektin und Architekturhistorikerin Ursula Muscheler.[2]

Auch die Rolle von Hannes Meyer, dem Nachfolger von Gropius als Direktor der berühmten Schule, wird in der Bauhaus-Literatur nur selten ausführlich dargestellt. In den meisten Bauhausdarstellungen wird Meyer nur mit zwei, drei Sätzen erwähnt. Dabei hat Meyer, als er die Direktion übernahm, die Schule in technischer, sozialer und politischer Hinsicht gründlich reformiert. Eine etwas ausführlichere Beschreibung seiner Reformen und seiner Tätigkeit lieferte Magdalena Droste 2002 in ihrem Bauhausbuch.[3] Auch nachdem 1965 die erste Biographie von Meyer erschienen war, war dieser fast wieder in Vergessenheit geraten.[4]

1967 erschien ein Artikel von Hermann Funke in der Zeit (damals noch eine linksliberale Zeitung). Funke verwies auf die politischen Hintergründe, die der Anerkennung Meyers im Wege standen: „Das Schicksal Hannes Meyers ist nicht allein ein Familienskandal [gemeint sind Auseinandersetzungen innerhalb der Architekturszene], sondern ein Stückchen der unsäglich verpfuschten deutschen Geschichte. Der Dreck im Bauhaus-Nest ist der Dreck in unserem Nest. Und das Stück geht weiter.“ Damit spielt Funke auf den Antikommunismus der Zeit des Kalten Kriegs an, in der jeder, der sich zum Kommunismus bekannte, ganz gleich, welche Verdienste er sonst haben mochte, verdammt und möglichst totgeschwiegen wurde.

Daher ist es verdienstvoll, dass Ursula Muscheler sich der Geschichte Meyers, dieses Vertreters des Neuen Bauens, und seiner gleichgesinnten Kollegen widmet. Viele von ihnen waren dem Bauhaus und seinen Ideen verbunden und gingen Ende der 1920er und 30er Jahre in die Sowjetunion. Sie beschreibt die unsäglichen Mühen ihres Schaffens und ihres Scheiterns dort, auch wenn nicht alle von ihnen in Gulags landeten und das Abenteuer mit dem Leben bezahlen mussten.

Wer war Hannes Meyer?

Hannes Meyer um 1940

Gropius hatte 1928 die Leitung des Bauhauses niedergelegt, weil er sich wieder stärker eigenen Bauprojekten zuwenden wollte. Sein Nachfolger wurde der Schweizer Architekt Hannes Meyer. Diesem ging es vor allem um die Frage, wie gut gestaltete Produkte und Bauten so entwickelt werden können, dass sie für alle und nicht nur für die Eliten erschwinglich sind.

Der 1889 in Basel geborene Hannes Meyer war früh Halbweise geworden und in einem Waisenhaus aufgewachsen. Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Maurer, Steinmetz und ließ sich als Bauzeichner ausbilden. Nach dem Besuch der Baseler Gewerbeschule war er in verschiedenen Berliner Architekturbüros tätig und belegte Abend-Kurse an der Kunstgewerbeschule. Er unternahm Reisen in die Niederlande und nach England, wo er den englischen Städtebau und besonders die damals neuen Gartenstädte studierte, in denen er eine Chance zur Bewältigung der durch die Industrialisierung heraufbeschworenen Probleme der Arbeiterklasse sah. Er engagierte sich in der Schweizer Genossenschaftsbewegung.

Ab 1916 arbeitete er in Essen für die Krupp‘sche Bauverwaltung als Siedlungsplaner. Unter anderem beteiligte er sich an einem Entwurf für die Arbeitersiedlung der Germania Werft in Kiel-Gaarden sowie an Bebauungsplänen für Krupp-Siedlungen in Essen, denen er allerdings recht kritisch gegenüberstand.[6]

Blieb Meyers Baustil zunächst noch recht traditionell, so änderte sich dies Mitte der 1920er Jahre. Nach Kontakten mit Le Corbusier und der holländischen De Stijl-Gruppe schloss er sich der Bewegung des Neuen Bauens an. Zu dieser Zeit gehörte er zum Kreis um die Schweizer Architekturzeitschrift ABC Beiträge zum Bauen, für die führende Architekten des Neuen Bauens schrieben, die auch dem Bauhaus verbunden waren – darunter Hans Schmidt, der Niederländer Mart Stam [7] und der russische Konstruktivist El Lissitzky

Gropius wollte 1927 ursprünglich Mart Stam, als Leiter der Architektur ans Bauhaus berufen, dieser sagte jedoch ab und empfahl Meyer für die neu zu besetzende Architekturabteilung. Gropius folgte seinem Rat.

„Volksbedarf statt Luxusbedarf“

Meyer hatte erhebliche Kritik an der Art, wie das Architekturstudium am Bauhaus vor ihm betrieben wurde. So schrieb er über die zum 10-jährigen Jubiläum ausgestellten Arbeiten: „vieles erinnerte mich spontan an dornach – rudolf steiner, also sektenhaft und ästhetisch.“[8] Sein Credo lautete:„Volksbedarf statt Luxusbedarf.“

Die neuen Konzepte, die Meyer im Bauhaus durchsetzte, waren wissenschaftlich fundiert und berücksichtigten Einflussfaktoren wie „1. Sexualleben, 2. Schlafgewohnheiten, 3. Haustiere, 4. Gartenarbeit, 5. persönliche Hygiene, 6. Wetterschutz, 7. Hygiene im Haushalt, 8. Wagenpflege, 9. Kochen, 10. Heizung, 11. Ausrichtung gegenüber der Sonne, 12. Dienstleistungen.“ „Wir untersuchen den Alltag eines jeden, der im Haus lebt, und daraus entsteht das Funktionsdiagramm“, schrieb er 1928.[9] Durch soziologische und biologische Vorträge und Kurse prominenter Persönlichkeiten ließ er das Studium ergänzen. Architektur war für ihn vor allem ein logisch-rationaler Prozess. Auch das Ingenieurwesen führte er am Bauhaus ein. Er prägte dafür die Formel „Funktion × Ökonomie“.

Zu den umfangreichen Reformen Meyers gehörte auch die Einführung von Mitarbeitern in den Werkstätten. Diese arbeiteten dort täglich acht Stunden zusammen mit dem Meister. Diese Studenten brauchten kein Schulgeld zu bezahlen und erhielten einen Lohn, mit dem sie ihren Lebensunterhalt finanzieren konnten. Die Studierenden wurden am Umsatz und den Lizenzen für die Werkstücke und Entwürfe beteiligt. Zu den erfolgreichsten Produkten gehörten außer den Möbeln die Bauhaustapeten.

Schule des ADGB in Bernau

1928 entwarf Meyer zusammen mit Bauhausstudenten die Schule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin. Ein Bau, der bis heute als vorbildlich gilt. Meyer selbst charakterisierte ihn so: „Diese Schule darf mit Recht gelockert erscheinen. Die kürzesten Wege des Zusammenkommens sind nicht durch verkürzte Korridore zu schaffen, sondern durch die Gelegenheit zum freundschaftlichen Sich-ergehen. Das Resultat: Nicht konzentrische Häufung von Baumassen, sondern exzentrische Lockerung der Bauteile.“

Diese 1928 entworfene und bis 1930 gebaute Schule war ein Wettbewerbserfolg. Sein Entwurf basierte auf einer präzisen Analyse der landschaftlichen Gegebenheiten und der verschiedenen, beabsichtigten künftigen Funktionen des Gebäudekomplexes. Das Gebäude ist heute Weltkulturerbe der UNESCO.

Politische Radikalisierung und Polarisierung am Bauhaus

Meyers Neuerungen trafen nicht auf allgemeine Zustimmung, sondern trugen zur Verschärfung der bereits existierenden inneren und äußeren Auseinandersetzungen um die Zukunft des Bauhauses bei. Zu dieser Zeit hatte unter den Studierenden eine politische Radikalisierung eingesetzt. Diese fand allerdings statt, als die Kommunistische Partei bereits vollständig unter Kontrolle der stalinistischen Bürokratie in Moskau stand. Meyer selbst war zwar kein Mitglied der KPD, sondern hing weiterhin den Genossenschaftskonzepten an, aber unter den Studierenden gab es 1930 bereits eine Kommunistische Zelle mit 36 Mitgliedern. Dennoch warf man Meyer von Seiten der Dessauer Politik vor, dass er nicht entschieden genug gegen die kommunistischen Umtriebe vorgehe.

In einem Gespräch mit dem liberalen Dessauer Oberbürgermeister Fritz Hesse und einigen anderen Vertretern der Stadt und des Landes Sachsen-Anhalt hatte Meyer angeblich zugegeben, dass er „philosophisch-marxistisch“ sei. Aber zu seiner fristlosen Entlassung kam es erst, nachdem Bauhausstudenten einen von kommunistischen Arbeitern geführten Bergarbeiterstreik in Mansfeld unterstützt hatten. Auch Meyer hatte privat Geld dafür gespendet. Das war für die Nazis und die rechte Presse ein willkommener Anlass, ihre Hetze zu verschärfen: Für so etwas gebe man am Bauhaus das Geld aus.

Hesse legte Meyer daraufhin den Rücktritt nahe, was dieser ablehnte. Die Studentenschaft stellte sich hinter Meyer: „Hannes Meyer! In einer veralteten Welt, einer professoralen Umgebung, waren Sie jung. Wir wollen mit Ihnen jung bleiben“, hieß es in einem Protestschreiben an die anhaltinische Regierung. Die Meister und Bauhauslehrer unterstützen ihn allerdings mehrheitlich nicht.

So wurde Meyer im August 1930 fristlos entlassen. Allerdings schloss man nach einem Schiedsgerichtsspruch einen Vergleich, und Meyer trat von seinem Amt zurück.

In einem Brief an den Dessauer Oberbürgermeister fasst Meyer die bittere Erfahrung seiner Bauhaustätigkeit zusammen: „Was fand ich bei meiner, Berufung vor? Ein Bauhaus, dessen Leistungsfähigkeit von seinem Ruf um das Mehrfache übertroffen wurde und mit dem eine beispiellose Reklame getrieben wurde …. Überall erdrosselte die Kunst das Leben. So entstand meine tragikomische Situation: Als Bauhausleiter bekämpfte ich den Bauhausstil … So wurde ich von hinten abgekillt. Ausgerechnet während der Bauhausferien und fern von den mir nahestehenden Bauhäuslern. Die Bauhaus-Kamarilla jubelt. Die Dessauer Lokalpresse fällt in ein moralisches Delirium. Vom Eiffelturm stößt der Bauhauskondor Gropius herab und pickt in meine direktoriale Leiche, und an der Adria streckt sich W. Kandinsky beruhigt in den Sand: Es ist vollbracht.“[10]

Meyers Rücktritt war der Anfang vom Ende des Bauhauses Ihm folgte Ludwig Mies van der Rohe als dritter Direktor. Viele Neuerungen Meyers wurden wieder rückgängig gemacht. Der Vorkurs wurde abgeschafft und die Werkstattarbeit reduziert. Der neue Fokus in der Architektur lag auf konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit.

Aber auch Mies von der Rohe konnte die Schließung des Bauhauses nicht verhindern, die die Dessauer Stadtversammlung, in der die Nationalsozialisten inzwischen die Mehrheit hatten, am 30. September 1930 beschloss. Er führte es noch für ein weiteres Semester in Berlin-Steglitz als Privatinstitut weiter, bevor er nach vielfachen Fehden mit den Nationalsozialisten am 10. August 1933 in einem Rundschreiben die endgültige Auflösung bekannt gab.

1940, als er in Mexiko im Exil lebte, fiel Meyers Charakterisierung des Bauhauses etwas milder aus. In der Zeitschrift Edificacion bringt er die inneren Widersprüche, unter denen es seiner Auffassung nach litt, auf den Punkt:

„Das Bauhaus war ein ausgesprochenes Kind der deutschen Republik, mit der es das Geburts- und Todesjahr teilte, aber ebenso ausgesprochen war es von Anbeginn ein europäisches, ja internationales Bildungszentrum. 1919 im Wirrsal der Nachkriegszeit von dem Architekten Walter Gropius gegründet zu Weimar, war es in seiner Urform ein typischer Zeuge des damaligen gefühlsbetonten Expressionismus. Denn obwohl es von Anbeginn als ein Ausbildungszentrum für viele Zweige polytechnischer Betätigung bestimmt war, wirkten in seinem Lehrkörper neben zwei Architekten sieben abstrakte Künstler, und darunter Kapazitäten von späterem Weltruf, wie der Amerikaner Lyonel Feininger, der Russe W[ladimir]. Kandinsky, der Deutsche Paul Klee. Der exakte Wissenschaftler fehlte völlig. Unter den Studierenden überwogen Anhänger jeder Art von ‚Lebensreform‘. Lehrer und Studierende wohnten im gemeinsamen Gebäude; man hatte wenig Geld und viel gemeinsame Sorgen. Diese schufen die damals sehr ausgesprochen soziale Einheit des Bauhauses, in der es kaum Standesunterschiede gab. Die gegensätzlichsten Weltanschauungen schlossen unter seinem Dach Brüderschaft als eine Kathedrale des Sozialismus‘.“[11]

Wird fortgesetzt

Anmerkungen

1) Eine Übersicht über die Veranstaltungen findet sich auf bauhaus100.de

2) Ursula Muscheler, Das rote Bauhaus. Einer Geschichte von Hoffnung und Scheitern, Berlin 2016. Muscheler verfolgt nicht nur das Schicksal der Bauhäusler in der UdSSR, sondern aller Vertreter des Neuen Bauen, die damals in der Sowjetunion eine Zukunft suchten.

3) Magdalena Droste, Bauhaus, Hrsg. Bauhausarchiv Berlin, Köln 2002

4) Claude Schnaidt: Hannes Meyer – Bauten, Projekte und Schriften; Stuttgart, 1965

5) Hermann Funke. Wer hat Angst vor Hannes Meyer? Ein verfluchter Architekt, in:Die Zeit, 24. Februar 1967 Die ZEIT Nr. 08/1967

6) Ausführlich dazu: Martin Kieren: Hannes Meyer. Dokumente zur Frühzeit. Architektur und Gestaltungsversuche 1919–1927. Heiden 1990. S. 28.

7) Mart Stam (1928/29 Gastdozent am Bauhaus) hatte das erste funktionstüchtige Modell des berühmten Freischwingers, des Stuhls ohne Hinterbeine, entworfen.

8) Brief von Hannes Meyer an Adolf Behne, zitiert nach Droste:, S. 166

9) Zitiert nach Theo van Leeuwen: Introducing Social Semiotics. London und New York 2005. S. 71 (aus dem Englischen)

10) siehe Hermann Funke. Wer hat Angst vor Hannes Meyer?

11) ebd.

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