100 Jahre Bauhaus: Von Dessau nach Moskau

Teil 3: Opfer des Stalinismus

Von Sybille Fuchs
23. Februar 2019

TEIL 1, TEIL 2, TEIL 3

Die stalinistische Wende zum historischen Bauen wurde für Meyer 1934 am Wettbewerb für den Palast der Sowjets deutlich. Der Palast sollte Teil einer von Stalin propagierten umfassenden baulichen Umstrukturierung Moskaus sein. Die Jury, in der Stalin selbst den Ton angab, lehnte nicht nur den Entwurf Meyers, sondern alle Entwürfe berühmter westlicher Architekten ab, darunter die von Gropuis, Erich Mendelsohn und Le Corbusier.

Den Ersten Preis erhielt Boris Jofan, der in Italien ausgebildet worden war und auch dort gewirkt hatte. Sein monumentaler Entwurf, der 415 Meter hoch werden sollte, war mit vielen Rampen, Säulen und Türmen versehen und sollte an der Spitze von einer monumentalen Leninstatue gekrönt werden. Stalin verlangte jedoch, dass auch eine Statue von ihm daneben platziert wird, was Jofan nicht realisieren konnte. Daher entschied Stalin, dass nur seine eigene göttliche Figur den Turm zieren sollte. Realisiert wurde das Projekt allerdings nie. Bis auf das Fundament und einige Betonstützen wurde nichts gebaut. Zunächst wegen Materialmangel und Problemen, die der sumpfige Moskauer Boden machte, und dann infolge des Zweiten Weltkriegs.

 

Wettbewerb für den Palast der Sowjets: Der Entwurf von Meyer (oben) und der siegreiche Entwurf von Jofan

Meyer und seine Brigadisten arbeiteten noch eine Zeitlang an verschiedenen Projekten. Er selbst blieb Professor an der Hochschule, war aber auch noch als leitender Architekt an Projekten tätig. Aber nur wenig davon wurde verwirklicht. Er entfernte sich weit von seinen früheren wissenschaftlichen Ansprüchen an das Bauen. Er sagte sich los vom Neuen Bauen und „begann sich nun für historische Formen zu erwärmen“[1] Aber auch diese opportunistische Wandlung brachte ihm keinen Erfolg.

So blieb auch ihm letztlich nur die Möglichkeit der Ausreise. In der Schweiz, wo er von Freunden unterstützt ein Kinderheim bauen konnte, fühlte er sich als Russlandfahrer und Kommunist verfolgt. In der Sowjetunion wurde er gleichzeitig als Nichtskönner verleumdet. Dennoch bekannte er sich weiterhin zur stalinistischen „‚nationalen Schwenkung‘, welche die Architektur in der Sowjetunion genommen habe, um sie den nationalen Belangen dienstbar zu machen“, wie er beschönigend an seine Bekannte Karola Bloch schrieb.[2]

In einem Brief an seine sowjetischen Kollegen schob er seinen als „dekadent funktionalistisch“ abgelehnten Entwurf für den Sowjetpalast seinen Mitarbeitern Antonin Urban, Philipp Tolziner und Tibor Weiner in die Schuhe, die ihn angeblich ohne seinen Willen erarbeitet und eingereicht hätten. Dass dies für Urban und Tolziner, die noch in der UdSSR waren, höchste Gefahr bedeutete, nahm er offensichtlich in Kauf.

Gerade noch rechtzeitig reiste Brigademitglied Konrad Püschel 1937 ab. „Ausländer wurden nun systematisch vom Leben ausgegrenzt … Einst von der Sowjetunion als willkommene Aufbauhelfer und Freunde begrüßt, wurden er und seinesgleichen nun vom stalinistischen Machtsystem auf großen Transparenten als Faschisten und Feinde bedroht, die man aus dem Heimatland der Arbeiterklasse hinauswerfen müsse, während ihnen in der Heimat Verhöre und möglicherweise Strafe und Haft drohten.“[3]

Im August 1937 konnten auch Margarete Schütte-Lihotzky und ihr Mann die Sowjetunion verlassen. Sie reisten über Odessa und Istanbul nach Paris, wo sie immer nur kurzfristig Arbeit fanden. Schließlich versuchten sie es vergeblich in London, bis sie ebenfalls nicht sehr erfolgreich in der Türkei landeten.

Der Ungar Tibor Weiner konnte zwar rechtzeitig ausreisen, aber ebenfalls nicht zurück in seine Heimat, in der inzwischen der Diktator Miklós Horty mit Hitler und Mussolini paktierte. Weiner ließ sich vorübergehend in Chile nieder, bis er 1949 nach Ungarn zurückkehren konnte. Er war trotz seines grundsätzlichen Festhaltens am Neuen Bauen in der Lage, sich an die jeweiligen Richtungen der bürokratischen Machthaber anzupassen und blieb ein anerkannter Architekt mit wichtigen Aufträgen, wie dem Bau der neuen „sozialistischen“ Stadt Dunaújváros, in der er selbst bis zu seinem Tod 1965 lebte.

Bauhäusler im Fokus der Säuberungen

Muscheler beschreibt das traurige Schicksal der einzelnen Mitglieder der Stoßbrigade Rotfront, denen es nicht mehr gelang, die Sowjetunion rechtzeitig zu verlassen. „1938 wurde Bela Scheffler in Swerdlowsk verhaftet, Im Mai 1939 wundersamerweise wieder freigelassen, im Herbst 1041 erneut abgeholt, als Spion angeklagt und erschossen. Im Februar 1938 wurde Margarete Mengel, 32 Jahre alt, verhaftet und ein halbes Jahr später erschossen. Mengels und Meyers gemeinsamer Sohn Johannes, der inzwischen 11 Jahre alt war, kam unter dem Namen Iwan Iwanowitsch in ein Heim für kriminelle Jugendliche. Von jeder Schulbildung ausgeschlossen, wurde er bereits mit 15 Jahren als Grubenarbeiter unter Tage eingesetzt. Johannes Mengel erfuhr erst 1993 vom gewaltsamen Tod seiner Mutter und kehrte ein Jahr später als Spätaussiedler nach Deutschland zurück.“[4] Ebd. S. 118f

Antonin Urban wurde ebenfalls 1938 verhaftet, gefoltert und an einem unbekannten Ort erschossen. Unter der Folter verriet er Kollegen als „Mitspione“. Es gelang ihm, einem Mitgefangenen einen Zettel zuzustecken, auf dem er sich dafür entschuldigte. Seine russische Frau wurde mit ihrer Tochter nach Osten deportiert.

Philipp Tolziner, der seit 1931 in der Sowjetunion lebte, wurde im Februar 1938 verhaftet, in die Lubjanka gebracht und verhört. Ihm wurde nicht klar, weshalb man ihn verdächtigte. Unter der Folter, halb totgeschlagen, hielt er es für besser zu gestehen, er habe Spionagematerial gesammelt und an Kollegen gegeben, die er sicher im Ausland wusste.

Ein späterer Widerruf nützte ihm nichts. Er wurde ohne Gerichtsverhandlung wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt und ins Gulag USOLag nach Sibirien gebracht, wo er wie viele Mithäftlinge beinahe erfroren wäre. Später schaffte er es, sich für die Lagerleitung durch eine Fähigkeiten und seinen Erfindungsreichtum als Architekt unentbehrlich zu machen. Er blieb nach seiner Entlassung zunächst in Sibirien. Er widmete sich der Denkmalpflege und kam erst als Pensionär nach Moskau zurück, wo er 1996 90-jährig starb.

Konrad Püschel, der nach seiner Ausreise aus der Sowjetunion in Thüringen im Büro eines ehemaligen Bauhäuslers unterkam, der inzwischen Mitglied der NSDAP war, ereilte noch einmal sein Schicksal. Er wurde im Januar 1945 von der Roten Armee verhaftet und wegen seiner Russischkenntnisse für einen faschistischen Spion gehalten, von einem Militärgericht verurteilt, in ein Strafbataillon gesteckt, schließlich als Kriegsgefangener in das Lager Zichinow, später in das in Wilna und dann nach Weißrussland gebracht, wo er im Straßenbau eingesetzt wurde. Dort blieb er bis Ende 1947, bevor er abgemagert zu seiner Familie zurückkehren konnte. In der DDR konnte er schließlich als Professor an der Hochschule für Baukunst und bildende Künste in Weimar seine berufliche Karriere beschließen.

Mitglieder von Meyers Brigade in Moskau: (v.l.) Natja Catalan, Tibor Weiner, Philipp Tolziner, Konrad Püschel, Margarete Mengel, Lilya Polgar und Anton Urban

Meyer selbst ging nach vergeblichen Versuchen, ein Exilland und neue Aufgaben zu finden, nach Mexiko. Aber auch dort gelang es ihm kaum, beruflich Fuß zu fassen. 1943 veröffentlichte er in Mexiko ein Schwarzbuch über den Naziterror in Europa (El libro negro del terror nazi en europa). Er trat der Kommunistischen Partei Mexikos bei und blieb dem Stalinismus treu.

Ende 1949 ging er nach Zerwürfnissen mit den mexikanischen Behörden zurück in seine Schweizer Heimat und widmete sich bis zu seinem Tod im Jahre 1954 vor allem der Herausgabe architekturwissenschaftlicher Literatur. In die Schweiz zurückgekehrt, lebte er mit seiner Familien ziemlich kümmerlich von Spenden, die ihm Parteimitglieder aus der Schweiz und Italien verschafften.

Obwohl sich nach dem Krieg die Prinzipien des Neuen Bauens, für die Meyer gekämpft hatte, allenthalben in Europa durchsetzten, konnte er nirgends einen Auftrag erhalten. Andere ehemalige Bauhäusler, die sich im Dritten Reich angepasst und zum Teil Nazis geworden waren, wurden problemlos als Dozenten an die Weimarer Hochschule berufen. Meyer dagegen bemühte sich jahrelang vergeblich um einen Posten in der DDR. Sowohl die Stalinisten als auch die gewendeten ehemaligen Nazis wollten nichts von ihm wissen.

Mart Stam musste sich, 1935 rechtzeitig nach Holland zurückgekehrt, mühsam als angestellter Architekt durchschlagen. Er blieb weiterhin Mitglied der Kommunistischen Partei, wurde 1948 an die Akademie der bildenden Kunst nach Dresden berufen, wo er erneut mit den Vertretern der stalinistischen Architekturdoktrin aneinandergeriet. 1953 verließ er die DDR wieder.

Meyer selbst wurde in der frühen DDR totgeschwiegen. Das änderte sich erst in den 1970er Jahren, als die DDR-Machteliten es opportun fanden, ihr Image mit dem Ruhm des Bauhauses aufzupolieren.

Die tragische politische Geschichte des „roten Bauhauses“, seiner Lehrer und Schüler und ihr tragisches Scheitern, in der Sowjetunion ihre Ideen vom Bauen für eine neue Gesellschaft umzusetzen, illustrierten die konterrevolutionäre Rolle der stalinistischen Bürokratie. Sie war keine Variante des Sozialismus, sondern Ausdruck der einsetzenden Konterrevolution, die jegliche fortschrittliche Perspektive und Kreativität erstickte.

Ende

Anmerkungen

1) Ursula Muscheler, Das rote Bauhaus. Einer Geschichte von Hoffnung und Scheitern, Berlin 2016, S. 62

2) Ebd. S. 114

3) Ebd. S. 106, 107

4) Ebd. S. 118f