Bruno Ganz, ein Nachruf

Von Sybille Fuchs
25. Februar 2019
Bruno Ganz 2011 (cc Louis der Colli)

Am 16. Februar 2019, starb im Alter von fast 78 Jahren in seinem Haus am Züricher See der Schauspieler Bruno Ganz an einer Krebserkrankung. Er gehörte zu den wichtigsten Persönlichkeiten der deutschsprachigen Theater- und Filmwelt. Mit Trauer und Erschütterung reagierten alle, die in seiner langen Laufbahn mit ihm zusammenarbeiten konnten, auf die Nachricht vom Tod dieses beliebten und hochgeachteten Kollegen.

Es ist tröstlich, dass Friedrich Schillers Wort aus dem Vorspiel zum Wallenstein vom Mimen, dem „die Nachwelt keine Kränze“ flicht, für unsere Zeit nicht mehr so ganz gilt, denn Bruno Ganz hat uns seine Kunst in zahlreichen Filmen hinterlassen.

Wenn jetzt in den Mediennachrufen seine Schauspielkunst vor allem mit seinen beiden Rollen als Engel (in Wim Wenders Der Himmel über Berlin) und als quasi-Teufel Hitler (in Oliver Hirschbiegels Der Untergang) abgehandelt wird, so wird dies Bruno Ganz bei Weitem nicht gerecht. Die ganze Bandbreite seiner Kunst entfaltete sich zwischen diesen beiden Extremen. Gerade in den Zwischentönen, die er so vollkommen beherrschte, schienen die unterschiedlichen Menschen, die er verkörperte, so authentisch.

Jede seiner Rollen erarbeitete er sich mit ungeheurer Intensität, Eindringlichkeit und unverwechselbarer Individualität. Wie Die deutsche Bühne in ihrem Nachruf schreibt: „Alles konnte er im Ich fixieren; fein und filigran ging er dabei vor, sanft und sensibel – mit dieser nun wirklich unvergleichlichen Stimme, die in der ersten gesprochenen Silbe kenntlich war.“

Ganz begann seine Karriere am Theater und spielte an allen großen Bühnen unter vielen bedeutenden Regisseuren wie Peter Löffler, Peter Zadek, Peter Stein, Claus Peymann und zahlreichen anderen. Er erhielt Rollen in auch international viel beachteten Filmen von Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Werner Herzog, Lars von Trier und Eric Rohmer.

Auch wenn Hollywood seit einigen Jahren auf ihn aufmerksam wurde, war er jedoch nie eine Hollywoodgröße. Er war alles andere als ein Star, er spielte sich nie in den Vordergrund. Auch hat er nie einen Oskar erhalten, aber was es sonst an Auszeichnungen und Preisen im Bereich der darstellenden Kunst gibt, ist ihm fast vollständig mit vollem Recht verliehen worden. Er war in der Lage, die unterschiedlichsten Rollen auszufüllen, weil er viel über sich, über das Thema des Stücks oder des Films und die reale Welt nachdachte.

Seit 1988 war er Träger des Ifflandrings, eine Auszeichnung, die der jeweilige Träger dem seiner Meinung nach "jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters" auf Lebenszeit vermacht.[1]

Bruno Ganz, geboren am 22. März 1941, wuchs in Seebach, einem Vorort von Zürich auf. Sein Vater war Fabrikarbeiter, seine italienische Mutter war zu Fuß über die Alpen nach Zürich gekommen, um dort als Hausangestellte zu arbeiten. Das unspektakuläre Seebach, wo er seine Jugend verbrachte, war für ihn, wie er betonte, seine Heimat, nicht das Zürich der Banken.

Schon als Kind und Jugendlicher war er fasziniert vom Theater. Ein Bekannter, der als Beleuchter am Schauspielhaus arbeitete, nahm ihn oft dahin mit. Er konnte aus der Kulisse heraus berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen bewundern, von denen viele in der Nazizeit aus Deutschland geflohen waren, darunter Therese Giehse, mit der er selbst später in dem Stück Die Mutter von Brecht nach dem Roman von Maxim Gorki an der Berliner Schaubühne spielen sollte.

Das Gymnasium brach er kurz vor dem Abitur ab, um, sehr zum Entsetzen seiner Eltern, keinen Handwerksberuf zu ergreifen, sondern Schauspieler zu werden. Er begann eine Schauspielausbildung, die er jedoch nicht abschloss. Nebenbei jobbte er als Buchverkäufer und leistete seinen verhassten Wehrdienst als Sanitäter ab.

Der Anfang seiner Karriere fiel in die Aufbruchsstimmung der 1960er Jahre. Am Schauspielhaus in Zürich fing seine Bühnenlaufbahn an. Dort brodelte es, wie in dieser Zeit fast überall. Als der Dramaturg und Regisseur Peter Löffler und die von ihm ins altehrwürdige Haus geholten jungen Theaterleute ins Fadenkreuz der konservativen Kritik gerieten und der Dramaturg Klaus Völker wegen seiner linken Einstellung fristlos entlassen wurde, kündigten sie alle, unter ihnen Bruno Ganz, aus Solidarität.

Er ging zunächst zum Jungen Theater nach Göttingen, einer Studentenbühne, wo er, wie er selbst erzählte, richtig deutsch lernte. In einem Videointerview von 2004 über die bis dahin wichtigsten künstlerischen Stationen seines Lebens auf Arte berichtet er von den heftigen Debatten, die die jungen linken Schauspieler mit den rechten Göttinger Juristen und Korpsstudenten damals führten.

Seine nächste Station war Bremen. Dort lernte er den jungen Regisseur Peter Stein kennen, der explizit linkes Theater machen wollte. Dieser hatte nach der Inszenierung des Stücks Viet Nam Diskurs von Peter Weiss an den Münchner Kammerspielen Hausverbot erhalten, weil er nach der Aufführung für die vietnamesische Befreiungsfront sammeln wollte. Zusammen mit Stein ging Ganz an die Berliner Schaubühne (damals am Halleschen Ufer, ab 1981 am Lehniner Platz), die in der Zeit um 1968 zum Brennpunkt der linken Bühnenbewegung wurde. Dort spielte er viele große Rollen, wie Henrik Ibsens Peer Gynt oder Heinrich von Kleists Prinz von Homburg. Die Schaubühne wurde schon bald zum Hassobjekt der Berliner Christdemokraten, die ihr die Subventionen streichen wollten, weil sie eine „Kommunistische Zelle“ sei, an der statt Kunst „primitiver Agitationsunterricht“ getrieben werde.

Peter Stein holte Ganz auch für seine Aufführung von Goethes Faust, ein Projekt zur Expo 2000 in Hannover, bei dem der erste und der zweite Teil des Dramas vollkommen ungekürzt insgesamt 22 Stunden lang an zwei Abenden gespielt werden sollte. Allerdings verletzte sich Ganz bei einer Probe so schwer, dass er bei der Premiere ersetzt werden musste. Später und in der Fernsehaufzeichnung konnte er die Mammut-Rolle wieder übernehmen. Obwohl er selbst damit nicht ganz glücklich war, spielte er sie doch mit ungeheurer Energie und unter Einsatz der ganzen Bandbreite seiner Kunst.

Ein anderer Regisseur der Schaubühne, mit dem er sehr gern zusammenarbeitete, war Klaus Michael Grüber, der eher die poetische Seite des Theaters betonte.

Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde Ganz zu einem der wichtigsten Schauspieler des Jungen deutschen Films. Zu seinen ersten Rollen gehörten der Graf in der Verfilmung der Novelle von Kleist Die Marquise von O. (1976) und den Jakov Shalimov in Peter Steins Verfilmung des Romans Sommergäste von Gorki. Unter der Regie von Wim Wenders übernahm er 1977 die Hauptrolle in Der amerikanische Freund und drehte er 1987 Der Himmel über Berlin. Später spielte er in Werner Herzogs Nosferatu (1978) und Volker Schlöndorffs Die Fälschung (1981) mit Hanna Schygulla. Zu den nach seinen eigenen Worten interessantesten Arbeiten gehörte die Rolle in Messer im Kopf (1978, Regier Reinhard Hauff), in der einen Kopfverletzten spielt, der nicht nur sein Gedächtnis verloren hat, sondern auch einen erheblichen Teil seiner motorischen Fähigkeiten und seine Sprache.

Seine besondere Stärke lag in der Darstellung sensibler, nachdenklicher Intellektueller oder Aussteiger, die einen kritischen Blick auf die Gesellschaft hatten. Aber er war in der Lage, auch ganz andere Rollen zu spielen.

Weltberühmt wurde seine Darstellung von Adolf Hitler in Der Untergang(2004). Es war, seinen eigenen Worten nach, eine seiner größten Herausforderungen. Er hatte lange gezögert, diese „außerordentlich komplizierte“ Aufgabe zu unternehmen. Dann eignete er sich die Sprechweise und die Gestik des Diktators in einer Weise an, die den Zuschauern die Gänsehaut über den Rücken laufen ließ.

In Der Baader Meinhof Komplex über die Rote Armee Fraktion (Regie: Uli Edel, 2008) spielte Bruno Ganz den Präsidenten des Bundeskriminalamts Horst Herold. Im gleichen Jahr verkörperte er unter der Regie von Rainer Kaufmann zusammen mit Monika Bleibtreu in Ein starker Abgang einen scheinbar hypochondrischen Schriftsteller auf seiner letzten Lesereise, bei dem dann Darmkrebs diagnostiziert wird. Diesen Film sendete das ZDF am Tag nach seinem Tod.

Zu seinen letzten Filmen gehörte Der Trafikant (2018), in dem er den Psychoanalytiker Sigmund Freud spielt. Ein Jahr zuvor war er der Urgroßvater Wilhelm Powileit in der Verfilmung des Romans von Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts. Insgesamt spielte Ganz in über 100 Filmen.

Ganz liebte auch die klassische Musik. ARTE zeigte zum Gedenken an den großen Schauspieler die Aufnahme von Beethovens Musik zu Goethes Egmont beim Lucerne Festival 2012 unter der Leitung von Dirigent Claudio Abbado. Bruno Ganz rezitiert darin aus Goethes Trauerspiel.

Im Sommer 2018 sollte er bei den Salzburger Festspielen den Erzähler in der Mozart-Oper Die Zauberflöte spielen. Die Proben musste er auf dringenden ärztlichen Rat abbrechen, weil bei ihm Darmkrebs festgestellt wurde, der zu seinem Tod führte.

1) Der Ring ist benannt nach dem Theaterintendanten und Schauspieler August Wilhelm Iffland (1759 – 1814), dessen Porträt der diamantbesetzte Eisenring zeigt. Er war ein Jahrgangsgefährte Schillers und spielte in der Mannheimer Uraufführung von dessen Drama „Die Räuber“ den Franz Moor. Bruno Ganz wurde der Iffland-Ring 1996 von Josef Meinrad testamentarisch zugesprochen. Wer ihn nach ihm erhalten wird, ist noch ungewiss, da der von Ganz gewählte Nachfolger Gert Voss bereits vor ihm gestorben ist.