Zum rassistischen Aufschrei über „Green Book“

Von Hiram Lee und Andre Damon
28. Februar 2019

Die Entscheidung der Motion Picture Academy vom 22. Februar, den Oskar für den besten Film an „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ zu vergeben, erfuhr eine wütende Gegenreaktion großer Teile des politischen Establishments sowie von Akademikern und Kulturkritikern.

Die New York Times, Los Angeles Times, Washington Post, ABC und NBC erklärten allesamt, dass die Academy einen unverzeihlichen Fehler begangen habe, diesen Film für ihre höchste Auszeichnung auszuwählen, da die an ihm beteiligten Personen „rückwärtsgerichtete“ Ansichten zu Hautfarbe und Rassenidentität verträten. Ähnlich argumentierten deutschsprachige Medien wie Spiegel Online, die Süddeutsche Zeitung oder die taz.

Das zentrale Verbrechen dieses Filmes, erklärten die Kritiker, sei die in ihm vertretene Ansicht, dass Rassenvorurteile ein soziales Problem seien und mittels Bildung, Vernunft und Empathie gelöst werden könnten, sowie die Überzeugung, dass Rassenhass keineswegs ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Verfassung sei.

Dieser Reflex gegen „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ ist wesentlich rechtsgerichtet. Er kommt aus Teilen der Mittelklasse, die die Propagierung des Rassen-Narrativs und der Rassen-Animosität als lebensnotwendig für ihre sozialen Interessen erachtet, sowie von der Demokratischen Partei, die die Einheit der Arbeiterklasse als existenzielle politische Bedrohung wahrnimmt.

Viggo Mortensen und Mahershala Ali in „Green Book“

In dem Film heuert der angesehene Klassik- und Jazzpianist Don Shirley (Mahershala Ali) einen italienisch-amerikanischen Mann aus der Arbeiterklasse, Tony Vallelonga (Viggo Mortensen), als seinen Fahrer und Bodyguard für eine musikalische Tournee in den Südstaaten der USA an. Shirley, ein Pianist mit klassischer Ausbildung, betrachtet die Rundreise als einen Schlag gegen die Rassentrennung. Er erduldet zahllose Beleidigungen, Kränkungen und Belästigungen durch die Polizei und sagt schließlich seinen letzten Auftritt ab, weil ihm nicht erlaubt wird, im selben Restaurant zu speisen wie seine Zuhörer.

Während der Tournee entwickelt Vallelonga nicht allein großen Respekt für Shirley („Er ist praktisch ein Genie”), sondern ebenso eine enge Freundschaft mit dem Musiker. Der „Doc“ führt den voreingenommenen ehemaligen Mülltransportfahrer in die klassische Musik und den Jazz ein. Shirley bringt Vallelonga bei, sich in Briefen so auszudrücken, dass er das Herz seiner Frau zum Schmelzen bringt. Nachdem Vallelonga einen Polizeibeamten schlug, der ihn übel als „Nigger-Freund“ und „Spaghettifresser“ beschimpft hatte, erklärt ihm Shirley, dass im Kampf gegen Unterdrückung Würde und Beherrschung notwendig seien.

Shirley ist allerdings zutiefst vereinsamt und depressiv. Er glaubt, er gehöre nirgends hin. „Ich werde von meinen eigenen Leuten nicht akzeptiert… ich bin nicht schwarz genug, ich bin nicht weiß genug, ich bin nicht Mann genug!“ Infolge der Freundschaft mit Vallelonga durchbricht Shirley viele persönliche Barrieren, die er um sich selbst errichtet hat. Er begrüßt nicht bloß die Erfahrung der „Arbeiterklasse“, sondern, nicht ohne Ironie, auch die „schwarze Erfahrung“.

„Die ganze Geschichte dreht sich um Liebe“, sagte Regisseur Peter Farrelly. „Es geht um das Einander-Lieben trotz unserer Unterschiede sowie um das Herausfinden der Wahrheit, wer wir sind. Wir sind alle Menschen.“

„Green Book“ erreicht sein Ziel, weil er seine Protagonisten als Individuen zeichnet, nicht als rassengebundene Stereotypen. Shirley ist ein hochgebildeter künstlerischer Geist, der als Neunjähriger eine Einladung erhielt, am Leningrader Konservatorium zu studieren. Vallelonga ist kein „weißer Mann“, sondern einfach ein Mann – ein zwar ungebildeter, aber gutherziger Mensch.

Dies ist ein wirklich bemerkenswerter Film mit einer zu Herzen gehenden, erhabenen Komik, die an Charlie Chaplin erinnert. Er ist „populär“ im besten Sinne, da er ohne Anmaßung hohe soziale und politische Ideale auf eine Art und Weise anspricht, die einem Massenpublikum zugänglich sind und reizvoll erscheinen.

Die Presse jedoch behandelt es praktisch als kriminellen Akt, den Film herzlich aufzunehmen.

Die Los Angeles Times erklärt den Film für „aufdringlich und auf beleidigende Art oberflächlich, ein blasierter Schwachsinn in Gestalt eines Ölbaumzweigs“. Erstaunlicherweise verurteilt der Kritiker den Film, weil er „ein ausgeleiertes Ideal von Rassenversöhnung“ verbreite.

Weiter behauptet er: „[Der Film] reduziert die lange, barbarische und noch anhaltende Geschichte des amerikanischen Rassismus auf ein Problem, eine Formel, eine dramatische Gleichung, die angeblich neutralisiert und aufgelöst werden könne.“ Mit anderen Worten, Rassismus ist ein absolutes Problem, das niemals gelöst werden kann.

Brooks Barnes nennt den Film in der New York Times „süßlich rückwärtsgewandt und beinahe frömmlerisch“.

Barnes stellt „Green Book“ den von ihm bejubelten Kassenschlager „Black Panther“ gegenüber, einen Superheldenfilm, der einen fiktionalen afrikanisch-ethnischen Staat namens Wakanda glorifiziert.

Black Panther

Wie alles, was die Marvel Studios anfassen, ist „Black Panther“ reiner Schund, ungeachtet der Ethnizität seiner Besetzung und seines Personals. Er hat unübersehbare faschistische Untertöne, über die die Washington Post bemerkte: „Weiße Nationalisten haben ‚Black Panther‘, den Kassenerfolg von Marvel Comics, begrüßt, um im Internet ihr Argument aggressiv zu verbreiten, dass die Nationalstaaten aus ethnischen Gruppen bestehen sollten.“

„Green Book“ wurde auch mit Spike Lees Film „BlacKkKlansman“ verglichen, einem Spielfilm über einen Polizisten, der festen rassischen Stereotypen folgt. Ebenso wie „Black Panther“, spiegeln Lees Ansichten im Wesentlichen diejenigen rechtsextremer Rassisten wider. Der ehemalige Klu-Klux-Klan-Führer David Duke betonte laut „BlacKkKlansman“-Darsteller John David Washington: „Ich habe Spike Lee immer respektiert.”

Es wäre verfrüht, die sozialen Kräfte erklären zu wollen, welche die Academy dazu gebracht haben, die rassistische Kampagne gegen „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ zurückzuweisen. Diese Kampagne glimmt unter der Oberfläche schon seit Langem. Einen Hinweis könnten mehrere Interviews geben, die die Times mit Jury-Mitgliedern geführt hat. „Ein Stimmberechtigter, ein Studiomanager in seinen Fünfzigern, gab zu, dass seine Unterstützung für ‚Green Book‘ in Wut verwurzelt war [mit ‚Wut‘ meint die Times Nichtübereinstimmung mit ihren Ansichten]. Er sagte, er habe die Nase voll davon, sich sagen zu lassen, welche Filme man zu mögen habe, und welche nicht.“

In Anspielung auf „Black Panther“ verglich „ein anderes griesgrämiges älteres Jury-Mitglied solche Superheldenfilme mit dem ‚säuerlichen Zeug, das aus den Müllcontainern hinter Schnellrestaurants ausläuft‘.“

Aber gemäß der Times sind solche Ansichten – dass Filme nicht auf rassischer Grundlage ausgewählt werden dürfen – klare Anzeichen dafür, dass die Academy einer Umerziehung bedarf. Ein Medien-Professor, „der auf Popkultur und Rasse spezialisiert ist“, sagte dazu der Zeitung: „Wir können Anzeichen eines Wandels wahrnehmen, aber es hat keine wirkliche Veränderung gegeben.“

Was ist das für eine „Veränderung“ der Academy, die die Times sehen möchte?

Sie würde vor allen Dingen bedeuten, dass eine Film-Preisverleihung erfordert, einen rassegebundenen Essentialismus, bestimmte Stereotypen und politische Reaktion vorauszusetzen und den ganzen künstlerischen Schrott, der daraus folgt, zu akzeptieren. Auszuschließen wären dagegen Filme, die humane Beziehung zwischen Menschen verschiedener Hautfarben zum Inhalt hätten.

Eine solche „Veränderung“ würde bedeuten, dass für Filme ein „Rassentest“ eingeführt würde, wobei die Preise nicht mehr auf der Grundlage von Qualität vergeben, sondern nach der Hautfarbe der Menschen, die sie produzieren, beurteilt würden.

Wohin führt das? Warum nicht gleich zwei verschiedene Akademien und Preise einführen: einen für den besten „schwarzen“ Film und einen für den besten „weißen“ Film? Und weshalb sollte man bei den Filmen Halt machen? Warum nicht gleich Schulen und Gymnasien trennen? Warum nicht Trinkbrunnen trennen?

Die Krankheit des Rassismus befällt erhebliche Teile der gehobenen Mittelklasse und maßgebenden Flügel des politischen Establishments, der Akademiker und Kulturkritiker. Die oberen zehn Prozent der Gesellschaft, vom Neid auf den unermesslichen Reichtum zerfressen, den die Finanzoligarchie aufhäuft, aber zugleich voller Furcht gegenüber den Massen, sehen in der Rassen- und Identitätspolitik einen Weg, ihre sozialen Interessen wahrzunehmen. Dabei verteidigen sich nicht allein gegen diejenigen über ihnen, sondern – und dies ist viel wichtiger – auch gegen diejenigen, die unter ihnen stehen.

Diese rassistische Politikwahrnehmung hat heute schon einen großen Einfluss. Die Demokratische Partei hat sie zur zentralen Wahlstrategie gemacht. Sie fürchtet nichts mehr als eine Situation, in der sich Arbeiter verschiedener Nationalitäten im gemeinsamen Kampf zusammenschließen.