69. Berlinale: Israelische Filme, „Mr. Jones“ und „Marighella“

Von Stefan Steinberg
9. März 2019

Dies ist der vierte Artikel unserer Serie zur jüngsten Berlinale, die vom 7. bis 17. Februar 2019 stattfand. Der erste Teil wurde am 16. Februar, der zweite am 19. Februar und der dritte am 8. März gepostet.

Israelische Filme

Im Januar 2019 griff die Regierung Israels direkt in die Angelegenheiten der Berliner Filmfestspiele ein. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schickte einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in dem er forderte, dass Deutschland die Finanzierung der Berlinale einstellen solle.

Netanjahu behauptete, dass die Festivalleitung „antiisraelische Aktivitäten“ unterstütze. In dieser Weise hatte er zuvor auch schon das bekannte jüdische Museum in Berlin beschuldigt. Berlinale-Direktor Dieter Kosslick antwortete darauf: „Die Berlinale zeigt Filme, die er [Netanjahu] nicht mag. Er macht Sachen, die wir nicht mögen.“

Zwei israelische Filme zeigen auf der diesjährigen Berlinale die wachsende Bereitschaft israelischer Filmemacher, sich mit dem Gift des Nationalismus, das sich unter dem israelischen Regime ausbreitet, auseinanderzusetzen.

Synonyms

Der israelische Film „Synonyme“ wurde von der Festivaljury mit dem Hauptpreis, dem Goldenen Bären, ausgezeichnet. Der Film basiert auf den Erfahrungen seines Regisseurs Nadav Lapid, der an der Universität Tel Aviv Philosophie studiert hatte und nach seinem Militärdienst in der israelischen Armee nach Paris gezogen war.

Die Hauptfigur in „Synonyme“, Yoav (Tom Mercier), hat einen ähnlichen Weg eingeschlagen. Nach seiner traumatischen Erfahrung in der Armee und in der israelischen Gesellschaft ist Yoav entschlossen, alles hinter sich zu lassen, und er zieht nach Paris. In der Eröffnungsszene kommt er mit einer kleinen Tasche und der Kleidung, die er am Leibe trägt, in einer leeren Wohnung in Paris an. Während er ein Bad nimmt, werden seine Kleider und Habseligkeiten gestohlen. Er befindet sich nackt in einer fremden Wohnung und einem fremden Land, muss also ganz von vorne anfangen.

Yoav landet sanft. Ein reiches junges Paar (Emile und Caroline) nimmt ihn in einer benachbarten Wohnung auf. Das französische Paar versorgt ihn mit Kleidung und Essen und unterstützt ihn bei der Suche nach einer neuen Identität. Yoav schwört, nie mehr Hebräisch zu sprechen. In einer Szene zu Beginn des Films spult er alle französischen Verben herunter, die ihm einfallen, um seine Abscheu und seinen Hass auf die israelische Gesellschaft zu beschreiben. Emile ist skeptisch und kommentiert: „Kein Land kann all das gleichzeitig sein.“

Yoav mietet sich eine kleine Wohnung und isst jeden Tag für weniger als zwei Euro dieselbe Pasta. Bei seinen Versuchen, Arbeit zu finden, nimmt er vorübergehend eine Stelle in der israelischen Botschaft an. Dort ärgert er sich über die Bürokratie, die nur darauf abzielt, Migranten am Erlangen der israelischen Staatsbürgerschaft zu hindern. Yoav öffnet die Tore zur Botschaft und verkündet, es gebe „keine Grenze“. Allerdings fehlt dem Film eine zusammenhängende Handlung. Er besteht aus aneinandergereihten Szenen, die sich vage um Yoavs Bemühen drehen, eine neue Identität zu finden.

Zum Beispiel bringt Yoav einen seiner nationalistischen Arbeitskollegen aus der Botschaft mit einem typischen israelischen Hardliner in Kontakt. Dieser stellt mit Vorliebe sein Judentum zur Schau, um Kämpfe mit französischen Neonazis zu provozieren. Eine andere Szene zeigt Yoav, der seinen Job wieder verloren hat, als männliches Aktmodell bei einem Fotografen. Als dieser obszöne Forderungen an ihn stellt, reagiert er mit einem Wutausbruch. Zum zweiten Mal konfrontiert uns der Film mit dem nackten Yoav. Regisseur Lapid ist es offensichtlich daran gelegen, auf diese Weise das israelische und das westliche Ideal männlicher Sexualität zu hinterfragen. Solche Szenen wirken stark anarchisch und provokativ, doch sie beeinträchtigen das zentrale Anliegen des Films.

In „Synonyme“ geht es darum, den Nationalismus, der die israelische Gesellschaft durchdringt, bloßzustellen und gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass andere Nationalismen nicht besser sind. Aber die „verspielte“ Note des Films und sein oftmals humoristisches Aufgreifen von Identitätsproblemen führen ihn weit von den wirklichen Problemen weg, mit denen sich Millionen Flüchtlinge zurzeit herumschlagen müssen. Diese können nicht darauf hoffen, von reichen Nachbarn gerettet zu werden.

The Operative

Ein zweiter israelischer Film, der einen kritischen Blick auf die israelische Gesellschaft wirft, ist „The Operative“ des israelischen Regisseurs Yuval Adler. Der Film hat die Form eines Spionage-Thrillers. Der israelische Geheimdienst Mossad rekrutiert eine etwas wurzellose Frau, Rachel (Diane Kruger), um für ihn im Iran zu arbeiten. Am Anfang konzentriert sich der Film auf Spionagetätigkeit, d.h. er zeigt Rachels Verbindungsmann Thomas (Martin Freeman) bei der Rekrutierung, Ausbildung und Führung der Agentin.

Darauf hat sich Rachel bei Routineaufgaben in Teheran bewährt und wird im Zentrum einer israelischen Operation platziert, bei der es darum geht, der iranischen Atomindustrie gefälschte Bauteile zu liefern. Später wird die israelische Kampagne zur Unterminierung des iranischen Atomprogramms noch durch die Ermordung führender iranischer Nuklearwissenschaftler verstärkt. Bei diesen tödlichen Bombenanschlägen werden auch Frauen und Kinder getötet. Diese letzte Wende ist für Rachel zu viel, und sie wendet sich, von ihrem Gewissen geplagt, gegen ihre Spionage-Auftraggeber. Damit wird sie aber selbst zu deren nächstem Zielobjekt.

Das Drehbuch für den Film basiert auf dem Buch „The English Teacher“ von Yiftach Reicher Atir, einem ehemaligen Militärgeheimdienstoffizier der israelischen Streitkräfte. In der Einleitung zu seinem Buch schreibt Atir: „Das Buch, das Sie in den Händen halten, ist die wahre Geschichte von etwas, das nie passiert ist.“ Tatsächlich ähneln die im Film dargestellten Ereignisse der mörderischen israelischen Offensive gegen den Iran.

Die Darstellung des Mossad als äußerst rücksichtslosem Geheimdienst, der bereit ist, für den israelischen Staat alles Mögliche zu tun, war auch Gegenstand der jüngsten BBC-Fernsehserie „The Little Drummer Girl“ (Die Libelle), einer Neuverfilmung des Romans von John Le Carré.

Mr. Jones

Mr. Jones

Der Film „Mr. Jones“ der polnischen Regisseurin Agnieszka Holland ist in erster Linie ein Propagandawerk, das Feindseligkeit gegen Russland schüren soll. Das Thema des Films ist die große Hungersnot in der Ukraine in den 1930er Jahren, die auf die katastrophale Zwangskollektivierung der stalinistischen Bürokratie in Moskau folgte. Der Titelheld, Mr. Jones, ist der walisische Journalist, der als erster Westler das Ausmaß dieser Tragödie in der Ukraine aufdeckte.

Die große Hungersnot in der Ukraine wurde in den letzten Jahren wiederholt durch ukrainische Nationalisten, das US-Außenministerium und führende Mitglieder der Demokraten als Form eines vorsätzlichen Völkermords hingestellt und mit dem Massenmord der Nazis an den Juden gleichgesetzt. Dieser Vorwurf an Russland ist ein Schlüsselelement der gegenwärtigen antirussischen Kampagne der Demokratischen Partei in den USA.

Das Drehbuch des Films ist unübersichtlich und wenig überzeugend. Die Hauptfigur, Gareth Jones, ist ein idealistischer junger Journalist, der in der Sowjetunion eine Story sucht. Jones erfährt in Moskau von einer möglichen Hungersnot in der Ukraine, er reist dorthin und ist der einzige westliche Journalist, der Details über die Ereignisse veröffentlicht. Sein Hauptgegner in Moskau ist der verabscheuungswürdige Walter Duranty. Dieser hat als Moskauer Korrespondent der New York Times in den 1930er Jahren alle Verbrechen Joseph Stalins und der Sowjetbürokratie sklavisch gerechtfertigt.

Am Anfang von „Mr. Jones“ taucht eine Person auf, die den englischen Schriftsteller George Orwell darstellt, wie er aus seinem Buch „Farm der Tiere“ vorliest. Später wird ein Treffen zwischen Gareth Jones und George Orwell in London gezeigt.

Es gibt in Wirklichkeit keine Beweise für ein solches Treffen. Agnieszka Holland und die Drehbuchautorin Andrea Chalupa wollten damit offenbar eine direkte Verbindung zwischen Orwells „Animal Farm“ und der Hungersnot in der Ukraine herstellen. Tatsächlich gibt es in Orwells Allegorie der Degeneration der Russischen Revolution ein Kapitel, in dem den Tieren auf dem Hof der Hungertod droht. Allerdings ist „Animal Farm“ im Ganzen weit umfassender angelegt und thematisiert in erster Linie, dass sich die Führer der Farmtiere Privilegien aneignen. Die besondere Aufmerksamkeit des Autors gilt dabei dem Schwein „Napoleon“ (Stalin), der sich bemüht, seinen Hauptgegner „Schneeball“ (Trotzki) durch Schauprozesse und Morde zum Schweigen zu bringen.

Bezeichnenderweise ruderte die New York Times vor ein paar Jahren von ihrer langjährigen Unterstützung Durantys zurück und richtete ihr Augenmerk darauf, dass dieser Journalist die Beweise für die Hungersnot in der Ukraine unterdrückt hatte. Über Durantys schändliche Unterstützung für die Moskauer Prozesse und die Unterdrückung der Linken Opposition schwieg sich die Zeitung jedoch aus. Hollands Film bewegt sich offensichtlich auf derselben politischen Linie.

Ein genauerer Blick auf die Drehbuchautorin, Andrea Chalupa, und ihren Werdegang spricht Bände über die politische Orientierung des Films. Chalupa ist eine Gastgeberin des regelmäßigen Podcasts mit Namen „Gaslit Nation“, bei dem es, wie sie auf ihrem Blog schreibt, darum geht, „zu beleuchten, wie Russland die Ukraine als Testfeld für dieselben Propagandaaktionen benutzt hat, wie es sie später bei den Präsidentschaftswahlen 2016 gegen die USA einsetzte“.

Andrea Chalupa befindet offensichtlich auf der gleichen Wellenlänge wie ihre Schwester Alexandra Chalupa. Diese war während Hillary Clintons Präsidentschaftskampagne 2016 Beraterin des Democratic National Committee (Vorstand der Demokratischen Partei). Heute ist sie Stellvertretende Vorsitzende des DNC Ethnic Council. Wie mehrere Websites berichten, ist sie die Frau, die den Sturz von Paul Manafort, den Manager der Präsidentschaftskampagne von Donald Trump 2016, herbeiführte und die völlig unbegründete Behauptung verbreitete, Trump verdanke seine Wahl russischer Einmischung.

Die taz, die den Grünen nahesteht, kommentierte folgerichtig, wer sich bei dem Film „Mr. Jones“ nicht an Trump und Putin erinnert fühle, habe das Anliegen des Films verpasst. Vorhersehbar war auch das große Lob von Peter Bradshaw, dem Hauptfilmkritikerdes Guardian, für „Mr. Jones“. In Großbritannien beteiligt sich der Guardian führend an der Kampagne zur Verteufelung Russlands.

Die WSWS hat 2003 in ihrer englischen Ausgabe den Hintergrund der Hungersnot in der Ukraine und der Rolle Durantys beleuchtet.

Marighella

Marighella

Vor fünf Jahren begann der brasilianische Regisseur und Schauspieler Wagner Moura mit der Arbeit an diesem Film. Mit seiner Weltpremiere in Berlin hat „Marighella“ angesichts des neuen Präsidenten Brasiliens, des Faschisten Jair Bolsonaro, nun große aktuelle Bedeutung gewonnen. Carlos Marighella war eine führende Persönlichkeit im Kampf gegen Brasiliens letzte Diktatur, die 1964 durch einen Militärputsch an die Macht kam. Der Film zeigt Marighellas Auseinandersetzung mit der feigen brasilianischen Kommunistischen Partei, die sich weigerte, einen organisierten Kampf gegen das neue Regime zu führen. Marighella wurde wegen seiner Radikalität aus der Partei ausgeschlossen und nahm mit einer kleinen Gruppe von Anhängern einen eigenen Guerillakrieg gegen das neue Regime auf.

Eine Stärke des Films liegt in der Darstellung der Brutalität und Bösartigkeit, mit der das Militärregime gegen seine politischen Gegner vorgeht. In dieser Hinsicht konnten sich die brasilianischen Generäle und Polizeichefs mit ihren Folterkammern auf die engste Zusammenarbeit mit der amerikanischen CIA und deren Unterstützung verlassen. Der Regisseur Moura wies auf die Aktualität seines Films hin und erklärte: „Der Film ist keine Antwort auf eine bestimmte Regierung, aber es ist offensichtlich eine Erzählung, die sich in jeder Hinsicht gegen die Gruppe richtet, die in unserem Land sogar demokratisch gewählt wurde.“

Der Film verdient anlässlich seines internationalen Filmstarts eine umfassendere Rezension.