Bertelsmann-Studie fordert Schließung jeder zweiten Klinik in Deutschland

Von Tino Jacobson und Markus Salzmann
23. Juli 2019

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung plädiert dafür, mehr als die Hälfte aller Kliniken in Deutschland zu schließen. Von den momentan rund 1400 Krankenhäusern sollen weniger als 600 erhalten bleiben, heißt es in der am 15. Juli veröffentlichten Untersuchung, die das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung im Auftrag der Stiftung erstellt hat.

Mit der grotesken Begründung, nur durch die Schließung von Kliniken könnten mehr Personal, bessere Ausstattung und höhere Qualität erreicht werden, fordert der Bericht auch eine weitere Reduzierung der Krankenhausaufenthalte und eine noch stärkere Ausrichtung an der Erwirtschaftung von Profit.

Nach Ansicht der Autoren kommen in Deutschland etwa fünf Millionen Menschen pro Jahr unnötig ins Krankenhaus. Diese könnten genauso gut ambulant behandelt werden, was die Zahl der Klinikaufenthalte auf 14 Millionen im Jahr senken würde.

Die Reduzierung der Anzahl von Kliniken wir damit begründet, „dass viele Krankenhäuser zu klein sind, nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung verfügen, um lebensbedrohliche Notfälle zu behandeln“. Durch eine Verringerung der Anzahl von Kliniken, behaupten die Gesundheitsexperten, könnte eine Vielzahl von Komplikationen und Todesfällen verhindert werden. In Zukunft solle vor allem die Qualität der Krankenhäuser im Fokus stehen und nicht mehr die Erreichbarkeit oberste Priorität haben.

Mit unverhohlenem Zynismus fasste Brigitte Mohn, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, das Ziel der „zukünftigen Krankenhausversorgung“ zusammen: „Die Neuordnung der Krankenhauslandschaft ist eine Frage der Patientensicherheit und muss vor allem das Ziel verfolgen, die Versorgungsqualität zu verbessern.“

Zur Patientenversorgung fügte Brigitte Mohn hinzu: „Wenn ein Schlaganfallpatient die nächstgelegene Klinik nach 30 Minuten erreicht, dort aber keinen entsprechend qualifizierten Arzt und nicht die medizinisch notwendige Fachabteilung vorfindet, wäre er sicher lieber ein paar Minuten länger zu einer gut ausgestatteten Klinik gefahren worden.“

Brigitte Mohn ist Mitglied der Eigentümerfamilie des Bertelsmann-Konzerns. Ihre Mutter, die Firmen-Matriarchin Liz Mohn, gehört mit einem Vermögen von rund drei Milliarden Euro zu den reichsten Frauen der Welt. Brigitte sitzt außerdem im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG, einem Betreiber privater Kliniken, der von der Schließung kommunaler Krankenhäuser profitieren würde. Unter anderem betreibt die Rhön-Klinikum AG das Uniklinikum Marburg und Gießen, wo in diesem Jahr hunderte Beschäftigte gegen niedrige Löhne und schlechte Arbeitsbedingungen protestiert haben.

Die Folgen der schlechteren Erreichbarkeit von Kliniken liegen auf der Hand. Es kommt zu mehr Komplikationen und Todesfällen, da viele Patienten nicht mehr schnell genug behandelt werden können. Hinzu kommt, dass auch Rettungswagen, Notärzte und Sanitäter eine deutliche Mehrbelastung hätten.

Dabei ist die Argumentation der Studie außerordentlich perfide. Als Modell wurde die Region Köln/Leverkusen ausgewählt, eine der am dichtesten besiedelten Gebiete Deutschlands. In dieser Region sollen laut der Bertelsmann-Studie bis zum Jahr 2030 24 von insgesamt 38 Krankenhäusern geschlossen werden.

Selbst hier, errechnet die Studie, würden etwa zehn Prozent der Einwohner nach den vorgeschlagenen Stilllegungen mehr als 30 Minuten in das nächste Krankenhaus benötigen. Laut der Studie könnte man diesen Anteil auf etwa drei Prozent senken, wenn man ein anderes „Geschwindigkeitsmodell“ zugrunde legt. Im Klartext bedeutet dies, dass für die Rettungswagen eine völlig unrealistische höhere Fahrgeschwindigkeit angenommen wird, um die Erreichbarkeit zu steigern.

Bemängelt wird in der Studie die marode Ausstattung in Kliniken. So verfügte 2017 jede dritte Klinik über keinen Computertomografen und 61 Prozent über kein Gerät für die Koronarangiographie. „Oft fehlt sowohl die Ausstattung als auch die Erfahrung, um typische Notfälle wie Herzinfarkt und Schlaganfall zu versorgen.“

Dies sagt nicht nur einiges über den Zustand von Kliniken aus, es ist auch ein Ergebnis eben jener Politik, die in der Studie propagiert wird. Mittlerweile wird im Gesundheitswesen seit Jahrzehnten gespart und gekürzt. Nachdem bei Ausstattung und Personal alles dem Rotstift zum Opfer gefallen ist, gibt es keine „Rationalisierungsreserven“ mehr. Nicht selten war dies mit angeblichen „Qualitäts- und Effizienzsteigerungen“ begründet worden.

Von vielen Seiten gibt es berechtigte Kritik an der Studie. Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, warf ihr vor, sie propagiere „die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem geradezu abenteuerlichen Ausmaß“. Solche Vorschläge seien das exakte Gegenteil dessen, was die Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ für die ländlichen Räume gefordert habe.

Die DKG widerspricht der Einschätzung der Studie, wonach durch ein Zusammenziehen von Kliniken und eine Bündelung von Ärzten, Pflegepersonal und medizinischen Geräten eine qualitativ bessere Versorgung erreicht werden könne. Diese Einschätzung sei „absolut unbelegt“.

„Erschütternd“ nannte der Sozialexperte des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Uwe Lübking, den Bericht. „Mich hätte eher die Modellregion Uckermark oder Schwäbische Alp interessiert.“ In vielen Regionen mangele es bereits heute an niedergelassenen Ärzten. „Wenn da die Krankenhäuser schließen, ist überhaupt nichts mehr da“, so Lübking.

Doch die Studie ist nicht einfach nur gesundheitspolitischer Irrsinn mit dem Ziel, durch eine „Neuordnung“ der Kliniklandschaft die Profite zu steigern. Dahinter steht auch eine politische Agenda. Die soziale Infrastruktur im Land soll weitestgehend zerschlagen werden, um Gelder für die Aufrüstung nach Innen und Außen bereit zu stellen. Seit Jahren trommeln Politiker und Ökonomen für drastische Einsparungen im Klinikbereich, die sich mittlerweile nur noch durch Schließungen erzielen lassen.

Bereits Ende 2018 hatte AOK-Chef Martin Litsch verkündet, dass jedes vierte Krankenhaus in Deutschland geschlossen werden solle, weil es überflüssig sei. Auch die meisten Ökonomen fordern seit Jahren mehr Wettbewerb und die Schließung nicht wettbewerbsfähiger Kliniken, die finanziell in den roten Zahlen stehen.

Im letzten Jahr forderte die Unternehmensberatung PWC, endlich „systemrelevante Kliniken“ ausfindig zu machen und nur diese am Leben zu lassen. Alle anderen Kliniken sollen sich laut der Studie dem Wettbewerb stellen und diejenigen, die Verluste einfahren, geschlossen werden. Systemrelevante Krankenhäuser sollen laut PWC in einem für die Bevölkerung akzeptablen Umkreis von bis zu 50 Kilometern liegen.

Die Autoren der Bertelsmann-Studie haben bereits deutlich gemacht, dass die Massenschließungen mit ihrem Vorschlag nicht zu Ende sind. Stelle sich heraus, dass nicht jede Abteilung in einem Krankenhaus voll ausgelastet sei, könne eine weitere „Konzentration“ möglicherweise „sinnvoll sein“.

Die Studie und das Drängen auf die Zerschlagung der sozialen Infrastruktur muss ernst genommen werden. In Griechenland hat die sogenannte Troika unter Federführung Deutschlands einen brutalen Sparkurs durchgesetzt, dem die Gesundheitsversorgung fast vollständig zum Opfer gefallen ist. Heute sterben in dem EU-Mitgliedsland Menschen an behandelbaren Krankheiten, weil sie nicht die nötigen Mittel für Medikamente haben oder Operationen nicht durchgeführt werden können. Ähnlich in Lettland, wo nach der Wirtschaftskrise 2008 über die Hälfte der Kliniken im Land auf Druck von EU und IWF schließen mussten, mit verheerenden Folgen für die Bevölkerung.