Nach Verrat der Gewerkschaft: Magere Abfindungen und Arbeitsplatzverlust für russische Ford-Arbeiter

Von Clara Weiss
23. Juli 2019

Am 20. Juni wurde die Produktion im Ford-Werk in Wsewoloschsk nahe St. Petersburg faktisch eingestellt. Von den etwa 1.000 Arbeitern sind nur noch 50 dort beschäftigt. Bis Dezember müssen sie die vollständige Schließung des Werks abwickeln. Bereits Anfang Juni sollen zwei weitere Ford-Werke in Russland wie angekündigt geschlossen worden sein, eins in Nabereschnije Tschelni in der Region Tatarstan, das andere in Jelaburg.

Die Werksschließungen sind Teil eines umfassenden Angriffs auf die Autoarbeiter auf der ganzen Welt. Dazu gehören u.a. Massenentlassungen bei Ford und GM auf dem amerikanischen Kontinent und in Europa (Siehe auch: „Ford kündigt 12.000 Entlassungen und fünf Werksschließungen in Europa an“).

Bei ihrem Widerstand gegen diesen Angriff sind die Arbeiter nicht nur mit den transnationalen Konzernen konfrontiert, sondern auch mit Gewerkschaften, die den Widerstand der Arbeiter abwürgen. Die Schließung der russischen Werke hat das deutlich gezeigt.

Die russische Autogewerkschaft MPRA (Interregionale Gewerkschaft Arbeiter-Allianz) hat eine zentrale Rolle dabei gespielt, dass Ford die Werke schließen konnte, ohne dass die Arbeiter auf organisiert Weise Widerstand dagegen leisten konnten. Die fast 1.000 Arbeiter wurden faktisch dazu gezwungen, „freiwillige“ Aufhebungsverträge zu unterschreiben, und erhielten miserable Abfindungen. Jetzt droht ihnen soziales Elend und Langzeitarbeitslosigkeit in einem Land, das von wachsender Armut und einer Wirtschaftskrise geprägt ist.

Die Gewerkschaft hat von Anfang an alles in ihrer Macht Stehende getan, um die Arbeiter über die Pläne des Unternehmens im Unklaren zu halten. Ihre erste Stellungnahme erschien erst am 15. Februar 2019, d.h. mehr als einen Monat, nachdem die drohende Werksschließung bekannt wurde. Die MPRA machte deutlich, dass sie nichts tun werde, um die Arbeitsplätze zu verteidigen. Mitte März kündigten die Gewerkschaftsfunktionäre plötzlich an, sie würden für eine Abfindung von zwei Millionen Rubel (28.300 Euro) pro Arbeiter kämpfen, was zwei vollen Jahresgehältern entspricht. Sie kündigten außerdem „Streiks und Hungerstreiks“ an, „um ihre Forderung durchzusetzen“.

Diese Ankündigungen waren jedoch reine Tarnung für ihre Zusammenarbeit mit Ford bei der Schließung des Werks. Abgesehen von einer kleinen Demonstration im April, an der hauptsächlich pseudolinke und stalinistische Gruppen teilnahmen, errichtete die Gewerkschaft praktisch eine Mauer des Schweigens. Die einzigen Informationen kamen von örtlichen Medien. Hinter den Kulissen jedoch verhandelten Funktionäre der MPRA über den Ausverkauf der Arbeiter und ihre Entlassung, auf der Grundlage der Bedingungen, die Ford diktierte.

Im Mai erklärte die Direktion von Ford Sollers (Joint Venture aus Ford und dem russischen Autobauer Sollers), 97 Prozent der Arbeiter hätten sich bereit erklärt, „freiwillige“ Aufhebungsverträge zu unterzeichnen. Statt der zwei Millionen Rubel, für die die MPRA angeblich kämpfen wollte, erhielten sie nur zwischen 300.000 (4.240 Euro) und 700.000 Rubel (knapp 10.000 Euro).

Die Arbeiter, die den Deal widerwillig akzeptierten, warfen der Gewerkschaft vor, sie ließe ihnen keine andere Wahl. Ein Arbeiter, der seit 2001 in dem Werk tätig ist, erklärte: „Ich habe [den Bedingungen] zugestimmt. Ich muss von irgendetwas leben, und ich nehme besser, was ich kriegen kann. Den meisten von uns steht eine düstere Zukunft bevor.“ Er warnte, viele der entlassenen Arbeiter würden auf schwarze Listen gesetzt werden, weil die Ford-Arbeiter aus Wsewoloschsk in den letzten zwei Jahren einige militantere Streiks organisiert haben: „Wenn sie erst mal hören, dass wir von Ford kommen, werden sie uns nicht einstellen wollen. Sie glauben, wir lieben unsere Freiheit.“

Ein anderer Arbeiter wies darauf hin, dass die Ford-Arbeiter fast nie ihre vollen Löhne erhalten hatten, weil das Werk lange Zeit unter Kapazität arbeiten musste. Oft erhielten sie kaum 20.000 bis 25.000 Rubel (280 bis 350 Euro) pro Monat, obwohl der offizielle Durchschnittslohn in dem Werk bei 55.000 bis 58.000 Rubel (780 bis 820 Euro) lag: „Die Leute haben vergessen, wie ein vollständiger Lohn aussieht. Das war einer der Gründe, warum die Arbeiter den Bedingungen zugestimmt haben.“

Laut lokalen Medien weigerten sich 32 Arbeiter, den Aufhebungsvertrag zu unterzeichnen. Eine Zeitung berichtete, diese Arbeiter seien vom Management in der Kantine des Werks eingesperrt worden und hätten zur Strafe nur zwei Drittel ihres Lohns erhalten. Im gleichen Bericht hieß es, diese Arbeiter würden noch bis Ende August weiterarbeiten, obwohl ein Großteil der Belegschaft (etwa 730 Beschäftigte) im Juni entlassen worden sind. Andere hatten ihre Abfindungen erhalten und waren schon im Mai ausgeschieden.

Die MPRA hat keine einzige Stellungnahme zur Schließung des Werks veröffentlicht. Sie hat jedoch deutlich gemacht, dass sie auf einen „Platz am Verhandlungstisch“ hofft, um einen Deal mit dem potenziellen neuen Besitzer der Fabrik auszuhandeln. Die Stadtverwaltung soll bereits Verhandlungen mit anderen Autobauern führen; einige Berichte deuten darauf hin, dass Hyundai das Werk übernehmen könnte. Diese Forderung soll garantieren, dass dieselben Gewerkschaftsfunktionäre, die bisher die Interessen von Ford vertreten haben, auch bei einem neuen Eigentümer ihr „Stück vom Kuchen“ abbekommen.

Bei diesem Verrat hatte die MPRA die Schützenhilfe der Stalinisten und verschiedener kleinbürgerlich-„linker“ Organisationen. Die russischen Pablisten von der RSM, die seit Jahren enge Beziehungen zu MPRA-Führer Alexei Etmanow unterhalten, haben keinen einzigen Artikel zu den Entlassungen veröffentlicht.

Die stalinistische ROT-Front, zu deren Gründer Etmanow gehört, und die enge Beziehungen zu Darja Mitinas OKP unterhält, unterstützt die Position der MPRA zu den Entlassungen. Nach fast dreimonatigem Schweigen nahm die Organisation im Juli die Berichterstattung wieder auf und schrieb, die Ford-Arbeiter hätten eine Niederlage erlitten. Zynisch fügte sie hinzu: „Auch eine negative Erfahrung ist eine Erfahrung.“

Die Rolle der MPRA bei der Auflösung des Ford-Werks in Wsewoloschsk birgt wichtige Lektionen für Arbeiter in Russland und der Welt. Der Verrat der MPRA war nicht eine Frage der „schlechten Führer“. Angesichts der Globalisierung der Produktion haben sich die Gewerkschaften weltweit in Organisationen verwandelt, die im Auftrag der Unternehmen und des Staats den Widerstand der Arbeiterklasse unterdrücken und Investoren anlocken sollen.

Die MPRA wurde 2006 in Wsewoloschsk gegründet und als Beispiel einer militanten Gewerkschaft gepriesen. Dies geschah unter Bedingungen, in denen die offizielle Gewerkschaft FNPR, die aus den staatlichen sowjetischen Gewerkschaften hervorgegangen war, unter Arbeitern zutiefst verhasst war, weil sie die Wiedereinführung des Kapitalismus unterstütz hatte und im Dienst der Regierung und der Konzerne stand.

Doch entgegen den Behauptungen pablistischer Organisationen wie der RSM repräsentierte die MPRA nicht die linken Bestrebungen der Arbeiter. Vielmehr wurde sie mit der bewussten Absicht gegründet, eine ernsthafte Gefahr für die Vorherrschaft der FNPR und die Entwicklung einer politisch unabhängigen Bewegung der Arbeiterklasse zu verhindern.

Die MPRA repräsentiert nicht die Interessen der Arbeiter, sondern die einer dünnen Schicht von Bürokraten und kleinbürgerlicher Karrieristen, von denen viele in stalinistischen, liberalen und pseudolinken Organisationen aktiv sind. Bei ihrer Gründung stellte sie sich sofort auf die Seite des Gewerkschaftsbundes KTR, der seit den 1990ern mit der FNPR um Plätze am Verhandlungstisch mit der Regierung und den Unternehmen konkurriert.

Für Arbeiter erfordert der Weg vorwärts einen Bruch mit den prokapitalistischen Gewerkschaften und den nationalistischen pseudolinken und stalinistischen Organisationen, die sie decken. Gegen transnationale Konzerne wie Ford brauchen Arbeiter eine global integrierte Strategie. Ihr Kampf muss sich auf ein internationales sozialistisches Programm gründen.

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