Daimler-Chef Källenius will Personalkosten um 1,4 Milliarden Euro senken

Von Dietmar Henning
15. November 2019

Beim Daimler-Konzern stehen die Zeichen auf Sturm. Der neue Vorstandsvorsitzende des Autoherstellers Ola Källenius kündigte gestern in London ein drastisches Sparprogramm und massiven Arbeitsplatzabbau an.

Daimler will seine Personalkosten in den nächsten zwei Jahren, um 1,4 Milliarden Euro reduziert haben. Eine Milliarde Euro soll in der PKW-Sparte (Mercedes) gekürzt werden, 300 Millionen Euro im LKW-Bereich (Daimler-Trucks) und 100 Millionen Euro bei den Transportern (Vans). Auch wenn der Daimler-Chef konkrete Zahlen schuldig blieb: dies dürfte den Abbau einer fünfstelligen Anzahl von Arbeitsplätzen bedeuten.

Für die Bekanntgabe seiner Hiobsbotschaft hatte Källenius bewusst London und nicht Stuttgart, den Stammsitz des Unternehmens gewählt. Er sprach nicht zu den Beschäftigten sondern zu den Aktionären, die das Sparprogramm begrüßten, aber noch weitere Sozial- und Personalkürzungen verlangen. Nachdem Daimler in den vergangenen Monaten zwei Gewinnwarnungen abgegeben hatte, versicherte Källenius den versammelten Aktionären und Investoren, dass er alles tun werde, um die Rendite zu erhöhen.

Bereits im Vorfeld des sogenannten Kapitaltags, auf dem der Chef von 300.000 Autoarbeitern den Finanzmarkt-Vertretern Rede und Antwort stehen musste, war bekannt geworden, dass Daimler 1100 Stellen im Management streicht, die Produktion von Dieselmotoren stark zurückfährt und einige Investitionsvorhaben verschiebt.

So werden im Werk Stuttgart-Untertürkheim künftig keine Diesel-Motoren mehr komplett montiert, sondern nur noch einzelne Komponenten. Der Grund dafür sei eine immer weiter sinkende Nachfrage. In dem 1904 gegründeten Traditionswerk Untertürkheim werden fast alle Daimler-Motoren gefertigt.

Der Betriebsrat wurde vorab über die geplanten massiven Sparpläne informiert, und Gesamtbetriebsratschef Michael Brecht versuchte sofort zu beschwichtigen. Gegenüber dem Südwest Rundfunk (SWR) sagte er, Auswirkungen auf Arbeitsplätze solle es nicht geben. Der Betriebsratschef des Untertürkheimer Werks, Michael Häberle, hatte berichtet, dass bereits im Sommer eine entsprechende Betriebsvereinbarung geschlossen worden sei.

IG Metall und Betriebsrat spielen ihr bekanntes abgekartetes Spiel. Gegenüber den Beschäftigten protestieren sie gegen einige Maßnahmen, während sie im Aufsichtsrat und Wirtschaftsausschuss die Sparpläne unterstützen.

Die Betriebsräte im Stammwerk fordern lautstark, dass die Antriebe für die Elektro-Autos von Daimler zukünftig in Untertürkheim gebaut werden sollen. Gleichzeitig klagen sie, dass der Konzern aus Kostengründen einen externen Zulieferer damit beauftragen wolle. Soll heißen: Wenn die Beschäftigten sich ruhig verhalten und bereit sind, Zugeständnisse zu machen, könnten die Arbeitsplätze erhalten bleiben. Diese Art von Erpressung findet nun auf allen Ebenen statt, um Lohnsenkung und Sozialabbau durchzusetzen.

Gleichzeitig versuchen die Betriebsräte, das Sparprogramm und den Arbeitsplatzabbau als unvermeidbare Reaktion auf Autokrise darzustellen, mit der Daimler und alle Autohersteller konfrontiert sind. Da sind nicht nur die Umstellung auf Elektromobilität, die Einhaltung der CO2-Ziele der Europäischen Union, Rückrufe wegen defekter Airbags und die Kosten des Dieselbetrugs, sondern auch die zusätzlichen Kosten, um den CO2-Ausstoß der Fahrzeugflotte zu drücken.

Außerdem sinkt langfristig der Absatz, nicht nur wegen der Handelskriege der USA, des Brexits und der Rückgänge in den bislang aufstrebenden Automärkten China und Indien. Es werden weltweit weniger Autos verkauft. In diesem Jahr wird der globale Autoabsatz von 94 Millionen 2018 auf 92 Millionen Fahrzeuge sinken. Der sogenannte „Peak Car“, der höchstmögliche zu erzielende Absatz, soll Autoexperten zufolge erreicht sein. Das ändere auch die Umstellung auf Elektroautos nicht.

So hat Daimler nach Jahren der Absatz- und Gewinnrekorde in den ersten neun Geschäftsmonaten dieses Jahres den Gewinn mehr als halbiert, die Verkäufe stagnieren.

Doch das Problem ist weder die Umstellung auf E-Mobilität noch die Einführung neuer moderner Technologie im Arbeitsprozess. Hätten Arbeiter die Kontrolle über die Produktion, könnten diese Veränderungen vielfältige Verbesserungen für die Beschäftigen bringen. Durch neue Produktionsmethoden, künstliche Intelligenz und Robotik könnte die Arbeit erleichtert und der Lebensstandard aller gesteigert werden.

Das wirkliche Problem ist die unersättliche Gier des Kapitals und die ständige Jagd der Investoren und Aktionäre nach Profit.

Allein im vergangenen Jahr ist das Vermögen sämtlicher Milliardäre der Welt laut Oxfam um 900 Milliarden Dollar oder 12 Prozent gestiegen. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, insgesamt 3,8 Milliarden Menschen, hat dagegen 11 Prozent ihres Vermögens verloren.

Auch in den Konzernvorständen findet eine hemmungslose Bereicherung statt. Das durchschnittliche Jahresgehalt eines Vorstandsmitglieds in einem Dax-Unternehmen betrug im vergangenen Jahr (2018) 3,51 Millionen Euro und war damit 52-mal so hoch wie das Jahreseinkommen der Angestellten in den Unternehmen. Diese Zahl hat die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz gemeinsam mit der Technischen Universität München errechnet.

Ola Källenius, der sein Amt im Mai vom langjährigen Daimler Chef Dieter Zetsche übernahm, und sein neuer Finanzvorstand Harald Wilhelm haben sich uneingeschränkt den Forderungen der Aktionäre verpflichtet. Hatten sie anfangs von den Finanzmanagern und Analysten deutliche Kritik hören müssen, ist dies inzwischen anders. „Wohlwollend registrieren die Aktionäre, dass Daimler ihnen mittlerweile höchste Priorität beimisst,“ schreibt das Handelsblatt.

„Die neue Managementkultur, die in Stuttgart mit Källenius und Wilhelm entstanden ist, tut Daimler gut“, sagte Stefan Bauknecht vom Vermögensverwalter DWS der Düsseldorfer Finanzzeitung. Aber die Geduld der Aktionäre sei „nicht grenzenlos“, drohte Bauknecht. „Bei Daimler müssen die Ineffizienzen jetzt wirklich angegangen werden.“

Daher gehen die Aktionäre davon aus, dass die jetzt angekündigten Sparpläne längst nicht ausreichen. Um die Finanzmärkte und Anleger zufriedenzustellen, sind weitere massive Einsparungen bei den Autoarbeitern in der Produktion notwendig. „Unsere Sorge ist, dass Daimler erneut versucht, die Probleme des Konzerns mit einigen Pflastern und Schmerztabletten zu heilen, anstatt das Unternehmen einer zwar schmerzvollen aber nötigen Operation zu unterziehen“, sagte Michael Muders, Portfoliomanager von Union Investment, einem der zwanzig größten Daimler-Aktionäre, dem Handelsblatt.

Dabei dürfte sich schon jetzt der Arbeitsplatzabbau auf mindestens 10.000 bis 20.000 Stellen beziffern. Zusätzlich verlangt Källenius, dass die Beschäftigten in Deutschland auf die Tariferhöhung 2020 verzichten.

Bei diesem Angriff auf die Beschäftigen stützt sich Källenius auf die enge Zusammenarbeit und Partnerschaft mit der IG Metall und ihren Betriebsräten. Bereits im Februar hatte Gesamtbetriebsratschef Brecht „mehr Effizienz“ gefordert und eine noch engere Zusammenarbeit mit den Aktionären, denen insbesondere die Betriebsrenten ein Dorn im Auge sind, angekündigt. Er habe da keine „Berührungsängste“. Källenius überhäufte er schon vor seinem Antritt als Vorstandschef mit Lob.

Im Mercedes-Werk in Sindelfingen bei Stuttgart, gegründet 1915, wird die Erhöhung der Effizienz in einem Pilotprojekt entwickelt. Auf dem Betriebsgelände, auf dem derzeit noch 35.000 Arbeiter verschiedene Daimler-Fahrzeugmodelle produzieren, darunter das Flaggschiff Mercedes-Benz S-Klasse und E-Klasse, entsteht die neue „Factory 56“. Nur noch 1000 Arbeiter werden darin Beschäftigung finden.

Das neue Produktionskonzept soll in der Zukunft als Blaupause für die weltweite Produktion von Autos dienen. Es soll auch in China, Indien und anderen Produktionszentren eingeführt werden. Der Betriebsrat und die IG Metall haben dem Konzept ihre volle Rückendeckung gegeben und in der Betriebsvereinbarung „Sindelfingen 2020+“ zugestimmt. Wer in der neuen Produktionshalle arbeiten darf, bestimmt in einem aufwendigen Ausleseprozess die IG Metall. So kann sie oppositionelle Arbeiter schon im Vorfeld aussieben.

Die IG Metall sei von Anfang an in die Planung und Umsetzung der ‚Factory 56’ eingebunden gewesen und weigere sich, den Arbeitern alle Details zu liefern, sagten uns Daimler-Arbeiter beim Schichtwechsel vor einigen Wochen. „Wir stehen permanent unter Druck.“

Diese enge Zusammenarbeit zwischen Gewerkschaft, Betriebsräten und Konzernspitze wird weiter forciert. Die Süddeutsche Zeitung, die „schmerzhafte Einschnitte“ für unumgänglich halt, „um das Überleben zu sichern“, schreibt: „Nach außen schimpfen die Arbeitnehmervertreter über Källenius’ Sparpläne. Aber wer gründlich hineinhorcht in den Betriebsrat, der hört über den kühlen Schweden viele warme Worte.“

Dieselbe Rolle spielt die IG Metall in allen andern Autowerken, Zulieferbetrieben und anderen Betrieben, in denen gegenwärtig eine beispiellose Welle von sozialen Angriffen stattfindet. Die Arbeitsplätze, Renten, Löhne und Arbeitsbedingungen können nur gegen den Betriebsrat und die IG Metall verteidigt werden.

Dazu müssen sich die Daimler-Arbeiter unabhängig organisieren. Es ist notwendig Aktionskomitees zu gründen, um gegen die verlogene Politik der IG Metall und ihre enge Zusammenarbeit mit der Unternehmensleitung zu kämpfen. Diese Komitees müssen sich untereinander vernetzen, Kontakt zu anderen Betrieben aufnehmen und sich mit anderen Arbeitern in der Autoindustrie und darüber hinaus vereinen, über alle Grenzen hinweg.

Arbeiter müssen sich auf einen großen Kampf vorbereiten, der eine internationale Strategie und ein sozialistisches Programm erfordert.

Die WSWS und die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) unterstützen Arbeiter, die sich entscheiden, den Kampf gegen die korrupten Vertreter aus Gewerkschaft und Betriebsrat aufzunehmen. Nehmt Kontakt zu uns auf.