Gashersteller Linde kündigt trotz Rekordgewinn Stellenabbau an

Von Markus Salzmann
17. Februar 2020

Der Hersteller von Industrie- und Medizingasen Linde kündigte in der letzten Woche an, dass der Konzern trotz deutlich gesteigerter Gewinne Stellen abbauen werde. Die Gewerkschaft IG Metall geht davon aus, dass allein in Deutschland über 10 Prozent der Stellen gestrichen werden.

Linde erwirtschaftete im letzten Jahr einen Umsatz von 28,2 Milliarden US-Dollar und damit vier Prozent mehr als 2018. Der Nettogewinn stieg um 21 Prozent auf rund 4 Milliarden US-Dollar. Pro Aktie entspricht das einem Gewinn von 7,34 US-Dollar. Dies übertraf sogar die Gewinnerwartungen des Unternehmens, die bei 7,30 US-Dollar lagen.

Grund für die Gewinnsteigerung sind vor allem massive Preiserhöhungen in Europa und Asien. Für 2020 erwartet Linde weiterhin traumhafte Gewinne, für das erste Quartal sogar einen Zuwachs von bis zu 16 Prozent. Nach den Plänen von Vorstandschef Steve Angel soll der Gewinn je Aktie um neun bis 12 Prozent auf über 8 US-Dollar steigen.

Dies soll vor allem durch „Anpassungen“ im Personalbereich erreicht werden, wie Angel vergangene Woche vor der Vorstellung der Jahresbilanz in Pullach bei München erklärte. Die Gewerkschaft IG Metall geht davon aus, dass bis Ende nächsten Jahres 850 der 7000 Stellen in Deutschland gestrichen werden. Angel erklärte, er wolle nicht auf diese Zahlen eingehen, bestätigte aber geplante Stellenkürzungen. Wie der bayerische IG-Metall-Chef Johann Horn bemerkte, sind zuletzt alleine in Deutschland schon 1000 Stellen gestrichen worden. „Linde droht mittelfristig ein Kahlschlag“, sagte Horn gegenüber der dpa.

Linde plc. beschäftigt derzeit weltweit rund 80.000 Menschen in 100 Ländern. Die frühere Linde AG und der wesentlich kleinere, aber hochprofitable amerikanische Konkurrent Praxair hatten 2018 fusioniert. Seither ist Linde Weltmarktführer im Bereich Industriegase. Das Unternehmen hat seinen Firmensitz in Irland und wird von Angel aus Danbury im US-Bundesstaat Connecticut gesteuert. Die ehemalige Linde-Zentrale in München wurde im Dezember geschlossen, die noch verbliebenen 200 Mitarbeiter der Verwaltung mussten nach Pullach umziehen, einem Standort mit 3500 Beschäftigten. Bereits im Vorfeld der Fusion kam es zu Stellenabbau an verschiedenen Standorten.

Die Ankündigung von weiterem Stellenabbau kam bei den Anlegern gut an. Mit einem Plus von zeitweise mehr als drei Prozent war die Linde-Aktie am vergangenen Donnerstag zeitweise Tagessieger im Deutschen Aktienindex (DAX). Das Unternehmen hat einen Börsenwert von rund 115 Milliarden Euro und ist damit hinter SAP die Nummer Zwei im DAX. Darüber hinaus zählt es zu den hundert wertvollsten Konzernen der Welt.

Linde befindet sich in einem starken Wettbewerb, vor allem mit dem französischen Konkurrenten Air Liquide. Auch dieser hat jüngst für 2019 ein Umsatzplus und mehr Gewinn verkündet. Auch hier sind die gestiegene Nachfrage in der Öl-, Chemie- und Metallindustrie sowie in der Lebensmittelherstellung, in Krankenhäusern und der Forschung und die damit verbundenen Preissteigerungen der Grund. Um weltweit die Nummer Eins zu werden, fusionierte Linde 2018 mit dem ehemals eigenen Tochterunternehmen.

Der Fusion waren lange Verhandlungen und Konflikte vorangegangen. Im Juni 2017 stimmte dann der Aufsichtsrat von Linde zu. Auch europäische und US-Kartellbehörden genehmigten die Fusion unter Auflagen. Diese sahen vor, dass Praxair sein Gasgeschäft in Europa und die Linde AG weite Teile ihres bisherigen Amerikageschäfts verkaufen.

Linde-Verwaltungschef Wolfgang Reitzle hatte die Fusion damals mit dem Konkurrenten betrieben, weil er sich Angel als CEO wünschte. Dieser gilt als gnadenloser „Kostendrücker und Effizienzverbesserer“ (Handelsblatt).

Angel ließ sich für die Fusion mit Linde fürstlich entlohnen. 2018 verdiente er insgesamt 55,8 Millionen Euro, wie die Wirtschaftswoche berichtete. „41,4 Millionen Euro davon entfielen allein auf Boni und Pensionsansprüche, die vertragsgemäß wegen der Fusion von Linde mit seinem bisherigen Arbeitgeber Praxair sofort zur Auszahlung fällig wurden. Dabei ist es weitgehend das gleiche Unternehmen, das der Amerikaner nun führt“, so das Magazin.

Gewerkschaft und Betriebsrat hatten die Fusion damals öffentlich kritisiert. Dabei ging es ihnen weniger um die absehbaren Stellenstreichungen. Vielmehr fürchteten sie, dass sie wegen des Umbaus des Konzerns ihren Einfluss im Aufsichtsrat des Unternehmens verlieren würden. Der Aufsichtsrat segnete die Fusion letzten Endes doch ab, weil sich der Dresdner Betriebsrat Frank Sonntag der Stimme enthielt und damit faktisch für die Fusion stimmte.

Dabei setzen die Gewerkschaften auch jetzt darauf, die Belegschaften gegeneinander auszuspielen. So kritisierte IG-Metall-Vertreter Horn, dass Aufträge „weltweit im Konzern verschoben“ würden. „Die Kolleginnen und Kollegen in Deutschland stehen unter großem Druck, dass Produkte und Aufträge an den Standorten bleiben.“

Wie so oft verfolgen die Gewerkschaften auch hier eine rein nationale Perspektive. Anstatt einen gemeinsamen, weltweiten Kampf aller Linde-Beschäftigten gegen Entlassungen zu organisieren, beklagt die Gewerkschaft den „kulturellen Unterschied“ zwischen den fusionierten Unternehmensteilen. Dabei ist bemerkenswert, dass mit Horn jemand Krokodilstränen über die Stellenstreichungen bei Linde vergießt, der als Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat des Automobilherstellers Audi sitzt. Die VW-Tochter hatte im letzten Jahr die Streichung von fast 10.000 Stellen im Konzern angekündigt. Auch hier spielen Gewerkschaft und Betriebsrat eine Schlüsselrolle dabei, dies gegen die Beschäftigten durchzusetzen.

Der Stellenabbau bei Linde ist Teil eines massiven Angriffs auf Arbeitsplätze, Löhne und Arbeitsbedingungen in Deutschland, Europa und weltweit. Zahlreiche Unternehmen kündigten zuletzt Entlassungen an. In der deutschen Autoindustrie sollen zehntausende Jobs wegfallen. Gleiches gilt für die Zulieferindustrie, wie beispielsweise bei Bosch. Der Chemie-Konzern BASF kündigte für dieses Jahr die Streichung von 6000 Stellen an, dieselbe Zahl wie Thyssen-Krupp. Im Finanzsektor findet ein Stellenabbau in nahezu allen Branchen statt, so bei der Deutschen Bank und der Commerzbank.

Den Gewerkschaften kommt hierbei die Aufgabe zu, die Arbeiter unter Kontrolle zu halten und jede Opposition zu unterdrücken. Die Verteidigung der Arbeitsplätze erfordert einen Bruch mit diesen Organisationen und den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees. Diese müssen den Kampf gegen Werksschließungen, Entlassungen und Sozialabbau auf internationaler Ebene organisieren.