Coronavirus: Robert-Koch-Institut warnt vor Krise von „unvorstellbarem Ausmaß“

Von Gregor Link
21. März 2020

„Wir sind alle in einer Krise, die ein Ausmaß hat, das ich mir selbst nie hätte vorstellen können“, erklärte Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts (RKI), gestern in einer Pressekonferenz. Das „exponentielle Wachstum“ der Corona-Infizierten innerhalb und außerhalb Deutschlands markiere auch hierzulande den „Anfang einer Epidemie“.

Mit Blick auf Länder wie Italien und Spanien erklärte der Chef des führenden deutschen Seucheninstituts: „Wir stehen vor einer ähnlichen Entwicklung. (…) Ich möchte, dass Sie den Ernst der Lage alle begreifen.“ In Italien hatte die Regierung zuletzt die Streitkräfte mobilisiert, um Leichen abzutransportieren, die das Krematorium von Bergamo trotz 24-stündigen Betriebs nicht mehr beisetzen konnte. Insgesamt fünfzehn Armeelastwagen kamen zum Einsatz, um die Särge auf umliegende Regionen zu verteilen.

Fallzahlen weltweit – Quelle: Center for Systems Science and Engineering (CSSE) at Johns Hopkins University (JHU)

In Deutschland stieg die Zahl der Infizierten am Freitag auf fast 20.000. Wie die US-amerikanische Johns-Hopkins-Universität berichtete, ist die Zahl der bestätigten Infektionen in Deutschland am Freitag um über 4500 Fälle auf 19.848 angestiegen. Mit offiziell insgesamt 4971 Erkrankten bildet Nordrhein-Westfalen – gefolgt von Baden-Württemberg (2740) und Bayern (2282) – weiterhin das Epizentrum der Pandemie in Deutschland. In NRW und Bayern verdoppelte sich die Fallzahl damit innerhalb eines einzigen Tages nahezu. Das Land Hamburg wies indes mit knapp 28 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern die höchste Erkrankungsrate auf.

Laut Johns-Hopkins-Universität lag die Zahl der Toten am Feitagabend bei 67. Der Virologe Martin Stürmer sprach gestern gegenüber der Hessenschau von einer Dunkelziffer an Infizierten, die das Zehnfache der offiziellen Zahlen betragen könne. Die Pandemie nehme in Deutschland nun „an Fahrt auf“ – ein Ausbreitungsverlauf wie in Italien werde das deutsche Gesundheitssystem „überlasten“, warnte der Mediziner. „Wir kommen jetzt mitten hinein in das ansteigende Geschehen. Verglichen mit Italien hängen wir ein bis zwei Wochen hinterher. Und dort flacht die Kurve auch noch nicht ab.“ Die „Dynamik“ werde in Deutschland jetzt „sehr stark“.

Die deutschen Krankenhäuser sind auf eine solche Entwicklung nicht vorbereitet. Sie wurden in den vergangenen vier Jahrzehnten von aufeinanderfolgenden Bundesregierungen systematisch privatisiert, kaputtgespart und liquidiert. Allein zwischen 1990 und 2010 wurden ungefähr 180.000 Krankenhausbetten (-26 Prozent) abgebaut, 360 Krankenhäuser (-15 Prozent) abgewickelt und damit einhergehend auch die Anzahl der Krankenhausbetten für die akut-stationäre Versorgung deutlich reduziert.

Die kriminelle Gleichgültigkeit, die sich in dieser Politik äußert, leitet auch sämtliche Überlegungen der aktuellen Regierung. Sie nutzt die Krise als Gelegenheit für eine Klassenpolitik, die das Leben von Millionen Menschen aufs Spiel setzt. Das zeigt sich mittlerweile in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

So beschloss der Hamburger Senat am Freitag nicht etwa die Bereitstellung von Schutzausrüstung und Infektionstests für Mitarbeiter von Supermärkten und Lebensmittelläden, sondern erklärte im Gegenteil, die „Erweiterung der Öffnungszeiten“ ins Auge fassen zu wollen. Dabei schweben Experten zufolge gerade diese Arbeiter – neben Ärzten und Pflegern – derzeit in besonders großer Gefahr. Wie der NDR berichtet, setzen darüber hinaus immer mehr Supermarktketten auch Mitarbeiter aus der Verwaltung ein, um zusätzlich zu ihren anderen Aufgaben noch Regale aufzufüllen.

Im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Ländern ließ die Bundesregierung auch am Freitag noch sämtliche Restaurants geöffnet. Wenn sie künftig geschlossen sind, drohen den Inhabern existenzbedrohende Verluste. Die von der Regierung Merkel in Aussicht gestellten mickrigen Hilfsprogramme für Kleinunternehmer verblassen angesichts der Geldtöpfe, die sie Banken und Konzernen für die Aufrechterhaltung ihrer Kapitalrendite bereitstellt.

Anwärter auf staatliche Gelder stehen bereits in den Startlöchern. So kündigte der Lufthansa-Konzern am Donnerstag an, 700 von 763 Maschinen des Konzerns stilllegen zu wollen und auf Kurzarbeit umzustellen. Wenn der Staat nicht einspringe, so Lufthansa-Chef Carsten Spohr gegenüber der Presse, sei „die Zukunft der Luftfahrt gefährdet“.

Die Leidtragenden der Krise sind auch hier die Beschäftigten. Während die Lufthansa-Tochter Eurowings eigens Crewmitglieder aus dem Urlaub zurückholte, um auf anderen Kontinenten gestrandete Urlauber nach Hause zu holen, berichteten andere Flugbegleiter der WSWS, dass die Kurzarbeitsmaßnahmen sie zwängen, ihre Wohnungen zu kündigen und wieder bei ihren Eltern einzuziehen. Auch der Hamburger Flughafen meldete am Freitag Kurzarbeit an.

Über hundert Medizin-Studierende der Universität Hamburg haben sich unterdessen freiwillig gemeldet, um die Arbeit der Gesundheitsämter unentgeltlich zu unterstützen. Wie die Welt berichtet, übernehmen viele von ihnen bereits heute das Identifizieren von Kontaktpersonen sowie die Information, Betreuung und medizinische Kontrolle von Patienten in heimischer Isolation.

In den sozialen Netzwerken sorgt die gleichgültige und kriminelle Reaktion der deutschen Bourgeoisie auf die Corona-Krise für tiefes Unbehagen. „Ich arbeite im stationären Wohnbereich für Menschen mit Behinderungen“, berichtet Denise, eine Erzieherin aus Niedersachsen. „Wir arbeiten alle weiter – allerdings wurde bei mir erst vor einigen Monaten Asthma diagnostiziert und ich höre immer wieder, dass man damit zu einer Risikogruppe gehören könnte. Wie das alles weiter gehen soll, macht mir echt Angst.“

Viele von Denises Kollegen äußern zudem die Sorge, ihre Kinder und Eltern zu gefährden, wenn sie weiterhin zur Arbeit gezwungen werden. „Ich habe Angst, dass mein Sohn oder ich uns infizieren und womöglich meine herzkranke Mama anstecken“, sagt etwa Tine aus Hamburg. „Angst davor, ob der Träger [der Einrichtung] dauerhaft unsere Gehälter weiterbezahlt, wenn dieser Zustand länger anhält. Im Moment weiß ich gar nicht wohin mit der Angst. Wenn mein Sohn abends im Bett liegt, kommen mir unweigerlich die Tränen. Aber morgen muss und wird es weitergehen.“

Ihre Kollegin Caro muss nach der Arbeit bereits jetzt ihren kranken Sohn pflegen. Sein „permanenter Husten“ ängstige sie, schreibt sie auf Facebook. „Wahrscheinlich ist es nichts. Aber wer weiß das schon? Wer testet das schon?“

„Ich habe Freundinnen, die als Erzieherinnen arbeiten, in meiner Familie sind Kranken- und Altenpflegerinnen“, berichtet Jules, eine junge Sozialwissenschaftlerin aus Niedersachsen, der World Socialist Website. „Der Vater meines Partners ist Koch im Krankenhaus. Niemand ist in der Situation, auf Einkommen verzichten zu können, um laufende Kosten zu decken. Viele haben auch Angst, sich anzustecken. Eine alleinerziehende Bekannte weiß nicht, wie sie Home-Office machen soll, während das Kind zu Hause ist.“

Jules betreibt einen sozialpolitischen Blog für Studierende und junge Eltern. „Corona ist nicht der Grund für die brenzlige Situation, in der sich viele von uns momentan befinden“, schreibt sie in einem viralen Beitrag bei Instagram, „Corona ist der Auslöser.“

Der Ausbruch der Pandemie zeige, dass „dieses System [nicht] in Stein gemeißelt ist“. Zugleich fördere die Krise die wahren Klassenverhältnisse offener zutage: „Wir sind nicht alle gleichermaßen betroffen. Nicht einmal rein inländisch betrachtet.“

Massenarbeitslosigkeit, Lohnausfälle und das Erstarren der Wirtschaft träfen „vor allem die Menschen, die durch das System bereits geschwächt sind und über wenig Ressourcen verfügen. Es sind die kleinen Wohnungen ohne Garten oder Balkon, in denen man es aushalten muss – oder der Umstand, keinen festen Wohnsitz zu haben. Es sind die hohen Mieten (…), die bezahlt werden müssen. Es sind die nicht vorhandenen Ersparnisse, die einem zumindest finanzielle Sicherheit geben könnten und von denen sich Vorräte kaufen lassen würden.“

Jules lebt mit ihrem Partner und ihrem kleinen Sohn in Hannover. Ihr Studium finanzierte sie durchgehend mit zwei Jobs – als Servicekraft in der Gastronomie und im AStA ihrer Universität.

„Die Ausbeutung von Arbeitnehmerinnen aus dem ohnehin schon schlecht bezahlten Care-Bereich wird mit endlosen Schichten auf die Spitze getrieben“, sagt sie. Firmen wie Amazon etwa versuchten mit dem Ausbau prekärer Arbeitsstellen „Profit aus der veränderten Situation zu schlagen“. Auf diese Weise, so Jules, „gewinnen wieder die, die ohnehin mehr als genug haben“.

„Ich möchte, dass wir erkennen, dass unser ausgehöhltes Gesundheits- und Sozialsystem zusammenbricht, weil es so kostensparend organisiert wurde, wie der Kapitalismus es schlichtweg vorgesehen hat. Die leeren Regale sind Bildnisse für unsere Ängste, unsere Familien nicht ausreichend versorgen zu können.“

Dem Aufruf der WSWS zu einer internationalen Kampagne zur Bekämpfung des Virus und der massiven Zuweisung von Ressourcen für die Gesundheitsversorgung stimmt Jules zu: „Bei der Behandlung von Erkrankten muss viel mehr Geld fließen, vor allem in die Länder, in denen die Gesundheitssysteme versagen, beziehungsweise nicht vorhanden sind. Auch die Situation der Geflüchteten frisst mich innerlich auf. Die Lager müssen schnellstmöglich evakuiert und die Menschen uneingeschränkt aufgenommen und versorgt werden. Vor allem Kinder und Jugendliche. Natürlich nicht nur wegen des Virus, sondern generell. Außerdem müssen Abschiebungen sofort gestoppt werden. Die humanitäre Solidarität und Hilfe dürfen nicht an Staatsbürgerschaften geknüpft sein.“

„Der Kapitalismus war noch nie für die Mehrheit der Menschen“, schließt Jules. „Seine hässliche Fratze offenbart er nun für fast alle.“ Die ganze Welt müsse „zu Gunsten aller Menschen“ sozioökonomisch neu organisiert werden. „Wir müssen anfangen, Leben zu retten und nicht die Wirtschaft!“