Detroit: Amazon-Arbeiter streiken für Schutz vor Covid-19

Von Jerry White
3. April 2020

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Am Mittwochmittag legten Beschäftigte des Amazon-Versandzentrums DTW1 nördlich des Flughafens von Detroit in Romulus (Michigan) die Arbeit nieder. Nachdem mindestens drei ihrer Kollegen positiv auf das Coronavirus getestet worden waren, verlangten sie Schutzausrüstung und sichere Arbeitsbedingungen. Die Arbeiter erklärten, das Management habe das Ausmaß der Infektionen in dem Betrieb verheimlicht. Sie fordern dessen sofortige Schließung und Desinfektion.

Streikende Amazon-Arbeiterin in Detroit am Mittwochnachmittag (Quelle: Facebook)

Die Zahl der Covid-19-Fälle in Detroit ist so stark angestiegen, dass sich die Stadt neben New York City zu einem der Epizentren der Pandemie in den USA entwickelt hat. Einer der Streikteilnehmer namens Mario Crippen erklärte in einem Livestream zum Streik: „Meine Sicherheit bedeuten mir und meiner Familie mehr als siebzehn Dollar Stundenlohn. Ein Leben kann man nicht ersetzen. Aber man kann diesen Laden schließen und ihn desinfizieren.“

Tonya Ramsay erklärte: „Ich weiß, dass wir unverzichtbar sind, aber unser Leben ist es auch.“ Eine andere Arbeiterin trug ein selbstgemachtes Schild, auf dem das Nettovermögen des Amazon-Chefs Jeff Bezos und der Profit des Unternehmens im Jahr 2019 zu lesen war: „Jeff Bezos hat 119 Milliarden Dollar. Amazon hat letztes Jahr 239,9 Milliarden Umsatz und 10,1 Milliarden Dollar Profit gemacht. Sie können es sich leisten, DTW1 zu schließen und zu reinigen.“

Angesichts der Berichte, laut denen Amazon-Arbeiter in mindestens zwanzig Einrichtungen positiv auf das Coronavirus getestet wurden, mehren sich die Forderungen nach einer Schließung und Desinfektion der Einrichtungen und der Bereitstellung von Schutzausrüstung, der Möglichkeit zu Krankmeldungen und Gefahrenzulagen.

Im Vorfeld des Ausstandes in Detroit hatten u.a. die Amazon-Arbeiter in Niederlassungen in den New Yorker Stadtteilen Staten Island und Queens sowie in Chicago gestreikt. Weitere Streiks fanden in Italien und Spanien statt. Diese Woche streikten auch die Arbeiter bei Instacart und dem Amazon-Tochterunternehmen Whole Foods für Schutzausrüstung, Gefahrenzulage, längere Krankheitsurlaube und Tests für Arbeiter.

Die Arbeiter in Detroit haben ihre Forderungen auf einem Flugblatt aufgelistet, darunter:

* Die Schließung des Versandzentrums, um es professionell zu reinigen, mit voller Entschädigung für die Arbeiter

* Die Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen und die Anschaffung notwendiger Reinigungsmittel

* Eine Beschränkung des Versands auf unverzichtbare Gütern in DTW1

* Übernahme aller Arzt- und Medikamentenrechnungen für Arbeiter, die sich mit dem Virus infizieren, und für ihre Familien

* Die Aussetzung der schriftlichen Erfassung von Fällen, in denen Arbeiter Quoten nicht erfüllt haben, und die Verringerung von Stückraten, damit „die Arbeit sicher erledigt werden und der Sicherheitsabstand von zwei Metern dabei eingehalten werden kann“

* Volle Bezahlung von Arbeitern, die auf staatlichen Beschluss, aus medizinischen Gründen oder für die Pflege von Angehörigen in Quarantäne gehen müssen

* Über alle Themen und Probleme im Zusammenhang mit dem Coronavirus werden alle Arbeiter „transparent“ informiert, sobald Informationen bekannt sind

Da in den USA für mehr als 250 Millionen Menschen in irgendeiner Form Ausgangsbeschränkungen gelten, ist die Lieferung von Nahrungsmitteln und anderen grundlegenden Produkten an Menschen, die nicht einkaufen gehen können oder sollten, zu einer grundlegenden Dienstleistung geworden. Doch Amazon und andere Großkonzerne bestehen darauf, dass ihre Arbeiter weiterhin ohne Schutzausrüstung in überfüllten Verteilzentren, Supermärkten und an anderen Arbeitsplätzen tätig sein müssen.

Bezos erklärte den Amazon-Arbeitern letzten Monat in einem offenen Brief, sie müssten wegen des landesweiten Engpasses bei Schutzmasken warten „bis wir dran sind“. Bezos und andere Wirtschaftsoligarchen haben derweil selbstverständlich Zugang zum besten Schutz und zur besten Gesundheitsversorgung. Doch anstatt diesen unentbehrlichen Arbeitern den notwendigen Schutz und andere notwendige Mittel zur Verfügung zu stellen, hat Bezos die Anführer der Streiks bestraft, um andere Arbeiter einzuschüchtern.

Der Organisator des Streiks in Staten Island, Chris Smalls, wurde mit der absurden Behauptung entlassen, er habe gegen Quarantäneregeln verstoßen, nachdem er mit einem Infizierten in Kontakt gekommen war. Der Anführer des Streiks in Detroit, Mario Crippen, erklärte gegenüber dem Onlinemagazin The Verge zu diesen Vorwürfen: „Wenn ich vor ein bisschen Vergeltung Angst habe, dann kämpfe ich für niemanden. Es muss jemanden geben, der aufsteht und dafür kämpft, was richtig ist, und das muss ich sein. ... Sie haben Smalls entlassen, weil er für das gekämpft hat, was richtig ist. Wenn ich also dafür kämpfe, was richtig ist, entlässt man mich, und wenn woanders die Leute die Arbeit niederlegen, feuert man die auch. Was willst du verbergen, Amazon? Was versuchst du zu verbergen?“

Die Streiks bei Amazon, Instacart und Whole Foods verdienen die Unterstützung der gesamten Arbeiterklasse in den USA und weltweit. Millionen von Arbeitern, u.a. im Gesundheitswesen, der Logistik oder im Bereich der Lebensmittellieferung, sind bereit und in der Lage, inmitten dieser Krise einen wichtigen sozialen Dienst zu leisten. Doch diesen Arbeitern müssen angemessene Löhne und eine sichere Arbeitsumgebung garantiert werden.

Die Sozialistische Gleichheitspartei ruft die Arbeiter dazu auf, von ihnen selbst demokratisch kontrollierte Aktionskomitees an ihren Arbeitsplätzen zu bilden, um die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren und die Verteidigung ihrer Interessen sicherzustellen. Sie dürfen kein Vertrauen in die Gewerkschaften setzen. Diese Werkzeuge der Konzernmanager haben nichts unternommen, um die Sicherheit der Arbeiter zu gewährleisten. Die Aktionskomitees müssen in Zusammenarbeit mit medizinischen Fachkräften an allen Arbeitsplätzen die Sicherheit aller Arbeiter garantieren.

Die SGP betont, dass die großen Banken und Konzerne wie Amazon nicht gerettet, sondern in öffentliche Versorgungsbetriebe umgewandelt und der demokratischen Kontrolle der Arbeiterklasse unterstellt werden müssen – ohne Entschädigung für die milliardenschweren Aktionäre und Unternehmensvorstände.

Es gibt keinen Grund, warum die Verteilung von Nahrung und anderen Grundgütern von Instacart, Amazon oder sonstigen Privatfirmen organisiert werden muss. Diese wichtige soziale Dienstleistung sollte stattdessen Teil einer zentral geplanten sozialistischen Wirtschaft sein, deren Grundlage nicht das Erzielen privater Profite, sondern die Befriedigung sozialer Bedürfnisse ist.