New York: Die neun Beethoven-Sinfonien unter Leitung von John Eliot Gardiner

“Diese Musik hat mit sozialer Gleichheit, Revolution und Konterrevolution zu tun“

Von Fred Mazelis
4. April 2020

Die Coronavirus-Pandemie hat die meisten Pläne des Jubiläumsjahrs zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven (1770-1827) zunichte gemacht. Auf allen Kontinenten wurden die geplanten Konzerte abgesagt. Auch das Beethoven-Haus in seiner Geburtsstadt Bonn sagte Mitte März alle Veranstaltungen und Museumsangebote bis auf Weiteres ab. Unter anderem sollte ein „Musikfrachter“, umgebaut zur schwimmenden Bühne, über den Rhein und die Donau von Bonn nach Wien fahren und eine Vielzahl von Musikveranstaltungen an Land und auf dem Wasser durchführen. Stattdessen boten die Organisatoren am vergangenen Wochenende Konzerte für die ganze Familie über Video an.

In New York City plante die Carnegie Hall mehr als drei Dutzend Konzerte zwischen Januar und Juni dieses Jahres, zudem sollte eine „Beethoven-Feier“ in Abstimmung mit Museen und anderen Institutionen der Stadt zu Ehren des großen Komponisten stattfinden. Nur ein kleiner Teil konnte vor der Schließung der Konzertsäle verwirklicht werden.

Sozusagen in letzter Minute fanden die Konzerte des in London ansässigen Orchestre Révolutionnaire et Romantique (gegründet 1989) statt. Der weltberühmte Dirigent John Eliot Gardiner, der für seine Rolle bei der Wiederbelebung der Alten Musik und der Verwendung von Instrumenten aus der Zeit der Bach-, Haydn-, Mozart- und Beethoven-Epoche bekannt ist, leitete fünf Aufführungen, die den neun Sinfonien Beethovens gewidmet waren.

Orchestre Révolutionnaire et Romantique und John Eliot Gardiner in der Carnegie Hall (Foto–Richard Termine)

Diese Konzerte vom 19. bis 24. Februar waren ursprünglich mit einem weiteren Zyklus derselben Beethoven-Sinfonien verbunden, den das Philadelphia Orchestra unter seinem Musikdirektor und Dirigenten Yannick Nézet-Séguin Mitte März bis Anfang April präsentieren wollte. Die Idee war, diese berühmten Werke auf historischen Instrumenten aus Beethovens Zeit und vergleichend auf den Instrumenten eines modernen Orchesters zu spielen.

Dieser Autor hatte die Gelegenheit, zwei Konzerte mit Gardiner und seinem Orchester zu besuchen. Auf dem Programm standen die Erste und die Achte Sinfonie sowie die monumentale Neunte, das vielleicht berühmteste Werk im gesamten klassischen Musikkanon. Gardiner nahm auch an einer Podiumsdiskussion und Präsentation teil, die sich mit der historischen Aufführungspraxis sowie der Bedeutung von Beethovens Werk befasste.

Gardiner ist ein überzeugender Botschafter für die historische Aufführungspraxis, die auf der Erforschung von Stil, Technik und Instrumenten früherer Perioden der Musikgeschichte basiert. Als dieser Ansatz in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker in Erscheinung trat, war er zunächst umstritten. Kritiker argumentierten, es sei unmöglich zu wissen, wie eine musikalische Darbietung vor zwei Jahrhunderten oder noch früher klang.

Orchestre Révolutionnaire et Romantique, Lucy Crowe und John Eliot Gardiner (Foto–Chris Lee)

Es gibt Befürworter von Aufführungen auf historischen Instrumenten, die einen dogmatischen Ansatz verfolgen, aber Gardiner gehört sicher nicht dazu. Er leugnet nicht die Rolle moderner Instrumente, insbesondere im Werk von Anton Bruckner, Gustav Mahler, Richard Strauss und anderen Spätromantikern. In seinem Vortrag in der Carnegie Hall im Februar betonte er, dass seine Annäherung an Bach, Beethoven und andere große Komponisten der Vergangenheit nichts mit musikalischer „Archäologie oder Exhumierung“ zu tun habe. Er erklärte, warum er für Beethoven die Verwendung von historischen Instrumenten bevorzuge. „Moderne Instrumente sind technisch viel fortschrittlicher, leichter und wunderbar zu spielen“, so Gardiner, aber es bestehe die Gefahr, dass der Klang es dem Hörer nicht erlaubt, die verschiedenen Elemente der Musik zu unterscheiden. „So wunderbar wie Furtwängler, Toscanini und neuere Dirigenten auch sind, sie lassen mich zweifeln, ob [moderne Instrumente] die passende Klanglandschaft“ für Beethoven darstellen.

Zu den historischen Instrumenten gehören klappenlose Hörner und Trompeten, historische Violinen und andere Streichinstrumente sowie Schlaginstrumente, die sich von ihren modernen Nachfolgern unterscheiden. Die unterschiedlichen Klangfarben und Lautstärken sind zugleich von einer größeren Klarheit begleitet. Gardiner bezeichnete seine Aufführungen als „Operationen am offenen Herzen. Sie werden all die inneren Stränge sehen, Sie werden den Kampf, das Leben sehen.“ Sein Orchestre Révolutionnaire et Romantique lege in der musikalischen Interpretation großen Wert darauf, Transparenz und emotionale Tiefe zu verbinden.

Gardiner ging auch ausführlich auf die soziale und politische Bedeutung von Beethovens Musik ein. Beethoven habe inmitten „eines Strudels politischer Ereignisse“ gearbeitet und seine Musik habe „mit sozialer Gleichheit, Revolution und Konterrevolution zu tun“, betonte er in der Carnegie Hall.

Nach seiner Jugend in der Zeit der französischen Revolution war er umgeben von der „desillusionierten, erstickenden Wiener Atmosphäre der Metternich-Ära“ während der Periode der Reaktion, die durch den Wiener Kongress 1815 eingeleitet wurde.

Beethovens Werk ist sehr eng mit dem des revolutionären Aufklärungsdichters Friedrich Schiller verbunden. „Im Beethovenkreis in Bonn waren Schillers Stücke Pflichtlektüre“, so Gardiner. Der junge Beethoven sei erstmalig 1785 mit der Ode an die Freude in Berührung gekommen, die zum Text des Schlusssatzes der Neunten Sinfonie werden sollte. In jenem Jahr erschien auch Schillers Don Carlos, der den Widerstand gegen die Tyrannei thematisierte, symbolisiert durch die Figur des Marquis von Posa. Dieser Figur setzte 1867 Giuseppe Verdi in seiner großen Oper mit dem gleichen Titel ein Denkmal.

Beethoven war nicht konsequent in seinen politischen Ansichten. Es gab Zeiten, in denen er sich dem Status quo anpasste, und bei ganz wenigen Anlässen komponierte er minderwertige Musik, wie beispielsweise Wellingtons Victory zum Gedenken an den Sieg des Herzogs von Wellington über Joseph Bonaparte, Napoleon Bonapartes älteren Bruder, in der Schlacht von Vitoria in Spanien im Juni 1813.

Ludwig van Beethoven im Jahr 1815 (Portrait von Joseph Willibrord Mähler)

Hauptsächlich wurde er jedoch durch den revolutionären Geist seiner Zeit inspiriert. Gardiner vergleicht ihn mit dem spanischen Maler Francisco Goya, und auch die Namen der englischen Dichter Percy Shelley und Lord Byron könnten an dieser Stelle genannt werden. In einem Interview in der New York Times erklärt Gardiner: „Beethoven befasste sich mit philosophischen und sogar politischen Themen, wie unangenehm diese auch für die Behörden im repressiven Wien gewesen sein mögen. Und weil acht seiner neun vollendeten Sinfonien keine Worte enthalten, kam er damit durch, ohne Leib und Leben zu gefährden.“ So reflektiere die Dritte und Fünfte Sinfonie des Komponisten „seine Überzeugung, dass die Werte der Französischen Revolution, die sich wie ein Lauffeuer in ganz Europa verbreitet hatten, nun bedroht waren und einer starken Verteidigung bedurften.“

Gardiner diskutiert auch die Bedeutung Beethovens heute und lehnt die Vorstellung ab, dass seine Musik in einem Vakuum existiert. „Ich glaube nicht, dass Beethoven ein Jubiläum braucht, um viel gespielt zu werden. Ich bin sicher, dass er das nicht nötig hat. Aber wenn wir diesen 250. Jahrestag begehen wollen, müssen wir sehr, sehr sicher sein, dass wir – und er -- jetzt im Jahr 2020 etwas zu sagen haben, was für unsere Lebensauffassung, unsere Gesellschaft und Kultur relevant ist. Es gibt deutliche Parallelen zwischen seiner Situation zu Beginn des 19. Jahrhunderts und unserer heutigen, zwischen seiner politischen Botschaft und seinem rebellischen Geist, dem Unbehagen, das er in seinen Sinfonien zum Ausdruck brachte, und der Situation, in der wir uns heute befinden.“

Diese lebendige und leidenschaftliche Annäherung an Beethoven fand in den Aufführungen der Ersten, Achten und Neunten Sinfonie des Orchesters im Februar einen lebendigen Ausdruck.

Oft wurde bemerkt, dass der Komponist in den Sinfonien mit geraden Zahlen dazu tendiert, musikalisch ausgeglichener zu komponieren, während sich in den letzten vier Sinfonien mit ungeraden Zahlen (der Dritten, Fünften, Siebten und Neunten) sein Genie in explosiven Ausbrüchen ausdrückt. Man hat das Gefühl, als müsse er sich nach solcher Verausgabung wieder ausruhen. Aber die „leichter“ klingenden sinfonischen Werke sind natürlich alles andere als leicht.

Die Wiedergabe der Neunten Sinfonie durch das Orchestre Révolutionnaire et Romantique war überzeugend. Zwölf Jahre trennen sie von der Achten Sinfonie, eine Zeit, in der Beethoven die Missa Solemnis sowie Werke für Klavier und Kammermusik komponierte. Offensichtlich fiel es dem Komponisten schwer, für die Themen, die ihn beschäftigten, einen geeigneten sinfonischen Ausdruck zu finden. Als die Neunte schließlich 1824 uraufgeführt wurde, stieß das ungewöhnlich originelle Werk zunächst auf Verwirrung des zeitgenössischen Publikums.

Nach einer Aufführung der Neunten schrieb Robert Schumann in seiner Fastnachtsrede von Florestan: „es scheinen im Werk die Dichtgattungen enthalten zu sein, im ersten Satz das Epos, im zweiten der Humor, im dritten die Lyrik, im vierten (die Vermischung aller) das Drama.“ Die Aufführung unter Gardiner mit dem Monteverdi-Chor und Solisten wie die Sopranistin Lucy Crowe, der Altist Jess Dandy, der Tenor Ed Lyon und der Bassist Matthew Rose entsprach dieser Beschreibung sehr gut.

Im ersten Satz schält sich aus der Stille fast unmerklich und nur allmählich, in der für Beethoven eigentümlichen Weise, eine Art Melodie heraus. Dieser Satz erinnert an Giuseppe Verdis Bemerkung, dass „Beethoven kein Melodiker war“. Die Aussage ist nicht ganz wörtlich zu nehmen, aber dennoch bedeutsam. Oder wie es Harvey Sachs in seinem Buch The Ninth: Beethoven and the World in 1824formulierte: „Wenn herausragende Komponisten etwas Hörenswertes zu sagen haben, spielt es keine Rolle, ob das Schreiben schöner Melodien eine ihrer Haupttugenden ist.“ (Aus dem Engl.) Natürlich gibt es bei Beethoven auch Melodien, aber sie sind oft wütend, unruhig oder explosiv, und nicht auf konventionelle Art schön und harmonisch.

Man kann sich gut vorstellen, wie wütend Beethoven auf einige heutige Radiomoderatoren für klassische Musik reagieren würde, die sein Werk als „Trost“ und „Ruhe“, als Pause im Sturm und Stress des täglichen Lebens verkaufen.

Im Schlusssatz der Neunten wiederholt Beethoven die Hauptthemen der ersten drei Sätze und unterbricht sie jeweils durch eine kurze Passage mit einem sprachähnlichen Muster, das an ein Opernrezitativ erinnert. Der Komponist spielt die Themen kurz durch, verlässt sie wieder und greift allmählich das Thema der Ode an die Freude auf, mit dem die Sinfonie schließlich zu ihrem jubelnden Höhepunkt mit Chor, Orchester und Solisten gelangt.

Orchestre Révolutionnaire et Romantique und John Eliot Gardiner (Foto–Richard Termine)

Diese einzigartige Satzkonstruktion und abschließende Hymne vermittelt unwillkürlich die Aufforderung, einen Kampf für Humanität aufzunehmen und sich Schillers Worte „Alle Menschen werden Brüder“ zu eigen zu machen.

Das Konzert in der Carnegie Hall demonstrierte eindrucksvoll, wie sehr Gardiner auf Klarheit gepaart mit emotionaler Tiefe setzt. Kompositionsstruktur, die einzelnen Instrumente und ihr Gesamtklang werden dem Zuhörer vermittelt, ohne den Genuss der Musik zu verlieren. Die Tatsache, dass sein Ensemble nicht die Größe eines vollen Orchesters mit modernen Instrumenten hat, mindert seine musikalische Kraft nicht.

Zwar wird es in diesem Frühjahr keine Gelegenheit geben, die Beethoven-Sinfonien auf modernen Instrumenten in der Carnegie Hall zu hören, doch gibt es viele Online-Möglichkeiten, die verschiedenen Aufführungspraktiken von Beethovens Werken zu vergleichen. Beide Stile haben Vorteile. Ob mit modernen Instrumenten oder historischen Instrumenten, der Funken von Beethovens Musik wird auf die Menschen überspringen, solange die Orchester selbst auf die Leidenschaft und Inspiration dieser Kompositionen reagieren.