Geschichtsfälschung im Dienst der Identitätspolitik: „Antisemitism and the Russian Revolution“ von Brendan McGeever

Teil 1

Von Clara Weiss
16. Mai 2020

Brendan McGeever
„Antisemitism and the Russian Revolution“ [Antisemitismus und die russische Revolution]
Cambridge University Press 2019, 260 Seiten.
Alle Seitenangaben (wenn nicht anders vermerkt) beziehen sich auf dieses Buch.

Brendan McGeever, "Antisemitism and the Russian Revolution"

Der britische Soziologe Brendan McGeever erhebt den Anspruch, mit seinem Werk „Antisemitism and the Russian Revolution“ eine „Geschichte des Antisemitismus in der russischen Revolution“ vorzulegen. Doch das Buch verfälscht die wirkliche Geschichte, um für Identitätspolitik zu argumentieren und gegen eine marxistisch geführte sozialistische Revolution als Vorbedingung für die Überwindung von Rassismus und Antisemitismus.

McGeever behauptet, er möchte der „politischen Linken“ in ihrem Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus „mehr Möglichkeiten an die Hand geben“. Zu Beginn seines Buchs weist er auf den starken Einfluss hin, den der Kampf der Bolschewiki gegen Antisemitismus auf das Bewusstsein der unterdrückten Massen auf der ganzen Welt hatte, insbesondere auf die afroamerikanischen Intellektuellen in den Vereinigten Staaten. Er zitiert den führenden farbigen Künstler und Intellektuellen der Harlem Renaissance, Claude McKay, aus dem Jahr 1919:

Claude McKay

„Jeder Schwarze … sollte den Bolschewismus studieren und den farbigen Massen seine Bedeutung erklären. Er ist die bedeutendste wissenschaftliche Idee, die sich heute auf der Welt ausbreitet … Der Bolschewismus hat Russland für die Juden sicher gemacht. Er hat den slawischen Bauern von Priestern und Bürokraten befreit, die ihn nicht mehr zum Judenmord aufhetzen können, um ihre überkommenen Institutionen zu schützen. Er könnte die Vereinigten Staaten von heute sicher für die Farbigen machen … Sollte die russische Idee die weißen Massen in der westlichen Welt ergreifen … dann würden die schwarzen Arbeiter automatisch frei sein“ (S. 1, aus dem amerikanischen Englisch).

Das „politische“ Angebot McGeevers besteht darin, diese Konzeption – eine marxistisch geführte soziale Revolution als Weg vorwärts im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus – bewusst zu untergraben.

Um dieses Ziel zu erreichen, bringt er vornehmlich zwei Behauptungen vor: Erstens versucht er zu zeigen, dass der Antisemitismus der „sozialen Basis“ des Bolschewismus (der Arbeiterklasse und den ländlichen Armen) inhärent sei, indem er unterstellt, die Hauptschwierigkeit für das „sowjetische Projekt“ sei der Antisemitismus innerhalb der Roten Armee gewesen. Zweitens behauptet er, dass der Kampf des jungen sowjetischen Staates gegen Antisemitismus politisch nicht in den „internationalistischen und assimilatorischen Strömungen des Marxismus“ gründete, sondern in der nationalen Orientierung einer Gruppe nichtbolschewistischer jüdischer Sozialisten.

Die Theorie des Klassenkampfs, so McGeever, sei auf keinen Fall die Basis für den Kampf gegen Antisemitismus gewesen, sondern habe diesem Kampf sogar geschadet.

Ursprung und Rolle des Antisemitismus in der russischen Revolution

Weit entfernt davon, eine objektive Darstellung der Ursprünge und der Rolle des Antisemitismus in der Revolution anzustreben, greift McGeever bestimmte Fakten und Ereignisse heraus und lässt andere unerwähnt, um seine Behauptung, „der Antisemitismus konnte innerhalb der revolutionären Politik festen Fuß fassen“, zu stützen.

Bevor wir auf die Ursprünge des Antisemitismus eingehen, müssen wir konstatieren, dass McGeevers ausschließliche Konzentration auf Pogrome der Roten Armee, welche seinen eigenen Worten zufolge „Randerscheinungen “ waren, historisch nicht haltbar und, offen gesagt, politisch unredlich ist. Sein Buch enthält mehrere grauenerregende Darstellungen von Pogromen der Roten Armee, doch keine einzige eines Pogroms der konterrevolutionären Kräfte.

Dabei geht die große Mehrheit der ermordeten 50.000–200.000 und schwer verletzten 200.000 Menschen, die im russischen Bürgerkrieg Opfer antijüdischer Gewalt wurden, auf das Konto der Weißen und ukrainischen nationalistischen Kräfte. Pogrome der Roten Armee machten weit unter zehn Prozent der Gesamtzahl der Pogrome im Bürgerkrieg aus und geschätzte 2,3 Prozent der durch antisemitische Gewalt Getöteten. Zwischen 1918 und 1920 fanden in 1.300 Städten und Dörfern in der Ukraine, dem zentralen Schauplatz antijüdischer Gewalt im Bürgerkrieg, über 1.500 Pogrome statt.

Tabelle zusammengestellt auf der Grundlage von Zahlen aus Matthias Vetter, „Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjetsystem und Judenfeindschaft 1917–1939“

Es waren die Rote Armee und die Gründung der Sowjetunion im Jahr 1922, die dem bis dahin größten Massaker an Juden in der Geschichte ein Ende setzten. Dies war vor dem Genozid der Nazis während des Zweiten Weltkriegs, dem sechs Millionen Juden zum Opfer fielen. McGeever geht es in erster Linie darum, diese historische Leistung herabzumindern und ein falsches Bild ihrer politischen Grundlage zu vermitteln. Dazu muss er Ursprung und Charakter des modernen politischen Antisemitismus in grober Weise verzerren.

Zur Erläuterung seines Antisemitismus-Verständnisses zitiert McGeever Moishe Postones Behauptung, dass Antisemitismus „in Krisenmomenten antihegemonial erscheinen kann“ (zitiert auf S. 7). Postone, ein Anhänger der Frankfurter Schule, stellte diese These 2006 auf, ausgehend von seiner Einschätzung des Antisemitismus als einer „antikapitalistischen“ Bewegung.

Postone hatte seine Positionen im Zuge des französischen Generalstreiks des Jahres 1968 entwickelt, als Schichten der akademischen Intelligenz eine scharfe Wende nach rechts vollzogenund immer offener den Marxismus und die Konzeption der revolutionären Rolle der Arbeiterklasse angriffen. In einem Artikel aus dem Jahr 1980 wandte sich Postone ausdrücklich dagegen, bei der Diskussion über den Aufstieg von Nazismus und Antisemitismus den Fokus auf die Arbeiterklasse zu legen, und er wies generell die marxistische Auffassung zurück, der Faschismus erwachse aus dem Kapitalismus.

Er postulierte, dass der Antisemitismus eigentlich eine Form von Antikapitalismus sei. Diese völlige Fehlorientierung gipfelte in der reaktionären Behauptung, dass Auschwitz „die wahre deutsche Revolution“ gewesen sei, und ein Verbrechen, das nicht daraus resultierte, dass die Nazis den Kapitalismus verteidigten, sondern aus revolutionären Veränderungen der gesellschaftlichen Beziehungen, die die Nazis durchsetzten. [1]

Diese Einschätzung des Antisemitismus stellt die Wirklichkeit auf den Kopf. Der moderne politische Antisemitismus appellierte zwar an verwirrte und rückständige antikapitalistische Stimmungen in der Mittelklasse, entpuppte sich aber als ideologische Waffe, die gegen die sozialistische Arbeiterbewegung gerichtet war und die kapitalistische Ordnung verteidigte. Diese Dynamik trat im russischen Zarenreich wahrscheinlich klarer und früher als irgendwo sonst hervor, und McGeevers Argumentation stützt sich ganz und gar darauf, dass er eine ernsthafte Erörterung dieser Geschichte unterschlägt.

Der politische Antisemitismus im russischen Zarenreich war beträchtlich beeinflusst von der Reaktion des Adels und der orthodoxen Kirche auf die Französische Revolution von 1789, mit der die feudale Herrschaft gestürzt und den Juden Bürgerrechte gewährt wurden. Der Zarenhof, die orthodoxe Kirche und Teile des Adels begannen, die Juden mit „auswärtigen“ Elementen und sozialer Revolution in Verbindung zu bringen.

Karte des Ansiedlungsrayons

Die Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung wurde sowohl aus politischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen zur Staatspolitik. Ein Dekret des Zaren aus dem Jahr 1791 zwang die Juden des Russischen Reiches dazu, sich ausschließlich im sogenannten Ansiedlungsrayon dauerhaft niederzulassen. Dieses Gebiet, das bis 1917 bestand, erstreckte sich auf die heutige Ukraine, die baltischen Staaten, Weißrussland und einen Großteil des heutigen Polen. In erster Linie sollte damit die Konkurrenz jüdischer Händler eingedämmt werden, die als Bedrohung für die Moskauer Kaufleute betrachtet wurde. Den Juden wurden von da an besondere „Ansiedlungsbezirke“ zugewiesen, und seit 1794 wurden sie doppelt so stark besteuert wie der Rest der Bevölkerung.

Mit dem Auftreten eines multiethnischen und multireligiösen Proletariats im Russischen Reich sowie einer marxistischen Arbeiterbewegung in den beiden letzten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts nahm der offizielle Antisemitismus immer offener eine konterrevolutionäre und antisozialistische Orientierung an.

Die jüdische Bevölkerung stellte den am stärksten verstädterten Bevölkerungsteil im russischen Zarenreich und machte rasch einen beträchtlichen Anteil des neu entstandenen Proletariats aus. Am Ende des Jahrhunderts waren 52 Prozent der gesamten Stadtbevölkerung Weißrusslands und Litauens Juden, und jüdische Handwerker machten zwei Drittel bis drei Viertel der gesamten Klasse der Handwerker aus, die sich ihrerseits zu einem beträchtlichen Teil aus dem Gesamtproletariat innerhalb des Ansiedlungsrayons (außer Polen) zusammensetzte. [2]

Karl Kautsky, der führende deutsche Marxist der Zweiten Internationale, beschrieb die Bedingungen, denen jüdische Arbeiter zu dieser Zeit ausgesetzt waren, folgendermaßen: „Wenn das russische Volk mehr leidet als andere Völker, wenn das russische Proletariat mehr ausgebeutet wird als ein anderes Proletariat, so gibt es doch noch eine andere Klasse von Arbeitern, die noch mehr unterdrückt, ausgebeutet und geschunden werden als andere; dieser Paria unter den Parias ist das jüdische Proletariat in Russland.“ [2a]

Ein Hauptziel der staatlichen Diskriminierung der Juden und der Unterstützung für den Antisemitismus bestand darin, die sich entwickelnde Arbeiterbewegung zu spalten und die wachsenden antikapitalistischen und antizaristischen Stimmungen in der Arbeiterklasse und Bauernschaft in reaktionäre Kanäle zu lenken. Das wichtigste Feindbild des russischen Antisemitismus war der „jüdische Revolutionär“ bzw., nach 1917, der „jüdische Bolschewik“ und „jüdische Kommunist“.

Der deutsche Historiker Ulrich Herbeck schreibt:

„In dem Maße, in dem sich ab Ende der 90er-Jahre eine neue revolutionäre und demokratische Bewegung in Russland entwickelte, war die Reaktion dagegen antisemitisch aufgeladen, wohingegen die revolutionäre Bewegung die Gleichstellung der Nationalitäten und das Ende der religiösen Diskriminierung zu ihren Forderungen zählte. Spätestens ab Anfang des 20. Jahrhunderts war damit ein Rechts-links-Schema in der russischen Politik festgelegt, das den Antisemitismus eindeutig bei der Rechten einordnete … Der Verlauf der Revolution von 1905 etablierte endgültig die antirevolutionäre Ausrichtung des russischen Antisemitismus. Zum einen nahm die antisemitische Agitation im Laufe des Jahres sprunghaft zu, des Weiteren entstanden antirevolutionäre Organisationen, die extrem antisemitisch ausgerichtet waren. Höhepunkt dieser Entwicklung aber war die antijüdische Pogromwelle, die als konterrevolutionärer Backlash auf das Zarenmanifest vom 17. Oktober 1905 wirkte …

Die abermalige Zunahme und Radikalisierung des Antisemitismus ab 1911–12 ist eng mit der Unsicherheit der Antisemiten über den Fortbestand des zaristischen Systems verknüpft. Vertreter der parlamentarischen Rechten begründeten ihre Ablehnung der Juden, selbst wenn dieser Antisemitismus sich restaurativ gegen Lockerungen der Judengesetzgebung richtete, immer mit der drohenden revolutionären Gefahr, die von den Juden ausgehe. So äußerte sich Markov II auf dem siebten Kongress des Vereinigten Adels im Februar 1911 folgendermaßen: ‚Wir kämpfen und alle Staaten der Welt kämpfen gegen den Sozialismus … Uns erwartet eine soziale Revolution, die wieder von den Juden vorbereitet wird.‘“ [3]

Der russische Staat finanzierte und unterstützte planmäßig antisemitische, rechtsextreme Publikationen und Organisationen. Zwischen 1905 und 1916 wurden 14.327 Millionen (!) Ausgaben von 2.873 antisemitischen Büchern und Flugblättern publiziert. Alle passierten die staatliche Zensur, und viele von ihnen erhielten eine Finanzierung durch das Innenministerium. [4] Während des Ersten Weltkriegs wurde der Antisemitismus gezielt von der Führung der russischen Armee gefördert.

McGeever bespricht nichts davon. Seine Arbeit erwähnt mit keinem Wort die politischen und sozialen Kräfte, die vor der Revolution den Antisemitismus aktiv unterstützten. Nach einem kurzen und fehlerhaften Überblick über die Stellung der sozialistischen Bewegung zum Antisemitismus springt er unvermittelt ins Jahr 1917 und die Zeit des Bürgerkriegs, als die größten Pogrome in der Ukraine stattfanden. Er behauptet, sein Material liefere die Grundlage, das bislang ungekannte Ausmaß antisemitischer Stimmungen in der Roten Armee zu erkennen, in der, in seinen Worten, „der Antisemitismus grassierte“ (S. 105).

Antisemitische Stimmungen in der Roten Armee, die sich großenteils aus Bauern zusammensetzte, sowie die von einigen Abteilungen verübten Pogrome sind jedoch bereits ausführlich untersucht und beschrieben worden. Die bekanntesten Zeugnisse von Zeitgenossen finden sich in Isaak Babels Roman „Die Reiterarmee“. Die Führung der Bolschewiki und der Roten Armee wussten über sie sehr genau Bescheid und führten eingehende Diskussionen darüber. Auch Historiker wie Matthias Vetter, Ulrich Herbeck und Oleg Budnizki haben sie ausführlich dargestellt.

Nach einem Pogrom in Fastiw (Ukraine), verübt 1919 von Denikins Truppen

Ebenfalls gut bekannt ist, dass antisemitische Traditionen in der Bauernschaft in jenen Gebieten besonders ausgeprägt waren, die heute Bestandteil der Ukraine sind, wo sie von einem starken Zusammenfallen von ethnischer und Klassenspaltung befeuert wurden. Jahrhundertelang machten Ukrainer den überwiegenden Teil der Bauern aus, während der Adel zumeist aus Polen und Russen bestand und Juden oft als Geldverleiher für den Adel fungierten.

Daher resultierten seit dem 17. Jahrhundert mehrere Bauernaufstände gegen den Adel häufig in mörderischen antijüdischen Pogromen. Die berüchtigtsten Beispiele sind die Pogrome der Jahre 1648–1649 unter Führung von Bohdan Chmelnyzkyj, die unter der Bezeichnung „Khurbn“ (Katastrophe) Eingang in die jüdische Geschichte gefunden haben.

Als der Kapitalismus in diese Regionen eindrang, waren es zumeist Russen und Juden, aus denen sich die neue Arbeiterklasse formierte. Der russische Staat und die ukrainische nationalistische Bewegung versuchten deshalb bewusst, diese antisemitischen Stimmungen zu schüren, innerhalb der Arbeiterklasse wie auch zwischen Bauern und Arbeitern.

McGeevers Darstellung indessen reißt die Pogrome von Bauern und Einheiten der Roten Armee aus dem größeren Zusammenhang der Geschichte des Antisemitismus heraus. Damit bleiben nicht nur ihre wirklichen Wurzeln unverständlich, auch der Charakter des Antisemitismus in der Revolution insgesamt erfährt dadurch eine verzerrte Darstellung, und die Rolle, die der Antisemitismus als politische Waffe der Konterrevolution gegen die Bolschewiki und die Sowjetmacht spielte, wird verschleiert.

Den Weißen (die die Restauration von Autokratie und Kapitalismus unterstützten) und den ukrainischen Nationalisten, die den unterdrückten Bauern nichts anzubieten hatten außer der Wiedereinführung der verhassten Autokratie oder der Bildung eines bürgerlichen Marionettenstaats des Imperialismus, blieb nur der Antisemitismus, um an die unterdrückte Landbevölkerung zu appellieren. Wann immer die konterrevolutionären Kräfte eine Niederlage gegen die Bolschewiki einstecken mussten, machten sie die jüdische Bevölkerung dafür verantwortlich, indem sie das Feindbild des „jüdischen Bolschewiken“ beschworen. Ein Historiker beschrieb eines dieser Pogrome, das im Februar 1919 in Proskurow in Podolien (heute Ukraine) stattfand:

„Ein besonders drastisches Beispiel sind hierfür die Ereignisse vom Februar 1919 in Proskurow in Podolien. Auch dort wurden die Juden, die die Hälfte der 50.000köpfigen Bevölkerung der Stadt bildeten, für einen bolschewistischen Aufstand verantwortlich gemacht. Der Ataman Semesenko erklärte, dass die Juden die größten Feinde des ukrainischen Volkes seien und abgeschlachtet und bis zum letzten vernichtet werden müssten. Die Kosaken mussten einen Eid ablegen, dass sie die Juden töten, aber nicht berauben werden, was auch eingehalten wurde. Das folgende dreieinhalbstündige Massaker forderte 1500 Menschenleben.“ [5]

Da sich die Rote Armee überwiegend aus Bauern rekrutierte, von denen große Teile ihre politische Einstellung mehrmals während des Bürgerkrieges wechselten, war es unvermeidlich, dass antisemitische Vorurteile, die jahrzehntelang von der Autokratie und bürgerlichen Kräften geschürt worden waren und sich durch Analphabetentum und Unwissenheit verfestigt hatten, in der sowjetischen Armee ihren Niederschlag fanden.

Wie der russische Historiker Oleg Budnizki jedoch feststellte: „Anders als die Weißen schwiegen die Roten dieses Problem nicht tot; vielmehr bemühten sie sich ernsthaft, die judenfeindliche Gewalt zu stoppen und waren willens, dazu alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen.“ [6]

Der Kampf gegen den Antisemitismus war für den sowjetischen Staat wie für die Rote Armee eine grundsätzliche Frage. 1918 und 1919 erließen die Sowjetregierungen Russlands und der Ukraine (unter Christian Rakowski) mehrere Dekrete gegen den Antisemitismus. Im Jahr 1919, während des Bürgerkriegs, inmitten wirtschaftlicher Zerstörung und Chaos, finanzierte die Sowjetregierung drei Aufklärungsfilme über Antisemitismus und die Tonaufnahme einer Rede Lenins.

In der Roten Armee wurden Flugblätter gegen den Antisemitismus verteilt. An Pogromen Beteiligte wurden schwer bestraft. Beispielsweise wurden die Einheiten, die an den Pogromen von Budjonnys Erster Roter Reiterarmee in Polen im Jahr 1920 beteiligt waren, aufgelöst, und bis zu 400 Reiter wurden exekutiert. (Vgl. „Antisemitismus und Russische Revolution“).

Dagegen förderten die Armeen der Weißen und der ukrainischen Nationalisten, die Priester der orthodoxen Kirche sowie die deutschen und österreichischen Besatzungsbehörden systematisch den Antisemitismus – vor allem in Form von Anschuldigungen gegen die „jüdischen Bolschewiken“.

Da McGeever diese Fakten nicht bestreiten kann, versucht er, sie herunterzuspielen, und überflutet seine Leser mit erschütternden Beschreibungen von Pogromen – nicht um Erklärungen zu liefern, sondern um zu schockieren.

Antisemitisches Propagandaplakat der Weißen: Leo Trotzki als jüdischer Teufel

Wenngleich sie fraglos grauenvoll waren, fanden die meisten der schauerlichen Pogrome der Roten Militärkräfte, die McGreever am Anfang seines Buches beschreibt, zu einer Zeit statt, als diese Einheiten praktisch keiner militärischen Disziplin unterstanden. Der noch junge Arbeiterstaat, dessen Macht kaum über Petrograd und Moskau hinausreichte (und auch dort kämpfte er ums Überleben), hatte alle Mühe, seine Kräfte für den Kampf gegen 19 Invasionsarmeen mächtiger imperialistischer und kapitalistischer Staaten, die nach Russland eindrangen, zu sammeln.

McGeever spricht dies an einer Stelle an und gibt zu, dass der Mangel an Disziplin unter den Roten Garden und der Armee in der Frühphase des Krieges „vielleicht zur Erklärung des Charakters und des Ausmaßes des Antisemitismus in der Roten Armee beiträgt“. (S. 45)

Außerdem wurde die große Mehrzahl antisemitischer Gewalttaten in der Roten Armee von Einheiten verübt, die zuvor für die Weißen oder ukrainische Nationalisten gekämpft hatten. Wie ein deutscher Historiker schrieb, wurden „von allen 106 erfassten antijüdischen Ausschreitungen ‚roter‘ Truppen 72 eindeutig von ehemaligen ukrainischen oder weißen Einheiten verübt“. [7]

McGeever verwirrt seine Leser noch weiter, indem er die antisemitischen Pogrome zitiert, die im Frühling 1919 unter der Führung des ukrainischen Atamans Grigorjew verübt wurden, und diese als Beispiel anführt, wie „sich bolschewistischer revolutionärer Diskurs und antisemitische Konzeptionen des Jüdischseins überlappen konnten“. Diese Bemerkung ist einfach nur irreführend.

Grigorjew hatte im Jahr 1918 kurze Zeit für die Bolschewiki gekämpft, ebenso wie zahlreiche andere Atamane, die später die Seiten wechselten. Tatsächlich waren die antijüdischen Pogrome, wie McGeever eingesteht, Teil eines antibolschewistischen Aufstandes, in welchem Grigorjew seine Anhänger dazu aufrief, die „‘Juden‘-Sowjet-Regierung“ anzugreifen.

Die Bolschewiki mobilisierten die Rote Armee, um den Aufstand zu unterdrücken, und konnten deshalb der belagerten ungarischen Sowjetrepublik nicht zu Hilfe eilen. Alle offiziellen Dokumente verurteilten die antijüdische Gewalt aufs Schärfste. In diesem Sinn veröffentlichte das Odessaer Komitee der Kommunistischen (bolschewistischen) Partei der Ukraine im Sommer 1919 folgenden Appell gegen Pogrome:

„DIE SCHWARZHUNDERTER UND DIE GRIGORJEW-BANDE IM BUNDE MIT DER WELTBOURGEOISIE VERSUCHEN, DIE KOMMUNISTISCHE REVOLUTION IM BLUT UNSCHULDIGER OPFER ZU ERTRÄNKEN, IM BLUTE ARMUTGEPLAGTER JUDEN. JUDENPOGROME SIND DER STROHHALM, AN DEN DIE ABSTERBENDE ALTE WELT SICH KLAMMERT, UM IHR KAPITAL ZU RETTEN.“ [8]

Fraglos hatte die Rote Armee objektive Probleme zu bewältigen, doch McGreevers verleumderische Darstellung, sie sei eine regelrechte Brutstätte für Rückständigkeit und Antisemitismus gewesen, verzerrt und verfälscht die geschichtliche Wahrheit vollkommen. Die Rote Armee war ein machtvolles Werkzeug zur Verteidigung und Ausdehnung der sozialistischen Revolution sowie der politischen und kulturellen Erziehung von Millionen von Arbeitern und Bauern.

Wie Trotzki im September 1918 betonte, hatte die Rote Armee nicht nur eine militärische, sondern zugleich „eine große kulturelle und moralische Mission“. Sie erbte, in den Worten des Historikers Mark von Hagen, „die Vision der Armee als authentische Kraft zur Verbreitung aufklärerischer Werte“. [9]

Die dringlichste Aufgabe im kulturellen Bereich war die Alphabetisierung: Die große Mehrheit der Bevölkerung, und folglich auch der Armee, war des Lesens und Schreibens unkundig. Im Januar 1919 startete der sowjetische Volkskommissar für Volksaufklärung, Anatoli Lunatscharski, eine große Alphabetisierungskampagne, die sich an jeden zwischen acht und fünfzig Jahren richtete, „damit Lesen und Schreiben auf Russisch oder in der eigenen Landessprache, je nach Wunsch, gelernt werden kann“. [10]

In der Roten Armee wurden Alphabetisierungskurse als Pflichtveranstaltungen für Soldaten eingeführt. Das erste Emblem der Roten Armee enthielt die Symbole Hammer, Sichel, Gewehr und ein Buch. Trotz erheblichen Papiermangels wurden allein in der zweiten Jahreshälfte 1919 mehr als sechs Millionen Druckerzeugnisse unter den Soldaten verteilt, darunter Broschüren, Poster, Bücher und Journale. Diese Hebung des Bewusstseins der Massen in politischer und kultureller Hinsicht war ein unverzichtbarer Bestandteil des Kampfs gegen den Antisemitismus.

McGeevers Gleichgültigkeit gegenüber diesen historischen Bemühungen um politische und kulturelle Bildung (die er nicht einmal erwähnt) wurzelt in seiner Annahme, dass rassische, ethnische und nationale Trennungen unüberwindbar seien und das Verhalten und Denken des Einzelnen bestimmten. Auf diese Weise leugnet er nicht nur den Klassenursprung des Antisemitismus, sondern auch die Möglichkeit, ihn durch eine revolutionäre Veränderung der sozialen Beziehungen und eine systematische Erziehung der Massen zu bekämpfen. Diese Positionen sind auch die treibende Kraft hinter seinen vehementen Angriffen auf die Bolschewiki und insbesondere Lenin.

Wird fortgesetzt.

[1] Moishe Postone: “Anti-Semitism and National Socialism. Notes on the German Reaction to ‘Holocaust’,” [Antisemitismus und Nationalsozialismus. Anmerkungen zur deutschen Reaktion auf den ‚Holocaust‘] in New German Critique, Nr. 19, 1980, S. 114 [aus dem Englischen]. Erwähnenswert ist, dass Postone in seinem Essay aus dem Jahr 2006, den McGeever zitiert, die Behauptung, dass Antisemitismus „antikapitalistisch“ und „antihegemonial“ sei, dazu nutzt, um die Gegner der US-Invasion des Irak 2003 für ihre „zum Fetisch erhobene ‚antiimperialistische Position‘“ und ihre angebliche Anpassung an den Antisemitismus der arabischen Bourgeoisie zu verurteilen. Moishe Postone: “History and Hopelessness. Mass Mobilization and Contemporary Forms of Anticapitalism” [Geschichte und Hoffnungslosigkeit. Massenmobilisierung und zeitgenössische Formen des Antikapitalismus] in Public Culture, Bd. 18, Nr. 1, 2006, S. 93–110 [aus dem Englischen].

[2] Ezra Mendelsohn: Class Struggle in the Pale. The Formative Years of the Jewish Workers’ Movement in Tsarist Russia [Klassenkampf im Rayon. Die Gründungsjahre der jüdischen Arbeiterbewegung im zaristischen Russland], Cambridge University Press 1970, S. 5.

[2a] Ebd., S. 1 [aus dem Englischen]

[3] Ulrich Herbeck: Das Feindbild vom „jüdischen Bolschewiken“: Zur Geschichte des russischen Antisemitismus vor und während der Russischen Revolution, Berlin 2009, S. 55. Herbecks Buch ist bis heute die umfassendste Studie zum russischen Antisemitismus. McGeever weiß von der Existenz dieses Buches, aber er zitiert nie daraus.

[4] Ebd., S. 59–62.

[5] Matthias Vetter: Antisemiten und Bolschewiki. Zum Verhältnis von Sowjetsystem und Judenfeindschaft 1917–1939, Berlin 1995, S. 34.

[6] Oleg Budnizki: Russian Jews Between the Reds and the Whites, 1917–1920, University of Pennsylvania Press 2012, S. 368 [aus dem Englischen].

[7] Vetter, S. 43–44.

[8] „Ein Appell gegen Pogrome“, Sommer 1919, in: Rex Wade (Hg.): Documents of Soviet History [Dokumente der sowjetischen Geschichte], Bd. 1, The Triumph of Bolshevism, 1917–1919 [Der Sieg des Bolschewismus, 1917-1919], Academic International Press 1991, S. 384 [Großbuchstaben im Original].

[9] Mark von Hagen: Soldiers in the Proletarian Dictatorship. The Red Army and the Soviet Socialist State, 1917–1930 [Soldaten in der Diktatur des Proletariats. Die Rote Armee und der sowjetische sozialistische Staat, 1917-1930], Cornell University Press 1990, S. 93.

[10] Dekret „Die Eliminierung des Analphabetentums“, in: Wade: Documents, S. 304